Porträt

„Mein eigener Stil ist es, keinen zu haben”

Im Gespräch mit Minsuk Cho, einem der berühmtesten Architekten Koreas

Minsuk Cho (© Nina Ahn)

„Wow, ist es das, was du tust?“, fragte Minsuk Cho seinen Vater im Alter von sieben Jahren, als er dessen Werk auf dem Cover eines Buches wiederfand. Das Büro des Vaters, seinerseits Architekt, befand sich direkt im Haus der Familie, die auch mütterlicherseits künstlerisch veranlagt war. In dieser Atmosphäre konnte Kreativität gedeihen – und sie gedieh. Ob auf Papier, mit Ton oder sonstigem Bastelbedarf: „Ich war schon als Kind sehr interessiert, Dinge zu gestalten.“

Heute ist Minsuk Cho einer der berühmtesten koreanischen Architekten und einer kulturinteressierten Weltöffentlichkeit nicht zuletzt als Beauftragter und Co-Kurator des Korea-Pavillons der Architektur-Biennale in Venedig 2014 im Gedächtnis. Die entsprechende Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen war seinerzeit in aller Munde. „Ich bin sehr glücklich, mein Leben und meine Arbeit der Leidenschaft widmen zu können“, sagt er im Brustton der Überzeugung. Ist es diese Leidenschaft, der er seinen Erfolg verdankt? „Ich weiß es nicht, aber ich war immer schon sehr neugierig. Jungen, mit einem Architekturstudium liebäugelnden Leuten sage ich immer, dass sie den Prozess lieben müssen, die Ideen im Kopf Wirklichkeit werden zu lassen, das ist ein zentraler Punkt. Die Anerkennung für ein Werk steht erst ganz am Ende.“

Wer Minsuk Cho kategorisieren will, wird scheitern. „Mein eigener Stil ist es, keinen zu haben.“ Gewiss, es gibt eine bestimmte Haltung, einen Nenner, „aber einen Stil, der durch eine bestimmte visuelle Qualität oder eine spezielle architektonische Sprache geprägt ist…? Nein, diesbezüglich war ich schon immer sehr sprunghaft und inkonsequent.“ Er hat sich stets dagegen verwehrt, zu einer ‚Marke‘ zu werden oder zu einem Roboter, der schematisch gestaltet. „Das wäre das Gegenteil meiner Selbst, der ich immer leidenschaftlich sein will in Bezug auf das, was ich tue. Ich habe Architektur stets als Passion begriffen, bin interessiert an einer dynamischen, sich ständig verändernden Gesellschaft. Ich möchte im Austausch sein mit dem Rest der Welt.“

Nicht zuletzt deshalb hat er in den USA und in den Niederlanden gelebt. Dieses Wissen um andere Lebenswelten hat ihn verändert. „Ich glaube, ich wäre eine andere Person, wenn ich nicht nach Holland gegangen wäre.“ Solange er vornehmlich Seoul und New York kannte, hat er die Welt eher auf binäre und gegensätzliche Weise betrachtet, sie in östliche und westliche Hemisphäre unterteilt. „Der Aufenthalt in Rotterdam hat mir dann die Augen geöffnet. Ich habe das Leben von nun an mehrdimensional betrachtet, und ich fühle mich bereichert durch die Erfahrung, das Leben auf drei verschiedenen Kontinenten kennengelernt zu haben. Die Welt ist so vielfältig, und die Architektur zwingt dazu, sich einzulassen und andere Menschen zu verstehen.“

2003 ist er schließlich nach Korea zurückgekehrt - „rein zufällig und ungeplant“ - und hat seine Firma Mass Studies gegründet. Auf die Frage nach der Botschaft hinter der Namensgebung entscheidet er sich für die kürzere der beiden möglichen Antworten, von denen die längere eine ganze Stunde in Anspruch nehmen würde, wie er sagt. „Masse“, so erklärt er, beziehe sich auf die Wissenschaft, sei ein Wort aus der Physik und der Soziologie. „Architektur bildet die Schnittmenge aus verschiedenen Disziplinen, aber mich interessiert konkret die Verbindung zwischen diesem wissenschaftlichen, physikalisch-technischen, soziologischen Aspekt. Ich begreife Architektur als eine Art Sozialwissenschaft.“

Auch Seoul, Heimat und Lebensmittelpunkt dieses Weltbürgers, sei Inbegriff für das Wort „Masse“. Hier leben 60 Prozent seiner Einwohner und damit etwa sechs Millionen Menschen zumeist in Hochhausblöcken, fliegen weitere Millionen nach Schanghai, Peking oder Tokio, in all diese benachbarten Megacities mit ihrer beeindruckenden Vitalität, die innerhalb von zwei Stunden erreichbar sind. Dennoch sind seine Gefühle ambivalent, seine Gedanken zuweilen gar radikal. „Mit Seouls Architektur ist eine Menge schief gelaufen in den letzten Jahrzehnten, mein Verhältnis zu dieser Stadt ist zwiespältig und gleichermaßen von Liebe wie von Hass geprägt. Ich bin einerseits leidenschaftlich interessiert an dieser Metropole, weil sie der Ort ist, an dem ich zu Hause bin, an dem Menschen leben, die mir wichtig sind. Gleichzeitig bin ich in der Welt zu Hause, bin viel herumgekommen und weiß, dass kein Ort perfekt ist, und es überall eine Kehrseite gibt. Auch Problemviertel bergen eine Chance. Auch in Seoul. Die Betrachtungsweise hängt von der persönlichen Haltung ab.“

 

Seoul Commune 2026 (Mit freundlicher Genehmigung von Mass Studies).

