Film

Koreanische Filme auf der Berlinale 2018 – von Veteranen und Neuanfängen

Es war ein Novum: Die 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin fanden zeitgleich mit den Olympischen Winterspielen in Korea statt – eine einzigartige Parallelität. Während in Pyeongchang die Athleten der Welt um goldene Medaillen miteinander kämpften, rangen in Berlin die Filme um den Goldenen Bären. Was beide Ereignisse einte: gute Stimmung durch Sonnenschein – in Pyeongchang politischer, in der deutschen Hauptstadt meteorologischer Natur. Die sonnigste Berlinale seit Ewigkeiten präsentierte ein Filmfestival unter blauem Himmel – ein Phänomen, das sonst nur Cannes und seiner Croisette vorbehalten ist.

 

INKAN, GONGKAN, GRIGO INKAN

HUMAN, SPACE, TIME AND HUMAN (c) Kim Ki-duk Film

Den blauen Berliner Filmhimmel zierten in diesem Jahr auch sechs koreanische Sterne, unter ihnen buchstäblich solche, die auf dem internationalen Parkett längst zu großen Regie-Stars avanciert sind. Nach 14-jähriger Abwesenheit stellte Kim Ki-duk erstmals wieder einen Film in Berlin vor. HUMAN, SPACE, TIME AND HUMAN (인간, 공간, 시간 그리고 인간) feierte seine Weltpremiere in der Sektion „Panorama“. Kim Ki-duk zeichnet eine ebenso fantastische wie dramatische Parabel über die grausame Natur des Menschen. Mit einem alten Kriegsschiff sticht eine Gruppe gänzlich unterschiedlicher Persönlichkeiten in See. Als das Schiff unabänderlich von seinem Kurs abkommt, implodieren unter den Figuren rasant Konflikte, die vollständig außer Kontrolle geraten, als sie eine unaufhaltsame Spirale der Gewalt unter Schiffscrew und Passagieren auslösen. Kim Ki-duk inszeniert und seziert den Zerfall von Menschlichkeit mit bemerkenswerter Präzision. Auch mithilfe beeindruckender Schauwerte und einem hochkarätigen Schauspielensemble gelingt ihm eine zeitlose wie universelle Versuchsanordnung zu totalitären Systemen, in denen die Abwesenheit von Moral zu ausweglosen Überlebenskämpfen führt, die letztlich nur einen Verlierer kennen: den Menschen an sich.

GRASS

Kim Min-hee in GRASS (c) JEONWONSA Film Co.

21 Jahre nach seinem Regiedebüt THE DAY A PIG FELL INTO THE WELL (돼지가 우물에 빠진 날) kehrt der koreanische Regisseur Hong Sang-soo in die Sektion „Forum“ zurück, ebenfalls mit einer Weltpremiere. Die Schauspielerin Kim Min-hee, letztjährige Gewinnerin des Silbernen Berlinale-Bären als Beste Darstellerin, verkörpert im vergnüglichen und kurzweiligen Schwarz-Weiß-Film GRASS (풀잎들) Areum, eine junge Autorin, die ihre Schreibzeit in einem Café verbringt, andere Gäste beobachtet und sich durch ihre Geschichten inspirieren lässt. Oder ist es etwa genau umgekehrt? Ist die Autorin diejenige, die die Filmfiguren in ihrer Phantasie erst persönlich erschaffen hat? Wie so oft ist Hongs Handlung weniger angetrieben durch einen großen Plot, vielmehr durch die vielschichtigen Begegnungen und Beziehungen zwischen den Figuren sowie das feinsinnige Spiel seines erstklassigen Ensembles. Mann trifft Frau und umgekehrt – äußerst einfach und ebenso schwierig zugleich: Hong Sang-soo nimmt sich erneut dieses zeitlosen und universellen Themas an – oder ist es, genau wie bei Areum, etwa sein ganz persönliches? Die Spekulationen seiner Figuren sind die Leerstellen, mit denen der Regisseur ihre zwischenmenschlichen Geheimnisse gleichzeitig offenbart wie verschweigt; Hong Sang-soo ist ein Meister darin.

