Musik

Pansori in Europa

Zwischen Vermittlung und Aneignung

Pansori-Vortrag beim Gugak-Konzertabend in der Reihe ,,Junge koreanische Talente” am 10. Februar 2016,
Koreanisches Kulturzentrum (Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Eine einzelne Person steht vor dem Publikum und erzählt eine Geschichte. Begleitet nur von Trommelschlägen, deren Rhythmus den Vortrag akzentuiert und vorantreibt, wechselt die Stimme von nüchterner Beschreibung zum flammenden Liebesbekenntnis, vom monotonen Trauermarsch zum Klageschrei, der das Blut in den Adern gefrieren lässt. Mit gezielten Zwischenrufen unterstützen die Zuhörer den Sänger und tragen zum Fluss der Erzählung, zur Polyphonie der Stimmen bei, werden selbst Teil der Aufführung.

Pansori begeistert nicht nur in Korea. Bei Gastspielen, auf Festivals oder in Theatern, Museen und Kulturzentren, manchmal sogar auf der Straße, kann man auch in anderen Ländern die grenzüberschreitende Faszinationskraft der expressiven Stimmtechniken und epischen Erzählungen erleben. Während Pansori in Korea jedoch als kulturelles Erbe anerkannt ist und identitätsstiftend wirken kann, verlangen Aufführungen für Zuschauer, die mit den Geschichten und Konventionen des Genres nicht vertraut sind, nach Vermittlungsmethoden. Neben diesen traditionellen Ansätzen liefert Pansori koreanischen wie nicht-koreanischen Künstlern aus verschiedensten Bereichen Inspiration und Arbeitsmaterial.

Im Juli diesen Jahres widmet sich ein vom Koreanischen Kulturzentrum in Berlin ausgerichtetes Symposium den verschiedensten Spielformen, in denen „Pansori in Europa“ (so der Titel) zu sehen und hören ist. Am Vorabend (14. Juli, 19 Uhr, Einführung um 18 Uhr) eröffnet eine Aufführung des klassischen Stückes Jeokbyeok-ga („Lied vom Roten Felsen“), in voller Länge gesungen von Yun Jin-chul mit Trommelbegleitung von Cho Yong-su, das Symposium. Am folgenden Tag (15. Juli, von 11–18 Uhr) diskutieren Wissenschaftler und Praktiker aus Deutschland, Frankreich, den USA und natürlich Korea über die Möglichkeiten von Pansori in Europa, von Zugängen, die traditionelle Aspekte der Kunst bewahren möchten, hin zu experimentelleren Annäherungen an neue Stoffe, Genres und Medien.

Fragen der Vermittlung

Bereits seit den 1970er Jahren gab es gelegentlich Gastspiele koreanischer Musiker in Europa. Seit der Jahrtausendwende jedoch hat das Interesse insbesondere an Pansori deutlich zugenommen. Gründe hierfür mag es viele geben, nicht zuletzt auch die Aufnahme von Pansori in die UNESCO-Liste „Immaterielles Kulturerbe der Menschheit“ im Jahr 2003. Neben finanzieller und organisatorischer Förderung von Seiten Koreas tragen auch die Bemühungen von Einzelpersonen – Experten vor Ort, die mit den lokalen Szenen gut vertraut sind – zum Erfolg von hochkarätigen Gastspielen bei.

So organisieren etwa der Journalist und Musikkurator Matthias Entreß (Berlin) und das Übersetzerpaar Han Yumi und Hervé Pejaudier (Paris) regelmäßig gut besuchte Veranstaltungen, die intensive Begegnungen dieser traditionellen Kunst ermöglichen. Allerdings stellen sich den „Vermittlern“ eines jahrhundertealten Genres mit archaischen Texten, denen auch Koreaner nur schwer folgen können, zahlreiche theoretische und praktische Herausforderungen. Wie sie damit umgehen – von der Motivation des Publikums zu unterstützenden Rufen bis Übersetzung und Übertitelung – werden sie in Vorträgen erläutern und auch vorführen.

Im Anschluss wird die Diskussion um die Probleme authentischer Vermittlung für weitere Stimmen geöffnet. Heinz-Dieter Reese (Köln) organisierte 1985 eine der ersten auf traditionelle Musik aus Korea fokussierten Veranstaltungen in Berlin und arbeitete viele Jahre für das Japanische Kulturinstitut in Köln, wo er unter anderen Vorzeichen ebenfallskulturelle Vermittlung betrieb. Den Komponisten Sebastian Claren (Berlin) reizt besonders das minimalistische Arrangement von Pansori-Sänger und Trommler, das den klanglichen Besonderheiten traditioneller koreanischer Musik deutlich Gehör verschafft. Inspiriert von Pansori-Aufführungen, die er in Deutschland gehört hatte, vertiefte er sein Interesse bei einem Workshop in Korea und komponierte auf der Basis eines Sanjos – einer Art instrumentaler Variation des freien Pansori-Gesanges – das Stück „Today I wrote nothing“ (2016) für die traditionelle koreanische Bambusflöte Daegeum. Mit So Sol-i (Dresden) nimmt zudem eine ausgebildete Pansorisängerin, die nun als Studentin im Fach Komposition an der Carl Maria von Weber Hochschule für Musik nach neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten sucht, an der Debatte um den Spagat zwischen Authentizität und Zugänglichkeit teil.