 

Nur einmal angenommen – und wir erdenken jetzt eine reine Fantasiewelt -, er erhielte den Großauftrag, Seoul umzugestalten. Er lacht und führt das Gedankenexperiment freimütig aus: „Ich wäre gern Teil eines disziplinübergreifenden Teams, nicht notwendigerweise der Dirigent eines Orchesters. Architektur ist Teil eines Machtgefüges, das von Politik und Geld bestimmt wird“, erklärt er. „Ich würde versuchen, mich daraus zu lösen und die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, die von den Ideen der Menschen lebt.“ Verändern würde er jedenfalls wohl so einiges. Das Projekt Seoul Commune 2026 beispielsweise verdeutlicht sein Anliegen, Architektur nicht an dem Menschen vorbei zu entwerfen. Diese Arbeit geht zurück auf eine Ausschreibung für ein Architektur-Projekt aus dem Jahr 2005, fokussierend auf die Frage, inwiefern sich unser Lebensumfeld innerhalb der nächsten 20 Jahre verändern würde. Mass Studies wurde ausgewählt und präsentierte seinen Entwurf für ein 16- bis 53-etagiges Gebäude-Arrangement auf einer Fläche von knapp 400.000 m2, untertitelt mit „Rethinking Towers In the Park” (‚Türme im Park neu denken‘). Von Ferne erinnert dieses Gefüge an einen artifiziellen Wald oder an überdimensionierte, professionell gestaltete Heckenfiguren – an Landschaftsarchitektur in jedem Fall. „Ich glaube wir sind uns alle einig, dass es sich anbietet, in einer dicht besiedelten Stadt wie Seoul den ökologischen Aspekt zu berücksichtigen“, erklärt Cho. Als Umarbeitung des „Towers in the Park“-Konzeptes, das damals auf die Großstädte Asiens angewandt wurde, bildete dieser Entwurf die Vorstellung von einem Raum ab, in dem die Türme zum Park werden und der Park zu Türmen, die ihrerseits als ein nahtloses Ganzes auftauchen - in einer dicht besiedelten Gegend im Süden von Seoul.

Was hat es nun auf sich mit dieser in Beton gegossenen Naturlandschaft, diesem spekulativen Wettbewerbsprojekt? „Anders als in der westlichen Welt dominieren Hochhäuser das Stadtbild von Seoul und anderer Megacities Ostasiens.“ Welch Absurdität, dass Millionen Menschen trotz der Enge des Raums und der Dichte des Zusammenlebens kaum aufeinandertreffen, weil die baulichen Struktur eben dies genau zu verhindern weiß. „Auch die Aufzüge minimieren den Kontakt der Bewohner untereinander, es gibt praktisch keinen Raum für Begegnung in diesen Hühnerställen “, wie Cho dieses fragwürdige Wohnkonzept nennt. „Das wird zu einem gesellschaftlichen Problem, weil damit auch die Fähigkeit zu gesellschaftlicher Interaktion verlorengeht. Früher war Seoul zwar dicht besiedelt, aber niedriger gebaut und damit viel horizontaler. Als ich Kind war, bin ich noch durch die Gassen gelaufen, sie waren mein Spielplatz“, erinnert sich Cho ein bisschen wehmütig.

Diese bauliche Konformität der Außenfassade spiegelt sich im Innern wider. Gleiche Aufteilung gleicher Apartments, die sogar auf die gleiche Weise eingerichtet sind. Wie erklärt sich dieses Phänomen der Homogenität? „Die koreanische Gesellschaft vereint zwei gegensätzliche Positionen. Zum einen gibt es ein konfuzianisches Ideal, wonach Menschen irgendwo hingehören und in der Konformität aufgehoben sein wollen. Die Apartmentblöcke sind eine Antwort darauf. Zum anderen gibt es ein Freiheitsbedürfnis, das ausgelebt werden will - in kommerziellen Räume gleich nebenan: Karaoke-Bars, Jjimjilbangs [öffentliches Badehäuser, Anm. d. Red.], Massagestudios, Motels - Räume anarchischer Freiheit. Die andere Seite der Medaille.“

