Kunst

Audiovisueller Strukturwandel

„This Ain`t Mouth Sounds“ von Deok Yeoung Gim im Koreanischen Kulturzentrum

Vertrautheit und Fremdheit sind zentrale Anliegen des Bildhauers Deok Yeoung Gim, die zwei Seiten eines Gegenstands, die allem innewohnende Kehrseite. Seit dem 14. April bespielt der Künstler die Galerie damdam des Koreanischen Kulturzentrums in Berlin, beschallt sie mit Onomatopoetika, sprachlichen Nachahmungen auditiver Eindrücke, und mit Uitae-eo, Lautmalereien von Erscheinungen, Gestalten, Formen oder Bewegungen von Menschen und Objekten.
Deok Yeoung Gim, der an der Fakultät für Bildhauerei der Kyung Hee University sein Bachelor- und Masterstudium absolvierte und von der koreanischen Zeitschrift „Wolgan Misul“ (,Monthly Art‘) zu einem der „100 neuen Gesichter, die eine führende Rolle in der zeitgenössischen koreanischen Kunst spielen werden“ gekürt wurde, begibt sich mit der Video- und Soundinstallation „This Ain`t Mouth Sounds“ auf neues künstlerisches Terrain. Der Bildhauer setzte sich bisher in seinem Œuvre mit der Viel- bzw. Mehrschichtigkeit von greifbarem Material auseinander, mit dessen Oberfläche und Innenleben, mit der Balance zwischen Gegensätzen, dabei meisterhaft mit dem Punkt der Instabilität spielend. Impuls für das aktuelle künstlerische Forschungsfeld, das materiellen und visuellen Phänomenen nun auditive zur Seite stellt, war der Besuch von verlassenen Fabriken. Die Geräusche, die das Laufen in den leeren Hallen erzeugt, zogen das Interesse des Künstlers auf sich.
Er ahmte die Geräusche des Gehens nach, die im Raum präsenten „Sounds“ von Bewegungen, die diversen Schallereignisse im Körper der Fabrikhalle, kurz: der Bildhauer entdeckte Onomatopoesie und Uitae-eo für sein künstlerisches Schaffen. Die asiatischen Sprachen sind wesentlich reicher an diesen Phänomenen als jene der romanischen oder germanischen Sprachfamilien. Dr. KWON Sehoon, Leiter der Kulturabteilung der Botschaft der Republik Korea, weist auf das Koreanische als die Sprache der ausgeprägtesten Onomatopoesie und Uitae-eo hin. Ein koreanischer Künstler erscheint daher geradezu als prädestiniert, dieses Sujet aufzugreifen und sich jenen audiovisuellen Ereignissen mit den Mitteln der Kunst zu nähern.

Der Künstler Deok Yeoung Gim (Mitte) im Gespräch bei der Vernissage im Koreanischen Kulturzentrum am 13. April 2017 (Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Die erste Arbeit der Ausstellung „This Ain`t Mouth Sounds“ bildet eine Schnittstelle, eine Art Übergang zwischen dem bisherigen Werk von Deok Yeoung Gim und dem aktuellen, das auf neue Medien baut, auf Videoprojektion und Sound – der geschilderte Ursprung der Idee ist hier ebenfalls nachvollziehbar. Bei jenem ersten Werk „on Display“ handelt es sich um ein Video, in dem Deok Yeoung Gim, der in den übrigen Arbeiten fast ausschließlich indirekt wirkt, zu sehen ist. Als „Well Behaved Artist“ tritt er auf und geht, vermummt in Schutzanzug samt Mundschutz, auf eine raumhohe, bereits von einem großen und einem kleineren Krater gezeichnete, sich organisch nach vorne wölbende Wand aus Stücken von weißen Sperrholzplatten los. Die Platten sind unregelmäßig nebeneinander angebracht, sodass sich der Effekt eines Aufplatzens durch eine von innen wirkende Kraft der Wand ergibt; die nach innen gestülpten Krater bestehen vollständig aus den dunklen, ungefärbten Seiten des Sperrholzes, wodurch eine bedrohliche Wirkung erzielt wird, fast als verfüge die lebendig erscheinende Wand über zwei hungrige Mäuler. Deok Yeoung Gim bewegt sich davor, dem Betrachter den Rücken zugewandt: statisch, stakkato- und roboterhaft führt er Bewegungen vor dem ihn überragenden Gebilde aus, der Vergleich des Protagonisten mit einem Charakter aus einem Videogame drängt sich auf. Das Angehen der Wand, das Malträtieren derselben, vollzieht der sich als „Well Behaved Artist“ Ausgebende während seiner Aktion auch lautmalerisch. Onomatopoesie und Uitae-eo treten damit zum ersten Mal und in Konfrontation mit einer Arbeit eines vergangenen Werkzyklus in Erscheinung. Als Inspiration diente dem Künstler hier das Schattenboxen, das auch für den Titel der Ausstellung selbst Pate stand. Ein Satz aus einem entsprechenden koreanischen Film war ausschlaggebend, wo von „not mouth sounds“ die Rede ist.

