Kaleidoskop

Weihnachtsmarkt in Seoul: 5 Jahre alt und immer beliebter

Stand mit Weihnachtsspezialitäten (Foto: Rainer Rippe)

Deutschen Stollen, sizilianische Würste, finnisches Knäckebrot – so etwas findet man selbst in gut sortierten Lebensmittelgeschäften in Seoul nur selten. Aber einmal im Jahr gibt es diese und viele andere Spezialitäten alle an einem Ort: auf dem europäischen Weihnachtsmarkt in Seongbuk-dong.

Das Wetter ist schön winterlich kalt – passend zum Nikolaustag. Kaum komme ich aus der U-Bahn-Station Hansung University, schon laufe ich Alexander Kneider über den Weg. Der Organisator des Weihnachtsmarkts, der hauptberuflich Professor an der Hankuk University of Foreign Studies (HUFS) ist, steht gerade vor einer Fernsehkamera und gibt ein Interview. „16 Stände gibt es, und an jedem 10 Probleme“, erzählt er mir anschließend. Zeit für ein kleines Schwätzchen nimmt er sich trotzdem. Aber da ich wusste, wie viel er zu tun haben würde, habe ich ihn bereits vorab ausführlich interviewt.

Alexander Kneider (Foto: Rainer Rippe)

Wie kommt es, dass ein Deutscher einen Weihnachtsmarkt in Seoul organisiert?

Alexander Kneider: Vor 5 Jahren, genauer Anfang November 2009, wurde das Seongbuk Global Village Center errichtet mit der Absicht, ausländischen Residenten die koreanische Kultur zu vermitteln, Hilfestellung für sämtliche Probleme, die sie täglich haben könnten, zu leisten und kostenlose Seminare wie Sprach- und Bastelkurse mit Hanji, Kimchi-Herstellung (Gimjang), Teezeremonien, Exkursionen usw. zur Verfügung zu stellen. Damals suchte der Bürgermeister von Seongbuk-gu einen Ausländer, der dieses Center leiten könnte und darüber hinaus auch noch ein paar Worte Koreanisch sprach. Kurzum, zur Gewichtung meiner neuen Stellung innerhalb des Gu-Office machte er mich gleich zum Bezirksbürgermeister ehrenhalber. Damit war ich als 21. Bezirksbürgermeister von Seongbuk-gu speziell nicht nur für Kulturvermittlung, sondern auch direkt verantwortlich für alle Ausländer, die in Seongbuk-gu ansässig sind, was immerhin knappe 9.000 sind.

Seongbuk-dong ist ein exklusiver Bezirk in Seoul, in dem zahlreiche Residenzen existieren. Während es vor 5 Jahren noch etwa 30 waren, so sind es heute bereits 42. Einige Botschafter unter ihnen habe ich persönlich dazu bewogen, nach Seongbuk-dong zu ziehen. Als ich also damals meinen neuen Job anfing, hatte ich sofort die Idee, nicht nur den Ausländern die koreanische Kultur näher zu bringen, sondern auch den Koreanern die Kultur zahlreicher Länder vorzustellen, was gerade in „meinem Bezirk“ durch die Anwesenheit so vieler Botschafter optimal schien.

Besucher des Weihnachtsmarkts (Foto: Rainer Rippe)

Das erste größere Fest sollte also ein typischer Weihnachtsmarkt sein. „Aller Anfang ist schwer“, wie man so schön sagt, und so war es auch mit dem ersten Weihnachtsmarkt. Ich fing also an, viele Leute anzusprechen, ihnen von meinen Plänen zu erzählen und zu fragen, ob sie nicht Lust hätten, mitzumachen. Die Reaktion der meisten war: „Nee, keine Zeit, keine Lust, kein Personal, mach du mal!“ Daher habe ich alle meine Freunde (deutsche und koreanische) zusammengetrommelt und angefangen, einen typisch deutschen Weihnachtsmarkt zu organisieren. Große Unterstützung fand ich dabei durch die deutsche Botschaft und vor allem durch den damaligen Botschafter Dr. Hans-Ulrich Seidt und seine Frau Marita, die von dieser Idee begeistert waren. Auf diese Weise fand der erste Weihnachtsmarkt 3 Tage lang auf einem kleinen Platz in Seongbuk-dong mit nur 8 Zelten statt. Es gab Glühwein, Waffeln, Würstchen, Weihnachtsgebäck, deutsche Adventskalender usw., und dazu sangen die Kinder der Deutschen Schule Seoul ein paar Weihnachtslieder. Der Erfolg war derart groß, dass nicht nur der Gu-Bürgermeister sofort anordnete, den Weihnachtsmarkt jedes Jahr zu veranstalten, sondern dass auch diejenigen, die zuerst abgelehnt hatten, mitzumachen, sofort anfragten, ob sie nicht beim nächsten Mal aktiv dabei sein könnten. Auf diese Weise wurde aus einem traditionell deutschen Weihnachtsmarkt ein europäischer.

Was hat sich seitdem geändert?

