Kaleidoskop

Videoplattform Youtube auf der Überholspur

Fernsehen war gestern. Die Jugend von heute ist auf Youtube unterwegs. Und nein, hier gibt es längst nicht mehr nur schlecht gedrehte Clips und Katzenvideos. Seit der Gründung des Videoportals 2005 hat sich Youtube kontinuierlich qualitativ verbessert, und auch das Angebot an Videos wird von Tag zu Tag vielfältiger. Von im Sprechgesang vorgetragenen Nachrichten über die neusten Musikvideos bis hin zu Online-Matheunterricht ist hier wirklich für jeden etwas dabei. Die Vorteile im Vergleich zum Fernsehen liegen auf der Hand: Es gibt keine festen Sendezeiten und jeder, der ein internetfähiges Smartphone besitzt, kann immer und überall auf die Videos zugreifen, sei es auf dem Weg zur Arbeit oder auf dem stillen Örtchen. Da würde es doch naheliegen, dass Youtube in dem Land mit der weltweit schnellsten Internetverbindung und einem Hang zu immer größeren Handys, die längst in keine Hosentasche mehr passen, besonders viel Aufmerksamkeit genießt, oder etwa nicht? Immerhin stellte ja auch der koreanische Sänger Psy mit seinem Musikvideo zu „Gangnam Style“ einen neuen Weltrekord für das meistgeschaute Youtube-Video auf. Aber welche Arten von Videos kommen eigentlich bei den koreanischen Zuschauern besonders gut an? Und hat Youtube wirklich das Potenzial, das Fernsehen als meistgenutztes Medium abzulösen? Um diesen Fragen und derzeit beliebten Youtube-Trends auf den Grund zu gehen, habe ich mit einigen bekannten koreanischen und in Korea lebenden Youtubern gesprochen und teilweise überraschende Antworten erhalten.

Learning by watching – Tutorials

Bild von Choreografin Lia Kim

„Tanzen ist das, was mich wirklich glücklich macht. Wir haben das Tanzstudio 1MILLION genannt, weil wir wollten, dass eine Million Menschen kommen und die Freude erfahren, die ich beim Tanzen empfinde.“ (Lia Kim, Choreografin, links/ Foto: 1MILLION)

Tutorials – filmische „Gebrauchsanweisungen“ – sind momentan der absolute Renner. Zwar kann man hier bestimmt auch lernen, einen Ikea-Schrank zusammenzubauen, ohne an der unverständlichen Aufbauanleitung zu verzweifeln, wirklich populär sind aber Tutorials zu anderen Themen.

Beim weiblichen Publikum erfreuen sich insbesondere Schminkvideos großer Beliebtheit. Wem sein Geld für teure Schminkkurse zu schade ist, schaut sich einfach auf Youtube an, wie man den perfekten Lidstrich hinbekommt. Aus dem Land mit den fortschrittlichsten Beauty-Produkten und den meisten plastischen Operationen sind besagte Make-Up-Tutorials nicht mehr wegzudenken: In Korea hat sich besonders die Youtuberin Pony in diesem Bereich einen Namen gemacht. Sie beherrscht alles vom einfachen Tagesmake-up bis hin zu einer Verwandlung in Taylor Swift und ist nicht umsonst die Visagistin der berühmten Sängerin CL.

