Film

Koreanische Filme auf der Berlinale 2017

Vom 9. bis zum 19. Februar 2017 fand die 67. Ausgabe der Internationalen Berliner Filmfestspiele statt. In diesem Jahr herrschten in Berlin zum Teil eisige Temperaturen, die immer wieder für Hust- und Schneuzkonzerte in den Sälen sorgten. Trotzdem waren die meisten Vorführungen ausverkauft, womit die Berlinale ihrem Namen als ein äußerst publikumsnahes Festival erneut treublieb. In dem Zeitraum von zehn Tagen wurden beim Festival knapp 400 Filme aus allen Kontinenten präsentiert. In mehreren Kategorien liefen auch insgesamt fünf koreanische Produktionen, die ein vielseitiges Bild des koreanischen Kinos und damit des Landes aufzeigen. Neben den drei Beiträgen aktuellen Entstehungsdatums fanden zwei historische Werke den Weg ins Programm, die in ihrer Form nicht nur Meilensteine des koreanischen, sondern auch des internationalen Films darstellen und thematisch sowie künstlerisch mit Werken anderer Kulturregionen auf gleicher Ebene stehen. Daher ist es zweifellos zu begrüßen, dass sie im Rahmen der Sektion Forum endlich einem größeren Publikum zugänglich gemacht wurden. Beide Filme waren Gegenstand einer umfangreichen Restaurierung durch das Korea Film Archive, das die offensichtlich bis dahin vernachlässigten Filmrollen in Bezug auf Farbgebung und insbesondere Tonspur nun für die nächsten Generationen nachhaltig konserviert hat.

Bild aus dem Film Obaltan

Obaltan (© Korean Film Archive)

Obaltan von Yu Hyun-mok

Der erste Film Obaltan (englischer Titel: ,Aimless Bullet’) stammt aus dem Jahr 1968 und erzählt in prägnanten Schwarz-Weiß-Bildern die Geschichte einer koreanischen Familie kurz nach dem Ende des Koreakrieges. Cheol-ho arbeitet als Angestellter in einem Buchhalterbüro, um seine zahlreichen Familienmitglieder versorgen zu können. Seine Frau erwartet ihr zweites Kind, zudem wohnen noch seine alte kranke Mutter, seine Schwester und zwei seiner Brüder bei ihm in einem bescheidenen Verschlag. Das Geld und die Verdienstmöglichkeiten sind knapp, so dass sich die Schwester bald auf die US-Soldaten einlässt, die in der Stadt stationiert sind, der jüngere Bruder Zeitungen verkauft, statt zur Schule zu gehen, und der ältere Bruder sich frustriert nach dem Ende seiner Soldatenkarriere auf eine Verzweiflungstat einlässt. Mittendrin befindet sich Cheol-ho, der nur von einem schlimmen Zahnschmerz geplagt wird.

„Obaltan“ gilt als einer der filmischen Höhepunkte des koreanischen Kinos der 1960er Jahre. In offenbar besonders authentischen Bildern greift das Melodrama die soziale Realität Koreas in einer kurzen Phase der demokratischen Ordnung zwischen dem Sturz des Präsidenten Rhee Syng-man und dem Militärcoup von General Park Chung-hee auf. Regisseur Yu Hyun-mok gilt als einer von drei Autoren, die den südkoreanischen Film der Nachkriegszeit geprägt haben. Die Schwarz-Weiß-Ästhetik nähert den Film dem italienischen Neorealismus an. Obwohl die Familie einem Schicksalsschlag nach dem anderen erliegt, ähnlich wie bei einer griechischen Tragödie, setzt der Regisseur auf eine reduzierte, fast unterkühlte Inszenierung, so dass erst mit der eindrücklichen nächtlichen Taxifahrt der Hauptfigur, die an die Schlussszene in Fellinis „Roma“ erinnert, der Zuschauer die ganze Härte des Erzählten zu spüren bekommt.

