Gesellschaft

Panzer und Pepsi im Grenzgebiet

Ausgestellter Panzer und Pepsi-Automat, Goseong Unification Observatory, Goseong, Südkorea, Juni 2012 (© Jörg Brüggemann/OSTKREUZ)

 

JSA Filmset. Die Kulisse ist eine originalgetreue Nachbildung des Panmunjom Friedendorfes, das für den Film "Joint Security Area" von Regisseur Chan-Wook Park gebaut wurde. KOFIC Studios, Namyangju, Südkorea, Juni 2012 (© Jörg Brüggemann/OSTKREUZ)

 

Familien beim Mittagessen unter Ganghwa Bridge. Die gesamte Küste der Insel Ganghwa ist eingezäunt, um Südkorea vor nordkoreanischen Spionen und einer Invasion zu schützen, Ganghwa Bridge, Ganghwa, Südkorea, Juni 2012 (© Jörg Brüggemann/OSTKREUZ)

 

Anti-Panzer-Mauer, Gyoam-gil, Südkorea, Juni 2012 (© Jörg Brüggemann/OSTKREUZ)

 

Familien beim Muschelnsammeln. Die Halbinsel im Hintergrund wurde abgesperrt, um sich vor nordkoreanischen Spionen zu schützen. Songjiho Beach, Südkorea, Juni 2012 
(© Jörg Brüggemann/OSTKREUZ)

Ein Schlauchboot auf hellem Sand, Strandbesucher in bunten Shorts, barfüßige Kinder, fotografierende Touristen, Muschelsucher. Eine Szene am Meer, wie sie jeder von uns schon hundertfach gesehen haben dürfte. Vermeintlich. Im Hintergrund trübt ein Stacheldrahtzaun die Strandidylle. Ein wolkenverhangener Himmel hat sich vor die Sonne geschoben. Also doch kein Foto aus dem Urlaubskatalog? „Die Halbinsel im Hintergrund wurde abgesperrt, um sich vor nordkoreanischen Spionen zu schützen“, informiert die Bildunterschrift zum Foto vom Songjiho Beach. Die innerkoreanische Grenze liegt etwa 20 Kilometer entfernt.

Um das Thema Grenzen sollte es gehen bei der Gruppenausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt im Jahr 2012 – um territoriale, persönliche oder soziale Grenzen. „Visit Korea“ hat Brüggemann die Fotoserie über die innerkoreanische Grenze betitelt, die im Ergebnis seines dreiwöchigen Korea-Besuches 2012 daraus geworden ist. Ein „persönliches Projekt“, wie er sagt. Zum einen, weil es sich um ein freies und zunächst selbst finanziertes Vorhaben handelte. Zum anderen war Jörg Brüggemann 10 Jahre alt, als die Mauer fiel. Die Mauer, diese innerdeutsche Grenze, dieser andere Aspekt des persönlichen Bezugs, der ihn für die innerkoreanische Teilung stärker sensibilisiert als viele andere.

Eine Mauer gibt es zwischen den weltbekannten, blau gestrichenen Baracken in Panmunjeom, diesem Grenzort zwischen Süd- und Nordkorea, nicht. Auch keine Stacheldrahtzäune oder Schlagbäume. Nur ein wenige Zentimeter hohes und breites Betonfundament, das von jedem Kind mühelos überschritten werden könnte. Diese fast unscheinbar anmutende und zugleich doch unüberwindbare und bedrohlich mahnende Demarkationslinie wird beidseits von allzeit präsenten militärischen Wachposten in streng aufrechter Haltung mit unbeirrbarem Gesichtsausdruck flankiert. Tagtäglich fahren Busse dorthin, um Touristen an dieser „Theaterveranstaltung“ teilhaben zu lassen, wie Brüggemann die Szenerie nennt, die kein bisschen amüsant, sondern „todernst ist“. Umso verwunderlicher, dass gerade an diesem so bedrückenden Ort eine langbeinige Schwarzhaarige in Hotpants unter den Blicken eines gegenüber postierten nordkoreanischen Soldaten zwischen den blauen Baracken herumstolziert, wie Brüggemanns Foto (siehe oben) suggeriert. Dass dies nun tatsächlich einer Theaterveranstaltung nahekommt, erkennt der Betrachter erst auf den zweiten Blick, als sich der nordkoreanische Soldat als Pappmaché und die Baracken sowie das nordkoreanische Militärgebäude als Filmkulisse entpuppen. „JSA Filmset“ ist in der Bildunterschrift zu lesen. Bei der Kulisse handelt es sich um eine originalgetreue Nachbildung des Panmunjeom Friedensdorfes, das im südkoreanischen Namyangju für den Film ‚Joint Security Area‘ von Regisseur Park Chan-wook gebaut wurde. Dieser Ort erfreut sich auch unter Südkoreanern großer Beliebtheit. Touristische Angebote dieser Art seien durch die Konfrontation mit dem Gegenüber vielleicht auch als eine Art der Auseinandersetzung zu verstehen, mutmaßt Brüggemann. 

