Literatur

Auferstanden aus Ruinen – Die Wandlungen des Dichters Ko Un

Der Dichter Ko Un (Foto: Rainer Rippe)

In Lhasa, Tibet, traf Ko Un auf der Straße einst einen alten Bettler, der ihn mit den Worten „Du bist der Höchste!“ um eine milde Gabe bat. In seiner Jugend war er selbst auf die Almosen anderer angewiesen. 1952, im Alter von nicht einmal 20 Jahren, entkam er seinem unfreiwilligen und traumatischen Soldatendasein während des Koreakriegs, indem er buddhistischer Mönch wurde. „Ich war auf der Straße, sah einen Mönch vorbeikommen und folgte ihm einfach, wie ein Stück Metall, das von einem Magnet angezogen wurde. Es ging mir nicht darum, die Wahrheit zu finden, oder um die Religion. Ich folgte ihm einfach, ohne etwas zu sagen, und schließlich reisten wir zusammen. Dann begegnete ich einem bedeutenden Mönch, dem ehrenwerten Hyo Bong. Er war sehr streng und furchteinflößend, aber gleichzeitig auch ein sehr sanftmütiger Mensch. Also blieb ich bei den Mönchen und dort heilte der Schmerz, den meine Kriegserlebnisse in mir ausgelöst hatten.“

In den folgenden zehn Jahren zog Ko Un als Bettelmönch durch das ganze Land und wurde im Zen-Buddhismus (koreanisch: Seon 선) unterwiesen. Dabei stand nicht das Studium von Schriften im Vordergrund, sondern die Meditation – Sprache spielte somit kaum eine Rolle. Doch eine schicksalhafte Begebenheit aus dem letzten Vorkriegsjahr ließ ihn nicht los: 1949 hatte er ein Buch mit Gedichten von Han Ha-Un am Wegesrand gefunden, es in einer Nacht verschlungen und beschlossen, selbst Dichter zu werden. Nachdem Freunde sich um die Veröffentlichung seiner ersten Gedichte gekümmert hatten, legte er 1962 die Mönchsrobe ab und widmete sich ganz dem Schreiben.

Mit In Lhasa, Tibet eröffnete der längst zum bedeutendsten Lyriker Koreas aufgestiegene Ko Un Ende Januar dieses Jahres seine vom Seoul Book and Culture Club organisierte Lesung. In dem Gedicht kommt der mittlerweile 81-Jährige zu der Erkenntnis, dass er letztlich doch ewig ein Bettler bleibt: jemand, dessen Unglück darin besteht, seit 50 Jahren um das richtige Wort zu bitten.

Vollkommen unglücklich scheint er aber nicht zu sein, denn das zweite Gedicht, das Ko Un an diesem Tag vortrug, hieß A Certain Joy.

Eine gewisse Freude

Was ich gerade denke
ist, was ein anderer
bereits gedacht hat
irgendwo auf der Welt.
Nicht weinen.


Was ich gerade denke
ist, was ein anderer
gerade denkt
irgendwo auf der Welt.
Nicht weinen.


Was ich gerade denke
ist, was ein anderer
denken wird
irgendwo auf der Welt.
Nicht weinen.


Wie erfreulich ist es,
dass ich aus so vielen Ichs bestehe
auf der Welt
irgendwo auf der Welt.
Wie erfreulich ist es,
dass ich aus so vielen anderen bestehe.
Nicht weinen.
 

(Basierend auf der englischen Übersetzung von Brother Anthony. Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche von Rainer Rippe, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Ko Un und Brother Anthony)

 

Die anderen, um die sich Ko Uns Gedanken drehen, sind nicht nur die Lebenden, sondern auch die Toten. „In meiner Poesie geht es im Wesentlichen um Trost. Ich habe so viel Tod und Leid erlebt... Freud hat gesagt, man muss die Toten vergessen und sein Leben leben, aber Derrida hat gesagt, wir müssen der Toten gedenken bis ans Ende unserer Tage. Wenn ich jemandem begegne, kann ich die Toten hinter dieser Person gehen sehen... Den Dichtern ist – wie ich es nenne – gesegnetes Unglück gegeben: Ich sehe die Helligkeit auf der Vorderseite des Mondes, aber auch die Dunkelheit dahinter. Nur durch Trost können wir eine Zukunft aufbauen. Wenn wir nicht mit den Toten leiden, wie können wir dann Mitleid mit den Lebenden haben? Der Tod ist allgegenwärtig und der Samen für neues Leben.“

Ko Un (Foto: Rainer Rippe)

Als Drittes trug Ko Un First Person Sorrowful vor, ein Gedicht, das sich mit dem Verlust der Individualität infolge der Kollektivierung zu Sowjetzeiten beschäftigt, in der die Dichter nur noch vom „wir“ sprachen, da „ich“ als verwerflich galt. Wie sehr die Politik die Sprache beeinflusst, zeigt sich auch in Korea. Durch die langen Jahre der Teilung hat sich die Sprache in den beiden Landesteilen unterschiedlich entwickelt: Während in Südkorea viele Fremdwörter aus westlichen Sprachen übernommen wurden, vor allem aus dem Englischen, hat Nordkorea zahlreiche chinesische Lehnwörter durch koreanische Neologismen ersetzt. Ko Un ist seit längerem Vorsitzender eines gesamtkoreanischen Komitees, das dabei ist, ein gemeinsames Wörterbuch zu erstellen.