„Mit Seoul Commune 2026 kreiere ich eine neue Art von Hochhäusern, in denen die Räume dreidimensional miteinander verbunden sind.“ So findet sich in einem Turm ein Schlafbereich, der zugleich auch Resonanz auf eine alternde und individualisierte Gesellschaft ist. Gegenüberliegend ist ein großer Bereich für die Gemeinschaft angelegt. „Alle Wohnräume sind auf vertikaler und horizontaler Ebene miteinander verbunden.“ Minsuk Cho verweist auf Fritz Langs monumentalen Stummfilm „Metropolis“ aus dem Jahr 1927, diese Zukunftsvision, diese Hochhäuser mit den alles verbindenden Brücken. „Da gab es schon so eine Vision.“ Mit Seoul Commune 2026 hat er die „Hühnerställe“ konzeptionell auf den Kopf gestellt und einen Entwurf für eine andere, eine verbindlichere Art des kollektiven Zusammenlebens vorgelegt. Das Wohnkonzept der Zukunft vielleicht? „Als Mies van der Rohe vor 50 Jahren die gläsernen Hochhäuser entwarf, war das eine radikale Sache. Wir hätten nicht geahnt, dass sich diese Häuser eines Tages überall in der Welt finden würden, unabhängig auch von extremen klimatischen Bedingungen wie beispielsweise in Dubai. Diese Bauweise wurde zu einem Trend.“

 

Architektur-Biennale Venedig 2014, Koreanischer Pavillon, „Crow’s Eye View: The Korean Peninsula” (Mit freundlicher Genehmigung des Arts Council Korea).

 

In Seoul jedenfalls gibt es eine Menge zu tun, und so ist der Weltbürger Minsuk Cho erst einmal sesshaft geworden. „Korea bedeutet eine Konfrontation mit so vielen verschiedenen Herausforderungen, es wird niemals langweilig.“ Das Thema der innerkoreanischen Wiedervereinigung beispielsweise hat er bereits im Rahmen der Architektur-Biennale 2014 in Venedig mit der Ausstellung „Crow's Eye View: The Korean Peninsula“ antizipiert, die als bester Länderbeitrag des Jahres 2014 im koreanischen Pavillon präsentiert wurde. Unter dem vorgegebenen Thema „Absorbing Modernity 1914-2014“ (‚Aufarbeitung der Moderne 1914 – 2014‘) hatten Minsuk Cho und sein Kuratorenteam Architektur aus Nord- und Südkorea präsentiert. „Leider gab es keinen Austausch mit nordkoreanischen Architekten, trotz der vollen Unterstützung dieses Anliegens durch das südkoreanische Ministerium für Vereinigung.“ Die Kuratoren um Cho hatten Stadtplaner, Architekten, Künstler und Autoren ebenso wie Fotografen und Filmemacher um Darstellung der Situation auf beiden Seiten des 38. Breitengrades gebeten. Die Jury zeigte sich von dieser Ausstellung begeistert und verlieh den Goldenen Löwen. „Als Architekten arbeiten wir immer an etwas, das erst einige Jahre später Gestalt annehmen wird, wir müssen also immer unseren Optimismus projizieren und vorausschauend sein – das ist sehr herausfordernd.“ Vielleicht war der koreanisch-amerikanische Komponist und Videokünstler Nam June Paik ja deshalb schon seit Kindertagen sein Vorbild? „Er hat immer inspirierend auf mich gewirkt, war für mich eine prophetische Figur, hat Dinge vorausgesehen.“

Auf die Frage, welchen Einfluss Cho der Architektur im Allgemeinen und in Bezug auf den innerkoreanischen Dialog im Besonderen beimisst, entgegnet er: „Ich bin in dieser Frage kein Experte, aber ich gehöre nicht zu denen, die glauben, dass Architektur das mächtigste Medium ist, das Menschen formt“, wie es Winston Churchill einst mit folgenden Worten andeutete: „Zuerst gestalten wir unsere Gebäude und dann formen sie uns." Gewiss, Architektur habe Einfluss, „aber es gibt in dieser Welt sehr glückliche Menschen, die quasi ohne Architektur auskommen, wohingegen viele unglückliche Menschen von großartiger Architektur umgeben sind.“ Dennoch schreibt Cho der Architektur die Fähigkeit zu, einen einzigartigen Dialog zu erzeugen, der sich von anderen künstlerischen Disziplinen unterscheidet.

„Architektur ist auch Kunst, aber es ist keine pure Kunstform. Für Architekten gelten zahllose andere Gesetze und Bedingungen als sie beispielsweise für Autoren gelten, die uneingeschränkt kreativ sein und mit ihren Büchern die Welt verändern können. Ich hingegen muss immer mit dem Wunsch eines anderen arbeiten, den Wunsch des Kunden verstehen. Das ist ein sehr interessanter und lohnenswerter Prozess, der aber zugleich auch eine Einschränkung bedeutet, weil verschiedene Außenfaktoren in den Schaffensprozess eingreifen und politische und wirtschaftliche Interessen nicht auszublenden sind.“

Die Liste der Erfolgsprojekte von Mass Studies ist lang, wenngleich der eigene Blick auf das Resultat stets kritischer ist. „Wir Architekten sehen vor allem immer das, was anders sein sollte, wir sehen all die Probleme.“ Eine Arbeit, die Cho persönlich am Herzen liegt, findet sich nach eigenen Worten auf der Erfolgsliste bislang nicht. „Mein Lieblingswerk wird mein nächstes sein“, kokettiert er lachend.

Mit Leidenschaft entworfen, soviel dürfte heute schon sicher sein.

 

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