Kunst

Die Illusionsmalerei des Kim Young-bae

Es sind Momentaufnahmen, die das OEuvre des 1960 in Korea geborenen Kim Young-bae ausmachen. Flüchtig und fließend sind diese Motive, scheinbar nicht aufzuhalten, wie der gehauchte Kuss der Freundin, den man, kaum spürend schon wieder vermisst, da der kurze Moment des körperlichen Kontaktes der so zärtlich, so traumhaft war, doch kaum gefühlt, schon wieder vergangen ist. Kim jedoch hält diese transitorischen Momente in seinen Ölgemälden fest und präsentiert sie uns, zum Wieder-und-wieder-Anschauen, Hinein-spüren und Weiter-er-leben.

 

Young-Bae Kim 

 

Geboren in Mungyeong (nördliche Provinz Gyeongsang) und ausgebildet an der privaten Yeongnam Universität (Gyeongsan) in westlicher Malerei, fand er bereits kurz nach dem Mauerfall den Weg nach Deutschland. Er folgte dabei nicht den Spuren seines Vaters oder seiner Mutter, war also nicht der Sohn eines Bergmannes oder einer Krankenschwester, die sich im Ruhrgebiet fern der Heimat eine neue Existenz aufbauten. Nein, er folgte aus freien Stücken seinem inneren Ruf, dieses für ihn damals ferne Land Deutschland aufzusuchen. Er kam, um zu bleiben. Und bereut diesen Schritt zu keiner Minute. Gerade konnte er sich ein großflächiges Atelier im Saarland einrichten.

Dort entstehen seine teils großformatigen Leinwandbilder. „Wie ein Verrückter“, so beschreibt er seine eigene Sucht, Bilder zu malen. Da gibt es kein Entspannen; mehrere Motive malt Kim Young-bae in der Regel gleichzeitig. Er arbeitet so lange an einem Motiv, bis er entweder die Lust an diesem Motiv verloren hat, oder aber er die Übersicht verliert. Dann benötigt er Abstand. Da er jedoch nicht aufhören kann zu malen, arbeitet er an dem nebenstehenden Bild weiter, oftmals die gesamte Nacht hindurch.

Zur zurückliegenden Ausstellungseröffnung in der Königsteiner Galerie Uhn im September 2017 brachte er der Galeristin Jimin Leyrer drei „frische“ Gemälde; Ölgemälde also, deren Farbe noch nicht getrocknet war – was den Autor an das Ausstellungsgebaren der Moritz-Boys in Berlin der 1990er Jahre erinnerte. Folglich war der Showroom der Galerie zur Vernissage mit dem süßlichen Geruch frischer Ölfarbe angereichert und die Hände und Kleidung der helfenden Mitarbeiter mit Farbe beschmiert. Dieser Umstand veranlasste den Künstler dazu, erneute Retuschen mit Pinsel und Ölfarbe an seinen neuesten Werken vorzunehmen.

 

Zeit, 2014, Öl auf Leinwand, 130 x 170 cm.

 

Die Darstellung seiner Motive ist naturalistisch, damit orientiert sich Kim Young-bae an der alten Tradition der westlichen Malerei und lässt scheinbar seine koreanisch-asiatischen Wurzeln hinter sich. Doch bei genauerer Betrachtung erkennt der geneigte Betrachter den hohen Grad an abstrakter Auflösung der dargestellten Gegenstände. Was zunächst als scheinbar feste Fläche oder Mauer erscheint, löst sich bei näherem Betrachten auf in eine Farbfläche, die an die Qualität des Abstrakten Expressionismus oder der Color-Field-Malerei eines Mark Rothko erinnert, andererseits aber auch die Tristesse eines Edward Hopper Gemäldes transportiert. Ein Trompe-l´oeil (frz. „täusche das Auge“ / illusionistische Malerei, Anm. d. Red.) -Moment entsteht, da die eigene Vorstellung eines scheinbar wiedererkannten Gegenstandes plötzlich in der Abbildung durch den Künstler zu einem eigenständigen Objekt ohne Realitätsbezug wird und so im Bildganzen seine eigene, autarke Realität kreiert. So führt uns der Maler in immer neue Bildräume und Landschaften, so wie der Dichter Pyong Ch´on-sang schreibt: „Ich möchte Flügel/Ich möchte Flügel/Sie werden mich tragen überall dahin, wohin ich möchte.“

Kim Young-baes Bilder sind gemalte Lyrik, voller Liebe, voller Sehnsucht. Es sind Bilder, die im Augenblick anhaften und doch der Vergänglichkeit anheimgegeben sind. Der Blick in einen Raum und durch den Raum hindurch in einen zweiten Raum; Interieurs, arrangiert wie in einem Museum; ein Blick in eine weite Landschaft; ein Mensch stehend, alleine vor einer weiten Landschaft; eine Pflanze, formatfüllend dahinter, wieder ein Mensch; eine Wasseroberfläche, Sonnenlicht spiegelt und bricht sich in den Wellen. Leere bestimmt seine Bilder und doch - mit den Worten des koreanischen Dichters Kim Chong-mun gesagt: „Mein Stuhl ist die Achse der Welt, ist mein ewiger Fels./Auf der Welt gibt es allzuviel leere Dinge/doch mein Stuhl ist/auch unbesetzt/nicht leer.“

 

Nachmittag, 2017, Öl auf Leinwand, 100 x 140 cm. (Alle Fotos: © Young Bae Kim)

 

Der Kontakt der westlichen Malerei mit der östlichen fand nach westlichem Ermessen sehr spät statt: Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zeit der Besatzung Koreas durch das japanische Militär. Zuvor hatte sich das kleine Land, die Halbinsel, die zwischen den beiden Großmächten China und Japan gelegen ist, beständig gegen Fremdinfiltration gewehrt.

