Musik

Tradition für die Zukunft gestalten

Jung Gil Sun, Gayageum

 Die traditionelle Musik Koreas war vermutlich immer ein Politikum. In der alten Zeit betraf dies die Musik der Aristokratie und Herrscherklasse, heute auch die Volksmusik. Es war König Sejong der Joseon-Dynastie im 15. Jahrhundert, der verfügte, als Replik auf die aus China übernommene Ahnengedenkmusik eine koreanische Version zu entwerfen. Und viele andere große Werke entwickelten sich als kreative Rekonstruktionen älterer Quellen. Dies hatte bis zum schmählichen Untergang des Joseon-Reiches Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kontinuität, und die Authentizität der Musik dieser Epoche steht heute nicht infrage.

Das koreanische Musikleben hat sich seitdem aber, wie die Gesellschaft selber, grundlegend gewandelt, westliche Musik dominiert, und die Tradition hat ihren Führungsstatus eingebüßt. In vielfältiger Weise aber versucht Korea seit über 100 Jahren, nicht nur die authentische Tradition zu bewahren, sondern auch Wege zu finden, sie an die Gegenwart anzupassen. Das ist für‘s westliche Kulturdenken ein ganz fremdartiger und auch etwas unangenehmer Gedanke, weil die Kunst sich ganz von alleine wandelt und man sich obrigkeitliche Eingriffe hier entschieden verbittet. Man muss aber wissen, dass in Korea die aus der Tradition erwachsenen Maßstäbe anders sind!

Mit einem Festkonzert des Traditionelle-Musik-Orchesters der Gyeonggi-Provinz war das koreanische Musikleben am 9. Dezember 2016 zu Gast in Berlin. Anlass dafür war die erste Verleihung des zu Ehren der seit über 40 Jahren in Deutschland lebenden und als Komponistin und Kompositionsprofessorin nachhaltig wirkenden Younghi Pagh-Paan (in Korea 팍영희) gestifteten Kompositionspreises. 

Choi Keun Soon, Gesang

Das Konzert thematisierte in wahrlich überwältigender Fülle und überraschender Vielfalt diese Sehnsucht nach Vergegenwärtigung. Eng gedrängt auf der Bühne des Kammermusiksaals der Berliner Philharmonie ähnelte die Aufstellung einem Symphonieorchester, aber besetzt war es ausschließlich mit traditionellen koreanischen Instrumenten. Links vorn statt der Violinen ein Chor der Spießgeigen Haegeum, rechts statt der Celli eine Gruppe von tief gestimmten Streichzithern Ajaeng, weiterhin die Gayageums, Geomungos, die gezupften Zithern, und hinten die Bläser-Sektionen mit den Oboen Piri, den Flöten Daegeum, sowie das Schlagzeug. Man sitzt auf Stühlen (statt auf dem Boden) und trägt Schwarz statt Hanbok. Das muss die Musik nicht ändern. Seit Bachs Zeiten hat sich das Bühnen-Outfit bei uns auch gewandelt. Und ein Dirigent mit Taktstock leitet das Geschehen. Modern zu sein heißt hier also, westlich zu sein.

Im Programm spiegelt sich dieser Gegensatz West-Ost in mannigfacher Weise. Das Duo aus modernisierter 25-saitiger Gayageum und Klarinette des zweiten Preisträgers Alvaro Jose Herran Contreras aus Kolumbien, der derzeit in Seoul lebt und studiert, gab gewissermaßen das Vorspiel zum großen Konzert. Der Titel „Bambuswald in der Stadt“ reflektiert die Notwendigkeit der ungestraften freien Rede, und tatsächlich, beide Instrumente, die mit ihrem leicht bedeckten, nicht hellen Klang eine natürliche Bescheidenheit als gemeinsame Wesensart besitzen, „sprechen“ musikalisch alles aus, was sie können, inner- und außerhalb der Tonarten, mit Mikrotönen und komplizierten Wendungen. Sehr klug!