Wer sich schon immer gefragt hat, warum viele Koreaner die Tanzchoreografien ihrer Lieblings-K-Pop-Stars perfekt beherrschen, findet ebenfalls auf Youtube Antworten. Viele Künstler/innen veröffentlichen dort Clips neuer Choreografien, die jeder zu Hause nachtanzen – oder es zumindest versuchen kann. Auch das Tanzstudio 1MILLION, das für die Choreografien von „Idols“ – so werden die in Talentagenturen ausgebildeten Künstler genannt – wie Girls GenerationJay Park, und 2NE1 verantwortlich ist, ist sehr aktiv auf Youtube, und das hat einen Grund: „Vor Youtube waren die einzigen Orte, an denen Tänzer ihr Können unter Beweis stellen konnten, Tanzshows und Clubs. Youtube gibt ihnen die Freiheit, ihre Freude am Tanz mit jedem auf der Welt zu teilen, unabhängig davon, wer und wo sie sind.“ Das Posten von Videos auf Youtube hat für 1MILLION aber einen großen Nachteil: „Tänzer haben auf Youtube keinen Anspruch auf die Geltendmachung von Urheberrechten. Obwohl Tanzen ebenfalls eine kreative Tätigkeit ist, deren Urheberschaft respektiert werden sollte, gibt es keine diesbezüglichen Regelungen, wie es beispielsweise im Bereich des Musikvertriebs der Fall ist.

Auch Hyunwoo Sun, Gründer von „Talk to me in Korean“, kurz TTMIK, weiß um die Schwächen des Videoportals. Er und sein Team helfen mit kurzen, unterhaltsamen Videos, das Erlernen der nicht gerade einfachen koreanischen Sprache etwas zu erleichtern. Doch Youtube ist nun mal nicht bloß ein Lern-, sondern in erster Linie ein Unterhaltungsportal. Hyunwoos Abonnenten werden nicht selten von den am rechten Bildschirmwand befindlichen Videovorschlägen mit neugierig machenden Titeln abgelenkt. Trotzdem scheinen für Hyunwoo die positiven Aspekte des Portals deutlich zu überwiegen, und er erklärt, warum das Konzept „Youtube“ so erfolgreich ist: „Durch den lebendigen Kommentarbereich bei Youtube ist es für Künstler und Publikum sehr leicht, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das ganze Konzept ist deshalb deutlich interaktiver als das Fernsehen (...).“ Er fügt hinzu, dass wir uns auf Youtube frei aussuchen können, was wir sehen möchten, während wir beim Fernsehen an das Programm gebunden sind. Er ist deshalb davon überzeugt, dass Youtube und ähnliche Formate das Fernsehen auf die Dauer ablösen werden. Und was für Videos bevorzugen Koreaner? „Der Hype um Youtube ist noch geringer in Korea als in vielen Teilen der westlichen Welt. Auch wenn mehr und mehr Menschen von Youtube erfahren, nutzen es viele lediglich, um sich Ausschnitte ihrer Lieblingsfernsehshows anzuschauen(...)“, sagt Hyunwoo. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Nutzung von Youtube anfänglich in Korea durch vielzählige Vorschriften begrenzt war. Diese Regulierungen wurden 2012 komplett aufgehoben, und seitdem betreten immer mehr aufstrebende, koreanische Künstler die Youtube-Bühne.

Bild: Hyunwoo, Gründer von ,,Talk to me in Korean" und Mitstreiterinnen

Hyunwoo, Gründer von ,,Talk to me in Korean" (Mitte), und Mitstreiterinnen (Foto: TalkToMeInKorean)

Ausländer in Korea

Das kanadische Paar Simon und Martina interessierte sich schon lange vor „Gangnam Style“ für das Land Korea und traf 2008 die Entscheidung, nach Bucheon, eine Stadt in der Nähe von Seoul, auszuwandern. Das einzige Problem: Im Internet gab es kaum Informationen über Korea, geschweige denn über Bucheon. Deshalb entschlossen sich die beiden, diese Lücke zu füllen, und dokumentieren seitdem ihr Leben in Korea. In ihren Videos zeigen sie, wie man einen koreanischen Reiskocher benutzt, erklären das etwas komplizierte Bussystem oder be- und verurteilen die neusten K-Pop-Hits. Ihr Publikum besteht hauptsächlich aus Ausländern, die sich für das Leben in Korea interessieren. „Koreaner machen nur 1 % unserer Zuschauer aus. Allerdings hören wir immer wieder von koreanischstämmigen Amerikanern, dass wir ihnen geholfen haben, zu ihren Wurzeln zurückzufinden.“ Auch sie habe ich gefragt, was am Format Youtube so erfolgsversprechend ist. Ihre Antwort klingt plausibel: „Fernsehen wird oft von älteren Menschen gestaltet, die nicht wissen, was junge Leute interessant finden. Auf Youtube hingegen kann man anhand der Kommentare direkt sehen, was den Zuschauern gefällt und was nicht. Auf Youtube gibt es ein direktes Feedback, das von den Künstlern berücksichtigt wird, während das Fernsehen eher isoliert existiert.“

