Kaleidoskop

Die vielen Gesichter der Dokkaebi

Eine Einführung von Alexander Reisenbichler
 

Kindliche Darstellung eines Dokkaebi

Kindliche Darstellung eines Dokkaebi (Fotos: A. Reisenbichler)

Die Geschichte dieses Fabelwesens ist eine sehr bewegte. Heute sind sie so gut wie allen Südkoreanern als bunte, gehörnte in Lendenschürzen gekleidete Trolle bekannt, die gern Schabernack treiben, den Menschen zumeist unterlegen sind und uns Erdlinge oft zu Reichtum verhelfen. In koreanischen Bücherläden findet man unzählige Werke der Kinder- und Jugendliteratur über diese haarigen Wesen, es gibt viele Verfilmungen und Kinderspiele, Dokkaebi-Parks und Dokkaebi-Museen, in denen sie uns quietschvergnügt entgegenlachen.

Doch als ich in dem Bergdorf in den Jiri-Bergen, in dem ich mit meiner Familie seit sieben Jahren lebe, die alten Leute nach diesen Waldbewohnern fragte, bekam ich ganz andere Geschichten zu hören. Dokkaebi würden Menschen verzaubern, in die Irre führen und sogar töten. „Aber…solche Geschichten habe ich noch nie gelesen… ich dachte, Dokkaebi würden Glück und Reichtum bringen”, entgegnete ich gänzlich verwirrt. „Ja, in Märchenbüchern vielleicht”, lachte Kim Chang-yeol, unser Nachbar. Meine Neugier war geweckt, und ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.

Bild einer Skulptur eines Oni

Skulptur eines Oni

Eine historische Einführung

Die früheste Dokkaebi-Geschichte stammt aus dem 9. Jahrhundert, aus der Vereinigten Silla-Dynastie (645-935), die die koreanische Halbinsel im 7. Jahrhundert einte. In der „Legende von Bangi” helfen Kinder in roten Kleidern mit einem Zauberknüppel dem „Guten” in der Geschichte.

Das Phänomen Dokkaebi (das in verschiedenen chinesischen und koreanischen Quellen des Mittelalters unterschiedliche Namen hat) beginnt seine Geschichte als göttliches Wesen (unter anderem als Baumgottheit oder als Gott, der den Menschen Fische in die Netze treibt). Im 13. Jahrhundert tritt Dokkaebi in einer Sammlung von volkstümlichen Geschichten und historischen Darstellungen des buddhistischen Mönchs Il-yeon („Samguk yusa“: Legenden und Geschichte der Drei Reiche des alten Korea) als ein Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten auf, wie auch in der Bangi-Legende.

In der folgenden Goryeo-Dynastie (918-1392) gibt es Belege des Duduri (ein anderer Name für Dokkaebi) als Haushaltsgott und Baumgeist (Mokrang) in der Region Gyeongju, der von den Bewohnern angerufen und verehrt wurde und von dem man sich Glück und Vertreibung von bösen Geistern erhofft hat.

Mit Beginn der Joseon-Dynastie (1392-1910) tritt der göttliche Charakter immer mehr in den Hintergrund. In einem 1472 verfassten Text wird eine Geschichte wiedergegeben, in der das Dokkaebi als bösartiges Monster auftritt, das viele Beamte tötet. Kim An-lo (1481-1537) beschreibt das Dokkaebi ebenfalls als Monster, vor dem man sich fürchten muss. Auch in dem Werk von Lee Gyu-gyeong (1788-1857) tritt das Dokkaebi als Dämon und Teufel auf.

Die oben erwähnte Literatur wurde meist von konfuzianistischen Aristokraten und Angehörigen der Oberschicht verfasst, noch dazu in chinesischen Schriftzeichen, die das „gemeine Volk” nicht lesen konnte.

In starkem Gegensatz zu der negativen Haltung gegenüber Dokkaebi in den konfuzianistischen Schriften, die Buddhismus und Schamanismus als Aberglauben abwerteten, standen die Schriften vor allem aus der späten Joseon-Dynastie wie z.B. die von Choe Nam-son (1890-1957), die die Vorstellungswelt der nicht-aristokratischen Gesellschaft widerspiegelte. In der „Legende vom Fensterchen” treten Dokkaebi als dem Menschen Reichtum verschaffende Wesen auf, die ihm gleichzeitig moralische Lehren mit auf den Weg geben. Die Vorstellungen von Dokkaebi hingen also stark von der eigenen sozialen Stellung ab. Heute verlaufen die Grenzziehungen zwischen den verschiedenen Generationen bzw. zwischen Stadt und Land.