Aber großorchestral ging es weiter und blieb so bis zum Schluss. Das Stück der ersten Preisträgerin Lee Ye-jin aus Seoul stellte sich da in einen interessanten Gegensatz zu Younghi Pagh-Paans „Das Universum atmet, es wächst und schwindet…“ aus dem Jahr 2007. Denn Lee Ye-jins „Giwoo“, ein Konzert für koreanische Schlaginstrumente und Orchester, zitiert in freier und vielschichtiger Weise Klänge und Wendungen der „echten“ Tradition im Wechselspiel mit eigenen Passagen und Rhythmen, mitunter leider banaler exotischer Romantik und westlich anmutenden Tonarten-Modulationen. Es entstand wirklich ein Gewebe aus der Perspektive von Lee Ye-jins musikalischer Welt! Und der geschilderte Inhalt – das Flehen um Regen und wie er kommt – wird wirkungsvoll in Klang gemalt. 

Younghi Pagh-Paan dagegen ist natürlich eine in der deutschen Avantgarde verankerte Komponistin, und sie verlangt dem Gyeonggi Provincial Traditional Music Orchester vermutlich bislang nie erfahrenes Material ab: Dissonante Klangflächen, die einander durchkreuzen und immer wieder von sanften, doch völlig überraschenden Ton-Invasionen aufgewühlt werden. Das Werk geht weit über die Titelidee eines wabernden Universums hinaus. Pagh-Paan bezieht sich auf das taoistische Konzept der Leere, aber auch bekommt jeder Ton sein Recht, ganz ausgesungen zu werden, was zu der wunderbaren Langsamkeit führt, die auch die alte koreanische Hofmusik auszeichnet. Obwohl klanglich so modern, schließt sie in ihrem Denken viel enger an die Tradition der philosophischen Musik an als jegliches andere Stück dieses Konzerts. Den Dirigenten Choi Sang-wha, der solche Aufgaben sonst wohl nicht hat, kann man kaum genügend loben, denn diese sensible Klangwelt benötigte gewiss viele, viele Proben. Das Publikum war mehrheitlich ganz baff und vergaß fast, zu klatschen, aber die freundliche Komponistin, die vorher schon mit spontanen Moderationen das große Publikum im doch gut besuchten Kammermusiksaal zu ihrer Familie gemacht hatte, holte sich den verdienten Applaus samt Blumenstrauß zu Beginn des zweiten Teils ab.

Bild von Pansori-Sänger Kim Do Hyun vor Orchester

Pansori-Sänger Kim Do Hyun

Dieser nun brachte das eigene Programm des Orchesters aus der Gyeonggi-Provinz zu Gehör, und es waren eben die Experimente einer Erweiterung, einer „Verschönerung“, aber auch einer Entkräftung der überlieferten traditionellen Klänge und Formen, die – ohne abschließendes Urteil – einer eingehenden Diskussion unterzogen werden sollten.

In einem neueren Youtube-Video äußert sich Choi Sang-wha zur Stoßrichtung seines Orchesters so: „Ich glaube, der beste Weg, die Tradition zu bewahren, ist, ihre unterschiedlichen Elemente ins moderne Leben einzubringen. Dafür müssen wir leichte traditionelle Musik anbieten, die musikalischen Wünsche der Leute befriedigen und verschiedene universelle Eigenschaften im Einklang mit den Trends der Welt einbeziehen. Dabei müssen wir uns fortwährend weiterentwickeln, um wirklich mit traditioneller Musik zu brillieren“ (https://youtu.be/hOJuzctvQzI).

Dass eine demokratische Gesellschaft – die aus Individuen, nicht aus Masse besteht – anders zu bedienen sei als eine vermeintliche Elite aus Aristokraten, erscheint höchst zweifelhaft.

Denn die Frage ist doch, wie sich die Kunst selbst entwickelt, und darum ging es ja in dem Konzert.

Die nun in allen weiteren Stücken verwendete Form des Solisten-Konzerts mit Orchesterbegleitung ist die äußerlich sichtbare Adaption eines westlichen Musikformats, aber die musikalischen Details haben andere Quellen. Der Komponist Lee Geon-yong (*1947) hat sich mit vielen Werken an der Integration traditioneller Instrumente ins westliche Symphonieorchester hervorgetan. Hier nun hat er eine kurze Pansori-Geschichte komponiert, die auf das gleiche Thema zurückgeht wie im eingangs gespielten Stück von Alvaro Herran: Ein Mann sieht, dass der König Eselsohren hat, wagt es aber nicht, weiterzuerzählen. Daran wird er ganz krank. Und erst, als er sich in den Bambuswald verzieht und dort die Wahrheit herausschreit, geht es ihm wieder gut.

