Kaleidoskop

Der Luthereffekt: 500 Jahre Protestantismus in der Welt

Vor genau 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Mit diesem Thesenanschlag begann die Reformation, durch die nicht nur die Kirche, sondern auch Staat und Gesellschaft einem rasanten Wandel unterworfen wurden. Die Reformationsbewegung, die von Martin Luther ausging, begann in Europa, aber sie erreichte alle Kontinente. Heute, 500 Jahre später, sind die Auswirkungen der Reformation in sehr unterschiedlichen Formen und Inhalten auf der ganzen Welt sichtbar. Mehr als 400 Millionen Menschen weltweit bekennen sich zum protestantischen Christentum.

Die Ausstellung „Der Luthereffekt", die das Deutsche Historische Museum vom 12. April bis zum 5. November durchführt, zeigt die Wirkung der Reformation über fünf Jahrhunderte und auf vier Kontinenten: in Europa und insbesondere in Deutschland (1450-1600), in Schweden (1500-1750), in Nordamerika (1600-1900), in Südkorea (1850-2000) und im Tansania von heute. Die umfangreiche Reise durch vier Kontinente führt zu der Frage, welche Spuren der Protestantismus in anderen Konfessionen und Religionen hinterließ. Wie veränderte er sich selbst durch diese Begegnungen? Und nicht zuletzt: Wie haben sich Menschen die evangelische Lehre angeeignet, sie geformt und gelebt?

Der Protestantismus in Korea, genauer in Südkorea, war also Teil der Ausstellung. „Warum Korea?“ wurde oft gefragt. Ist der Protestantismus überhaupt in diesem fernöstlichen Land bekannt? Nach einer Umfrage von Gallup Korea aus dem Jahr 2015 bekennen sich 21 % der koreanischen Bevölkerung zum Protestantismus (Katholiken 7 %). Angesichts der relativ kurzen Geschichte des Protestantismus in Korea, die nur knapp 130 Jahre zurückreicht, ist diese Zahl bemerkenswert. Dem Buddhismus, der in Korea immerhin auf eine Geschichte von 1.600 Jahren zurückblickt und als Volksreligion galt, gehören nur noch 22 % der Bevölkerung an. Und das Wachstumswunder der protestantischen Kirchen in Südkorea ist längst Thema der Sozialwissenschaften. Die Berliner Ausstellung eröffnet ihre Korea-Sektion mit einer Fotografie von Seoul, dessen Skyline darauf von unzähligen roten Kreuzen gezeichnet wird. Und was noch erstaunlicher ist: 84 % der koreanischen Protestanten besuchen regelmäßig den Gottesdienst (in Deutschland 16 %). Die größte Kirchengemeinde der Welt, die Yoido Full Gospel Church, feiert jeden Sonntag sieben Gottesdienste, die von 18.000 Gläubigen besucht werden. Fünf der größten protestantischen Kirchen der Welt sind in Südkorea beheimatet. Das explosive Wachstum und die Lebendigkeit des Protestantismus in Südkorea stehen im Widerspruch zur gängigen Annahme von Soziologen, Religionen würden als Folge der weltweiten Säkularisierung schrittweise ganz verschwinden.

Yoido Full Gospel Church  (Foto: Yoido Full Gospel Church)

Unter dem Titel „Korea – Boomland des Protestantismus" zeigt die koreanische Abteilung der Ausstellung rund 65 Objekte von zehn verschiedenen Institutionen (fünf Museen, drei Kirchen, ein protestantischer Dachverband und ein privater Leihgeber) in drei eigenen Räumen. Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte Koreas werden so umfangreiche Objekte, die den koreanischen Protestantismus repräsentieren, außerhalb Koreas gezeigt.

Der Einführungsraum lässt zwölf Koreaner der Vergangenheit und Gegenwart zu Wort kommen, die sehr persönlich von ihrem eigenen Glauben sprechen. Der erste presbyterianische Pfarrer Koreas, Kil Sŏn-ju (1869-1935), und zwei Christinnen, Ri Hyo-dŏk (1895-1978) und Kim Maria (1922-2001), berichten davon, wie sie in turbulenten Zeiten ihren Glauben fanden. Der emeritierte Professor Suh Kwang-sun David (Ewha University) beschreibt, wie er christliche Nächstenliebe als Versöhnung mit dem persönlichen Feind Nordkorea verwirklichen konnte. Sein Vater, ein presbyterianischer Pfarrer im Norden des Landes, war wegen seines Glaubens vom kommunistischen Regime ermordet worden. Der jüngste Mitwirkende, Kim Jae-hoon Samuel (geb. 2008 in Nürnberg), bringt es auf den einfachen Punkt: „Jesus ist zu uns gekommen, um zu verhindern, dass die Menschen sich streiten und sich gegenseitig umbringen.“

„Im Anfang war das Wort“ ist der erste Ausstellungsraum betitelt. Damit wird auch angedeutet, wie der Protestantismus in Korea zur Erfolgsgeschichte werden konnte: Die Heilige Schrift der Christen galt den Koreanern als ein zentrales Element der westlichen Zivilisation – und damit als Modernisierungskraft auch für ihr eigenes Land. Koreaner, die in der Mandschurei anhand chinesischer Bibelübersetzungen die christliche Lehre kennengelernt hatten, übertrugen sie mit Hilfe von Missionaren ins Koreanische. Die koreanische Erstausgabe des Neuen Testaments erschien 1877 in der Mandschurei; die Ausstellung zeigt ein Exemplar dieser Erstausgabe aus der Bodleian Library in Oxford. Die Evangelien wurden von christlichen Geschichtenerzählern in Korea zunächst mündlich verbreitet; die koreanischen Übersetzer gründeten bei ihrer Rückkehr nach Korea erste protestantische Gemeinschaften. Der Kirchenhistoriker Ryu Dae Young schreibt im Ausstellungskatalog: „Der Protestantismus in Korea begann mit der Übersetzung.“

