Kaleidoskop

Beob-su und Jang-seung – Südkoreas Dorfwächter feiern ein Fest

Hölzerne Tempelwächter im Byeokson-Kloster

Hölzerne Tempelwächter im Byeokson-Kloster in Macheon-myeon, Hamyang-gun, Gyeongsangnam-do - Anfang des 20. Jahrhunderts (Fotos: A. Reisenbichler)

Beob-su sind Dorfwächter, die in der Nähe von Dorfeingängen oder auf dem Weg zu buddhistischen Klöstern aufgestellt wurden, um böse Geister und Dämonen abzuwehren. Jang-seung bezeichnet eigentlich hölzerne Wegweiser, die an stark frequentierten Wegen postiert wurden, heute aber nicht mehr existieren. Im heutigen Sprachgebrauch werden beide – Beob-su und Jang-seung - als Jang-seung bezeichnet. Die Wächter sind zumeist aus Holz, aber es gibt auch einige Exemplare aus Stein.

Überdimensionierte Augen, knollenartige Nasen und hervorstehende Schneidezähne sind die typischen Charakteristika. Die Gesichtszüge reichen von abschreckend bis hin zu komisch und grotesk. Auf den männlichen Wächtern, die oft einen Generalshut tragen, steht in chinesischen Schriftzeichen die Inschrift „Großer General unter dem Himmel”, auf den weiblichen, die meistens etwas schlichter verziert sind, „Weiblicher General der Unterwelt” (es gibt jedoch auch andere Inschriftenvarianten).

Steinerne Dorfwächter

Bukcheon-li, Unbong-eup, Namwon, Jeollabuk-do. Diese steinernen Dorfwächter wurden vor rund 250 Jahren aufgestellt.

Wandel der Funktionen

Ursprünglich dienten diese Dorfwächter (Beob-su) dem Schutz vor bösen Geistern und fungierten oft auch als Dorfgottheiten, denen jährlich Opfer in Form von Reiskuchen und Früchten dargebracht wurden; sie standen in enger Verbindung zu lokalen schamanistischen Glaubensvorstellungen und besaßen große Macht. Im „Lied von Byeongangsoe“ geht es um einen Mann, der das Holz eines Dorfwächters als Feuerholz verwendete und dafür von den Göttern getötet wurde. Ende des 18. Jahrhunderts ließ König Jeongjo zum Schutz einer königlichen Prozession viele dieser Wächter aufstellen. Der Name einer U-Bahnstation (Jangseungbaegi) in Seoul zeugt noch von diesem Ereignis.

 Die Bevölkerung betete zu diesen Dorfwächtern unter anderem für die Gesundheit der Familie, für die Geburt eines männlichen Nachkommen oder für einen wunderbaren Ehemann. Die Funktionen und auch Bezeichnungen dieser Wächter weisen viele lokale Varianten auf.

In der Nähe von buddhistischen Klostereingängen findet man des Öfteren hölzerne oder steinerne Wächter. Auch diese gehen auf traditionelle Glaubensvorstellungen wie die Verehrung von Genitalien zurück. Da der Buddhismus in der konfuzianistisch geprägten Joseon-Dynastie stark vernachlässigt wurde und nur eine untergeordnete Rolle spielte, wurden besonders auf dem Lande traditionelle Glaubensvorstellungen miteinbezogen, um den Buddhismus attraktiver zu machen. Auch die lokale Berggottheit Sansin aus dem koreanischen Schamanismus wurde in dieser Phase in das buddhistische Pantheon aufgenommen.

Diese Wächterfiguren wurden auch zum Schutz öffentlicher Gebäude errichtet oder dienten in manchen Fällen auch dem Schutz einer ganzen Region, wie z.B. die Wächter in Seocheon-li, Unbong-eup, Namwon, Jeollabuk-do.

Die südwestliche Provinz Jeollabuk-do ist unter anderem für ihre Landwirtschaft bekannt. Die Regionen Unbong und Ayeong waren sehr fruchtbare Gebiete und auch dementsprechend wohlhabend. Das wurde durch die Errichtung von steinernen Wächtern ausgedrückt, die vor ungefähr 250 Jahren aufgestellt wurden (siehe Foto oben). Die Errichtung dieser Steinwächter war natürlich wesentlich aufwändiger und kostspieliger als die hölzerner Exemplare.

Heutzutage sieht man diese hölzernen Dorfwächter jedoch kaum mehr an Dorfeingängen, sondern eher an touristischen Orten, Aussichtspunkten und an Souvenirständen als kleine Miniaturen. Zwar werden alte hölzerne Dorfwächter nicht entfernt, aber auch nicht mehr nachgebaut.

Das Aufstellen der Dorfwächter

Das Aufstellen dieser schweren Dorfwächter ist nicht so einfach. Wenn wir das geschafft haben, fahren wir nach Stonehenge oder auf die Osterinseln.

Ein Sprung in die Gegenwart

In Sannae, Jeollabuk-do, wo es eine Community der ,Zurück-aufs-Land-Bewegung‘ (kwi-nong) gibt, die alte Traditionen wiederbelebt, wurde beschlossen, zwei neue Dorfwächter aufzustellen. Dafür wurde der ausgebildete Statuenschnitzer Jang Dong-u, der jahrelang unter seinem Meister gearbeitet und dadurch seine Fähigkeiten und einen Ruf erworben hat, beauftragt, zwei Wächter zu schnitzen.