Das Dorf Changwon in den Jiri-Bergen

Erscheinungsformen der Dokkaebi

Die Erscheinungsformen der Dokkaebi variieren aufgrund der vielfältigen Identitäten von unsichtbaren Wesen bis hin zu solchen in menschlicher Gestalt; oft erscheinen sie auch nur als Licht oder Lichter. Die meisten meiner Informanten gaben an, Dokkaebi als Licht wahrgenommen zu haben.

Das heute so populäre Erscheinungsbild der Dokkaebi geht auf das japanische Fabelwesen Oni zurück und hat sich erst in der japanischen Kolonialzeit (1910-1945) etabliert. Ein japanisches topographisches Werk aus dem 8. Jahrhundert beschreibt den Oni als einäugigen Menschenfresser, der ursprünglich ein Geister- oder Totendämon war. Bilderrollen aus dem 11. und 12. Jahrhundert decken sich dann mit dem äußeren Erscheinungsbild der Dokkaebi (Hörner auf dem Kopf, Tigerzähne, Schurz aus Tigerfell mit nacktem blau, rot oder grün gefärbtem Körper). Dieses Aussehen verdankt der Oni indisch-buddhistischen und chinesischen Dämonen- und Höllenvorstellungen (Der Buddhismus breitete sich langsam von Indien über China (1. Jhdt. n.Chr.) nach Korea (3. Jhdt.) und Japan (5. Jhdt.) aus). Der Oni hat also im Laufe der Zeit durch Kulturkontakt sein Aussehen verändert, wie eben auch das Dokkaebi. Die Charaktereigenschaften jedoch sind laut dem Dokkaebi-Spezialisten Prof. Kim Jong-dae koreanischer Herkunft. In den Volksüberlieferungen wird deutlich, dass die Eigenschaften der Dokkaebi nicht nur koreanisch sind, sondern auch in den sozial „unteren” Schichten verwurzelt.

Alexander Reisenbichler (l.) mit Dorfbewohnern

Feldforschung in den Jiri-Bergen

Ich habe diese Feldforschung in der Region und dem Dorf durchgeführt, in dem ich schon seit Jahren mit meiner südkoreanischen Frau und unseren beiden Töchtern Lea und Maya leben. Die Dorfbewohner waren sehr froh, dass ich mich für ihre Kultur interessiere, und es war deshalb kein Problem, Informanten zu finden. Wir trafen uns oft bei ihnen zu Hause, bei Freunden, die dann noch andere Dorfbewohner einluden und im Holzpavillon im Dorf, in dem sich im Sommer immer viele Leute einfinden. Eine Frau jedoch meinte, ich solle nicht „über solche Sachen schreiben”. Sie war Christin, und Dokkaebi gehörten ihrer Meinung nach ins Reich des Aberglaubens, der Vergangenheit Koreas: „Jetzt sind wir ja zivilisiert”.

Feldforschung in Südkorea

Jetzt wissen wir, dass Dokkaebi bunte Trolle mit Hörnern sind und den Menschen Glück und Reichtum bringen, wie sie eben zumeist in den Volksgeschichten dargestellt werden (In meinem Buch habe ich 32 Dokkaebi-Volksgeschichten aus dem Koreanischen ins Deutsche übersetzt). Doch die Feldforschung (Ich habe auch in Nordost-China Feldforschung betrieben, doch das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen) in den Jiri-Bergen Südkoreas hat ganz andere Ergebnisse gebracht. Die häufigste Erscheinungsform sind Dokkaebi-Lichter, blau oder bläulich, die manchmal auch ihre Größe verändern. Dokkaebi wohnen zumeist im Wald an Orten mit dichtem Gestrüpp und auf Bergpässen. Bei Schlechtwetter gehen sie oft in leerstehende Häuser. Ganz in der Nähe des Changwon-Dorfes haben mir die Dorfbewohner eine Stelle gezeigt, wo früher Dokkaebi gelebt haben.