Neben koreanischen Bibeln zeigt die Ausstellung eine Reihe von Bibelkommentaren: ein Bibel-Bilderbuch (1842-1912, The Korean Christian Museum at Soongsil University), Die Zehn Gebote (1911, The Korean Christian Museum at Soongsil University), einen Katechismus der Methodistischen Kirchen (1896, The Korean Christian Museum at Soongsil University) und das Buch der Mäßigung (1863-1937, The Korean Christian Museum at Soongsil University). Die Missionare passten die christliche Lehre dabei dem koreanischen Kontext an: So wird im Buch der Mäßigung betont, dass Tabak und Alkohol gesundheitsschädlich sind. Rauchen und Trinken galten den Missionaren als besonders gefährlich, und bis heute ist das Tabak- und Alkoholverbot wichtigste Gemeinsamkeit vieler koreanischer protestantischer Gemeinden.

Zu sehen sind auch wertvolle Objekte der ersten christlichen Gemeinden: Das Taufregister für die Jahre 1887-1930 der 1887 gegründeten Saemoonan-Kirche bietet einen aufschlussreichen Einblick in den sozialen Status der ersten koreanischen Protestanten. Von der 1885 gegründeten Chung Dong First Methodist Church kam das Abendmahlsgerät des amerikanischen Missionars Henry G. Appenzeller nach Berlin, das sonst in einem Tresor ruht. Dieses kleine Abendmahlsgerät - Kelch, Kanne, Teller und Dose - hat Appenzeller vermutlich schon nach Korea mitgebracht und auf seinen Missionsreisen mit sich geführt.

Abendmahlgerät des Missionars Henry Gerhard Appenzeller, Chung Dong First Methodist Chuch
(Foto: DHM (Deutsches Historisches Museum))

Der Bilderzyklus „Das Leben Jesu Christi“ (Seoul Museum) von Kim Ki-chang, eines der bekanntesten modernen Maler Koreas im 20. Jahrhundert, zeigt in 30 Bildern, wie das Leben Jesu im Korea der Joseon-Zeit (1392-1910) ausgesehen haben könnte. Während des Koreakriegs (1950-53), der Kim zur Flucht in den Süden des Landes zwang, hatte der Künstler religiöse Träume und Erscheinungen. Sie bewogen ihn zu diesem Werk: In den Leiden Jesu sah Kim eine Entsprechung zu den Leiden des koreanischen Volkes unter japanischer Kolonialherrschaft (1910-45) und Krieg. „Das Leben Jesu Christi“ ist zum ersten Mal überhaupt außerhalb Koreas zu sehen – faszinierendes Beispiel der Interpretation einer fremden Kultur mit den Mitteln der eigenen.

Auch die Vielfältigkeit des Protestantismus im Südkorea von heute ist Thema der Ausstellung. Schon ihre Anfänge hatte die Missionierung von unterschiedlichen westlichen Kirchenströmungen genommen, im Land selbst kam es dann bald zu weiteren Spaltungen. So sind heute rund 180 verschiedene protestantische Glaubensgemeinschaften in Korea erfasst, die sich indes in erster Linie in ihrer politischen Haltung voneinander abgrenzen. Während in der Vergangenheit die unterstützende oder oppositionelle Einstellung zum südkoreanischen Militärregime eine Haupttrennungslinie ausmachte, blieb nach dessen Zusammenbruch die Haltung zur Diktatur im Norden des Landes entscheidender Punkt der Polarisierung. Neben dem eindrücklichen Mitschnitt eines Gottesdienstes aus der riesigen Yoido Full Gospel Church, die sich als streng antikommunistisch versteht, sind auch mehrere Objekte aus dem Werben protestantischer Gemeinden für eine Verständigung zwischen Nord- und Südkorea zu sehen. Südkoreanische Protestanten waren es, die die Wiedervereinigungsbewegung in den 1980er Jahren begründeten und sie bis heute anführen.  

Der Protestantismus in Südkorea zeigt durch seine Anpassungsfähigkeit und sein außergewöhnliches Entwicklungsmuster, wie der „Luthereffekt“ 500 Jahre später in fremden Kulturen wirken kann. Von Beginn an als Modernisierungskraft verstanden, treibt er in Korea noch immer das zivilgesellschaftliche Engagement voran.



„Der Luthereffekt“
Martin-Gropius-Bau
12. April - 5. November 2017

Porträtfoto Eun-Jung Felsner

Foto: privat

Eun-Jung Felsner

Eun-Jung Felsner, geboren in Seoul, Südkorea, lebt seit 1988 in Deutschland. Sie studierte Theologie an der Ewha Womens University, Seoul, und Religionswissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie ist Doktorandin am Institut für Koreastudien der Freien Universität Berlin und wissenschaftliche Rechercheurin bei der Ausstellung „Luthereffekt".

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