Kaleidoskop Kunst

Gratis isst, wer lustig ist– kein Witz!

Im Gespräch mit dem Künstler Byung Chul Kim

„Humor-Restaurant“ nennt Byung Chul Kim seine Idee, mit der er die Monopolstellung des Geldes in Frage stellt und die Gäste für alternative Tauschmittel sensibilisiert.

Byung Chul Kim, Humor Restaurant, The King of Table 2017, Entretempo Kitchen Gallery, Berlin (Foto: Youngju Choi)

Im März dieses Jahres wurde in der Entretempo Kitchen Gallery mit der Ausstellung „The King of Table 2017“ auch das erste Humor-Restaurant in Berlin eröffnet.[1] Die Bezeichnung ist insofern ein wenig irreführend, als es sich streng genommen eher um ein Kunstprojekt als um ein Restaurant handelt. „Ich bin auch kein professioneller Koch, sondern Künstler“, sagt der Ideengeber. Dieser Umstand scheint die Lust der Gäste auf sein selbst zubereitetes Kimbap nicht zu schmälern und sie auch nicht davon abzuhalten, sich vor Publikum pantomimisch den Hals zu verdrehen oder sich im Erzählen eines Witzes zu üben, der im schlimmsten Fall nicht witzig und das Essen damit auch nicht gratis ist. Denn die Idee geht so: Gratis isst, wer lustig ist! Wer die Gäste durch seine Performance zum Lachen bringt, schlemmt im Anschluss kostenlos.

Das Projekt ist ein temporäres und je nach Standort nach einem Tag oder einer Woche bereits abgeschlossen. Wenn es den einen oder anderen Besucher an vergangene Zeiten des Tauschhandels erinnerte, wäre das Projekt aus Sicht des Künstlers ein Erfolg, denn hier verbirgt sich die Grundidee: „Wann immer ich meiner Mutter in Kindertagen etwas Gutes getan habe, kochte sie mein Lieblingsessen. Gutes wurde also mit Gutem vergolten – bargeldlos versteht sich.“ Aber nein, er möchte nicht zurück in die Vergangenheit, aber zumindest Mahner möchte er sein. „Ich finde es schade, dass es in unserer heutigen Gesellschaft immer ums Geld geht. Geld beherrscht unser Dasein um den Preis des Verlustes an Menschlichkeit, aber Menschen und ihre Eigenschaften oder Begabungen sind wichtiger als Geld. Ich will deutlich machen, dass es auch etwas Anderes gibt.“ Soweit er kann, geht er selbst mit gutem Beispiel voran. Seinen Eltern schenkt er zum Geburtstag ein Gedicht oder singt, statt etwas für sie zu kaufen.

Pantomime (Foto: Youngju Choi)

Humor-Restaurants hat Kim Byung Chul in den vergangenen Jahren schon in Stuttgart, Zürich und Harare eröffnet. Ja, auch in der Hauptstadt Simbabwes hat Byung Chul Kim für das Lachen und gegen die Dominanz des Geldes geworben. „Ich habe festgestellt, dass Humor regional ganz unterschiedliche Facetten hat. „Die Schwaben waren sehr ehrgeizig, haben immer versucht, Geld zu sparen, deshalb haben sie so lange performt, bis sie kostenlos essen konnten.“ Wenn der erste Witz floppte und die Persiflage auf Merkel misslang, wurde ungarischer Volkstanz geprobt. Ganz anders in der Schweiz: „In Zürich zahlten 60% der Besucher freiwillig für das Essen statt Witze zu erzählen.“ Unter den verbleibenden 40% waren dann ausnehmend viele Theaterliebhaber; sie sind die Angelegenheit vor allem spielerisch angegangen. Ja, Humor ist überall anders, „aber Harare war total anders. Die Leute haben vor allem gesungen und getanzt. Ich glaube, das ist ihre Art, Humor und Freude auszudrücken, ihre Mentalität eben. In Berlin wiederum interessieren sich die Leute vor allem für Politik und haben deshalb eher politische Witze erzählt“ – wer hätte nicht schon über Trump gelacht, der gar nicht böse ist, weil er eine Wiesel-Familie auf seinem Kopf aufzieht…

Performance-Hotel in Stuttgart (Foto: Kim Byung Chul)

Wer das nicht lustig findet, hätte sich etwas Besseres einfallen lassen müssen, um kostenlos im „Performance Hotel“ in Stuttgart zu nächtigen, das Kim Byung Chul bereits 2009 ins Leben gerufen hatte. Wem nichts Besseres einfiel, musste zahlen: Übernachtung im Schlafsack 3,- €, auf der Liege 8,- €, auf der Matratze inkl. Bettwäsche 10,- €. Ein Jahr lang hat er selbst dort gewohnt und das Hotel geleitet. Die Stadt Stuttgart hat im Rahmen des Stadtteilprojekts DISTRIKT_OST ein Haus zur Verfügung gestellt, und auch die Nachbarn haben sich engagiert, Mobiliar und Flohmarktutensilien zur Verfügung gestellt. Andere Gebrauchsgegenstände kamen vom Sperrmüll und wurden aufgearbeitet. Eine kleinformatige, einwöchige Neuauflage des Performance-Hotels hatte es 2014 noch einmal in der Kunsthalle Baden-Baden geben.

„Bei all diesen Projekten handelt es sich um das künstlerische Experiment, es geht mir darum, ein Gesellschaftskonzept zu testen. Mich interessiert die Frage, wie Menschen auf plötzlich Unerwartetes reagieren und ob und wie sie der Idee des Einsatzes alternativer Tauschmitteln gegenüberstehen. Erfahrungsgemäß sind sie zunächst skeptisch und distanziert, dann zeigen sie Interesse, lassen sich begeistern und machen am Ende mit“, erzählt Kim Byung Chul.

Peformance-Express (Foto: Kim Byung Chul)

Nicht immer natürlich. Was das denn für eine „blöde Idee“ sei, kritisierte ein Bahnreisender seinerzeit das Kunstprojekt „Performance Express“, das demselben Muster folgte: Freie Fahrt für gute Performer! Und ob das „wirklich ernst gemeint“ sei, fragte ein anderer. 2010 hatte der Künstler seine Idee in Zusammenarbeit mit der DB AG, der SNCF/TER und der Stadt Saarbrücken verwirklicht, am Hauptbahnhof Saarbrücken einen Stand eingerichtet und humorvollen Reisenden kostenlose Zugfahrten nach Paris, Metz oder Luxemburg ermöglicht. Nein, leider nicht nach Harare, Stuttgart, Berlin oder Zürich, denn wer hätte sich nicht erfreut an tanzenden Simbabwern, witzelnden Schwaben, hämischen Berlinern und zahlenden Schweizern im Boardrestaurant. Man darf gespannt sein, womit Byung Chul Kim in Zukunft überrascht. Eines dürfte sich in jedem Fall empfehlen: Humor zu haben – je geiziger, umso mehr!

Weitere Informationen unter:
http://byungchulkim.de/texte/start

[1] 22. März 2017 auf Einladung der Korea Foundation, Entretempo Kitchen Gallery & Keum Art Projects

Dr. Stefanie Grote

Redaktion "Kultur Korea"

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