Gesellschaft

„Gutes Aussehen [ist] wichtiger als Individualität“

Vom Streben nach dem perfekten Äußeren
 

Eine Klinik für plastische Operationen in Seoul (Foto: Bettina Dirauf)

Interview mit Cheolsu

Schon seit Längerem gehört Korea weltweit zu den Top 10 der Länder mit den meisten plastischen Operationen. Eine Lidfalte zum Abitur? Eine Nasenkorrektur, bevor man sich auf Jobsuche begibt? In Korea ist das nichts Außergewöhnliches. Was es mit dem Schönheitswahn auf sich hat, erklärt uns Cheolsu (Deckname), ein junger Koreaner, der sich vor Kurzem zum ersten Mal unters Messer legte.


Kultur Korea (KK): Du hast eine plastische Operation bei dir durchführen lassen. Um welche Operation hat es sich da genau gehandelt?

Cheolsu (C): Ich hatte schon immer leicht unterschiedlich große Augen. Als ich klein war, fiel es kaum auf, aber je älter ich wurde, desto extremer wurde der Unterschied. Andere Leute fingen auch an, wahrzunehmen, dass meine Augen unterschiedlich groß sind. Manchmal sagten sie, dass es so aussieht, als würde mein eines Auge nicht richtig fokussieren. Das hat mich ziemlich gestresst. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, mich vor einer Nasen-Operation zunächst einer Augen-Operation zu unterziehen.

KK: Also planst du auch, deine Nase korrigieren zu lassen?

C: Ja, genau.

KK: Die Operation scheint gut verlaufen zu sein, deine Augen sehen sehr natürlich aus.

C: Es ist noch gar nicht so lange her.

KK: Würdest du sagen, dass viele deiner Freunde bereits etwas an sich haben machen lassen?

C: Von meinen männlichen Freunden fast niemand, aber ich würde sagen, dass ca. 80 % der Mädchen, die ich kenne, schon eine Schönheitsoperation hatten.

KK: Was ist denn das typische Alter, in dem Koreaner sich in die Hände plastischer Chirurgen begeben?

C: Manche lassen schon in der Mittel- oder Oberstufe etwas machen, aber normalerweise haben die meisten ihre erste Schönheitsoperation kurz vor Eintritt in eine Universität oder Hochschule.

KK: Welche Art von Operation ist bei Schülerinnen und Schülern der weiterführenden Schule besonders beliebt?

C: Viele lassen sich eine Lidfalte operieren.

KK: Erkennen viele Leute, dass du eine Lidfalten-Operation hattest?

C: Lidfalten hatte ich schon vorher; bei meiner Operation ging es mehr darum, die Ungleichheit meiner Augen zu korrigieren, und vielen Leuten fällt es nicht auf, bevor ich etwas sage.

KK: Möchtest du denn, dass die Leute erkennen, dass du eine OP hattest? Oder ist es dir angenehmer, wenn sie es nicht erkennen?

C: Ich sage es nur denen, die mich fragen; ansonsten behalte ich es lieber für mich.

Werbung für eine Schönheits-OP

Plakate wie dieses sind in Seoul allgegenwärtig: Eine Frau und ein Ärzteteam werben für Schönheits-OPs (Foto: Bettina Dirauf)

KK: Glaubst du, dass eine Schönheits-Operation zu einer Veränderung der eigenen Identität führen kann? Oder hängen Aussehen und Charakter absolut nicht zusammen?

C: Es gibt schon Menschen, die sich auch innerlich nach einer solchen Operation verändern. Viele wollen aber einfach nur einen mit dem Aussehen verbundenen Minderwertigkeitskomplex überwinden (...). Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern ist, aber in Korea ist das Konzept des „Lookism“ (abgeleitet von engl. „look“: Aussehen, Anm. d. Red.) sehr verbreitet. Wer gut aussieht, macht direkt einen besseren ersten Eindruck, und das kann in vielen Situationen sehr vorteilhaft sein (...).

KK: Du denkst also, dass eine Schönheits-Operation nicht unbedingt mit einer Veränderung oder Entfernung von der eigenen Identität einhergeht?

C: Ja, genau!

KK: Hast du ein persönliches Schönheitsideal? Wie sollte jemand aussehen, damit du denkst: „Diese Person ist hübsch, diese Person sieht gut aus!“? Ich habe zum Beispiel gehört, dass viele Koreaner große Augen und eine hohe Nase als schön empfinden.

C: Ich glaube, das stimmt. Beim koreanischen Schönheitsideal geht die Tendenz zu großen Augen, einer hohen Nase und heller Haut, dem typischen Erscheinungsbild von Europäern also sehr ähnlich.