In seiner Schulzeit während der Besatzung musste er einen japanischen Namen annehmen und konnte Koreanisch nur zu Hause sprechen und heimlich lesen lernen: „Tagsüber war ich ein Japaner und sprach Japanisch. Meine Muttersprache war die Sprache der Nacht... Wenn ein Land zerfällt, ist die Sprache alles, was erhalten bleibt. Wenn auch sie verloren geht, bleibt nichts übrig.“ Diese Erfahrung brachte ihn zu der Erkenntnis, dass es nichts Zerbrechlicheres als eine Sprache gibt und zu der Befürchtung, dass immer mehr Sprachen verschwinden werden. Daher sein Appell: „Wir müssen unsere Sprache wertschätzen und schützen!“

Ko Un (Foto: Rainer Rippe)

Nach dem Krieg lag das Land in Trümmern, und die Ruinen waren der Ausgangspunkt für Ko Uns Poesie und ein Leben, dessen Wechselhaftigkeit ihn lehrte, dass es nur eine Wahrheit gibt: „Jede Wahrheit ändert sich mit der Zeit.“ Nach einer nihilistischen Phase wandelte er sich Anfang der 1970er Jahre – ausgelöst durch die Selbstverbrennung des Arbeiters Jeon Tae-il – zu einem Regimekritiker, der sich in der Demokratisierungsbewegung engagierte. Infolgedessen wurde er mehrfach verhaftet und gefoltert. Zuletzt musste er 1989 ins Gefängnis, weil ihm Verschwörung gegen die Regierung vorgeworfen wurde.

Er kam in ein fensterloses Verlies in einem Militärgefängnis und verbrachte die Zeit in kompletter Dunkelheit, sobald das Licht gelöscht wurde. „Der Raum war winzig. Ich fühlte mich wie ein Toter in einem Sarg. An einem Ort wie diesem wird einem die Gegenwart genommen. Meine Vergangenheit nahm den Platz meiner gestohlenen Gegenwart ein. In dieser „Gegenwart“ besuchten mich Menschen aus meiner Vergangenheit, z. B. meine Großmutter und meine Freunde. Ich begriff, dass Erinnerungen kein Luxus sind. Die Vergangenheit ließ mich durchhalten. Wir waren zu Fünft und wir wussten, dass wir sterben würden. Wir dachten darüber nach, wie wir sterben würden und versuchten, uns darauf vorzubereiten. Würde ich dem Tod ins Gesicht lachen oder ihm ein Gedicht entgegenschleudern?“

Doch sie bekamen Hilfe aus den USA und aus Deutschland: „George Bush spielte eine wichtige Rolle dabei, unsere Leben zu retten, und auch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat viel unternommen, um uns zu helfen; ebenso christliche Würdenträger aus aller Welt. Es gab zudem eine Kampagne in Korea. So überlebte ich und kam frei.“

Seine Haftstrafen betrachtet Ko Un heute eher als Auszeichnungen: „Jedes Mal, wenn man ins Gefängnis geht, bekommt man einen Stern auf die Schulter. Ich habe vier Sterne und falls ich wieder ins Gefängnis muss, habe ich fünf Sterne und die Leute werden mir salutieren, wenn ich den Gefängnisflur entlang gehe.“

Nach seiner Freilassung erhielt Ko Un erstmals einen regulären Pass, bereiste viele Länder in aller Welt – darunter mehrmals auch Deutschland –, lehrte an Universitäten und wurde mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnet.

Bei der Veranstaltung des Seoul Book and Culture Clubs stand er ungeachtet seines hohen Alters, während er las und redselig Fragen aus dem Publikum beantwortete – so, als habe er während seiner Zeit als Mönch und als Gefangener genug gesessen und geschwiegen. Seine Gedichte trug er temperamentvoll und gestenreich vor, wirkte geistig hellwach und nahm das Publikum mit humorvollen Antworten vollständig für sich ein. Man darf davon ausgehen, dass er noch lange um das richtige Wort bitten und es finden wird.


Website von Ko Un: http://www.koun.co.kr

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