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Mehr als nur Winterspiele

Aussicht von der Skisprungschanze auf das Alpensia

Im nächsten Februar wird sich Südkorea erstmals als Gastgeber für die Olympischen Winterspiele präsentieren. Für die Bewohner in Pyeongchang geht es um weitaus mehr als um Sport.

Wenn Südkorea im kommenden Februar seine ersten Olympischen Winterspiele veranstalten wird, geht für die Mittvierzigerin Choi Ji-eun nicht weniger als ein Lebenstraum in Erfüllung. Die Südkoreanerin hilft als Freiwillige bei der Vorbereitung der Spiele mit; an diesem sonnigen Märztag des Jahres 2017 führt sie Touristen durch das Eisfestival am Rande der Ortschaft Pyeongchang. Riesige Schneelabyrinthe wurden auf dem Gelände aufgebaut, ein überlebensgroßer weißer Tiger – das Maskottchen der Olympiade – lächelt den Besuchern zu.

„Als Kind wollte ich nur so schnell wie möglich von hier weg“, sagt Choi Ji-eun mit einem Lächeln. Damals hätten alle ihre Schulkameraden so gedacht: Ihre Heimat habe sie als provinziell empfunden, die Winter als zu windig und kalt. Nach ihrem Schulabschluss zog die Koreanerin in die Metropole Seoul, wo sie studierte und sich für einen Bürojob bewarb. „Sobald ich jedoch in der Zeitung gelesen habe, dass sich Pyeongchang als Gastgeber für die Olympischen Spiele bewirbt, bin ich nach fast zwanzig Jahren wieder zurückgekehrt. Die Winterspiele geben den Menschen hier Hoffnung auf eine glückliche Zukunft".

Bis jedoch das Olympische Komitee tatsächlich den südkoreanischen Ort in der Gangwon-Provinz auswählte, war es ein steiniger Weg. 2010 musste man sich hauchdünn Vancouver geschlagen geben, 2014 verloren die Koreaner ebenfalls knapp gegen Sotschi. Im dritten Anlauf hat es dann endlich geklappt.

Es gibt wohl kaum ein Volk, in dessen kollektivem Gedächtnis sich internationale Sportereignisse derart eingebrannt haben wie in Südkorea. Die Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul symbolisierten nicht weniger als die Aufnahme in die globale Gemeinschaft. Erstmals konnte sich der Tigerstaat am Han-Fluss als wirtschaftlich aufstrebende Demokratie präsentieren. In der Hauptstadt wurde nicht nur ein ikonisches Olympiastadion errichtet; es entstanden auch komplette Hochhausviertel und neue U-Bahn-Linien. Die Leute erfüllte es mit Stolz, sich im medialen Scheinwerferlicht der internationalen Gemeinschaft zu sonnen.

30 Jahre später soll dieser Erfolgsgeschichte in Pyeongchang um ein weiteres Kapitel ergänzt werden. Winterspiele gelten als perfektes Vehikel, um die Botschaft von einer wohlhabenden Hightech-Nation in die Welt hinauszuposaunen. Schließlich ist in ganz Asien bislang nur Japan die Gastgeberehre zuteil geworden.

Pyeongchang gilt mit seinen malerischen Bergen, den Nadelwäldern und Kartoffelfeldern zu den unberührtesten Regionen des Landes. Vom Aussichtsturm der Alpensia Skisprungschanze lässt sich das Panorama in all seiner Schönheit bewundern. Kulinarisch ist die Gegend vor allem für seinen Kohlfisch bekannt, der während der langen Winter draußen aufgehängt und vom eisigen Wind so lange getrocknet wird, bis er die richtige Konsistenz erreicht.

Gleichzeitig zählte Pyeongchang bislang jedoch auch zu den wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Gegenden des Landes. Dies wird sich mit den Winterspielen nun ändern: Ein Hochgeschwindigkeitszug wird den olympischen Gastgeberort Mitte des Jahres mit der Hauptstadt verbinden. Vom Flughafen Incheon bis nach Pyeongchang braucht man dann nur mehr eine Stunde und zehn Minuten. Zudem werden die Spielstätten in künftigen Wintern Ski- und Eissportler anlocken.

