Musik

Isang Yun – Ein Orchesterfest zum 100. Geburtstag

Isang Yun, 1985 (© Hans Poelkow, Boosey & Hawkes, Berlin)

Am 17. September 2017 feierte die Musikwelt den 100. Geburtstag des bedeutenden Komponisten und Humanisten, des charismatischen Lehrers und politischen Menschen Isang Yun. Geboren in Tongyeong ganz im Süden Koreas, gestorben 1995 in Berlin, hat sich die Geschichte seines Geburtslandes schmerzhaft in seine Haut und seine Seele gebrannt, aber Yun konnte in Deutschland, seiner zweiten Heimat, in Frieden ein musikalisches Werk schaffen, das um den Ausdruck von Ich und Welt rang. Seit Beethoven ist „Musik“ ein Synonym für Ethik. Yun ist in diesem Sinne ein großer Nachfolger Beethovens.

Was ihn von anderen großen Komponisten seiner Zeit unterscheidet, die Musik im selben Maß wie er als Wahrheitssuche und als ethische Auseinandersetzung verstanden, war das Zusammenströmen zweier Kulturen in seiner musikalischen Erfahrung – nicht durch Faszination, sondern durch seinen Lebensweg. Und damit, so lang nach seinem Tod, setzt er noch heute den Maßstab für den Umgang mit verschiedenen kulturellen Identitäten; ein Maßstab, der ein oberflächliches Zusammenschütten verschiedener Stile künstlerisch klar außer Kurs setzt. Vielleicht ist sein Werk auch dadurch aktueller und kontroverser geblieben als manch eines seiner bedeutendsten Zeitgenossen.

Das Berliner Musikfest widmete diesen besonderen Sonntag dem Andenken Isang Yuns und hatte für eine Orchestermatinee im Konzerthaus am Gendarmenmarkt das Gyeonggi Philharmonic Orchestra eingeladen, das mit seinem Programm in aller Knappheit Yuns Bedeutung gerecht wurde. Es bot die seltene Gelegenheit, ein Orchester zu hören, das den Aspekt der Fremdheit von der anderen, koreanischen Seite her erlebte. Denn Neue Musik ist dem koreanischen Musikfreund doch mindestens so ungewohnt, wie koreanische Musik dem deutschen.

In höchst dramatischer Form geschah diese Auseinandersetzung in dem Stück Réak von 1966, das Yun hohes Ansehen in der Avantgarde-Szene der 1960er Jahre verschaffte. Die Expressivität dieser Musik, die collagenhaft zusammengefügten Klangflächen, der scharfe Klang der koreanischen Klapper pak – eigentlich ein Signalinstrument des Dirigenten in der koreanischen Hofmusik – lassen Yun als Deutschen, als Europäer erscheinen. Denn die Rauheit der mitunter schmerzend schrillen Klänge, die beharrliche Langsamkeit, die zum Bersten gespannte Chromatik der sich aus dem Klangmeer wie Protuberanzen herausschießenden Melodie-Schnipsel ist auf der Höhe der Neuen Musik der Zeit, deren andere bedeutende Komponisten z.B. Bernd Alois Zimmermann, Luigi Nono oder Krzystof Penderecki heißen. Aber in der Aufführung dieses koreanischen Orchesters unter der extrem konzentriert arbeitenden Dirigentin Sung Shiyeon ist dies nur der eine Aspekt eines Vexierspiels:

„Ich sehe“, erklärt sie, „bei sehr vielen Elementen von Réak, dass Isang Yun doch sehr viel koreanische Musik importiert hat, z.B. den Einsatz der Oboe oder die Rhythmusgruppe, die er dann auf alle Instrumente verteilt hat und die hinter der Musik versteckt ist, und das ist sehr koreanisch, und das kennen wir von Kindheit an und merken gleich, dass er etwas damit sagen möchte.“ Die rhythmischen und melodischen Elemente seien so auf diese sehr typische Weise engstens verbunden. Auch deutet die beharrliche Kraft einzelner Haupttöne jenes stoische Insistieren an, das für die alte Hofmusik – der Titel Réak bezieht sich auf rye-ak (rituelle Musik) – so typisch ist, und ihre unverwechselbare ernste Schönheit ausmacht.

Eine kluge Wahl war es, Réak, das gleichzeitig entstandene Orchesterwerk Lontano des rumänisch-ungarisch-stämmigen Komponisten György Ligeti (1923-2006) gegenüberzustellen. Lontano, eine Klangflächenkomposition, besitzt nämlich Eigenschaften, die an die großbesetzten Werke der koreanischen Hofmusik erinnern. Da schieben sich dumpf grummelnde und unheilvoll dissonante Akkorde, vieltönig schimmernd, in feiner Verstimmung reibend übereinander – Stanley Kubrick hat diese Musik unter die gruseligsten Momente seines Films „The Shining“ gelegt. Alle Stimmen sind solistisch, und die zeitlichen Verschiebungen bewirken einen schwebenden, sacht changierenden Klang.