Im Gespräch mit den Dorfbewohnern

Heute ist der Glaube an Dokkaebi stark zurückgegangen, obwohl es noch Leute gibt, die meinen, dass Dokkaebi heutzutage einfach viel tiefer im Wald leben und es deswegen keine Sichtungen mehr gibt. „Seit unser Dorf in den 1970er Jahren an das Stromnetz angeschlossen wurde, haben wir auch fast keine Dokkaebi mehr gesehen,” erzählt mir ein Dorfbewohner, obwohl einige Dokkaebi-Geschichten nur 5 oder 10 Jahre zurückliegen. Professor Kim Jong-dae ist der Meinung, dass das Christentum starken Einfluss auf das Verschwinden dieses Fabelwesens hatte.

Hier einige Berichte der Dorfbewohner: Kim Hak-ju wurde vor Jahren einmal von Dokkaebis in der Nähe von Changwon zusammengeschlagen. Yu Yeong-jongs Mutter wurde von Dokkaebis entführt, wurde dann ohnmächtig am Feld gefunden und ins Krankenhaus eingeliefert. Sie war blutüberströmt und sehr verwirrt, als sie wieder zu sich kam, typische Anzeichen einer Dokkaebi-Entführung, wie mir erklärt wurde. Yu Yeong-jongs Vater erfror auf dem Deunggu-Pass unweit unseres Dorfs. Sein Tod wurde mit Dokkaebi in Verbindung gebracht, da es dort viele Dokkaebi-Sichtungen gegeben hat, doch andere Dorfbewohner hatten andere Erklärungsmuster. „Früher waren wir oft sehr hungrig, da hat man dann Halluzinationen und glaubt Dinge zu sehen, die es gar nicht gibt.” Oder „Die Knochen von Tieren im Wald und von menschlichen Skeletten nach dem Koreakrieg sind für diese Lichtererscheinungen verantwortlich.”

Junge KoreanerInnen, denen ich diese Geschichten erzählt habe, glaubten mir nicht. „Da hast du sicher etwas falsch verstanden”, meinten sie, „Dokkaebis bringen keine Leute um oder entführen sie.”

Bild einer älteren koreanischen Paares

Ein älteres Paar

Kut – Dokkaebi-Rituale

Bei meinen Reisen auf den Inselwelten im Südwesten Südkoreas haben mir Leute von Dokkaebi-Ritualen erzählt (In den Jiri-Bergen hat keiner meiner Informanten je etwas von solchen Ritualen gehört), in denen Dokkaebi als Krankheitsdämonen auftreten. Die Göttlichkeit der Dokkaebi ist also nicht ganz verloren gegegangen. Professor Chun Kyung-soo erzählte mir: „An langen Bambusstangen waren weiße, mit Menstruationsblut befleckte Frauenunterhosen aufgehängt. Mit lauten Trommeln und den Unterhosen sollen Seuchen und Krankheitsdämonen vertrieben werden.”

Man kann hier die Vielschichtigkeit dieses Kulturphänomens erkennen, das seit 1200 Jahren viele Veränderungen durchgemacht hat und sich auch heute noch weiter verändert. Derzeit sieht es so aus, als ob die bunten, behörnten Trolle mit ihren magischen Fähigkeiten, die sie durch verschiedene Objekten wie Knüppel oder Mäntel, die sie unsichtbar machen, erhalten, den Ton angeben. Mordende Dokkaebi sind am Aussterben; der Pazifismus ist also zumindest in der Welt der Mythologie realisiert worden.

Alexander Reisenbichler (ganz rechts) mit seiner Familie (Foto: privat)

Alexander Reisenbichler (ganz rechts) mit seiner Familie (Foto: privat)

Alexander Reisenbichler

"Der aus Österreich stammende Ethnologe Alexander Reisenbichler (*1977) lebt und forscht seit 15 Jahren in Südkorea und Indien. Derzeit schreibt er seine Dissertation über indische Christen im Bundesstaat Goa und arbeitet an einem Reisebericht über Südkorea und das Leben in einer südkoreanischen Community. Mit seiner koreanischen Frau und seinen beiden Töchtern hat er sein Basecamp in einem kleinen Dorf in den Jiri-Bergen in Südkorea aufgeschlagen.

Alexander Reisenbichler ist unter anderem Autor von ,,Die vielen Gesichter der dokkaebi: Auf den Spuren eines koreanischen Phänomens"", erschienen 2014 im OSTASIEN Verlag, Reihe Phönixfeder (http://www.reihe-phoenixfeder.de/rpf/024.html)."

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