Reise

Bergwanderung auf dem Sobaeksan

Mit «Climbing in Korea» Land und Leute kennenlernen
 

Alex und Herbert (rechts) (Foto: Rainer Rippe)

Ein Koreaner, der sich Herbert nennt, steht in azurblauem T-Shirt in einem Reisebus und singt inbrünstig eine italienische Arie. Es ist früher Samstagmorgen, und alle Mitfahrer sind noch etwas verschlafen, aber wir klatschen gut gelaunt, als er sein Lied beendet hat.

Der Bus ist unterwegs zum Sobaeksan, einem 1439 Meter hohen Berg in der Provinz Chungbuk im Zentrum Südkoreas. Der Sobaeksan ist Teil der Gebirgskette Baekdu-Daegan, die sich von der chinesischen Grenze im Norden bis zum südlichen Ende der Halbinsel wie ein Rückgrat durch das ganze Land zieht. Da dieser Abschnitt des Gebirges nicht allzu steil ist, beabsichtigt unsere Gruppe heute, gut 14 Kilometer in etwa sechs Stunden zurückzulegen. Sie besteht aus 52 wanderlustigen Ausländern und Koreanern und wird angeführt von dem Seouler Verleger Kim Seong Won. Dem drahtigen, fröhlichen Mann im orangen T-Shirt mit leuchtend gelbem Kopftuch sieht man nicht an, dass er schon über 50 Jahre alt ist.

„Vor zehn Jahren haben ein paar ausländische Freunde und ich mit dem Bergwandern begonnen“, erzählt Herr Kim. „Es hat mir Spaß gemacht, die Schönheit der koreanischen Natur und Kultur mit ausländischen Freunden zu erleben, und dabei etwas über ihre Kultur zu lernen. Ich wollte diese Erfahrung mit anderen Leuten teilen, daher habe ich «Climbing in Korea» (CIK) gegründet, damit jeder mitmachen kann. Inzwischen hat CIK über 3.000 Mitglieder, und ich habe viele neue Freunde gewonnen.“

Zahlreiche Teilnehmer kommen immer wieder mit. Mehr als 300 Reisen hat Kim Seong Won im Laufe der Jahre organisiert und erklärt: „Ich bringe gerne Menschen durch CIK zusammen und beobachte, wie sie Vertrauen in ihre Geschicklichkeit beim Wandern und Klettern gewinnen, und Freundschaften schließen. Es gibt auch mehrere Paare, die sich bei CIK kennengelernt haben, und einige davon sind mittlerweile sogar verheiratet.“

Gegen 10.00 Uhr erreicht unser Bus den Berg. Schon jetzt ist es heiß an diesem sonnigen Junitag. Am Mittag sollen es 30 Grad werden! Wir reichen Sonnencreme herum und setzen Sonnenbrillen oder Mützen auf, dann schultern wir unsere Rucksäcke und ziehen los. Die beinahe senkrecht stehende Sonne gönnt uns zunächst kaum Schatten, doch nach einem kurzen, schweißtreibenden Anstieg führt der Pfad vorerst durch ein waldreiches Gebiet.

Sojeong (ganz links) und Mitwanderer (Foto: Rainer Rippe)

Eine zierliche Koreanerin, die neben mir geht, fragt mich, woher ich komme. Sie heißt Sojeong, ist 21 Jahre alt und arbeitet für eine Hilfsorganisation, die Blinden in Entwicklungsländern Augenoperationen ermöglicht. Ihre Schwester war bereits mit CIK unterwegs und hat sie heute das erste Mal mitgenommen. In ihrer Freizeit lernt Sojeong Französisch. Wir unterhalten uns über die Tücken der deutschen und der koreanischen Sprache, als wir auf einer Lichtung an einen Stand gelangen, an dem für irgendetwas geworben wird. Man setzt uns beiden riesige Fuchsköpfe auf und macht Fotos. Ein lustiges Souvenir!

Als wir weitergehen, umflattern uns wieder und wieder weiße Schmetterlinge. Ich versuche, Sojeong das deutsche Wort beizubringen. Nach zwei oder drei Versuchen sagt sie mit bemerkenswert guter Aussprache: „Schmetterling“.

Mittags machen wir Rast und holen unsere mitgebrachte Verpflegung heraus. Allerlei Snacks, Obst und Getränke werden geteilt. Ich reiche Nüsse herum und bekomme Gebäck mit leckerer Füllung von meiner Nachbarin. Die Neuen werden gebeten, etwas zu singen. Ein Amerikaner gibt „Mack the Knife“ zum Besten und schnippt mit den Fingern dazu. Sojeong singt etwas schüchtern „My favorite things“. Beide bekommen freundlichen Applaus.

Der Weg zum Gipfel führt über hölzerne Treppen durch die pralle Sonne. Es herrscht ein ziemliches Gedrängel, denn außer uns sind unzählige andere Wanderer unterwegs, oft in farbenfroher Bekleidung und mit Trekkingstöcken. Der Anblick von rosafarbenen wilden Azaleen entlang des Weges versüßt die Strapazen. Während kleiner Verschnaufpausen lasse ich meinen Blick in die Ferne schweifen über die grün-bewaldeten Berge rings um uns her. Alex geht als letzter und sorgt dafür, dass keiner verloren geht. Er muntert uns auf, dass es nicht mehr weit sei.

Endlich ist es geschafft! Wir erreichen den Birobong-Gipfel, auf dem sich ein mannshoher Steinhaufen befindet. Wir nutzen die Zeit zum Rasten, um Fotos von der schönen Landschaft zu machen. Wer noch Wasser hat, teilt es mit denen, die keins mehr haben. Ich bekomme ein Stück Wassermelone, die deutlich fruchtiger und erfrischender schmeckt als sonst.

