Kunst

PARTI-cipation VI 2017 Seoul

Galerie Hafemann (Wiesbaden) zu Gast in der Gallery SoSo (Seoul)

Der Galerist Gottfried Hafemann gründete 1987 die gleichnamige Wiesbadener Galerie Hafemann. Zu ihrem 25. Jubiläum wurde 2012 eine Ausstellungsreihe namens „PARTI-cipation“ ins Leben gerufen, bei der sich ein Team, das sich um den Galeristen gebildet hat, an einen biografisch wichtigen Ort einer Künstlerin oder eines Künstlers aus dem Programm der Galerie begibt, um dort mit dem Galerieprogramm eine Ausstellung zu entwickeln. Im intensiven Dialog mit neuen Räumen und anderen künstlerischen Positionen werden die Bedingungen künstlerischer Produktion, Präsentation und Vermittlung jeweils neu untersucht.

 

Gallery SoSo, Heyri Art Valley, Paju, Korea

 

Zum Auftakt der Reihe begab sich das Team ins fränkische Iphofen. In den darauffolgenden Jahren wurde die deutsche Grenze zuerst Richtung Italien in das piemontesische Verduno und dann Richtung Niederlande, nach Amsterdam, überschritten. Im Sommer 2015 überquerte das Team den Atlantik: Ziel war Óbidos, eine Kleinstadt am Ufer des brasilianischen Amazonas. Nachdem 2016 das Rhönmuseum in Fladungen, nahe der ehemaligen Grenze zwischen DDR und BRD, aufgesucht wurde, führte das Projekt die Gruppe 2017 in die koreanische Hauptstadt Seoul. Die in Frankfurt lebende koreanische Künstlerin Young W. Song lud vier Künstlerinnen und Künstler der Galerie Hafemann und drei weitere Gäste aus Korea zum Kunstdialog in die Gallery SoSo ins Künstlerdorf Heyri Art Valley ein. Bereits vor 25 Jahren wanderte Young W. Song nach Deutschland aus, um sich in Stuttgart dem Studium der Bildenden Künste zu widmen. Ihre Professorin Marianne Eigenheer wurde bereits damals durch die Galerie Hafemann vertreten, weswegen Young W. Song schon früh in eine Gruppenausstellung in der Galerie eingebunden wurde. Marianne Eigenheer ist heute eine der Künstlerinnen, die Young W. Song für die nun sechste Edition der Ausstellungsreihe „PARTI-cipation“ nach Seoul eingeladen hat.

 

Kim Hyung Gwan, „Lighthouse 1701“ und „Lighthouse1702“

 

