Literatur

Eine Geschichte vom greisen Kind

Rezension: Ae-ran Kims ergreifender Familienroman „Mein pochendes Leben“


















Aus dem Koreanischen
von Sebastian Bring
320 Seiten
Geb. mit SU u. Leseband
Fadenheftung, dt. EA

ISBN 978-3-944751-12-2
24,00 €


Arum ist sechzehn Jahre alt und bereits ein Greis. Er ist klein und faltig. Auf seinem Kopf wachsen keine Haare mehr, und in seinem geschrumpften Gesicht wirken die Augen riesengroß. Er hat Probleme mit den Gelenken und mit dem Magen und muss täglich eine Handvoll bunter Pillen schlucken. Außerdem droht seine Erblindung. Arum ist ein koreanischer Junge, geboren in der Provinz, nun zusammen mit seinen Eltern wohnhaft in Buchon bei Seoul, weil es dort die besseren Krankenhäuser gibt.

Denn Arum leidet unter Progerie, einer Gen-Krankheit, die die Betroffenen bereits im Kindesalter vergreisen lässt. Sie werden nur selten älter als achtzehn Jahre: Werden und Vergehen im Zeitraffer. Weltweit sollen etwa einhundert Menschen unter dieser sehr seltenen Krankheit leiden. Wer sie bekommt, sieht schon als Schulkind älter aus als die eigenen Eltern.

Ae-ran Kim, geboren 1980 in Incheon (Südkorea), machte 2005 mit ihrem Erzählband Lauf, Vater, lauf Furore; als jüngste Preisträgerin überhaupt erhielt sie dafür den begehrten Hanguk Ilbo-Literaturpreis. Mein pochendes Leben ist ihr erster Roman (Foto: Dahuim Paik).

Auch Arum wird oft fürs den Vater seines eigenen Vaters gehalten, wenn die beiden zusammen spazieren gehen. Dieser Eindruck wird verstärkt, weil Arums Eltern noch sehr jung sind. Sie waren selbst erst sechzehn Jahre alt, als sie Arum bekamen. Von diesen erst 32-jährigen Eltern und ihrem schnell vergreisenden Kind erzählt die südkoreanische Autorin Ae-ran Kim in ihrem atembenehmenden Roman „Mein pochendes Leben“. Der Roman erschien 2011 in Seoul und wurde nun auch ins Deutsche übersetzt. 2014 verfilmte der Regisseur E J-yong den Roman unter dem Titel „My Brillant Life“ (‚두근두근 인생‘).

Arums Geschichte beginnt im Leib seiner Mutter Mira, die in ihrem Mädchenzimmer verzweifelt versucht, Vor- und Nachteile einer Schwangerschaft gegeneinander abzuwägen. Die Nachteile sind schnell ausgemacht und reichen – herrlich teenagertragisch – von „Meine Eltern werden ausrasten“ bis hin zu „Ich nehme zu und werde hässlich“. Vorteile im Kinderkriegen sieht Mira keine. Derweil wächst der kleine Arum in ihr heran, dessen zarter Herzschlag – dadim – sich mit dem kräftigen seiner Mutter – dadam – verbindet zu dadim dadam. Schon im Mutterleib also spürt der Kleine sein eigenes „pochendes Leben“.

Auch Arums jugendlicher Vater Daesu kann viele gute Gründe nennen, warum er in seinem Alter noch kein Kind haben sollte. Auf die strenge Frage von Miras Vater hin, wie er denn eine Familie ernähren wolle, antwortet er altersgemäß ehrlich und zugleich wenig zielführend: „Ich kann gut Taekwondo.“ Obwohl der naive Daesu nicht gerade der Wunschkandidat der Schwiegerfamilie ist, fällt die Entscheidung schließlich doch für das Kind. Daesu wird jobben gehen und später mit mäßigem Erfolg ein Geschäft für Sportartikel eröffnen. Größere berufliche Ziele hat er nicht, was seine junge Frau aber gerade an ihm mag.

All dies wird erzählt von Arum selbst, der eine große Sensibilität für das eigene Erleben hat und sich die Dinge, die sich vor seiner Geburt zugetragen haben, von seinen Eltern hat schildern lassen. Arum ist ein sensibler Junge, der nicht nur ein gutes Gespür für Menschen hat, sondern auch sehr gerne liest und ein tiefes Bewusstsein für den Klang von Wörtern besitzt. Man hat ihn sofort gern: als Jungen und als Erzähler. Da er nur ein halbes Jahr zur Grundschule gehen konnte, hat er sich alles, was er kann, selbst beigebracht. Eine große Hilfe dabei waren zuerst der Familiencomputer und später sein eigenes Notebook.