Alexander Kneider: 2012 wurde der Seongbukcheon Fountain Square, auf dem der Weihnachtsmarkt jährlich veranstaltet wird, durch eine Holzplattform über den Seongbukcheon um das Doppelte vergrößert, so dass wir auch die Anzahl der Zelte von 8 auf maximal 16 verdoppeln konnten. Die Popularität des Europäischen Weihnachtsmarktes ist derart gestiegen, dass wir mittlerweile sogar Anrufe von Leuten aus der Provinz bekommen, die wissen wollen, wann der diesjährige Weihnachtsmarkt stattfindet.

Clif Wigington (Foto: Rainer Rippe)

Wie viele Besucher kommen denn? Sind es mehr Koreaner oder Ausländer?

Alexander Kneider: Die Anzahl der Besucher ist von etwa 5.000 im Jahr 2010 auf über 20.000 im letzten Jahr gestiegen, und für dieses Jahr erwarten wir sogar noch mehr Besucher. Waren es anfänglich überwiegend Europäer und Amerikaner, so liegt das Verhältnis mittlerweile bei 50 Prozent Ausländern und 50 Prozent Koreanern, wobei die Anzahl der Koreaner immer größer wird.

Welche Länder sind dieses Jahr mit einem Stand vertreten? Was gibt es dort zu essen und zu trinken?

Alexander Kneider: Die Anzahl der teilnehmenden Länder nimmt von Jahr zu Jahr zu. 2010 waren es 5 europäische Länder, zu unserem 5. Jubiläum in diesem Jahr nehmen ganze 11 Länder teil: Deutschland, Frankreich, Italien, Dänemark, Finnland, Schweden, Norwegen, Spanien, die Schweiz, die Tschechische Republik und die Ukraine. Jedes Land bietet dabei Spezialitäten an in Form von Leckerbissen, Getränken oder auch Kunsthandwerk und Weihnachtsdekorationen.

Tänzer/innen vom HUFS-Campus in Yongin (Foto: Heiko Ital)

Tradition sind mittlerweile natürlich der Glühwein, aber auch die leckeren Waffeln der Deutschen Botschaft sowie französische Bratwürstchen, Schweizer Rösti und der deutsche Adventskalender für Kinder, der hinter jedem Türchen ein Stück Schokolade verbirgt. Zum dritten Mal ist auch das Grand Hilton mit einer köstlichen Gulaschsuppe sowie Stollen und anderem Weihnachtsgebäck dabei. Außerdem wird mittlerweile jedes Jahr ein Lebkuchenhaus für gute Zwecke versteigert, dass vom Manager des Grand Hilton, Herrn Bernhard Brender, zur Verfügung gestellt wird. Neu in diesem Jahr sind vor allem Stände der Tschechischen Republik, Spanien und der Ukraine.

Wie viel Zeit kostet es, den Markt zu organisieren und wer hilft dabei?

Alexander Kneider: Die Vorbereitung des Weihnachtsmarktes ist naturgemäß mit vielen organisatorischen Schwierigkeiten verbunden, so dass wir mindestens 2 Monate vor dem Event beginnen müssen. Dabei wird die Organisation ausschließlich vom Seongbuk Global Village Center vorgenommen, doch habe ich glücklicherweise eine sehr tüchtige Managerin, eine Beamtin aus dem Gu-Office im Center, die mittlerweile durch zahlreiche Erfahrungen, die wir in den letzten 5 Jahren gesammelt haben, routinemäßig alles fest im Griff hat. Geholfen wird uns auf dem Event immer von zahlreichen freiwilligen Helfern, die zum Teil aus der deutschen Abteilung der Hankuk University of Foreign Studies (HUFS) kommen.

Weihnachtsmann (Foto: Rainer Rippe)

Nicht nur Helfer, sondern auch Tänzer sind heute vom HUFS-Campus in Yongin extra nach Seoul gekommen, um deutsche Volkstänze aufzuführen. Dazu tragen die Studenten zünftige Trachten und lustige Hirschgeweihe auf dem Kopf, zwischen denen eine kleine rote Weihnachtsmütze sitzt. Das Publikum ist begeistert. Anschließend sorgen ein texanischer Dudelsackspieler in Original-Schottenrock und eine 3-Mann-Combo mit Tuba, Saxophon und Banjo für gute Laune.

Das Schöne am Weihnachtsmarkt sind nicht nur die duftenden, leckeren Köstlichkeiten und das tolle Unterhaltungsprogramm, sondern auch die zahlreichen Bekannten, denen man auf dem kleinen Platz unweigerlich über den Weg läuft. Außerdem dient der Weihnachtsmarkt einem wohltätigen Zweck. Der Veranstalter stellt 10 Prozent der Erlöse aus dem Markt für alleinstehende Mütter sowie für multikulturelle Familien in Not zur Verfügung.

Bild von Rainer Rippe

Foto: privat

Rainer Rippe

ist Politikwissenschaftler und hat sieben Jahre in Korea verbracht. Von 2008
bis 2011 hat er an der Hankuk University of Foreign Studies unterrichtet. Von 2012 bis 2016
war er für die Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit in Seoul tätig. Derzeit arbeitet er als
parlamentarischer Referent für Manfred Todtenhausen, MdB im Deutschen Bundestag.

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