Reise

Byeonsanbando

Koreas einziger Nationalpark, der Berge und Meer bietet
 

Byeonsanbando-Nationalpark (Foto: Rainer Rippe)

Der Saemangeum Seawall trennt seit 2010 eine Fläche so groß wie Köln vom Gelben Meer ab. Die Trockenlegung eines Teils des bis dahin zweitgrößten Wattenmeers der Welt soll Platz für eine neue Stadt namens Ariul schaffen, die einmal das koreanische Dubai werden könnte. Am südlichen Ende dieses fast 34 Kilometer langen Deichs liegt auf einer Halbinsel der Byeonsanbando-Nationalpark. Die bis zu 500 Meter hohen Berge in seinem Zentrum laden ebenso zu Wanderungen ein wie seine Küste.

Vor ein paar Jahren hatte ich schon einmal ein Wochenende dort verbracht, um im südlichen Teil des Gebirges den Naesosa-Tempel zu besuchen. Sein Hauptgebäude wurde 1633 nur aus Holz errichtet – ohne einen einzigen Nagel – und ist einer der Nationalschätze Südkoreas. Der Tempel zählt zwar zu den kleineren des Landes, aber während meines Besuchs blühten gerade Kirschbäume und Magnolien, und die ersten Lotuslaternen hingen schon, um das Tempelgelände für Buddhas Geburtstag zu schmücken. Es war herrliches Frühlingswetter; Jung und Alt waren auf den Beinen, um die wunderbare Atmosphäre zu genießen.

Tempel Naesosa (Foto: Rainer Rippe)

Damals war ich in der Pension BS Windflower an der Südküste der Halbinsel untergekommen. Mein gemütliches Zimmer bot nicht nur holzverkleidete Wände, sondern sogar eine Badewanne aus Holz und einen Blick direkt aufs Meer. Schon lange wollte ich gerne noch einmal den Byeonsanbando-Nationalpark besuchen, um seine Strände kennenzulernen. Daher sagte ich sofort zu, als die Freizeitgruppe «Climbing in Korea» (CIK) Mitte September eine Wanderung entlang dieser Küste anbot.

Die Teilnehmer/innen an der Wanderung im Byeonsando-Nationalpark (Foto: 원해호)

Der koreanische Herbst ist deutlich wärmer als der deutsche, und als wir am späten Vormittag etwas südlich des Saemangeum Seawalls den Bus verließen, bedauerte ich bereits, dass ich eine lange Hose angezogen hatte. Doch vorerst war zum Umziehen keine Zeit, denn der Leiter, Herr Kim, drängte die fast 50 Wanderer zum Aufbruch.

Der 66 Kilometer lange, Byeonsan Masilgil genannte Küstenweg ist in acht Abschnitte gegliedert, von denen wir an diesem Tag die ersten drei bewältigen wollten. Für die insgesamt 18 Kilometer hatten wir viereinhalb Stunden eingeplant, Pausen nicht mitgerechnet.

Panorama im Byeonsando-Nationalpark (Foto: Rainer Rippe)

Zunächst gingen wir durch weites Watt, dann wurde der Untergrund etwas felsig. Jen, eine Kanadierin, die schon im Bus neben mir gesessen hatte, bückte sich immer wieder, um Meerglas aufzuheben – kleine, vom Wasser rund geschliffene Glasstücke. Nach etwa einer Stunde legten wir am beinahe menschenleeren Byeonsan-Badestrand eine Mittagspause ein, die ich nutzte, um eine kurze Hose anzuziehen. Von einem nahegelegenen Kiosk holten wir uns Eis und kühle Getränke, setzten uns in den Schatten der Kiefern, die den makellos weißen Strand säumten, und packten unsere Lunchpakete aus.

Ein Auto hat sich im Sand festgefahren (Foto: Rainer Rippe).

Einen Steinwurf von uns entfernt hatte sich ein Auto im Sand festgefahren. Einige Gruppenmitglieder halfen beim Anschieben. Zwar gelang es ihnen, den Wagen kurz zu befreien, doch fuhr er sich gleich wieder fest. Als unsere Gruppe weiterging, gehörte ich zu den Nachzüglern. Die Frau des Fahrers hatte rasch ein paar große Flaschen Energy-Drinks gekauft und drückte sie uns für die Helfer in die Hand, die schon vorausgegangen waren. Wir bedankten uns und steckten die Flaschen in unsere Rucksäcke. Ihr Mann rief derweil offenbar telefonisch eine Abschlepphilfe.

Hinter der nächsten Biegung hatten sich einige Dutzend Möwen im flachen Wasser niedergelassen. Kurz darauf wurde es zu felsig, um am Ufer weiterzugehen, und wir mussten eine Steigung erklimmen. Glücklicherweise hatte jemand ein Seil mitgenommen, an dem wir uns hochziehen konnten. Oben angekommen, erwartete uns ein Waldweg, der schon bald zu einer Straße wurde und durch eine Siedlung führte.

Unzählige Möwen bevölkern das Ufer (Foto: Rainer Rippe).

Von dort aus gelangten wir zum Gosapo-Badestrand. Nur ein paar Fischer in einem Motorboot waren auf dem Meer zu sehen und einige Camper am Rande des Strands, die vor ihren Zelten saßen. Wie gerne wäre ich dort schwimmen gegangen, denn das Wandern in der Mittagssonne hatte mich ins Schwitzen gebracht, aber dafür sollte erst am Ziel Zeit sein. So zog ich stattdessen mit einigen anderen zusammen die Schuhe aus und ging von da an barfuss durchs Wasser, das sanft rauschend und angenehm warm unsere Füße umspülte.