OLD LOVE

OLD LOVE

Auch Park Ki-yong ist ein Berlinale-Wiederkehrer. 16 Jahre liegt seine letzte „Forum“-Teilnahme zurück. In seiner neuesten Arbeit OLD LOVE (재회) lässt er, ähnlich wie in seinen früheren Filmen MOTEL CACTUS (모텔 선인장) und CAMEL(S) (낙타()), zwei Menschen aufeinander treffen, die eine gemeinsame, in diesem Fall lang zurückliegende Vergangenheit teilen: nämlich eine romantische. Yoon-hee kehrt nach Jahren aus Kanada in ihre Heimat zurück, sie muss sich um ihre an Alzheimer erkrankte Mutter kümmern. Am Flughafen begegnet sie unerwartet Jung-soo. Beide sind inzwischen mittleren Alters, hatten sich einst in einer Theatergruppe kennen gelernt. Ihre jugendliche Aufbruchsstimmung von damals ist verflogen, dennoch flackert ihr romantisches Erlebnis von damals wieder auf. Doch heute kämpfen sie vor allem mit den Nöten, die das Erwachsenenleben mit sich bringt: gescheiterte Beziehungen, sterbende Eltern oder ausufernde Schulden. Fußend auf einer unerfüllten Liebesgeschichte, zeichnet Park Ki-yong das Bild einer koreanischen Gesellschaft in ihrer Hilflosigkeit, die von monetären Interessen und Zwängen angetrieben ist. Mit filigraner Hand und präziser Dialogführung porträtiert der Regisseur eine Generation mittleren Alters, die zwischen einer älteren und einer jüngeren feststeckt und zermahlen wird. Mittels seiner hervorragend agierenden Hauptfiguren schafft er es mit Bravour, die Folgen des eingehenden Niedergangs alter Wertvorstellungen, Normen und Traditionen im modernen Korea zu veranschaulichen.

LAST CHILD

LAST CHILD (c) ATO Co. Ltd.

Doch nicht nur einige der Veteranen des koreanischen Films waren auf der diesjährigen Berlinale zugegen. Hinter LAST CHILD (살아남은 아이) verbirgt sich der erste Langspielfilm des Regisseurs Shin Dong-seok, Absolvent der renommierten Korean National University of the Arts. Ein Ehepaar betreibt ein Maler- und Tapezierergeschäft. Ihr Sohn Eun-chan ist kürzlich bei einem tragischen Badeunfall ums Leben gekommen – doch durch seinen Tod konnte das Leben eines anderen Teenagers, Ki-hyun, gerettet werden. Nach einer unerwarteten Begegnung stellt Eun-chans Vater den tief verunsicherten Ki-hyun in seinem Handwerksunternehmen ein – für das Ehepaar ist er bald wie ein neuer Sohn. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, als Ki-hyun schließlich die Wahrheit über Eun-chans Tod gesteht – die ihn selbst mit Schuld überzieht. So wandelt sich die Trauer der Eltern in Wut, einhergehend mit dem Bedürfnis nach Vergeltung. Regisseur Shin variiert eine archaische Themenwelt von Schuld und Sühne zu einem ergreifenden wie spannenden psychologischen Drama mit überraschenden, mitreißenden Wendepunkten, furiosem Schauspiel – und hoffnungsvollem Ausblick.

