Kaleidoskop

Vom Überschreiten von Grenzen und kulturellen Landkarten

Im Gespräch mit Florian David Neuss, Trainer für interkulturelle Kompetenz
 

Florian David Neuss (Fotos: privat)

„Ich finde dieses Grenzüberschreiten total faszinierend“, sagt Florian David Neuss, Trainer für interkulturelle Kompetenz. „Auch das Gefühl, in eine andere Kultur erst einmal `reinzugehen. Am Flughafen zu sein, die ersten Eindrücke. Alles ist anders, schon die Gerüche. Das spricht mich total an!“

Zum Urlaub nach Brasilien? Ein Geschäftstermin in Schanghai? Zu Besuch bei den neuen Nachbarn aus Kenia? - Im Zeitalter der Globalisierung ist das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen längst zum Alltag geworden, sei es im In- oder Ausland. Viele Menschen sind weitgereist. Dabei gerät manchmal in Vergessenheit, dass der Reisende die eigene Kultur und die damit einhergehenden Verhaltensweisen stets mitnimmt - egal, wohin die Fahrt geht. Da jeder aus seinem eigenen kulturellen Hintergrund heraus agiert, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Um das kulturelle Miteinander zu erleichtern, kann ein Training für interkulturelle Kompetenz enorm hilfreich sein.

Der Überzeugung ist Florian David Neuss, der seit seinem Auslandsstudium in Korea begann, sich intensiv mit der Thematik auseinanderzusetzen. Nach drei Monaten Sprachintensivkurs an der Koreanistik der Universität Hamburg sollte es für sechs Monate an die Hankuk University of Foreign Studies (한국외국어대학교) in Seoul gehen.

Als riesiger Taekwondo-Fan glaubte er, Korea bereits gut zu kennen. Erst vor Ort wurde ihm bewusst, dass das, was er zu Hause als asiatisch empfunden hatte, eigentlich sehr deutsch-asiatisch war und wenig mit der Realität gemein hatte. Inzwischen hat er Korea lieben gelernt, aber am Anfang war manches ungewohnt für ihn, angefangen mit ganz banalen Dingen wie dem Schlafen auf dem Fußboden in einem Hasukjip (하숙집, koreanische Studentenunterkunft) oder dem Verzehr von drei warmen Mahlzeiten am Tag. „Als sich der erste Schock des Ankommens gelegt hatte, war alles extrem spannend und schön. Da gab es viel zu entdecken, und es hat so viel Spaß gemacht, dass ich das Gefühl hatte, hier könnte ich ewig bleiben. Nach ungefähr vier Monaten ist dann das Loch gekommen. Mein Koreanisch hat nicht so gut funktioniert, und vieles ging mir auf die Nerven. Deshalb bin ich sogar etwas früher abgereist, als ursprünglich geplant.“ Auch Kommilitonen von ihm „schienen ihres Selbstbewusstseins beraubt, weil die Dinge nicht mehr so funktionierten, wie sie es gewohnt waren.“ Viele Erlebnisse in Korea habe er sehr persönlich genommen. Rückblickend weiß er, dass das, was er erlebte, ein Kulturschock war, der typischer Weise in vier Phasen verläuft. Das erste Stadium der so genannten „Kulturschock-Kurve“ ist die Honeymoon-Phase, die von der Faszination von der anderen Kultur geprägt ist. Alles wird durch eine rosarote Brille gesehen. Darauf folgt die Krise, in der die negativen Seiten verstärkt ins Auge fallen und sprachliche Barrieren und mangelndes Wissen zu Unsicherheiten führen. Oft kommt auch das Gefühl auf, dass „zu Hause alles besser ist“. Im Stadium der Erholung entwickelt sich Verständnis für die andere Kultur. Der Prozess endet mit der Anpassung an die neue Umgebung und der Übernahme einiger Verhaltensweisen.[1] Charakteristisch ist auch, dass viele bei der Rückkehr in die Heimat eine Art umgekehrten Kulturschock erleben.

Heute wäre vieles anders gelaufen, ist Florian David Neuss sich sicher. Denn heute weiß er, dass man anhand der richtigen Techniken einen Kulturschock abmildern oder ihm vielleicht sogar vorbeugen kann.

