Kaleidoskop

Neujahrsparty mit traditionellem koreanischen Alkohol

Regal mit Zutaten für das Brauen von traditionellem Alkohol

Regal mit Zutaten für das Brauen von traditionellem Alkohol
(Fotos: Rainer Rippe)

An Seollal (설날), dem koreanischen Neujahrsfest nach dem Mondkalender, kann es einem tatsächlich passieren, dass man in Seoul vor verschlossenen Türen steht. Zu den dreitägigen Feierlichkeiten fahren Jung und Alt in ihre Heimatorte, und in der sonst so rastlosen Metropole sind die Straßen dann ungewohnt leer und viele Geschäfte geschlossen. Spontan eine Reise zu unternehmen ist fast unmöglich, denn Bus- und Zugfahrkarten sind spätestens einen Monat vorher ausgebucht, und selbst Flugtickets kaum noch zu bekommen, da immer mehr Koreaner das verlängerte Wochenende für eine Auslandsreise nutzen.

Wer der Tradition folgt und sich in seinen Heimatort begibt, zieht am Neujahrsmorgen Festtagskleidung an und versammelt sich mit seinen Familienmitgliedern zu einer Ahnenzeremonie namens Charye (차례). Dabei werden die Ahnentafeln der Verstorbenen auf einem Tisch aufgestellt, der reich mit Speisen und Getränken gedeckt wird. Die Nachfahren füllen Becher mit Alkohol und verbeugen sich vor dem Altar. Mit dieser Ehrerbietung werden die Vorfahren um Ihren Beistand für die Familie im neuen Jahr gebeten.

Bild von Kimberly Buxton umgeben von Gästen

Kimberly Buxton (Mitte) umgeben von Gästen

Nach der Zeremonie isst man Tteokguk (떡국), eine Rinderbrühe mit Reiskuchen, der in ovale Scheiben geschnittenen ist. Durch das Essen der Suppe werden alle ein Jahr älter (statt am Geburtstag). Wie eng diese Speise mit Seollal verbunden ist, zeigt die etwas altmodische Frage: „Wie viele Schalen Tteokguk hast Du gegessen?“ (떡국  얼마나  먹었어요?). Damit wollte der Fragende erfahren, wie alt der Befragte ist.

Es ist aber nicht das Älterwerden, das vielen jungen Koreanern Seollal verleidet. Unverheiratete werden fast unweigerlich von Verwandten mit der Frage konfrontiert, wann sie denn endlich zu heiraten gedenken. Deswegen drücken sich immer mehr Singles vor der Feier, wenn sie können. In diese Verlegenheit kommt man als Ausländer ohne koreanische Familie zwar nicht, aber dafür hat man an den Neujahrstagen nur eingeschränkte Möglichkeiten, etwas zu unternehmen.

Umso schöner ist es, wenn jemand eine Neujahrsparty gibt, bei der sich Ausländer und Koreaner gemeinsam fern der Familie amüsieren können. Erst im Dezember hatte Kimberly Buxton mit sechs anderen kleinen Unternehmen das gemeinsame Restaurant „Twelve Moons Market & Dining“ (열두달마켓&다이닝) eröffnet. Ihre Mitbetreiber bieten u. a. Sandwiches, Pasta und Craft Beer an. An Seollal, dem ersten Neumond des Jahres, fand im „Twelve Moons“ eine private Feier statt, bei der reichlich Makgeolli (막걸리) ausgeschenkt wurde (6- bis 7-prozentiger Alkohol aus Reis). Denn Kimberly hat sich mit ihrer Firma JAJU Urban Brewing (자주 - 도심자가양조) auf das Brauen von traditionellem koreanischen Alkohol (Jeontongju – 전통주) spezialisiert.