Über Jahrhunderte waren Kalligrafie und Malerei in Tusche die bestimmenden Genres der asiatischen Künste; Großartiges wurde hier geleistet, geleitet von dem Anspruch der koreanischen Künstler, auf dem Werk ihrer Meister und Lehrer aufzubauen und deren Ansatz zu erkennen, zu durchdringen und mit ihrem eigenen, neuen Stil zu erweitern.

Erst in den späten 1940er Jahren entstand ein direkter, wenn auch zögerlicher Austausch zwischen Korea und dem Westen. Nach dem II. Weltkrieg, dem sog. Bruderkrieg (Koreakrieg, 1950-53, Anm. d. Red.) und in den dann folgenden 1960er Jahren flossen schließlich Informationen und Stilrichtungen zwischen diesen beiden Welten hin und her, bis sich seit Anfang der 1970er Jahre eine eigene koreanische Kunstrichtung auszubilden begann, die seither auf dem westlichen Kunstmarkt nicht mehr wegzudenken ist.

Mit den Malern Kim Jin-suk und Kim Tschang-yeul, deren Werke unter anderem im Museum of Modern and Contemporary Art in Seoul zu finden sind, entstand eine neue Sichtweise und Seh-Interpretation auf die koreanische Malerei der späten 1970er Jahre. Der amerikanische Hyperrealismus schwappte nach Korea herüber und wurde auf feinsinnige Weise aufgenommen und uminterpretiert. Der Schlagschatten fand in den „Wassertropfen“ des Kim Tschang-yeul erstmals Eintritt in die koreanische Malerei. Neben dem vorherrschenden Hang zur flächig-abstrakten Malerei, war der Schattenwurf zuvor lediglich als verstärkte Kontur und notwendige Verdunkelung der Binnenstruktur zur Andeutung von Räumlichkeit verwendet worden - sowohl bei der Landschafts- wie auch bei der Gegenstandsmalerei. So emanzipierte sich der Schatten nun zu einer eigenen Größe.

Kim hält seine Wurzeln und die Perspektive der traditionellen koreanischen Tuschemalerei fest im Blick, wenn er uns heute Blickwinkel und Ausschnitte aus unserem alltäglichen Leben zeigt, die wir vermutlich nicht wahrnehmen oder einfach übersehen. So verbindet er in seinen aktuellen Gemälden Östliches mit Westlichem, fußt auf den Werken der Meister seines Herkunftslandes und bereichert unsere Sichtweise mit seiner Interpretation. Licht und Schatten, transitorisch-flüchtige Momentaufnahmen und die Leere, das ist das große Universum des Kim Young-bae. Mit seinen Gemälden ermöglicht uns der Maler, wieder einmal innezuhalten und unser Hetzen im Alltag zu verlangsamen. Kim lädt uns ein, den Blick in der Außenwelt herumschweifen zu lassen und ungewöhnliche Perspektiven und Welt-Ausschnitte genauer anzuschauen. Denn: ein leerer Raum ist nicht leer; genauso wie Kim Chong-muns Stuhl es nicht ist.

Foto von Dr. Martin Schmidt-Magin

Foto: curator4art

Dr. Martin Schmidt-Magin

studierte Kunstgeschichte, Soziologie und Ethnologie u.a. an der FU-Berlin und bereiste Südkorea mehrfach. Mehrere Jahre arbeitete er in einer international tätigen Galerie in Darmstadt, später in einem Auktionshaus in Frankfurt/M. Seit 2004 ist er im Kunstmarkt selbstständig tätig, organisiert Ausstellungen, realisiert Projekte u.a. die Restaurierung des Grabsteins von Franz Eckert auf dem Yanghwajin Foreigners’ Cemetery in Seoul. In seiner Schriftenreihe REGARDEUR widmete er das Heft III dem Dreigestirn: Franz Eckert - Li Mirok - Yun Isang.

Ähnliche Beiträge

Kunst

PARTI-cipation VI 2017 Seoul

Galerie Hafemann (Wiesbaden) zu Gast in der Gallery SoSo (Seoul)

Kaleidoskop Kunst

Gratis isst, wer lustig ist– kein Witz!

Im Gespräch mit dem Künstler Byung Chul Kim über seine Kunstprojekte "Humor-Restaurant", "Performance-Hotel" und "Performance-Express"

Kunst

Audiovisueller Strukturwandel

„This Ain`t Mouth Sounds“ von Deok Yeoung Gim im Koreanischen Kulturzentrum