Am Horizont waren mehrere kleine Inseln zu sehen und vor uns ein dicht bewaldeter Fels, der bis ans Meer ragte. Der spektakulärste Anblick: Unzählige Möwen, so weit das Auge reichte, bevölkerten das Ufer. Wenn einige von uns näher kamen, erhob sich eine Schar und flog kreischend von dannen.

Aufgebocktes Motorboot (Foto: Rainer Rippe)

Um den Fels zu umrunden, mussten wir dem Strand den Rücken zukehren. Wir gingen an ausgebreiteten Netzen und aufgebockten Motorbooten vorbei, bis wir wieder zu einem Waldweg kamen, der bergauf führte. Die Aussicht auf den Strand, das Meer und die Inseln in der Ferne war atemberaubend. Trotz der Schönheit der Natur wurden einigen von uns langsam die Beine schwer. Als wir wieder zu einer Straße gelangten, versuchte die neben mir laufende Christina, ein Auto zu stoppen, aber es fuhr vorbei. Vijay, einer der Organisatoren, konnte sie motivieren, weiterzugehen. Der Weg führte etwa eine Viertelstunde durch den Wald, bevor er erneut auf die Straße traf.

Dieses Mal hatte Christina Glück: Zwei Koreaner hatten mit ihrem Auto am Straßenrand angehalten, um Fotos von der Landschaft zu machen. Sie fragte die beiden, ob sie uns nach Gyeokpo mitnehmen könnten, wo der Bus auf uns warten sollte. Ehe ich mich versah, saß ich mit Christina auf dem Rücksitz, und wir fuhren mit den beiden Männern die grandiose Küste entlang. Wenig später wurden wir am Busbahnhof ausgesetzt. Dort zeigte uns jemand den Weg zum Meer, der an zahlreichen Fischrestaurants vorbeiführte. Am Strand trafen wir unsere Gruppe wieder. Einige Wanderer kamen gerade zurück aus dem Wasser und ich nutzte die durch die Autofahrt gewonnene Zeit, um auch noch rasch eine Runde zu schwimmen.

Strand (Foto: Rainer Rippe)

Eigentlich hätten wir gleich danach zurückfahren wollen, doch einige von uns hatten sich noch in einem der Restaurants eine Pfanne mit Meeresfrüchten bestellt, die größer war als gedacht. Das Verspeisen der Riesenportion würde länger dauern, das war klar. So kam es, dass auch ich noch gemütlich auf einer Terrasse saß, eine leckere Haemul Kalguksu (Nudelsuppe mit Meeresfrüchten) aß und der Sonne dabei zusah, wie sie langsam dem Horizont entgegensank.

Kurz überlegte ich, den Bus ohne mich fahren zu lassen, mich in der BS Windflower einzuquartieren und die Nacht in Byeonsanbando zu verbringen. Ich fuhr dann doch mit den anderen heim.

Aber ich werde wiederkommen und dann werde ich mehr Zeit mitbringen, in Ruhe Vögel beobachten, am Strand liegen und schwimmen – und wieder meine Wanderschuhe einpacken für einen Abstecher in die Berge.

Foto: Rainer Rippe

Weitere Informationen

Der Byeonsanbando-Nationalpark (변산반도국림공원) liegt in der Provinz Nord-Jeolla (전라북도). Nehmen Sie am Seoul Central City Bus Terminal (U-Bhf. Express Bus Terminal; Linie 3, 7, 9) einen Bus zum Buan Intercity Bus Terminal (Fahrtzeit: ca. 3 Stunden). Von dort nehmen Sie den Expressbus nach Byeonsan (Ausgangspunkt unserer Wanderung; Fahrtzeit: 30 Minuten) oder Gyeokpo (Endstation der Wanderung). Die Busse verkehren von 7.15 bis 20.40 Uhr und fahren alle 10 Minuten.

Wanderungen mit «Climbing in Korea» (CIK) finden das ganze Jahr über regelmäßig statt. Man kann sie buchen unter https://www.facebook.com/ClimbingInKorea und unter http://www.meetup.com/climbinginkorea/. Die Mitgliedschaft bei Meetup.com ist kostenlos. Die Busfahrt mit CIK hat 28.000 Won gekostet (ca. 21,45 Euro).

Die Pension BS Windflower (Foto: Rainer Rippe)

Die Pension BS Windflower (변산바람꽃) findet man hier: http://bswindflower.co.kr/, Karte: https://goo.gl/xlvsZ2, Anschrift: 전라북도 부안군 진사면 운호리 343, Tel. +82-10-9584-1559.

Zimmer in der Pension BS Windflower (Foto: Rainer Rippe)

Der Naesosa-Tempel bietet auch ein Tempelstay-Programm an. Mehr dazu unter: http://naesosa.org/, Karte: https://goo.gl/u7G12C, Anschrift: 전라북도 부안군 진사면 내소사로 243, Tel. +82-63-583-7281 bzw. -3035.

Eine weiteres Porträt einer Reise von Rainer Rippe mit «Climbing in Korea» finden Sie in unserem Magazin unter folgendem Link:

http://www.kulturkorea.org/de/magazin-kultur-korea/aktuelle-beitraege/bergwanderung-auf-dem-sobaeksan-57.html

Foto von Rainer Rippe

Foto: privat

Rainer Rippe

ist Politikwissenschaftler und hat sieben Jahre in Korea verbracht. Von 2008 bis 2011 hat er an der Hankuk University of Foreign Studies unterrichtet. Von 2012 bis 2016 war er für die Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit in Seoul tätig. Seit 2017 lebt er wieder in Berlin.

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