Choehuul jeung-in“ von Lee Doo-Yong

Von 1980 stammt ein weiteres Meisterwerk des koreanischen Films, „Choehuul jeung-in“(englischer Titel ,The Last Witnessvon Lee Doo-Yong. Ein Polizeiinspektor soll den Mord an einem Brauereibesitzer in der Provinz untersuchen. Seine Ermittlungen im Umfeld des Opfers führen ihn in die Jahre kurz vor dem Ende des Koreakrieges zurück. Damals wurden ein junges Mädchen und ein älterer Mann, der sich für sie verantwortlich fühlte, durch ihre Nähe zu einer Gruppe kommunistischer Partisanen Opfer eines brutalen Verbrechens aus Gier und Hochmut. Auf der Suche nach den damaligen Beteiligten stößt der Inspektor auf einen gebrechlichen Alten, der weitere Facetten der Geschichte aufdeckt. Sein Gewissen setzt ihm dermaßen zu, dass er im Anschluss einen Schwächeanfall erleidet. Der Ermittler fühlt sich für diesen Todesfall verantwortlich und bleibt fortan emotional mit dem Fall verbunden. Seine Empathie nimmt ein solches Ausmaß an, dass jede professionelle Distanz verlorengeht. Ihm geht es darum, den Menschen zu helfen, die er als die wahren Opfer in der Affäre sieht. Doch die Wirklichkeit stellt sich als noch komplexer und aufwühlender heraus, als er annahm. Nachdem er in Notwehr einen Mann tötet, bleibt ihm nicht viel Zeit, um den Fall zu lösen, ehe er selbst Teil der Ermittlungen wird.

Der Film gilt als Meisterwerk des koreanischen Regisseurs Lee Doo-Yong, der die Weichen für den südkoreanischen Kriminalfilm gestellt hat. Das Werk entstand im Winter 1979/1980, der darin eindrücklich eingefangen ist, zwischen der Ermordung des autokratischen Präsidenten Park Chung-hee  und der darauffolgenden Herrschaft von Chun Doo-hwan. Die Zensur kürzte den Film um über eine Stunde, offenbar mit der Begründung, der Stoff zeige sich zu sympathisierend mit dem kommunistisch geprägten Norden. Das Korean Film Archive restaurierte den Schwarz-Weiß-Film, der nun wieder in seiner vollen Länge von 155 Minuten sichtbar ist, was keineswegs negativ auffällt. Anstößig für die Zensur war offenbar die Parteinahme der Hauptfigur für die ehemaligen kommunistischen Partisanen. Zudem werden Verbrechen wie Vergewaltigung und Mord gezeigt, die offenbar als zu brutal eingestuft wurden. „The Last Witness“ greift verschiedene Themen wie Korruption, Familienbande und Aufopferung auf, die wie in einer griechischen Tragödie Charakter für Charakter ins Verderben führen. Der Regisseur entscheidet sich zudem für einen ungewöhnlichen Ermittler, der als Einzelgänger eine ganz eigene Odyssee durch Eis, Nässe und Schlamm durchläuft und unbeugsame Moralvorstellungen vertritt.

Bild aus dem FIlm: The Last Witness

The Last Witness (© Korean Film Archive)

Becoming Who I Was”  von Chang-Yong Moon und Jin Jeon

In der Sektion Generation präsentierte das Festival eine außergewöhnliche Dokumentation, die die Ausbildung eines Kindes zur buddhistischen Heiligenfigur aufzeigt. „Becoming Who I Was von Chang-Yong Moon und Jin Jeon entwickelt trotz seiner weitgehend ruhigen Bilderfolge eine mitreißende Kraft. Angdu ist kein gewöhnlicher Junge. In einem früheren Leben war er ein wichtiger buddhistischer Lama, ein moralischer und spiritueller Führer. Seinen Status als Rinpoche (tibetischer Ehrentitel) bringt aber insbesondere große Pflichten mit sich. Er muss eine strenge Erziehung, geprägt von Disziplin, Askese und der Distanz vom Elternhaus, absolvieren. Ihm zur Seite stellt sich ein älterer buddhistischer Mönch, der sich als sein Diener verpflichtet. Angdus spirituelle Heimat liegt in Tibet, weswegen er sein Zuhause im nordindischen Gebirge verlassen muss, um in einem tibetischen Kloster seiner Bestimmung nachzugehen. Der Weg dorthin gestaltet sich beschwerlich, doch die Unterstützung seines Lehrers hilft Angdu dabei. Der Film handelt von Freundschaft und Spiritualität, die beiden Figuren zeichnen sich durch eine innere Ausgeglichenheit aus, selbst der Junge. Die beiden strahlen Beherrschung und Ruhe aus.