Die größte Herausforderung für die Künstlerinnen und Künstler war hierbei nicht, sich gemeinsam auf einen weiten Weg zu machen, sondern vielmehr, sich in einer Entfernung von etwa 10.000 km gedanklich auf einen fremden Ort einzulassen, um in Auseinandersetzung mit den gegebenen Parametern eine Arbeit zu entwickeln. Die Frankfurter Künstlerin Monika Linhard hat drei Werke ihrer 28-teiligen Serie „Europas Mäntel“, bei der sie die Coverseiten von Tageszeitungen künstlerisch bearbeitet, mit nach Seoul gebracht und anhand der koreanischen Zeitung Hadonggunmin Sinmoon um eine neue Version ergänzt. Die deutsch-niederländische Künstlerin Gabi Rets hat in Vorbereitung auf die Ausstellung in der Galerie SoSo ihre künstlerische Strategie der Verfremdung sprachlicher Elemente wie Buchstaben und Wörter auf das koreanische Alphabet in einer bewusst naiven Annäherung angewandt. Das Ergebnis enthüllt einen symbolischen Aspekt des Hanguls, der nur durch die Augen der Unwissenden zu sehen ist. Gegenüber den zarten und semitransparenten Arbeiten von Gabi Rets positioniert sich die Acrylmalerei von Kim Hyung Gwan mit starken Neonfarben. Diese intensive Farbigkeit und die präzis ausgearbeiteten Konturen seiner auf den Grundriss reduzierten imaginierten Räume sind konzeptuell erarbeitet und sollen nichts Eigenwüchsiges oder gar Natürliches mit sich bringen. In der Ölmalerei von Han Soo Jung wird die kräftige Farbgebung aufgegriffen, allerdings wird wieder ein Bogen zur Naturdarstellung geschlagen. Sie rückt den Betrachter ganz nah in ihre blumigen Mikrolandschaften und fordert ihn auf, sich ihrer gezielt definierten Freistellen anzunehmen. In der Werkreihe „A Legacy“ von Marianne Eigenheer wird das Blumenmotiv durch die künstlerische Untersuchung transparenter Papierschablonen eines Schweizer Stickgeschäftes wieder aufgegriffen. Die Transformationsprozesse feinster Handarbeit mit Details, die dem bloßem Auge verborgen bleiben, werden in ihren übergroßen Scans sichtbar. Young W. Song harmonisiert mit ihren zwei Häkelarbeiten den scheinbaren Gegensatz zwischen Kunsthandwerk und freier Bildender Kunst. Young W. Song hatte den Vorteil, dass sie den Ausstellungsort bereits kannte, und konnte somit auf die Vorgaben der Architektur aus Sichtbeton, Zedernholz und Glas reagieren. Die wiederholende, präzise Bewegung des Häkelns und die einmalige, intuitive Geste der expressiven Malerei durchdringen sich in ihrer Arbeit. Auch wenn sie nicht mit Pinsel und Farbe arbeitet, bringt sie eine Hommage an die „Malerei an sich“ hervor. Dieses Thema greift auch Chung Seung Uns Arbeit auf. Indem er tausende Linien Ölfarbe auf einen Faden aufträgt und dieser im Gegensatz zur flachen Leinwand die lineare Elementarstruktur seiner Bestandteile sichtbar macht, wird seine Arbeit zu einer substanziellen Untersuchung von Malerei. Im Gegenüber sind fünf Hinterglasarbeiten von Carlos Matter gesetzt, in denen seine Auseinandersetzung mit dem kontrollierten Zufall in einer strengen, modularen Form austariert wird. An dieser Position der Ausstellung wird der Dialog zwischen Architektur und Natur, welcher durch die Architektur der Galerie SoSo (Architekt Sam Yeong Choi) initiiert wird, aufgegriffen und in Einklang gebracht.

 

Vorne: Chung Seung Un, hinten: Carlos Matter

 

Mit der Eröffnung der Ausstellung am 20. Oktober 2017 endete der Prozess der künstlerischen Untersuchung des gegebenen Orts und der wechselseitigen Einflussnahme unterschiedlicher Positionen. Nun trennte sich der gemeinsame Weg aller Beteiligten, und vielleicht treffen sie 2018 in Berlin bei der PARTI-ciption VII im Kunstquartier Bethanien wieder zusammen.

 

Young W. Song, „Dripping Color”
(Fotos: Nadine Hahn)

 

Foto von Nadine Hahn

Foto: Thomas Schröder

Nadine Hahn

studierte europäische Kunstgeschichte, Ethnologie und Philosophie in Heidelberg und Lyon und ist seitdem als freiberufliche Kunsthistorikerin in unterschiedlichen Projekten aktiv. Nach ihrer Magisterarbeit zu Peter Roehr arbeitete sie das Archiv des Frankfurter Künstlers als freie Mitarbeiterin am Museum für Moderne Kunst in Frankfurt für eine Onlinepräsentation auf und hat sich in diesem Zusammenhang intensiv mit digitalen Strategien des Sammlungs- und Archivmanagements und nachhaltigen Erschließungskonzepten auseinandergesetzt. Als Folgeprojekt bereitet sie derzeit eine Präsentation des Archivs des Schweizer Kunsthistorikers und Kurators Jean-Christophe Ammann vor. Parallel zu diesen theoretischen Themenfeldern sammelte Nadine Hahn über verschiedene Tätigkeiten in Galerien und Ausstellungshäusern Erfahrungen im praktischen Ausstellungsbetrieb. Seit 2014 begleitet sie als freie Kuratorin die Ausstellungsreihe PARTI-cipation in Kooperation mit der Wiesbadener Galerie Hafemann. Dieses Projekt führte sie 2017 in die südkoreanische Hauptstadt Seoul.

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