Film

Kino ohne Happy End

Im Gespräch mit Christoph Terhechte, Leiter des Berlinale-Forums

Seit fast 20 Jahren ist Christoph Terhechte regelmäßig in Korea und stets gern gesehener Gast beim Busan International Film Festival (BIFF), das Ende der 1990-er Jahre ins Leben gerufen wurde. Er ist vertraut mit der Geschichte und Kultur des Landes und - das liegt in seinem Fall gewissermaßen in der Natur der Sache - insbesondere mit dem koreanischen Film. Als Leiter der Sektion Forum ist er seit 2001 federführend zuständig für die risikofreudigste Sektion der Berlinale. Als Plattform für Avantgarde und Experiment ist hier das Augenmerk auf neue Strömungen des Weltkinos gerichtet, auf unverbrauchte Erzählformen. 38 koreanische Filme hat Terhechte bislang nach Berlin gebracht, was vor allem daran liegt, dass koreanische Filme „so interessant“ sind und „dass ich verstanden habe, welche Bedeutung das koreanische Kino für ein internationales Publikum haben kann“. Eben wegen dieses Engagements wurde Terhechte beim BIFF im Oktober 2017 der Korean Cinema Award verliehen. Zur „Globalisierung des koreanischen Kinos“ habe er beigetragen, begründeten die Veranstalter auf der Festival-Website ihre Entscheidung.

Berlinale 2017: Sektionsleiter Christoph Terhechte mit dem Regisseur Lee Doo-yong (© Dario Lehner)

Nicht weniger als 38 koreanische Filme haben es also auf die Leinwände der Internationalen Filmfestspielen in Berlin geschafft, weil sie zu überraschen vermochten, neugierig machten, großartige Einfälle verbargen. Koreanisches Kino sei authentisch koreanisch und gerade deshalb so erfolgreich, erklärt der Kenner. Die Koreaner haben es auch dank der Quote geschafft, eine Filmkultur zu etablieren, die nicht darauf angewiesen ist, einem internationalen Publikum gefallen zu müssen. „Zumeist amortisieren sich die Filme auf dem heimischen Markt so gut, dass sie es sich leisten können, spezifisch zu sein und sich den Nöten, Ängsten und Freuden der Koreaner selbst zu widmen.“ Sicherlich ist es wirtschaftlich immer von Vorteil, exportfähige Filme zu produzieren, und ja, selbstverständlich bestehe auch Interesse am Erfolg auf internationaler Ebene, aber verbiegen müssen sich die Koreaner nicht. „Der Zwang zur Internationalisierung bedeutet immer auch eine Verflachung. Das koreanische Kino mit seiner Authentizität hingegen gewährt einen Einblick in die Gesellschaft, wie sie wirklich ist. Das wiederum sei so gut gelungen, dass das internationale Publikum darauf aufmerksam wurde „und zwar was den Kunst- und den Genre-Film betrifft.“

Koreanische Regisseure sehen keine Notwendigkeit, ihre Filme mit internationalen Stars besetzen zu müssen, um auf dem Weltmarkt erfolgreich zu sein. Das bedeutet im Umkehrschluss natürlich nicht, dass sie es nicht dennoch tun, aber „Hong Sang-soo dreht nicht mit Isabelle Huppert,[1] weil er meint, er müsse mit Isabelle Huppert den internationalen Markt erobern, sondern er dreht mit ihr, weil er ihr Bewunderer ist und weil er die französische Kultur mag und gerne in Paris ist und sich einfach daran erfreut. Niemand könne ernsthaft glauben, ein Film von Hong Sang-soo sei kommerziell verwertbar. „Seine Filme sind versponnenes Extrem“, aber auch konstantes Kino. Drei Filme macht er etwa pro Jahr, allesamt von Anfang bis Ende improvisiert. Am Tag vor Beginn der Dreharbeiten habe er noch keine Ahnung, wovon der Film handeln soll, geschweige denn wissen es die Schauspieler. Er schreibt jeden Morgen einige Seiten und dann wird gedreht. „Hong Sang-soos Filme sind also das Gegenteil von einer durchkalkulierten Hollywood-Produktion.“

Berlinale 2017: Regisseur Hong Sangsoo und die Schauspielerin Kim Minhee (© Dirk Michael Deckbar)