Ich fragte Frau Sung, ob Lontano dem Koreaner nicht überraschend nah sei.  „Wir haben das Stück einmal in Korea gespielt, also so eine sehr gedachte konzeptuell konstruierte Musik sind wir eher nicht gewohnt. Wir sind ein sehr emotionales Volk und sehr spontan, und diese genau ausgedachten, sehr ruhigen Wechsel vom einen zum anderen Ton, wie diese ‚Klangkörper’ zu der anderen Instrumentengruppe übergehen - das war für mich sehr schwer, diesen Anschluss zu finden; natürlich hat dann diese Musik auch ein bisschen Ähnlichkeit mit Yuns Musik, und da habe ich einen Schlüssel gefunden, wie das interpretiert werden soll - ja, ich würde sagen, es ist nicht ganz einfach.“

Shiyeon Sung

Die Dirigentin Shiyeon Sung (© Yongbin Park)

Shiyeon Sung spricht fließend deutsch, denn sie hat Klavier an der ehemaligen Berliner Hochschule der Künste, jetzt Universität der Künste (UdK), studiert und von 2001 bis 2006 Dirigieren an der Hanns-Eisler Hochschule.

Im Interview äußert sie ihre Wertschätzung für die traditionelle Musik Koreas und sieht, wie sehr sie gegenüber der westlichen Musik in den Hintergrund getreten ist.

Es gibt sehr wenig Leute, die wirklich daran interessiert sind, und es ist natürlich eine Schande, weil man seine Wurzeln wirklich gut kennen muss: das sind unsere Vorfahren, das ist der Hintergrund dessen, was wir eigentlich sind. Heutzutage ist die Tradition sehr westlich geworden.“

Isang Yun hat in seinen Werken seinen Teil dazu beigetragen, in zukunftsweisender, nicht restaurativer Weise. Aber infolge seiner von der damaligen südkoreanischen Regierung als staatsfeindlich angesehenen Bemühungen um eine Aussöhnung mit Nordkorea, seiner Entführung aus Berlin und der vor allem durch die großen diplomatischen Bemühungen Westdeutschlands, sowie aufgrund internationaler Proteste erwirkte Freilassung, wurde er für Südkorea zur Persona non grata. Er nahm die deutsche Staatsangehörigkeit an und wurde Professor an der einstigen West-Berliner Hochschule der Künste (HdK). Einer seiner erfolgreichsten Studenten in der Zeit war Toshio Hosokawa (*1956), der in vieler Hinsicht, musikalisch und menschlich von Yuns Künstlerschaft profitierte. In vielen Werken bezieht Hosokawa sich auf seine japanische Tradition. Die Kantate Klage für Sopran und Orchester von 2013, die die Gyeonggi-Philharmonie mit Yeree Suh als Solistin spielte, gestaltete aber in ethnisch neutraler Musiksprache den Ausdruck von seelischem Leid, von „sprachlosem Schmerz“, wie es im Text nach Worten des expressionistischen Dichters Georg Trakl heißt. Der Expressionismus dieses Stücks – ungewöhnlich für einen Komponisten dieser Generation – kann gerne als Hommage an den Lehrer Yun verstanden werden.

Dass Yun nicht an einem Stil festhielt, sondern ihn immer weiterentwickelte, neue Prioritäten setzte und sich auch von der deutschen Avantgarde absetzte, konnte man dem zwölf Jahre nach Reak komponierten Muak – Tänzerische Fantasie für großes Orchester - deutlich anhören. Der Begriff „Tradition“ kann auch hier nicht fehlen, aber es ist ungemein spannend zu verfolgen, wie Yun hier auf seine großen Einflüsse aus der westlichen Moderne zurückgreift – man vermeint Anklänge an Richard Strauss und Claude Debussy wahrzunehmen. Aber es ist, als wäre das Stück aus der Ich-Perspektive geschrieben, und dieses poetische Ich ist Koreaner. Die lebhafte Behandlung einzelner Töne, die Melismen, die kleinen Glissandi und mikrotonalen Schlenker sind unverwechselbar Stil-Zitate aus der Volksmusik. Das dürfte man so geläufig von keinem europäischen Orchester hören. Auch die freudig sich steigernde Rhythmik hat diesen Ursprung. Sung Shiyeon und das gut gelaunte Gyeonggi-Philharmonic Orchestra präsentierten das Meisterwerk aus leichter Hand. Yun lebt.

 

Matthias Entreß

Foto: privat

Matthias R. Entreß

Matthias R. Entreß, geb. 1957 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin als freier Autor, Musikjournalist und -kurator. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an der FU Berlin, kuratierte 2004 in Berlin und 2007 in Italien Festivals mit koreanischer Musik sowie Konzerttourneen mit Pansori (2009/ 2013/ 2015) und Volksmusik (2011). 2005 initiierte er die ersten deutschen Übersetzungen von Pansori, an denen er auch mitarbeitete. Musikjournalistische Schwerpunkte sind Neue Musik und Außereuropäische Musik für DLR, BR, DLF.   Ende 2016 erhielt er die Auszeichnung der Republik Korea.

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