Kaleidoskop

Gutes Bier in aller Munde – Craft Beer erobert Korea

Das Magpie (Foto: Rainer Rippe)

„Wie schmeckt dir koreanisches Bier?“ Diese Frage ehrlich zu beantworten, war für einen Deutschen in Korea lange Zeit schwierig. Sollte man zugeben, dass man von den nur schwach gehopften und überwiegend mit Reis gebrauten Sorten alles andere als begeistert war? Wer sich zu diplomatisch ausdrückte, dem schilderte der koreanische Fragesteller anschließend häufig in klaren Worten, wie wenig er von den einheimischen Bieren hielt.

Noch Ende 2012 beschrieb der Economist Korea so: „Feuriges Essen, langweiliges Bier“. Doch inzwischen gibt es immer mehr geschmacksintensive Biere made in Korea. Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch die Lockerung eines Gesetzes, das zur Aufteilung des Marktes zwischen den beiden Großbrauereien Hite-Jinro und Oriental Breweries geführt hatte. Bis Anfang 2012 durften nur Brauereien mit einer Kapazität von über einer Million Litern ihre Biere im Großhandel weiterverkaufen.

Kleinere Brauereien waren gezwungen, als Gasthausbrauereien ihr Bier quasi unter einem Dach zu brauen und zu verkaufen. Davon gab es seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 bereits etliche. Aber erst seit Mikrobrauereien auch andere Gaststätten beliefern dürfen, boomt das Geschäft mit Craft Beer – handwerklich hergestellten, qualitativ hochwertigen und besonders aromatischen Bieren.

Der Trend begann nördlich der U-Bahnstation Noksapyeong im Seouler Stadtteil Itaewon. Nur einen Steinwurf von der Garnison der US-Armee entfernt schossen in den letzten Jahren Pubs wie „Pilse aus dem Zapfhahn“. Sie alle werden beliefert von einer kleinen Brauerei, deren Besitzer sein Handwerk in Deutschland gelernt hat: Ka-Brew, in den Bergen von Gapyeong, etwa 70 km nordöstlich von Seoul gelegen. Dort braut Park Chul mit frischem Quellwasser Biere nach speziellen Rezepten für mittlerweile 130 Kneipen und Restaurants im ganzen Land.

Einer der Noksapyeonger Wirte, die bei Ka-Brew brauen lassen, ist Jason Lindley. Er eröffnete vor drei Jahren gemeinsam mit ein paar Freunden das Magpie. Ironischerweise begegnete ich ihm zufällig bei einer Brauereibesichtigung von Hite-Jinro, wo wir mehr über deren Bier erfahren wollten.

Die Führung durch diese Großbrauerei in der Provinz Gangwon war leider wenig aufschlussreich. Zu probieren gab es lediglich das altbekannte Max, aber keine der neuen Sorten, die unlängst auf den Markt gekommen sind. Zwar bekamen wir alle Stationen des Brauprozesses zu sehen und mithilfe von kurzen Videos erklärt, doch niemand stand uns für weitergehende Fragen zur Verfügung. Umso netter war es von Jason Lindley, dass er sich spontan zu einem Interview bereiterklärte.

Foto: Rainer Rippe

Woher kommst du und was hat dich nach Korea verschlagen?

Jason Lindley: Ich komme aus Chicago und bin seit acht Jahren in Korea. Ursprünglich habe ich hier Englisch unterrichtet.

Du trinkst nicht nur gerne Bier, sondern braust auch selbst welches?

JL: Ja, ich war schon in den USA Hobbybrauer. Als ich nach Korea kam, gab es in der Gegend, in der ich wohnte, kein gutes Bier. Ich habe dann immer Koffer voller Craft Beer aus Japan mitgebracht, wo es das schon länger gibt, und zu Hause selbst Bier gebraut.

Und wie bist du darauf gekommen, einen Pub zu eröffnen?

JL: Meine Freunde, mit denen ich das Magpie betreibe, habe ich auf einer Party kennengelernt. Zwei kommen aus den USA, einer aus Kanada und einer aus Korea. Uns war klar, dass Ausländer gerne Craft Beer trinken, aber die Frage war, ob die Koreaner bereit sind, für besseres Bier mehr Geld zu bezahlen. Als in der Nachbarschaft Craftworks eröffnete, der erste Pub, der nur Craft Beer ausschenkte, erkannten wir das Potential. Heute sind 70 Prozent unserer Gäste Koreaner und 30 Prozent Ausländer.

Eigentlich wollten wir gar keinen Pub eröffnen, sondern unsere Biere an die Pubs in der Gegend verkaufen, aber die bereits für Juni 2011 geplante Änderung der Gesetze verzögerte sich, deshalb brauchten wir einen eigenen Pub, in dem wir unser Bier verkaufen durften. Das ursprünglich nur als Probierraum gedachte Magpie wurde dann so beliebt, dass wir es im April 2012 offiziell als Pub eröffnet haben. Wir gehörten zu den ersten Craft Beer-Pubs, die sich dort angesiedelt haben. Das Timing war einfach perfekt!

Woher stammen deine Rezepte?