Bild von Tom Steinberger

Tom Steinberger (rechts, hinter den Tonkrügen, beim Ausschenken von Makgeolli / links: Gäste)

„Ich trinke gerne Makgeolli“, erzählt die Tochter eines amerikanischen Vaters und einer koreanischen Mutter, „aber was man normalerweise in Läden und Restaurants in grünen Plastikflaschen bekommt, hat mit dem ursprünglichen Getränk nicht viel gemeinsam. Es ist ein Massenprodukt, mit künstlichen Zusätzen und Süßstoffen versetzt, und von minderer Qualität. Deshalb habe ich beschlossen, selbst traditionellen koreanischen Alkohol zu brauen – auf natürliche Weise und von Hand.“

Aus drei großen, tönernen Krügen und einer bauchigen Flasche mit langem Hals schenkt Tom Steinberger verschiedene Sorten selbstgebrauten Alkohols an die Gäste aus. Er kam 2002 für ein Praktikum an der amerikanischen Handelskammer nach Korea und ist nun einer von Kimberlys Partnern bei JAJU Urban Brewing. Tom berichtet, dass das private Brauen von Makgeolli im 20. Jahrhundert lange Zeit verboten war: „Es ist ein Bauerngetränk, das mit Rebellion in Verbindung gebracht wurde“. Doch anders als das Bierbrauen ist die Herstellung dieses ältesten koreanischen Alkohols ohne kostspielige Ausrüstung möglich. „Man braucht nur Reis, eine Starterkultur aus Hefe (Nuruk – 누룩) und Wasser; daher gab es schon immer Schwarzbrenner“, verrät Tom. Die Herstellung von qualitativ hochwertigem Makgeolli ist momentan ein Trend, der zu einem ähnlichen Boom werden könnte, wie ihn Craft Beer seit einigen Jahren in Korea erlebt.

Bild: Blueberry Makgeolli von JAJU Urban Breweries

Blueberry Makgeolli von JAJU Urban Breweries

Zur Feier des Tages werden u. a. ein mit Blaubeeren und Ingwer versehener Makgeolli und einer mit Süßkartoffeln ausgeschenkt. Die Früchte bzw. die Kartoffeln haben dem normalerweise milchig-weißen Getränk eine rosa Farbe verliehen. Ich halte mich stattdessen an den gefilterten, klaren Cheongju (청주) aus der bauchigen Flasche, der wie ein milder, würziger Schnaps schmeckt. Lecker!

Rund 40 Freunde von Kimberly haben sich in dem umgebauten Hanok (한옥– Holzhaus traditioneller Bauart) im Seouler Stadtteil Ikseon-dong (익선동) eingefunden, um gemeinsam auf den Beginn des neuen Jahres anzustoßen. Es wird ein lustiger Abend, und zum Schluss sind alle Tonkrüge leer. Einige von uns ziehen noch weiter ins Ausgehviertel Itaewon. Dort steigen wir um auf Gin-Tonic und Bier, denn in die hippen Bars ist der traditionelle koreanische Alkohol noch nicht vorgedrungen. Aber wer weiß … Hochwertiger Makgeolli könnte das nächste coole Getränk im koreanischen Nachtleben werden!


Adresse von열두달마켓&다이닝 / Twelve Moons Market & Dining:

서울종로구익선동 166-54 / Seoul, Jongno-gu, Ikseon-dong 166-54

 
Wegbeschreibung:

U-Bahn-Station Jongno 3-ga (Linie 1, 3, 5), Ausgang 4. Überqueren Sie die Straße und gehen Sie in die Gasse neben dem CU Mart. Das Restaurant befindet sich nach wenigen Metern auf der rechten Seite.

Foto von Rainer Rippe

Foto: privat

Rainer Rippe

ist Politikwissenschaftler und hat sieben Jahre in Korea verbracht. Von 2008 bis 2011 hat er an der Hankuk University of Foreign Studies unterrichtet. Von 2012 bis 2016 war er für die Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit in Seoul tätig. Seit 2017 lebt er wieder in Berlin.

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