Noch gilt Südkorea als junge Wintersportnation. Laut dem nationalen Skiverband haben die Pisten des Landes in der Wintersaison 2011/12 stolze 6,8 Millionen Besucher verzeichnen können. Im letzten Winter waren es nur mehr 4,9 Millionen. Es wird jedoch erwartet, dass die Spiele in Pyeongchang zu einem nachhaltigem Aufwärtstrend führen.

Bergpanorama vom Skilift Pyeongchang (Alle Fotos: Fabian Kretschmer)

Dafür wird vor allem die neu errichtete Jeongseon-Strecke sorgen. Die Piste, designt vom Ski-Veteranen Bernhard Russi, ist mit einer Länge von 2650 Metern vergleichsweise kurz geraten, gilt jedoch als technisch überaus anspruchsvoll. Mit ihrer Dichte an Sprüngen und Steilhängen wird die Piste für den einen oder anderen Athleten sicher zum Alptraum werden, für den Fernsehzuschauer jedoch ist sie mit Sicherheit ein Augenschmaus. „Der Kurs kann locker mit den besten der Welt mithalten", sagt Günter Hujara, der für die FIS als technischer Experte die Planung begleitet hat.

Die Organisatoren standen bei der Skipiste vor einem moralischen Dilemma: Einerseits befand sich auf dem Gebiet der Jeongseon-Strecke einst einer der ältesten Wälder der koreanischen Halbinsel. Bereits im 15. Jahrhundert wurde hier für den Kaiser Ginseng angepflanzt. 2008 wurde die Gegend als Naturschutzgebiet designiert. Fünf Jahre später hob die Regierung die Bestimmung wieder auf. Letztlich blieb den Organisatoren kaum eine andere Wahl: Kein anderer Berghang wäre hoch und steil genug gewesen, um die olympischen Anforderungen zu erfüllen. Um die Rodungen zu minimieren, wurde daher erstmals in der Geschichte der Kurs der Männer und Frauen zusammengelegt.

Wenn es nach Choi Moon-soon geht, dann bieten die Olympischen Spiele neben der sportlichen Dimension auch eine politisch einmalige Chance. In einer kühnen Vision schlug der Gouverneur der Gangwon-Provinz symbolische „Friedensspiele“ vor. Sein Ziel war die sportdiplomatische Annäherung an Nordkorea. Die Athleten beider Koreas sollten bei der Eröffnungszeremonie gemeinsam einlaufen und zuvor in denselben Sportstätten trainieren. „Wir wollen eine Wiedervereinigung – nicht nur für die getrennten Familien, sondern auch für die wirtschaftliche Entwicklung der Region“, sagt Choi.

Kaum 80 Kilometer ist die innerkoreanische Grenze von Pyeongchang entfernt, doch auch emotional ist die Bindung zum Norden größer als in anderen Teilen Südkoreas. Das hat vor allem mit der jüngeren Vergangenheit der Region zu tun: Das Gros der Bewohner vom Taebaek-Gebirge setzt sich aus einstigen Kriegsflüchtlingen zusammen, die sich in den Bergen niederließen, um ihrer einstigen Heimat möglichst nah zu sein. Nur mehr wenige von ihnen sind noch am Leben, die sich an ein geeintes Land erinnern können. Für sie symbolisieren die Olympischen Spiele viel mehr als nur die Jagd nach Goldmedaillen.

Von der neu gewählten Regierung rund um Präsident Moon Jae-in wurde bereits angedeutet, dass die zwischenzeitlich auf Eis gelegten Pläne der symbolischen Spiele zaghaft wieder aufgegriffen werden. Insofern könnten die Winterspiele im Sinne des Olympischen Geistes auch den Grundstein für Abrüstung und Annäherung bilden.

Foto: Heinrich Holtgreve

Fabian Kretschmer

Fabian Kretschmer, 1986 in Berlin geboren, studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien, Shanghai und Seoul. Er arbeitet seit 2010 als freier Journalist für Zeitungen, Magazine, Onlinemedien und das Radio. Seit September 2014 ist er Korrespondent in Seoul, unter anderem für die taz, die Wiener Zeitung und den Standard. Im August 2015 folgte die erste Buchveröffentlichung im rowohlt Verlag: "So etwas wie Glück".

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