Chuncheon, Chuncheon (englischer Titel: ,Autumn, Autumn’) von Jang Woojin

Der Film besteht aus zwei Erzählsträngen, die nur den kleinen provinziellen Ort Chuncheon als Gemeinsamkeit haben. Zum einen lebt hier ein junger Mann, der zum wiederholten Mal von einem gescheiterten Vorstellungsgespräch in Seoul nach Hause kommt und seinen Frust mit Alkohol betäuben will. Auf der anderen Seite unternimmt ein älteres Paar eine Vergnügungsreise, mit dem Versuch, sich näher zu kommen. Sie wandeln auf den Spuren ihrer Kindheit und loten zaghaft die Möglichkeiten einer gemeinsamen Zukunft aus. Der junge koreanische Regisseur Jang Woojin präsentiert einen entschleunigten, charmanten Film, der sich ohne Pathos alltäglichen Gefühlen verschiedener Generationen annimmt. Seine Handkamera, die sehr nahe bei den Figuren ist, ermöglicht ihm eine originelle und experimentelle Bildfindung, die an die Ästhetik des Dogmastils erinnert. Produzent des Films ist Kim Daehwan, der im letzten Jahr auf der Berlinale sein hervorragendes Sozialdrama „End of Winter“ vorstellte.

Bamui haebyun-eoseo honjavon Hong Sangsoo

Die leichte Liebeskomödie des Koreaners und erprobten Festivaldauergastes Hong Sangsoo „Bamui haebyun-eoseo honja“ (englischer Titel:,On the Beach at Night Alone) beginnt mit zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere, die sich in Hamburg in einem Park über die Liebe, die Männer und den Wunsch, so zu leben, wie es ihnen passt, unterhalten. Die beiden Koreanerinnen sitzen auf einer Parkbank und beteuern ununterbrochen, wie schön doch alles hier sei. Sie hätten Glück, genau an diesem Ort zu sein, der in einer kürzlichen Umfrage zur Nummer eins der beliebtesten Städte in Bezug auf Lebensqualität gekürt wurde. Doch trostloser und hässlicher könnte die Umgebung kaum sein. Auch die Gespräche oder Nicht-Gespräche mit dem deutschen Ehepaar, mit dem sie Pasta essen und am Strand flanieren, drücken nur Betrübtheit und Depression aus. Younghee ist Schauspielerin und hat sich nach einer komplizierten Affäre mit einem älteren Mann eine Auszeit genommen. Sie befindet sich in einer Krise und weiß nicht richtig, wohin mit sich. Im zweiten und längeren Teil des Filmes, der in zwei Kapitel unterteilt ist, kehrt die junge Frau nach Korea zurück. Sie besucht in einer kleineren Stadt eine Freundin und stößt auch auf zwei männliche Bekannte aus früheren Zeiten. Beide hegen offensichtlich Gefühle für sie, doch sie entgleiten ihnen. Mehrere Trinkgelage folgen aufeinander, die Gespräche, die entstehen, drehen sich scheinbar um harmlose Eitelkeiten, kratzen aber nur an der Oberfläche der offensichtlich tiefsitzenden Gefühle der Beteiligten. Allein am Strand begegnet Younghee schließlich einer Filmcrew, mit der sie oft zusammengearbeitet hat, und dem Regisseur, mit dem sie eine Beziehung unterhielt.