Einige erleben keinen oder eine leichte Form von Kulturschock und meistern die einzelnen Phasen mit Bravour. Andere verharren in einem Stadium. Als Beispiel nennt der Trainer für interkulturelle Kompetenz Leute, die schon viele Jahre in einem anderen Land leben, „die Sprache ziemlich gut sprechen und dort arbeiten und immer über die gleichen Sachen meckern.“

Ihnen kann ein interkulturelles Training helfen, bei dem es typischer Weise um Selbsterfahrung, Reflexion und Bewusstmachung geht. Dabei liegt der Fokus nicht auf der Beschaffenheit der anderen Kultur, sondern vor allem auf der eigenen Prägung. Ausgehend von der Frage, wie die eigene Wahrnehmung durch diese Prägung beeinflusst wird, beschäftigen sich die Kursteilnehmer anhand von konkreten Beispielen mit bestimmten Kultursituationen. Bei seiner Arbeit stößt er immer wieder auf Vorbehalte, da beispielsweise sehr viele Studierende der Überzeugung sind, dass sie doch in der Kultur ihres Studienlandes bereits kompetent seien. „Und das ist ein ganz großes Problem, weil es bei einem solchen Training eben NICHT um die Dinge geht, die man bei einem Studium lernt. Das Thema interkulturelle Kompetenz ist völlig unabhängig vom Akademischen.“

Florian David Neuss findet es wichtig, sich von einem Schwarz-Weiß-Denken zu befreien. Es drehe sich nicht darum, nach dem Motto „Kultur A trifft Kultur B“ zu verfahren und dann möglichst exotische Unterschiede herauszuarbeiten. Natürlich sei es sinnvoll, ganz grundsätzliche Verhaltensregeln zu besprechen, nur warnt er vor der rezepthaften Anwendung: „Viele kaufen sich vorher ein Buch und lesen nach, was man z.B. in Korea machen darf und was nicht. Natürlich verleiht es Sicherheit, sich vorher bestimmte Verhaltensweisen anzutrainieren, nur sollte dabei nicht außer Acht gelassen werden, dass eine Kultur sehr komplex ist. Jeder Mensch, jeder Teilnehmer einer Kultur, hat wieder eine eigene Kultur, je nachdem, woher er kommt. Die Chance, dass dieses Rezepthafte wirklich funktioniert, ist relativ gering, und es schürt sehr leicht Vorurteile. Im Gegenteil, der einzelne missinterpretiert die Situation möglicherweise total und fällt Urteile, die überhaupt nicht stimmig sind. Mich stört, wenn sehr vereinfacht bestimmte Schlagwörter immer wieder fallen. Wenn in Korea die Gruppe z.B. eine ganz andere Wertschätzung erfährt als in Deutschland, dann kann man das zwar lesen und verstehen, aber was das tatsächlich gefühlsmäßig bedeutet, ist noch einmal etwas ganz anderes.“

Um erst gar nicht in die Kulturschock-Falle zu tappen, rät er, gut für sich zu sorgen - „oft hat es ja mit Bedürfnissen zu tun, die nicht befriedigt werden“ -und sich von dem Druck zu befreien, alles perfekt können zu müssen. „Ein typischer Fehler ist z.B., bestimmte, ungeliebte Eigenschaften einer Kultur auf alle zu reflektieren und das Gefühl zu haben, mit jedem klarkommen zu müssen. Wie gut gelingt das schon in der eigenen Kultur?“ Er empfiehlt, sich einen geeigneten Freundeskreis zu suchen, sich aber auch immer wieder aus seiner Komfortzone hervorzuwagen und Neues zu lernen. Für Menschen, denen das Eintauchen in eine fremde Kultur Probleme bereitet, ist es vielleicht tröstlich zu hören, dass Kultur nichts Fixes, sondern komplett erlernt ist, denn dann lassen sich Dinge, die vorher abgelehnt wurden, lieben lernen.

Für Florian David Neuss ist die Begegnung zweier Kulturen wie das Aufeinandertreffen zweier kultureller Landkarten oder Orientierungssysteme, die trotz aller Ähnlichkeiten teilweise verblüffend unterschiedlich sein können. „Oft ist es aber so, dass das, was komplett  anders erscheint, sich in der eigenen Persönlichkeit wiederfinden lässt als ein Bereich, den man eigentlich kennt, der aber normalerweise nicht so präsent ist.“  

Trotz seines Vorwissens stößt der Trainer für interkulturelle Kompetenz im Alltag immer wieder auf Situationen, in denen er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird, aber das wird ihn auch in Zukunft nicht daran hindern, Grenzen zu überschreiten und neue Erfahrungen zu machen. Denn „die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben“ (Alexander von Humboldt).


                                                                                                                                    Das Gespräch führte Gesine Stoyke,
                                                                                                                                                      Redaktion "Kultur Korea"




 

(Foto: privat)

Florian David Neuss beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Themen Lernen und Lehren sowie mit Kulturbegegnungen in Verbindung mit Ostasien. Geboren und aufgewachsen in Hamburg, hat er schon früh ein Interesse für asiatische Kampfkünste entwickelt. Er hat am Asien-Afrika-Institut in Hamburg Koreanistik studiert und zwei Auslandssemester in Südkorea verbracht. Darüber hinaus hat er drei Jahre in Japan als Deutschlehrer gearbeitet. Er ist ausgebildeter Trainer für interkulturelle Kompetenz und bereitet Menschen auf ihre Aufenthalte in Ostasien vor.

Weitere Informationen zum Trainer finden Sie unter www.floriandavidneuss.com.

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