Viele Deutschen mag diese touristische Vermarktung der eigenen Tragödie erstaunen. „Unser Umgang mit dem Thema der innerdeutschen Teilung war ein anderer. Klar, es gab auch diese Aussichtplattformen in Westberlin, die einen Blick gen Ost ermöglichten, aber eine Kommerzialisierung als solche gab es nicht.“ Die Situation sei jedoch ohnehin nicht wirklich vergleichbar. „Der Entfremdung zwischen Süd- und Nordkorea ist mittlerweile auf allen Ebenen viel größer, als es zwischen West- und Ostdeutschland der Fall war. Sollte der Tag X irgendwann kommen, wird es unvergleichlich schwerer sein, Brücken zu bauen.“

Gartenschaukel am Meer. Der Strand im Hintergrund ist mit Stacheldraht abgesperrt, um vor nordkoreanischen Spionen zu schützen. Gyoam-gil, Südkorea, Juni 2012 
(© Jörg Brüggemann/OSTKREUZ)

Am Goseong Unification Observatory nahe der innerkoreanischen Grenze steht ein Panzer neben einem Pepsi-Automaten (Foto siehe oben). Schweres Kriegsgerät versus ‚American way of life‘. Jörg Brüggemann sucht den Kontrast, „um dieses Gefühl des absurden Theaters irgendwie zu illustrieren“. Er muss nicht lange danach suchen. Viele dieser Observatorien seien Militäreinrichtungen, die in den letzten Jahren teilweise für Touristen geöffnet wurden, die sich in Museen und auf Aussichtsplattformen tummeln, um einen Blick auf das nahegelegene Nordkorea zu werfen. Der Panzer sei ein Ausstellungsstück und stamme mit großer Wahrscheinlichkeit noch aus der Zeit des Koreakrieges[1], erklärt er. „In den Kulturwissenschaften hat sich in den letzten Jahren der Begriff des ‚Dark Tourism‘ etabliert, der Reiseangebote zu Orten bezeichnet, die in Bezug stehen zu Gewalttaten, Krieg und Tod“ – Ausschwitz, Mauerstreifen, Berliner Unterwelten. „Das ist ein Phänomen der letzten 10 bis 20 Jahre und begründet sich in der Faszination des Bösen und des Krieges. Tendenz steigend.“ 

Der Blick bleibt hängen an Fotos aus einer Welt, in der ein etwa achtjähriges Mädchen in kurzer Hose und einem orange gepunkteten Mantel eine Panzersperre passiert (Foto siehe oben). Sinnbild der Unschuld vor gewaltigem Hintergrund. Der Kontrast könnte größer nicht sein. „Ich möchte eher Fragen stellen als Antworten geben. Fragen danach, ob es Assoziationen gibt mit der eigenen Kultur und Gesellschaft, Verbindendes, Befremdliches, Exotisches?“ … Fotos aus einer Welt, in der Familien vor Stacheldrahtzäunen und Überwachungstürmen zu Mittag essen. Schmunzelnde Gesichter signalisieren Freude am Genuss und demonstrieren Gelassenheit. Fisch mit Chilipaste, Peperoni und Kimchi – reichhaltiges Picknick auf hartem Beton unter der Ganghwa-Brücke, durch Stacheldraht geschützt vor einer Invasion und nordkoreanischen Spionen, wie in der Bildunterschrift zu lesen ist (Foto siehe oben). Exotik!? … Fotos aus einer Welt, in der ein Mann rückwärtsgewandt auf einer Gartenschaukel in einem hübsch angelegten öffentlichen Park sitzt und der Blick aufs offene Meer durch einen Stacheldrahtzaun getrübt wird. Er wendet sich ab. Beschaulichkeit, Grenze, Bedrohung – Kontrast. 

Jörg Brüggemann (©Danile Hofer)

Für Brüggemann ist die Fotografie ein „Medium für das eigene Begreifen, für die eigene Auseinandersetzung.“ Aufmerksamkeit und Bewusstwerdung wünscht er sich als Reaktion von den Ausstellungsbesuchern „Mit Kunst will man ja eine gewisse Veränderung beim Betrachter erreichen. Aber in erster Linie geht es mir um das Hinterfragen, das Reflektieren dessen, was wir zu kennen meinen. Die Fotos müssen nicht gefallen, aber eine Reaktion hervorrufen sollen sie. Ich glaube, das ist am Ende alles, was man erreichen kann. Verändern kann man die Welt mit Fotografie schon lange nicht mehr.“

[1] Koreakrieg: 1950-53

Das Gespräch führte Dr. Stefanie Grote
Redaktion "Kultur Korea"

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