Der Weg zum Kernstück der Ausstellung

Der Weg zum Kernstück der Ausstellung – der Video- und Soundinstallation – führt an im Raum von der Decke hängenden, hochformatigen Plastikbahnen vorbei. Auf jene sind in knalligen Farben Schriftzeichen gedruckt, fehlerhafte, unvollständige, strukturell veränderte Wörter der Onomatopoesie und Uitae-eo, als „Cover up“ betitelt, die – wie Tätowierungen – Schatten auf die Wand im Hintergrund werfen. Vier Acrylarbeiten auf Leinwand ergänzen entlang der Wände die frei im Raum befestigten Bilder und das Aufbrechen und Verkehren von Strukturen, diese Art der Umformulierung, die der Künstler konsequent betreibt. In besagten Werken kommt damit deutlich ein typisches Thema der künstlerischen Auseinandersetzung von Deok Yeoung Gim zum Tragen: das Dazwischen, die Neuschöpfung, generell das Umformen von Strukturen. Die Technik solcher Umstrukturierungen bzw. der Umstrukturierung schlechthin ist für seine Arbeit von essentieller Bedeutung. Umwandlung, Prozess, Strecke, das Ereignis zwischen Anfang und Ende standen für den Künstler beispielsweise schon während seines Aufenthalts als Artist in Residence des Künstlerhauses Bethanien 2014/2015 im Zentrum. Die Umformungen, die möglicherweise ein fehlerhaftes, ein unverständliches, ein sich dem Betrachter entziehendes Wesen aufweisen, reizen Deok Yeoung Gim, immer wieder nähert er sich ihnen darum aus neuen Richtungen. Man könnte formulieren: Ein neuer Weg ist sein Ziel, auf eine ganz eigene Weise – schließlich gipfelt das Spielen mit Strukturen, die Umkehrung und Veränderung derselben bei Deok Yeoung Gim in der Umkehrung der Methode des Erklärens selbst. Bereits 2015 thematisierte er in der Ausstellung „Communicating Art“ im Künstlerhaus Bethanien Entstehungsprozesse von Kunst und Welt, die sich nicht mittels eines flüchtigen ersten Blicks erschließen – auch zumal das Publikum oft ‚fertige Bilder‘ erwartet und hier gefordert ist, sich auf das Prozesshafte einzulassen, durch aktives Schauen die Umkehrungs- , Verfremdungs- und Erneuerungsprozesse des Künstlers nachzuvollziehen.

Das Herzstück der Ausstellung

In der Ausstellung „This Ain`t Mouth Sounds“ trifft das Publikum nun sozusagen ‚unfertige‘ Worte, Geräusche und deren Um- und Verwandlungen. Großformatig werden als Herzstück der Ausstellung zwei Videos mit Onomatopoesie und Uitae-eo parallel projiziert. Sie zeigen Menschen bei der Verrichtung alltäglicher Tätigkeiten, auch Handlungen abseits des Alltags werden vor Augen geführt, etwa das Baumeln an einem Klettergerüst oder Objekte oder Naturphänomene wie eine glitzernde Wasseroberfläche. Insgesamt sind über 200 Arten von 600 Wörtern von Onomatopoetika bzw. Uitae-eo von Deok Yeoung Gim ausgewählt, inszeniert und filmisch umgesetzt worden. Der Besucher ist eingeladen, sich diesen audiovisuellen Eindrücken und, im weitesten Sinne, „Geräuschen“ auszusetzen. Die Darstellung der jeweils gleichen Onomatopoesie und Uitae-eo variiert dabei in beiden Videos. In der linken Bilderfolge hat Deok Yeoung Gim persönliche audiovisuelle Bilder, eigene audiovisuelle Assoziationen umgesetzt, die rechte Bilderfolge stützt sich auf die audiovisuellen Imaginationen einer Freundin des Künstlers, von ihm anschließend realisiert. Wieder scheint ein langjähriger roter Faden im Werk des Künstlers durch: das Betrachten der zwei Seiten eines Gegenstandes, hier nun in Form einer weiblichen und einer männlichen Perspektive präsent, die schließlich, im abstrahierten Sinne, gemeinsam die oder zumindest eine vollständige menschliche Perspektive aufzeigen. Die zweifache audiovisuelle Umsetzung der jeweils gleichen Onomatopoetika bzw. Uitae-eo sind zwar oftmals völlig unterschiedlich, doch finden sich auch Überschneidungen etwa beim Bild des Blinkens der glitzernden Wasseroberfläche. Die Video- und Soundinstallation erweiternd, hat der Künstler Onomatopoesie und Uitae-eo zusätzlich in Notenform festhalten lassen – eine weitere Umwandlung einer üblichen Struktur in etwas Neues, Fremdes, anders Erlebbares. Die besagte Komposition, quasi eine ganz und gar ungewöhnliche Bildkomposition, ist auf Notenblättern in DIN-A4 über die Längsseite einer der Galeriewände hinweg angebracht – und, in Fortsetzung des geschilderten künstlerischen Prinzips – für zwei Stimmen geschrieben: eine weibliche und eine männliche. Die eigenen audiovisuellen Strukturen zu hinterfragen, zu verändern, einen neuen Schachzug auszuprobieren, wie Deok Yeoung Gim es mit seinen Arbeiten zu tun pflegt, und sich selbst in Bezug auf Formfragen, Formprozesse und deren Wahrnehmung herauszufordern, ludt die Ausstellung „This Ain`t Mouth Sounds“ bis zum 3. Juni 2017 ein.

Bild von Victoria Hohmann-Vierheller

Foto: Victoria Hohmann-Vierheller

Victoria Hohmann-Vierheller

Victoria Hohmann-Vierheller (M.A.) studierte Kunstgeschichte, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik und Altertumswissenschaften an der Freien Universität Berlin. Sie war Deutschlandstipendiatin der Kunstgeschichte und als Hilfswissenschaftlerin an der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ engagiert. Ihre Masterarbeit verfasste sie über die Berliner Künstlerin Annot, eine Großnichte Adolph von Menzels. Sie ist als Autorin für Künstler, Kunstinstitutionen und Kunstlexika tätig, bildende Künstlerin sowie seit 2017 Inhaberin des VHV-Verlags.

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