Tragisch muss es sein. Immer. Die koreanische Seele fühlt sich aufgehoben in der Tragik. Terhechte führt dieses Wesensmerkmal des koreanischen Filmschaffens auf die Geschichte des Landes zurück, die von Unterwerfung, Besatzung und Krieg geprägt ist. Bong Joon-ho zum Beispiel habe sich mit „Memories of Murder“ (2003) extrem geschickt mit der Mentalität einer Gesellschaft auseinandergesetzt, die viele Phasen der Unterdrückung erlebt hat. „Ein koreanischer Film mit Happy End ist eigentlich kein koreanischer Film. Der Held muss sterben, zumindest aber leiden, so will es das Erzählmuster. Es gibt sehr viel Trauriges zu erzählen, und das gelingt filmisch in einer Weise, die so richtig ins Herz trifft. Das geschieht zum Teil auf recht gewiefte, für uns Ausländer aber manchmal schwer verständliche Art und Weise.“ Nichts für ein Massenpublikum also und dennoch auch international sehr erfolgreich. Ein Paradoxon? Auch seine späteren Filme „The Host“ (2006) oder „Snowpiercer“ (2013) seien unbestritten „mit größtem Kinovergnügen verbunden. Dafür, dass diese Kultur den Westeuropäern erst einmal sehr fremd ist, ist die Erfolgsgeschichte des koreanischen Kinos in den vergangenen 20 Jahren ein Paukenschlag.“ Kurzum: Auch Zuschauer anderer Kulturkreise können sich der Faszination vielfach nicht entziehen. „Selbst, wenn sich eher schmalzige oder melodramatische koreanische Filme manchmal am Rande der Lächerlichkeit bewegen, muss sich auch der gefasste Zuschauer bei einem Film wie A Taxi Driver (2017) von Jang Hun am Ende ein paar Tränchen verdrücken. Man kommt nicht darum herum. Die Filme sind so gut, so clever gemacht.“ In dem Erfolg dieses Films über die Aufstände in der Stadt Gwangju aus Sicht eines koreanischen Taxifahrers und eines europäischen Journalisten sieht Terhechte im Übrigen einen Anhaltspunkt für politische Veränderungen und für solche im Denken der Koreaner. „Filme wie diese sind ein Zeichen von einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel.“

Die Schauspielerin Kim Minhee wurde bei der Berlinale 2017 für ihre Rolle in dem Film „On the Beach at Night Alone“ (Hong Sangsoo) als Beste Darstellerin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. (© Alexander Janetzko)

Und natürlich darf der Name Kim Ki-duk bei einem Gespräch über die Filmwelt Koreas und das koreanische Arthouse Kino, aber auch über die Erfolge des koreanischen Films in der westlichen Welt nicht fehlen. Sein Name steht für das ganz große Grauen, Passionen der Qual und Gewaltexzesse, aber eben auch für den Erfolg eines koreanischen Regisseurs, der als erster Filmemacher seines Landes bei den Filmfestspielen in Venedig für seinen Spielfilm Pieta (2012) den Goldenen Löwen erhielt. Auch Regisseure wie Kim Jee-woon und Park Chan-wook „hauen ja auch ganz schön auf den Klotz“ und machen Filme in einer Weise, die man im europäischen Kino so nicht kennt. Auch die Tabus und Sensibilitäten seien natürlich ganz andere. „Bei einem extrem gewaltvollen Film über eine Bruder-Schwester Liebe wurde ich anlässlich eines Korea-Besuches vom Weltvertrieb gefragt, ob das für uns Europäer nicht ein harter Brocken sei. Gemeint waren damit aber nicht etwa die Szenen, in denen Gliedmaße abgetrennt und andere Gräueltaten begangen wurden, sondern das Inzest-Thema. Diese unterschiedliche Wahrnehmung in Abhängigkeit vom kulturellen Kontext finde ich interessant. Die Gemeinsamkeit zwischen Koreanern und Japanern liegt in dem Fall beispielsweise darin, das visualisierte Grauen von vornherein als rein grafisches Element zu betrachte und nicht als Sinnbild für den Schmerz. Tarantino[2] ist einer der wenigen Amerikaner, der das verstanden hat, und der durchaus eine Faszination für das ostasiatische Genre-Kino entwickelt hat, und das wiederum meint im Wesentlichen Hong Kong, Korea und Japan.“ Anders als die kriselnde Filmszene in Japan sei es dem koreanischen Kino gelungen, sich dem Zeitenwandel anzupassen. Genau genommen ist es aufgrund der großen Bandbreite allerdings fast unmöglich, überhaupt von einem ‚koreanischen Kino‘ zu sprechen, erklärt Terhechte. „Zwischen Hong Sang-soo und Bong Joon-ho liegen schon Welten, und wenn wir dann noch Kim Ki-duk mit seinen irrwitzigen Metaphern von extrem beschaulich bis zu hochgradig grausam hinzunehmen, wird deutlich, wie komplex das Ganze ist. Dennoch gibt es aus meiner Sicht einen gemeinsamen Nenner, nämlich eine große Leidenschaft für die Sache und ein ähnliches Empfinden für die wesentlichen Konflikte innerhalb der koreanischen Gesellschaft, die allzu oft in der schon erwähnten tragischen Vergangenheit gründen.“

Mit „Bittersweet Life“ (2005) scheint Kim Jee-woon wohl den passenden Titel für den Film gefunden zu haben, den Terhechte zu seinen Favoriten zählt. Dem westlichen Publikum empfiehlt er, das Übertriebene und Komikhafte des koreanischen Kinos nicht stets für bare Münze zu nehmen. Wenn dies gelingt, dürften Filmfans aus aller Welt wohl in Zukunft noch ein Stückchen näher zusammenrücken und großes Kino erleben – trotz sterbender Helden und No Happy End…

Christoph Terhechte (©Ali Ghandtschi)

Das Gespräch führte Dr. Stefanie Grote
Redaktion Kultur Korea

[1] „In Another Country” (2012)
[2] Quentin Jerome Tarantino: US-amerikanischer Filmregisseur, Produzent, Drehbuchautor, Kameramann und Schauspieler

Dr. Stefanie Grote

Redaktion "Kultur Korea"

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