Pansori ist traditionell der gesungene Roman koreanischer Volkstradition, wo ein Sänger, nur von einem Trommler begleitet, singt. Während in der ursprünglichen Form der Gesang sich keineswegs auf die Melodie beschränkt, sondern mit stimmakrobatischen Mitteln urmenschlichen Ausdruck gestaltet, hält sich der Solist Kim Do-hyung in Lees Stück sehr zurück. Sein Gesang ist, außer in den Erzählteilen, melodisch mit der instrumentalen Begleitung in Einklang gebracht. Die Rhythmik, die den Pansori-Gesang sonst prägt, ist extrem vereinfacht. Der Gegenstand, die Verteidigung der freien Rede, ist lobenswert, die kompositorische Ausführung jedoch nicht.

So ähnlich funktioniert auch das Ajaeng-Konzert als Erweiterung eines Sanjos (traditionell eine Solosuite mit Trommelbegleitung). Das Orchester zitiert die tänzerischen refrainartigen Teile und bettet die hochexpressiven Klagelaute dieser großen Streichzither darin ein. Was zunächst zum Klischee von volksmusikalischen Floskeln zu werden droht, nimmt dann aber Fahrt auf, und es kommt zum echten, sogar recht gewagten Dialog zwischen Solist und Orchester.

Im „Konzert für Gyeonggi-Minyo“ war der stilistische Gegensatz zwischen der rührenden und fremden Schönheit des Gyeonggi-Volksgesangs und seiner orchestralen Einbettung weitgehend aufgehoben, und die Musiker konnten zeigen, dass sie ihren Ursprung nicht ganz verloren hatten, und wenn die Vergrößerung des Orchesters zu einer breiteren Anerkennung dieses sehr speziellen Gesangsstils der Gyeonggi-Region führt, wäre das ja erfreulich.

Ein echtes Beispiel einer sozusagen staatstragenden Komposition ist „Träumender Clown“ für Wiedervereinigungs-Daegeum und Orchester von Hwang Ho-joon. Die Wiedervereinigungs-Daegeum ist ein Hybrid aus traditioneller Bambusquerflöte und westlicher Flöte mit einer Klappenmechanik. Mit diesem Instrument kann man zwischen „traditionell“ und „westlich“ wechseln, unter Beibehaltung der speziellen rauhen Klanglichkeit. Die Modernisierung folgt der nordkoreanischen Bauart, wo eine Verwestlichung der traditionellen Musik, vielleicht, um sowjetische Militärmärsche spielbarer zu machen, viel durchgreifender betrieben wurde. Im Stil leichter Klassik wechselten sich triumphierende und beschauliche Passagen mit Einsprengseln aus asiatischer Exotik ab.

Ham Young Sun, Gesang (Alle Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Zum Abschluss wurde es, wie übrigens beliebt in Konzerten mit einem Reigen verschiedener traditioneller Stile, laut und wild, denn da traten die Rhythmen der Bauernmusik mit einer vierköpfigen Samulnori-Trommelgruppe auf die Bühne, die das Orchester in großen Teilen übertönte und den Zuhörern nach dem langen Abend nochmal die Wangen röteten.

Auch wenn dem ernsten Musikfreund die Tendenz zur Popularisierung eines wirklich bedeutungsvollen musikalischen Erbes fragwürdig vorkommen mag und nicht alle Kompositionen eine kraftvolle Aussage besaßen, überzeugten die Musiker doch mit ihren Fertigkeiten. Und zumindest die beiden modernen Werke eröffneten die Möglichkeit einer tatsächlich zeitgemäßen, künstlerisch entwicklungsfähigen und genuin koreanischen musikalischen Gattung!

Matthias Entreß

Foto: privat

Matthias R. Entreß

Matthias R. Entreß, geb. 1957 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin als freier Autor, Musikjournalist und -kurator. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an der FU Berlin, kuratierte 2004 in Berlin und 2007 in Italien Festivals mit koreanischer Musik sowie Konzerttourneen mit Pansori (2009/ 2013/ 2015) und Volksmusik (2011). 2005 initiierte er die ersten deutschen Übersetzungen von Pansori, an denen er auch mitarbeitete. Musikjournalistische Schwerpunkte sind Neue Musik und Außereuropäische Musik für DLR, BR, DLF.   Ende 2016 erhielt er die Auszeichnung der Republik Korea.