Der Roman „Mein pochendes Leben“ wird getragen von der uneingeschränkten Liebe zwischen Eltern und Kind. Dass er ein 300seitiger Abschied von einander aufrichtig liebenden Menschen ist, gibt ihm seine Tiefenwirkung. Dies kleidet Ae-ran Kim allerdings keineswegs in bedeutungsschwere Worte. Im Gegenteil: Ihr Erzähler Arum ist intelligent und witzig. Seinen vor Lachen Reis herumprustenden Vater nennt er „einfältig“, und seine bei Besuch krampfhaft lächelnde Mutter erinnert ihn an eine „Jubelschülerin in einem totalitären Staat“. Arum ist trotz seiner Krankheit kein Häuflein Elend, sondern ein souveräner Erzähler. Er drückt sich frisch und direkt aus, was Sebastian Bring in ein lebhaftes, wendiges Deutsch übertragen hat. Besonders gelenkig sind die Dialoge in diesem Roman gelungen, in denen sich die verschiedenen Sprecher häufig ins Wort fallen und schnell aufeinander reagieren. Auffällig ist dabei, dass Kim auch Schweigen nicht einfach übergeht, sondern mit drei Punkten erfasst: „…“ Dies ist keine überflüssige Leerstelle, sondern bindet auch still reagierende Figuren visuell ins Gespräch ein und gibt ihnen Präsenz.

Es treten nicht viele Figuren auf in diesem Familienkammerspiel, was auch damit zu tun hat, dass Arum aufgrund seiner Gebrechlichkeit und seines verhutzelten Äußeren kaum Freunde hat. Ein gutes Verhältnis hat er zum Nachbarn Herrn Jang, der bereits sechzig ist, aber immer noch mit seinem 90-jährigen Vater zusammenlebt: ein ewiger Sohn, mit dem Arum anders über das Altern sprechen kann, als mit seinen jungen Eltern. Herr Jang macht wenig Aufhebens um Arums Krankheit, gibt den mürrischen Alten und behandelt den Kleinen als Jungspund. Im selben Alter ist nur das Mädchen So-ha, das ihm mailt, nachdem Arum und seine Eltern in einer Fernsehshow aufgetreten sind, um Spenden für ihre immensen Arztrechnungen zu sammeln. Als sie ihm schreibt, ist bereits klar, dass Arum das Krankenhaus nicht mehr verlassen wird. Trotzdem entspinnt sich zwischen ihm und ihr, die ebenfalls unter einer schweren Krankheit leidet, ein ergreifend zarter Dialog. Arum verliebt sich und saugt einmal an den eigenen Lippen, um wenigstens einen kleinen Eindruck davon zu bekommen, wie es wäre, ein Mädchen zu küssen. Darum ist es ein enormer Schock, als offenkundig wird, dass hinter diesem Mailwechsel ein großer Betrug steckt. Ein Betrug, den der noch junge und doch schon weise Arum am Ende aber noch umzudeuten vermag.

„Mein pochendes Leben“ ist ein ergreifendes Buch über die Liebe – vor allem innerhalb der Familie, doch auch darüber hinaus. Besonders gelungen ist, dass Ae-ran Kim den kleinen Arum als einen Erzähler etabliert, der der ganzen Geschichte eine eigene Perspektive und dadurch eine eigene Form gibt. Oder besser gesagt: sogar zwei Formen. Denn Arum erzählt nicht nur seine Geschichte selbst, sondern hinterlässt seinen Eltern auch noch einen gut zwanzigseitigen, auf dem Krankenbett geschriebenen Aufsatz mit dem Titel „Das Pochen eines Sommers“. Darin verlegt er die frühe Vereinigung seiner Eltern in eine märchenhaft schöne Berglandschaft und zeichnet ein lebendiges Pulsieren nach, das auch im Herzschlag seines Vaters – dumm dadumm – steckt, der Arum kurz vor seinem Tod noch in den Armen hält.

Schon in ihren Erzählungen „Lauf, Vater, lauf“ (Cass 2014) erzählte Ae-ran Kim von Eltern-Kind-Beziehungen, die jedoch größtenteils problematisch verliefen. Ihr Roman „Mein pochendes Leben“ nun zeugt von einer enormen stilistischen und emotionalen Weiterentwicklung der inzwischen mit vielen Preisen ausgezeichneten Autorin. Denn es ist eine große Kunst, auf ganz und gar unkitschige Weise eine solch intensive Liebe darzustellen

Katharina Borchardt

Literaturredakteurin bei SWR2 und Mitglied der Jury der Bestenliste "Weltempfänger"

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