Für den Abstieg wählen wir einen anderen Weg, auf dem nur wenig los ist. Er ist sehr steinig, und so langsam spüre ich die Anstrengung in meinen Beinmuskeln. Es kommt mir vor, als nähme der Weg kein Ende. Immer wieder ergibt sich ein kleines Schwätzchen mit verschiedenen Mitgliedern unserer Gruppe, was die Mühe erträglicher macht.

Irgendwann kommen wir an einen kleinen Bergbach, in den andere Wanderer ihre Füße halten. Es kann nicht mehr weit zum Ziel sein, aber ich bin nicht unter den letzten, und meine Beine sind müde; daher nehme ich mir die Zeit für einen Halt. Ich ziehe Schuhe und Socken aus, und tauche meine Füße ins Wasser. Es ist eiskalt und fühlt sich an wie tausend Nadelstiche. Rasch ziehe ich die Füße heraus, warte und tauche sie dann wieder ein. Das wiederhole ich ein paar Mal. Allmählich läßt das Stechen nach und weicht einem Gefühl erholsamer Kühle. Herrlich!

Den letzten Teil des Weges lege ich belebt zurück. Plötzlich tauchen Gärten und Häuser auf. Die Bewohner haben geschäftstüchtig Stände aufgebaut und bieten selbstgepflückte Chinesische Beerentrauben zum Verkauf an. In Korea nennt man die Früchte Omija, denn sie verfügen gleich über fünf Geschmacksrichtungen (오미자: O = fünf, Mi = Geschmack, Ja = Frucht): süß, sauer, scharf, bitter und salzig. Ich bekomme einen kleinen Pappbecher mit einem Schluck eisgekühltem Omija-Trunk, der wunderbar schmeckt. Herr Kim hilft mir dabei zu fragen, ob ich nicht statt der Früchte mehr von dem fertig zubereiteten Getränk kaufen kann. Die Verkäuferin will mir sogar etwas schenken, aber ich bestehe darauf zu bezahlen, nachdem sie meine Trinkflasche mit dem köstlichen Getränk gefüllt hat.

Jeanine (Zweite von links) (Foto: Rainer Rippe)

Die schnelleren von uns warten schon im Bus. Unter ihnen ist Jeanine aus der Schweiz, die heute zum ersten Mal dabei war. Als Studentin hat sie während eines Auslandssemesters in China Koreaner kennengelernt, die sie neugierig auf deren Heimat gemacht haben. Nach Abschluss ihres Studiums beschloss sie daher, sich Korea genauer anzusehen. Seit zwei Monaten jobbt die Tourismusfachfrau nun in einem Hostel in Seoul.

Jeanine fand es ziemlich anstrengend, bei dieser Hitze wandern zu gehen, aber es hat ihr trotzdem sehr gut gefallen: „Es war eine sehr große Gruppe, aber dadurch, dass jeder sein eigenes Tempo hat, haben sich viele kleinere Gruppen gebildet. Normalerweise gehe ich eigentlich immer alleine wandern, und von daher war es schön, 'mal Gesellschaft zu haben und mit verschiedenen Leuten zu sprechen. Besonders toll fand ich, dass die Hälfte der Gruppenmitglieder Koreaner waren. Da hat man auch die Möglichkeit, etwas mehr über das Land zu erfahren, weil praktisch alle Koreaner, die dabei sind, sehr gut Englisch sprechen. Und jeder hier ist sehr offen, daher hat es sehr viel Spaß gemacht.

Ich habe mich mit einem Koreaner über den Unterschied zwischen westlichen und koreanischen Hochzeiten unterhalten, also beispielsweise, dass man in Korea auch die Freunde der Eltern einlädt. Es kann vorkommen, dass das Brautpaar bei einer Hochzeit in Korea einige Leute gar nicht kennt. Ich fänd’s ziemlich interessant, 'mal auf eine koreanische Hochzeit zu gehen.“

Herr Kim erlebt immer wieder, dass neue Gruppenmitglieder unterschätzen, wie anspruchsvoll Bergwanderungen in Korea sein können, aber wenn sie sie bewältigen, kehren sie heim in der Stimmung, etwas vollbracht zu haben.

Das bestätigt auch Sojeong: „Es war keine leichte Strecke, aber ich habe es geschafft. Ich habe das Gefühl, etwas erreicht zu haben, fand die Landschaft schön und habe viele neue Leute kennengelernt und interessante Gespräche geführt.“

Wandern mit "Climbing in Korea" (Foto: 원해호)

Weitere Infos

Die Busfahrt von Seoul zum Sobaeksan und zurück hat 28.000 Won (= ca. 20 Euro) gekostet und dauerte etwa 2 ½ Stunden pro Strecke. Die wilden Azaleen dort blühen zwischen Ende Mai und Anfang Juni. Bergwanderungen mit «Climbing in Korea» finden das ganze Jahr über regelmäßig statt. Man kann sie buchen unter www.facebook.com/ClimbingInKorea und www.meetup.com/climbinginkorea. Die Mitgliedschaft bei Meetup.com und bei CIK ist kostenlos.

Bild von Rainer Rippe

Foto: privat

Rainer Rippe

ist Politikwissenschaftler und hat sieben Jahre in Korea verbracht. Von 2008
bis 2011 hat er an der Hankuk University of Foreign Studies unterrichtet. Von 2012 bis 2016
war er für die Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit in Seoul tätig. Derzeit arbeitet er als
parlamentarischer Referent für Manfred Todtenhausen, MdB im Deutschen Bundestag.

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