JL: Wir bieten zwei feste Sorten Bier an: Ein Porter und ein Pale Ale. Das Porter-Rezept stammt noch aus meiner Zeit als Heimbrauer und ich habe es durch langjähriges Ausprobieren immer weiter verbessert. Das Pale Ale haben meine Freunde und ich gemeinsam entwickelt. Außerdem bieten wir eine wechselnde dritte Sorte an, von der nur 1.000 Liter gebraut werden. Wenn das Fass leer ist, gibt es etwas anderes. Wir hatten schon ein Lavendel Ale, eine Geuze, ein Kölsch und ein Himbeer-Zitronen-Weizen auf der Karte. Momentan schenken wir ein Altbier aus, das bei den Gästen sehr gut ankommt.

Braust du die Biere für den Pub immer noch selbst?

JL: Nein, das macht jetzt Ka-Brew nach unseren Rezepten.

Wie entstand der Kontakt zu der Brauerei?

JL: Einer von uns war schon mit Park Chul befreundet, bevor wir Magpie gegründet haben. Wir sind dann mal mit dem Fahrrad nach Chuncheon gefahren und haben auf dem Weg dorthin bei Ka-Brew haltgemacht und gezeltet. Das war die erste Brauerei, die über genug Produktionskapazität nach den neuen Gesetzesbestimmungen verfügte.

Was hat es eigentlich mit dem Biergesetz auf sich?

JL: Das koreanische Gesetz war eine Mischung aus alten japanischen und deutschen Vorschriften. Damit wurde die Massenproduktion durch Großbrauereien und die langjährige Beschränkung auf mildes Lagerbier begünstigt.

Koreanisches Malz hat einen hohen Proteingehalt und wird hauptsächlich gegessen. Zum Brauen braucht man Malz mit einem hohen Zuckergehalt. Es wird z. B. aus Deutschland oder den USA importiert. Darauf muss man aber dem eingesetzten Volumen entsprechend 300 Prozent Steuern bezahlen. Die koreanischen Großbrauereien verwenden deshalb Zucker und Stärke aus Mais für die Fermentierung, was den Malzgehalt ihrer Biere verringert und es billiger macht.

Wie beurteilst du die Entwicklung von koreanischem Bier?

JL: Es wäre unfair zu sagen, dass koreanisches Bier schlecht ist. Man muss sich vor Augen halten, dass in Korea erst seit wenigen Jahrzehnten Bier gebraut wird. Deutsches Bier war vor 200 Jahren vermutlich auch nicht so gut wie heute. Es ist anerkennenswert, dass Hite-Jinro innerhalb von zwei Jahren auf den Craft Beer-Boom reagiert hat und Queen’s Ale auf den Markt gebracht hat. Die Aufhebung der Beschränkungen hat nicht nur zu einem Brauboom, sondern auch zur Öffnung vieler neuer Pubs geführt und somit zahlreiche Jobs geschaffen.

Amerikanisches Bier hatte ja lange auch keinen besonders guten Ruf. Wie ist denn die Situation in den Vereinigten Staaten heute?

JL: Ich vermute, dass z. B. Schlitz vor 80 Jahren ein tolles Bier war, aber durch die Prohibition starb die Brauindustrie über Nacht. Bier durfte damals nur noch 3 Prozent Alkohol haben. Die Leute haben dann lieber aus Kanada und Irland geschmuggelten Whiskey getrunken. Inzwischen gibt es jedoch viele tolle Craft Beer-Brauereien, z. B. Goose Island, Two Brothers, Pipeworks und Revolution in Chicago. In den USA hat es 30 Jahre gedauert, bis die großen Brauereien auf den wachsenden Craft Beer-Markt reagiert haben.

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Der Craft Beer-Boom ist zwar aus Nordamerika nach Korea übergeschwappt, aber auch die Nachfrage nach europäischen Bieren steigt. Vor dem Magpie befindet sich The Baker’s Table, dessen Besitzer Micha Lichter nicht nur selbstgebackenes deutsches Brot, sondern auch Bier aus der Heimat im Angebot hat. Zwei weitere Läden in der Gasse verkaufen aus Europa und den USA importierte Flaschenbiere. Dazwischen hat der Autor des Economist-Artikels über langweiliges koreanisches Bier, Daniel Tudor, The Booth eröffnet, wo er mit Pizza und bei Ka-Brew gebrautem Bier aufwartet.

Einige Tage nach dem Brauereibesuch stattete ich Magpie einen Besuch ab, um Jason Lindleys Biere zu probieren. Das Pale Ale schmeckte frisch und fruchtig. Das Breakfast Porter war eine Mischung aus Ale und Kaffee: dunkel, schwer und kräftig. Am leckersten war aber das Altbier – es schmeckte genau so, wie man es aus dem Rheinland kennt. Kein Wunder, dass es schon nach kurzer Zeit ausverkauft war.

Adresse von Magpie:

244-1 Noksapyeongdae-ro bzw. 691 Itaewon 2-dong, Yongsan-gu, Seoul. Außerdem im Seouler Stadtteil Hongdae und auf der Insel Jeju. Details unter www.magpiebrewing.com und www.facebook.com/magpiebrewing

Bild von Rainer Rippe

Foto: privat

Rainer Rippe

ist Politikwissenschaftler und hat sieben Jahre in Korea verbracht. Von 2008
bis 2011 hat er an der Hankuk University of Foreign Studies unterrichtet. Von 2012 bis 2016
war er für die Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit in Seoul tätig. Derzeit arbeitet er als
parlamentarischer Referent für Manfred Todtenhausen, MdB im Deutschen Bundestag.

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