KK: Gilt das nur für Frauen oder auch für Männer?

C: Die Augen sind bei Männern, glaube ich, weniger wichtig als die Nase. Die Nase ist genau in der Mitte des Gesichtes. Ein Mann gilt deshalb als attraktiv, wenn er eine schöne und hohe Nase hat. Allgemein scheinen die Schönheitskriterien für Männer aber weniger streng als die für Frauen zu sein.

Reklame für plastische Operationen: vorher – nachher

Reklame für plastische Operationen: vorher – nachher (Foto: Bettina Dirauf)

KK: Viele deutsche Männer finden asiatische Frauen, die also keine Lidfalte und eher kleinere Augen haben, hübsch. In Korea scheint das nicht der Fall zu sein.

C: Ich glaube, dass man oft das schön findet, was im eigenen Land eher ungewöhnlich ist (...).

KK: Denkst du nicht, dass ein negativer Nebeneffekt eines allgemeinen Schönheitsideals und von Schönheits-Operationen darin besteht, dass die Menschen zunehmend gleich aussehen? Oder dass das Aussehen mehr Bedeutung gewinnt als die Persönlichkeit?

C: Für mich und viele Koreaner ist ehrlich gesagt gutes Aussehen wichtiger als Individualität. Wenn jemand durch besonderes Aussehen auffällt, kann das in anderen Ländern attraktiv wirken. In Korea gilt man aber oft als unschön, wenn man die allgemeinen Schönheitskriterien nicht erfüllt.

KK: Also würdest du zustimmen, dass aufgrund des Schönheitsideals und der vielen plastischen Operationen die Menschen in Korea immer ähnlicher aussehen?

C: Kennst du zufällig das Wort Gangnam-Unni?

KK: Nein, das sagt mir nichts.

C: Die meisten Schönheitskliniken liegen in dem Viertel Gangnam. Viele Frauen gehen zu den selben Kliniken und sehen dementsprechend ähnlich aus. Diese Frauen nennt man deshalb spaßeshalber „Gangnam-Unni“ (,Gangnam-Schwester‘) oder auch „Gangnam-Seonggoe“ (,Gangnam-Schönheits-OP-Monster‘).

KK: Spielt das Aussehen auch im Alltag eine große Rolle? Könnte es beispielsweise ein Auswahlkriterium bei einem Bewerbungsgespräch sein?

C: Erst einmal ist es wichtig zu sagen, dass zu viele Schönheits-Operationen und ein daraus resultierendes, unnatürliches Aussehen nicht unbedingt gut ankommen. Aber es stimmt: Bei einem Bewerbungsgespräch kann das Aussehen eine große Rolle spielen. Ich habe schon von Leuten gehört, die bei Bewerbungsgesprächen immer wieder erfolglos sind, weil ihre Gesichtszüge zu hart sind.

KK: Gibt es dementsprechend viele, die sich nach Hochschulabschluss bzw. vor Eintritt in die Arbeitswelt einer Schönheitsoperation unterziehen?

C: In meinem Freundeskreis ist das eher unüblich. Viele Kliniken werben aber mit dem Slogan „Schönheits-OPs für die Jobsuche“.

KK: Nun die letzte Frage: Bist du nach der Operation mit deinem jetzigen Aussehen zufrieden? Oder hast du Pläne für weitere Eingriffe?   

C: Für die Augen-Operation habe ich mich sehr spontan entschieden. Eine Nasen-Operation hatte ich ja schon länger geplant, und an den Plänen hat sich auch nichts geändert.

KK: Vielen Dank, dass du dir für uns Zeit genommen hast!

C: Sehr gern!

 

                                                                                                                                     Das Interview führte Nele Becker. 
 

Eine junge Frau, die sich einer Schönheits-OP unterzogen hat, lächelt von einem Plakat an einer Rolltreppe

Eine junge Frau, die sich einer Schönheits-OP unterzogen hat, lächelt von einem Plakat an einer Rolltreppe (Foto: Bettina Dirauf)

Bild von Nele Becker

Nele Becker (Foto: Felix Grimm | Photographer)

Nele Becker

besuchte nach ihrem Abitur 2014 für ein Jahr die Sprachschule der Yonsei-Universität in Seoul, um die koreanische Sprache zu erlernen. Seit Herbst 2015 studiert sie Europawissenschaften in Maastricht. Derzeit absolviert sie ein Praktikum bei der Konrad-Adenauer- Stiftung in Seoul.

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