Auftritt der Pansori-Sängerin Oh Youngji im Koreanischen Kulturzentrum

Individuelle Aneignungen und künstlerische Kollaborationen

Neben Besuchen von Meistersängern aus Korea bieten sich in Europa auch andere Gelegenheiten, Pansori und Pansori-inspirierte Kunst in neuen Kontexten zu erleben. Aus experimentellen Zugängen von Musikern, Komponisten und Theatermachern vor Ort und Kooperationen zwischen Künstlern aus verschiedenen Ländern und mit verschiedenen Hintergründen entstehen neue Aufführungsformen zwischen Musik, Literatur, Theater und bildender Kunst, die das kreative Potential der traditionellen Erzählkunst verdeutlichen.

Nicht nur in Europa experimentieren Pansori-Sänger gern mit aktuellen Themen der Gegenwart. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Wall (Universität Hamburg) stellt das Stück „Ogongs Wegweiser aus der wirtschaftlichen Depression“ von Yi Young Tae vor, das den auch in Korea weit rezipierten chinesischen Klassiker „Die Reise nach Westen“ in einen zeitgenössischen Kontext versetzt. „Mr. Rabbit and the Dragon King“ (2011), eine Produktion des koreanischen Nationaltheaters unter der Regie von Achim Freyer, ist dagegen eine bildgewaltige, klanglich ungewöhnliche „Pansori-Oper“. Die Musikethnologin Dorothea Suh (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) setzt sich in ihrem Vortrag auch mit den Reaktionen auseinander, die diese eigenwillige Neu-Interpretation des traditionellen Stückes „Sugung-ga“ (,Lied vom Unterwasserpalast‘) nach der Premiere in Seoul bei einem Gastspiel in Wuppertal auslöste.

Die Künstler und Kulturschaffenden, die in der anschließenden Diskussion ihre Positionen austauschen, haben unterschiedliche Hintergründe und sind auf verschiedene Weise in Kollaborationen und Experimente involviert, sowohl auf institutioneller als auch individueller Ebene. Die Gesichtspunkte, unter denen sie Pansori betrachten, sich zu eigen machen und weiterverwenden, sind dementsprechend divers. Das Berliner Ensemble „Theater Salpuri“, 1994 gegründet von Soogi Kang und Dietmar Lenz, verbindet etwa in seinen Aufführungen traditionelle Erzählung mit modernem Schauspiel und integriert klassische Geschichten mit neuen und nicht-koreanischen Stoffen.

Der Komponist und Musiker Il-Ryun Chung, in Deutschland wie Korea bekannt für seine grenz- und genreüberschreitenden Arbeiten mit instrumentalen Ensembles wie dem AsianArt Ensemble oder IIIZ+, hat sich jüngst mit dem epischen Musikdrama „Kassandra“ (2014) für Pansori und koreanische Instrumente Aspekten der Stimmlichkeit gewidmet. Der Wahlberliner Jared Redmond, ebenfalls ein Komponist, der selbst Musik macht, schätzt insbesondere die individuellen Zugänge unterschiedlicher Sänger auf dasselbe kanonisierte Material. Deshalb lässt er der Pansori-Sängerin Jang Seo Yoon größtmöglichen Spielraum bei der Interpretation seines Stückes „Black Flower Blossoming“ (2016). Das Stationendrama „Der Freischütz-ga“ (2008) des Ensembles „Oper Dynamo West“ kulminierte dagegen in einem körperlich-stimmlichen Sangesduell zwischen einem Tenor (Richard Nordemalm) und einer Pansori-Sängerin (Lee Jaram). Hyo Jin Shin, die als Produzentin an dieser und zahlreichen anderen Deutsch-Koreanischen Aufführungen beteiligt war und ist, wird von der interkulturellen Zusammenarbeit von Sängern, Tänzern, Musikern und Schauspielern berichten.

Das Symposium richtet sich nicht nur an Musiker, Theatermacher und Künstler, sondern an alle, die sich für spannungsreichen Gesang, ungewohnte Kombinationen von koreanischer Tradition und Gegenwartskultur sowie überraschende Klänge im allgemeinen interessieren. Jenseits von akademischen Debatten geht es bei dem Symposium vor allem darum, die Vielfalt der existierenden Pansori-Praktiken außerhalb Koreas vorzustellen und mit dem Publikum ins Gespräch über zentrale Fragen zu kommen: Welche Rolle können traditionelle wie experimentelle Aufführungen in einem europäischen Kontext spielen? Auf welche Weise sind Rückwirkungen nach Korea möglich? Wie bereichert Pansori die Arbeit zeitgenössischer Künstler? Und unter welchen Umständen lässt sich ein Publikum auch fern von Korea von Pansori begeistern?

Hervé Péjaudier erzählt die Geschichte zweier ungleicher Brüder auf Französisch (Heungbo-ga), an der Trommel
begleitet von Kang Min-jeong; (Foto: Maison de la Création Bruxelles 2010)

Bild von Jan Creutzenberg

Foto: Il-soo Hyun

Jan Creutzenberg

Jan Creutzenberg, zusammen mit dem Journalisten und Musikkurator Matthias R. Entreß Organisator des vom Koreanischen Kulturzentrum ausgerichteten Symposiums „Pansori in Europa: Zwischen Vermittlung und Aneignung“, hat an der Freien Universität Berlin Theaterwissenschaft studiert und eine Doktorarbeit über zeitgenössische Pansori-Aufführungen in Korea verfasst. Er lebt seit 2010 in Seoul, wo er als Assistant Professor an der Sungshin University lehrt, zum koreanischen Gegenwartstheater forscht und für das Goethe-Institut das „Asian Composers Showcase“ koordiniert. Neben Pansori interessiert er sich vor allem für die Rolle traditioneller Kunst heute und für transkulturelle Verflechtungen von Theaterpraktiken. Über Theater, Musik und Kunst in Korea berichtet er auf seinem Blog seoulstages.wordpress.com.

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