Hong schlägt einen ruhigen Ton ein, der für seine Filme charakteristisch ist. Er lässt vieles unausgesprochen, deutet aber umso mehr an. Gefühlsausbrüche kommen kaum vor, nur aus Younghee bricht es zweimal heraus, was die anderen sogleich herunterspielen wollen: „Sie hatte einen schweren Tag heute.” Worauf Younghee lachend antwortet: „Nein, ich bin jeden Tag so.” Ihr Unvermögen, sich mitzuteilen, ist spürbar. Sie glaubt sich unverstanden, was auch der Realität zu entsprechen scheint. Alle, die sie umgeben, bewundern, begehren oder beneiden sie um ihre Schönheit und um ihr Talent als Schauspielerin. Doch für die Person dahinter reicht ihr Einfühlungsvermögen nicht. Younghee steht für einen Frauentypus, der sich auch wegen seines Berufs für ein emanzipiertes Leben entschieden hat. Damit gehört sie nicht unbedingt zu dem von der Gesellschaft erwarteten Ideal. Das Meer spielt eine Hauptrolle in diesem Film. Am Strand findet die Protagonistin ihre Ruhe. Es steht als Symbol für Melancholie, Fernweh und die Sehnsucht nach etwas nicht klar Definiertem. Obwohl die Dialoge zum Teil improvisiert wirken, arbeitet Hong strikt nach Drehbuch. Es zeichnet sich durch einen subtilen Humor aus, der von Lakonik geprägt ist und auf einer genauen Beobachtungsgabe beruht. Der Film erzählt, wozu Hong eine eindeutige Tendenz zeigt, von verpassten Chancen – vielfach bei ganz alltäglichen Entscheidungen, die seine Charaktere bereuen. Oft spielen dabei Beziehungen zwischen Mann und Frau eine wesentliche Rolle. Eine ganz ähnliche Disposition, die auch Volker Schlöndorff mit seinem Wettbewerbsbeitrag „Return to Montauk“ vorstellt, die aber in letzterem Fall zu einer charakterlosen, prätentiösen Ausführung geführt hat, und im Versuch, ein emotionales Melodrama nach französischem Stil zu schaffen, ins Banale und Langweilige verfällt. Der koreanische Film präsentiert im Gegenzug eine erwachsene Auseinandersetzung mit dem Thema sowie eine Schauspielerriege, die von Hauptdarstellerin Kim Minhee (,The Handmaiden) bis in alle Nebenrollen durch charismatische Präsenz überzeugt. Für ihre schauspielerische Leistung wurde Kim mit dem Silbernen Bären für die Beste weibliche Darstellerin geehrt.

Insgesamt haben die koreanischen Beiträge bei der diesjährigen Berlinale einmal mehr bewiesen, wie reichhaltig und künstlerisch bedeutend die filmische Tradition des Landes ist. Sie steht der anderer Länder an Fertigkeit und Originalität nicht nach, zeigt sich im Gegenteil in allen Genres aktiv und vollzog selbstbewusst und souverän ästhetisch-formale Entwicklungen nach, die zur gleichen Epoche beispielsweise auch im europäischen Kino entstanden. Abgesehen von den Werken, die im offiziellen Programm der Berlinale gezeigt wurden, führten Verleihe und Produktionsfirmen im Bereich des Marktes eine noch größere Zahl an jüngst fertiggestellten Filmen vor, unter denen sich vielversprechende Werke befanden, die im Laufe des Jahres auf hoffentlich zahlreichen Festivals zu sehen sein werden.

Bild von Jörg Krömer

Foto: privat

Jörg Krömer

Jörg Krömer lebt in Berlin und schreibt seit über 25 Jahren Rezensionen über Filme, Soundtracks, Bücher und Neue Medien, hauptsächlich für die ANDROMEDA NACHRICHTEN. Besonders interessiert ist er an sozialen, kulturellen und technischen Entwicklungen.

Ähnliche Beiträge

Film

Kino ohne Happy End

Im Gespräch mit Christoph Terhechte, Leiter des Berlinale-Forums

Film

Vom Kirchenkontakt ins koreanische Kino

Anna Rihlmann spielt die Hauptrolle in einem koreanischen Film über eine deutsche Missionarin

Film

„Right Now, Wrong Then“

Hong Sangsoo erstmalig in deutschen Kinos