Das kanadische Paar Simon und Martina hat dank seines Charmes Fans auf der ganzen Welt (Foto: EatYourKimchi)

Phänomen Mok-Bang

Du wolltest schon immer deine Leidenschaft für das Essen zum Beruf machen? Immer mehr Koreaner und Koreanerinnen erfüllen sich jetzt diesen Traum. Koreas neuester Trend nennt sich Mok-Bang und erobert die Welt im Sturm. „Mok“ steht hierbei für Essen, und „Bang“ ist ein Teil des koreanischen Wortes für „senden“ oder „übertragen“. Vor laufender Kamera verschlingen sogenannte ‚Food-Blogger‘ übergroße Portionen in rasender Geschwindigkeit, und die erfolgreichsten unter ihnen verdienen damit fünfstellige Summen im Monat. Ein großer Teil dieses Geldes wird in Essen reinvestiert. So gibt „The Diva“ – eine der bekanntesten Mok-Bang-Stars – an, im Monat bis zu 3000 Dollar für Essen auszugeben. Schaut man sich an, was die junge Frau jeden Tag beim ausgedehnten Abendessen, das manchmal bis zu vier Stunden dauert, so verdrückt, ist das kaum verwunderlich. Wer hier pummelige Teenager erwartet, die sich auf unappetitliche Weise vollstopfen, liegt – abgesehen von wenigen Ausnahmen – falsch. Die meisten Food-Blogger treiben täglich mehrere Stunden Sport und essen hauptsächlich Obst, wenn die Kamera aus ist. „The Diva“ ist außerdem dafür bekannt, ihre Mahlzeiten so ästhetisch wie möglich zu sich zu nehmen. Eine Frage bleibt: Warum schauen sich junge Leute diese Videos überhaupt an? Viele behaupten, dass es den Appetit anregt, während andere angeben, einfach lieber in Gesellschaft zu essen. Ach so. Ob sich der Trend auch in Europa durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.

Youtube ist also weiterhin auf dem Vormarsch und wird wohl langfristig über das Fernsehen triumphieren. Ich bin jedenfalls gespannt, welcher verrückte Youtube-Trend aus Korea uns nach Mok-Bang als nächstes überraschen wird.

Bild von Nele Becker

Nele Becker (Foto: Felix Grimm | Photographer)

Nele Becker

besuchte nach ihrem Abitur 2014 für ein Jahr die Sprachschule der Yonsei-Universität in Seoul, um die koreanische Sprache zu erlernen. Seit Herbst 2015 studiert sie Europawissenschaften in Maastricht. Derzeit absolviert sie ein Praktikum bei der Konrad-Adenauer- Stiftung in Seoul.

Ähnliche Beiträge

Kaleidoskop

Der Luthereffekt: 500 Jahre Protestantismus in der Welt

Ausstellung “Der Luther-Effekt” im Deutschen Historischen Museum

Kaleidoskop

Sun-Cheon-Schwesternschule

Ein Bericht über das Jahrestreffen der koreanischen Krankenschwestern in Berlin...

Kaleidoskop Kunst

Gratis isst, wer lustig ist– kein Witz!

Im Gespräch mit dem Künstler Byung Chul Kim über seine Kunstprojekte "Humor-Restaurant", "Performance-Hotel" und "Performance-Express"