Kaleidoskop

Nachfrage nach buddhistischem Tempelessen dank Mund-zu-Mund-Propaganda

Die Nonne Seonjae mit Teilnehmer/innen an einem Kochkurs für buddhistische Küche (Foto: Rainer Rippe)

Das Scheinwerferlicht spiegelt sich auf dem kahlgeschorenen Kopf der kleinen Frau im hellgrauen Mönchsgewand. Mit beiden Händen hält sie eine halbe Lotuswurzel hoch und spricht über die Wichtigkeit von gesundem, natürlichen Essen. Dann nimmt sie ein großes, scharfes Messer und trennt die Wurzel in der Mitte durch, bevor sie beide Teile in schmale Stücke schneidet.

Gemeinsam mit sechs anderen Besuchern des Temple Food Festivals mache ich es ihr nach. Als nächstes zerschneiden wir jeder drei Chinakohlblätter, ein kleines Stück Gurke, eine halbe koreanische Birne sowie eine rote Chilischote und geben alles in einen Plastiktopf. Dann füllen wir alle eine Schale mit fünf Tassen Wasser und rühren nacheinander einen Esslöffel Apfelmus, einen Esslöffel Meersalz, drei Esslöffel Sojasauce, einen Esslöffel rotes Chilipulver und einen Esslöffel Lotusbrei unter (Anmerkung: Von der Lotuswurzel wird nur eine Hälfte in Scheiben geschnitten. Die andere Hälfte wird zuvor mithilfe eines Reibeisens zerrieben und zu Brei gekocht).

Die Nonne Seonjae mit den Zutaten für Lotuswurzel-Wasserkimchi (Foto: Rainer Rippe)

Das Ganze schütten wir in ein Sieb, pressen mit dem Esslöffel die nun rötlich gefärbte Flüssigkeit hindurch und gießen sie über das kleingeschnittene Gemüse. Bevor wir unseren Lotuswurzel-Wasserkimchi essen können, muss er noch drei bis vier Tage im Kühlschrank stehen (Anmerkung: Die festen Bestandteile der Flüssigkeit verbleiben im Sieb und werden nicht weiter verwendet).

Zwei Kursteilnehmerinnen bei der Zubereitung des Kimchi (Foto: Rainer Rippe)

Zahlreiche Zuschauer und ein Kameramann des Senders Arirang TV folgten diesem kleinen Kochkurs auf der International Buddhism Expo gebannt, denn die unscheinbar wirkende Nonne, die uns anleitete, ist eine Berühmtheit in Korea. Sie heißt Seonjae und wurde 1956 in Suwon geboren. Schon ihre Mutter war eine gute Köchin, der sie oft über die Schulter geschaut hat, und ihr Vater besaß ein Geschäft für Kräutermedizin.

Eines Tages kam ihr ein Buch über den Buddhismus in die Hände, in dem stand, dass der Buddha Ratsuchende als Erstes fragte: „Was isst Du?“, was sie sehr beeindruckte. Seit sie vor über dreißig Jahren Nonne wurde, widmet sie sich ganz dem buddhistischen Tempelessen und lehrte an der Dongguk-Universität, wie man es kocht. Zahlreiche Kochbücher verhalfen Seonjae zu beachtlicher Popularität: Wer heute einen ihrer Kochkurse besuchen will, muss bis zu einem Jahr auf einen Platz warten.

Eine tpyische Mahlzeit der buddhistischen Tempelküche (Foto: Rainer Rippe)

Dabei ist die buddhistische Tempelküche durch den Verzicht auf Fleisch, Fisch, Frühlingszwiebeln und Knoblauch relativ schlicht und weniger scharf als so manches typische koreanische Gericht. Im Vordergrund steht denn auch nicht der durch allerlei Gewürze hervorgerufene Gaumenkitzel, sondern eine natürliche, vegetarische Ernährung, die heilende Wirkung haben soll und nicht nur der körperlichen Gesundheit dient, sondern auch dem Seelenfrieden.

In der heutigen koreanischen Gesellschaft mit langen Arbeitstagen bleibt oft wenig Zeit, selbst zu kochen, und Fast Food gibt es an jeder Ecke. Doch auch hierzulande findet der Trend, bewusster und ausgewogener zu essen, immer mehr Anhänger, die vor allem mittels Mund-zu-Mund-Propaganda zur Popularität von Seonjaes Kochkursen beitragen.

Die Nonne Seonjae und die Kursteilnehmer/innen präsentieren ihren fertigen Lotuswurzel-Wasserkimchi
(Foto: Rainer Rippe)

Selbst der Bürgermeister von Seoul, Park Won-soon, schaut kurz vorbei, lässt sich unseren Kimchi zeigen und lobt dessen gesundheitsfördernde Wirkung.

Dann muss er weiter, denn auch die Aussteller in den anderen Hallen wollen von ihm begrüßt werden. Dort gibt es alles für den Bedarf von buddhistischen Mönchen und Nonnen: Tee, Geschirr, Besteck, Kleidung, Gemälde, Musikinstrumente, Bücher und vieles mehr.

Eine Ausstellerin auf der International Buddhism Expo mit einem Besucher (Foto: Rainer Rippe)

Handwerksbetriebe demonstrieren, mit welchen Werkzeugen und Techniken Tempel gebaut werden. Ein älterer Verkäufer mit zwei blitzenden Goldzähnen im Mund lässt einen Gong ertönen, während er einem interessierten Mönch die Beschaffenheit des Materials erklärt. Besucher erfreuen sich am Foto eines kleinen Kindes in tibetischem Gewand mit hellblauer Pudelmütze, das eine Gebetskette in den Händen hält und ganz in sich versunken scheint.

Doch bei allem Traditionsbewusstsein geht es auch fortschrittlich zu, wie das Beispiel eines Herstellers von kleinen Schneepflügen zeigt, die auch zum Rasenmähen eingesetzt werden können. Offenbar hofft die Firma, dass die Mönche und Nonnen ihre Zeit lieber für andere Dinge verwenden, als für das Schnee-Schaufeln. Das Kalkül könnte aufgehen. Seonjae zeigt mit ihren Kochkursen, dass koreanische Mönche und Nonnen mit der Zeit gehen und mitnichten weltabgewandt sind. Die zahlreichen Freunde der Tempelküche danken es ihr.

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