STRANGE MEETINGS

STRANGE MEETINGS (c) Jane Jin Kaisen

Gleich zwei experimentelle Videoarbeiten aus Korea waren in die Sektion „Forum Expanded“ eingeladen, beide als Teile einer Ausstellung in der Akademie der Künste: STRANGE MEETINGS, die 2-Kanal-Videoinstallation der Künstlerin Jane Jin Kaisen, dokumentiert als dänisch-koreanische Koproduktion eine ehemalige Behandlungsstation für Geschlechtskrankheiten in einem US-Militärlager nahe des Berges Soyosan nördlich von Seoul. In den 70er-Jahren erbaut, diente sie als Standort, um Frauen selbst bei bloßem Verdacht auf sexuell übertragene Krankheiten zu untersuchen, diese von der Bevölkerung zu isolieren und dabei auch gegen ihren Willen festzuhalten. Heute ist der Ort Schauplatz einer Reihe seltsamer Begegnungen, beispielsweise von Menschen, die sich wöchentlich zu einer eigenwilligen Performance zusammenfinden. Jane Jin Kaisen verwebt eindrucksvoll Bilder des Gebäudes mit der vor Ort stattfindenden performativen Feuer- und Kerzen-Show, die in Trommeltänze und Gesänge eingebettet ist. Neben der Projektion dieses Videos berichtet auf einem Monitor ein zweites über eine Frau, die gegen ihren Willen in der Station behandelt wurde und aus ihrer Zeitzeugen-Erinnerung den Grundriss des Gebäudes skizziert. Dokumente aus einem Schadensersatzprozess erzählen zudem von den bis heute andauernden Folgen der Behandlungen.

COME BACK ALIVE, BABY

COME BACK ALIVE, BABY (c) Sanghee Song

Song Sang-hee zählt zu den renommiertesten zeitgenössischen Künstlerinnen Koreas. Erst im Januar dieses Jahres wurde sie mit dem bedeutenden „Korea Artist Prize“ unter anderem für ihre 3-Kanal-Videoinstallation COME BACK ALIVE, BABY (다시 살아나거라 아가야) ausgezeichnet, die nun auf der Berlinale zu sehen war. Für diese komplexe Arbeit filmte Song unter anderem im ukrainischen Tschernobyl, in den Niederlanden, Yubari in Japan, der Gedenkstätte Buchenwald in Deutschland, aber ebenso an mehreren Orten in Korea, die sich als Schauplätze von Massakern in die koreanische Geschichte eingeschrieben haben, beispielsweise das Bodo-League-Massaker in der Nähe von Taejon oder das Massaker von Nogeun-ri, die sich beide 1950 zutrugen. Song verwebt Videobilder, Zeichnungen und Texte zu einem dichten Kunstwerk, das mittels einer dreigeteilten Projektion vernetzt wird. Inspiriert ist ihre Arbeit durch die über Jahrhunderte tradierte, märchenhafte Legende „Agijangsu” (아기장수) über ein Baby, das unter tragischen Umständen getötet wird und wieder aufersteht. Song reflektiert über Geburt, Tod und Auferstehung, über Aufstand, Unterdrückung und Massaker. Im Angesicht von Katastrophen, ausgelöst durch Menschenhand, thematisiert Song Extremsituationen, die zu Leid und Auslöschung führen, aber ebenso zu Hungersnöten oder zur verheerendsten Nuklearkatastrophe der zivilen Menschheitsgeschichte. Trotz aller Grausamkeiten verweist sie hoffnungsvoll auf die Kraft des Lebens, die Neuanfänge immer wieder generieren kann.

 

 

Vollständige Liste aller koreanischen Filme auf der Berlinale 2018:

GRASS (풀잎들, Pul-lip-deul), Regie: Hong Sang-soo

HUMAN, SPACE, TIME AND HUMAN (인간, 공간, 시간 그리고 인간, Ingan, konggan, sigan geurigo ingan), Regie: Kim Ki-duk

LAST CHILD (살아남은 아이, Sara-nameun ai), Regie: Shin Dong-seok

OLD LOVE (재회, Jae-hoe), Regie: Park Ki-yong


Videoinstallationen:

COME BACK ALIVE, BABY (다시 살아나거라 아가야, Dasi sara-nageora, agaya), 3-Kanal-Videoinstallation, 17 min. Song Sang-hee

STRANGE MEETINGS, 2-Kanal-Videoinstallation, HD Video. 11min 8sec. Jane Jin Kaisen