Die Errichtung zweier Dorfwächter und ein Dorffest

Bei einem Glas Bier wurden die verschiedenen Aufgaben zur Vorbereitung des Fests verteilt, verschiedene Leute mussten je einen 20-l-Kanister Makgeolli (koreanischer sechsprozentiger Reiswein) mitbringen, andere Leute kauften zusammen ein halbes Schwein usw. An einem Samstag um 11.00 Uhr vormittags begannen die Vorbereitungen, eine kleine Bühne wurde errichtet, zwei Zelte zur Essensausgabe wurden aufgestellt, einige kochten, und Mitglieder des Fußballklubs hatten die Aufgabe, die Dorfwächter ungefähr 500 m auf den Schultern zu tragen. Diese Dorfwächter sind sehr schwer, und je acht Leute trugen diese Holzriesen. Mit Stofftüchern wurden die Dorfwächter an Bambusstangen befestigt, die dann von uns geschultert wurden.

Samulnori-Gruppe sorgt für beschwingte Musik

Samulnori-Gruppe sorgt für beschwingte Musik.

Vor uns ging die Samulnori-Gruppe der Volksschule (Musikensemble mit vier verschiedenen Perkussionsinstrumenten) mit dem Samulnori-Lehrer Yun Yeo-jeong. Auf halbem Weg wurden wir mit Makgeolli und Kimchi verköstigt, auch die fleißige Grundschulmusikgruppe bekam ein paar Schlucke Makgeolli ab. Gestärkt ging es weiter zu dem Platz, an dem die beiden Dorfwächter aufgestellt werden sollten. Dort angekommen, drehten wir mit den geschulterten Dorfwächtern unter musikalischer Begleitung einer zweiten Samulnori-Gruppe ein paar Runden, einige Kinder setzten sich unterdessen auf die Dorfwächter und wurden mitgetragen. Immer wieder kamen Leute und steckten uns Geldscheine zu, das Geld wurde zur Deckung der Ausgaben des Dorffests verwendet.

Das geschriebene Gebet wird verbrannt

Das geschriebene Gebet wird verbrannt und steigt zum Himmel auf, um erhört zu werden.

Dann begannen wir, die Dorfwächter in zuvor gegrabene Löcher zu setzen, Wir hielten sie mit den gespannten Tüchern aufrecht und füllten die Löcher mit Steinen und Erde. Vor den Dorfwächtern wurde ein Opfertisch aufgestellt, und Namu-hyeong, ein Mitglied des Fußballklubs, las das geschriebene Gebet vor: „Der Dorfwächter symbolisiert die Koexistenz von Himmel und Erde, dvon Menschen und Göttern. Der Himmel soll uns eine gute Ernte bringen, Frieden mit unseren Nachbarn und dem gesamten Dorf.” Diese Ansprache wurde überspitzt feierlich dargebracht. Humor durfte nicht fehlen. „Früher war alles sehr formalisiert und todernst,” lachte Namu-hyeong, „heute nehmen wir das etwas lockerer.” Das geschriebene Gebet (chukmun) wurde dann verbrannt, damit der Rauch die Gebete in den Himmel bringen möge, um dort erhört zu werden.

Einige Leute haben sich zum Tanzen vor der Bühne eingefunden.

Einige Leute haben sich zum Tanzen vor der Bühne eingefunden.

Viele Leute verbeugten sich vor den Dorfwächtern und dem davor aufgestellten Opfertisch und stärkten sich dann mit ein paar Schälchen Makgeolli, einige Schüler der alternativen Schule Jageun Hakgyo (Kleine Schule) und andere improvisierte Bands spielten südkoreanische Rockmusik der 80er Jahre (Kim Kwang-seok, Han Tae-su) und ein paar neuere südkoreanische Popsongs. Jung und Alt tanzte vor der kleinen hölzernen Bühne. Um ungefähr 16.00 Uhr wurden die Zelte abgebaut und alles weggeräumt, gegen 17.30 Uhr traf man sich in einem lokalen Restaurant und beendete das Fest mit einem Abendessen.

Die beiden Dorfwächter

Endlich stehen die beiden Dorfwächter. Rechts die weibliche Dorfwächterin, rechts der männliche Dorfwächter.

Indras Netz als Metapher der Interdependenz

Auf dem männlichen Dorfwächter stand die Inschrift ,Netz’, auf dem weiblichen, der in diesem Fall sogar größer als sein weiblicher Partner war - normalerweise ist es genau umgekehrt, aber Sannae versteht sich eben als eine alternative Community -, ‘Netzknoten’. Diese beiden Symbole wollen verdeutlichen, dass jedes Lebewesen ein Knoten in einem riesengroßen Netz ist, sprich alle Lebewesen sind miteinander verbunden und voneinander abhängig in diesem großen, die ganze Welt und den gesamten Kosmos umspannenden Netz Indras [1]. Fügt man einem Knoten Schaden zu, wirkt sich das auf alle übrigen Knoten aus. Diese philosophische Metapher des buddhistischen Holismus und der Interdependenz findet sich in einem buddhistischen Text, dem Mahayanatext „Buddha-Avatamsaka Sutra“ (,Blumengirlandensutra‘), der ursprünglich auf Sanskrit verfasst wurde und dessen chinesische Übersetzungen im ostasiatischen Raum sehr großen Einfluss ausüben und in Korea zur Bildung einer eigenen Schule führten, der Hwaeom-Sekte (in den südlichen Jiri-Bergen befindet sich das berühmte Hwaeom-Kloster). Heute ziert das  Knoten-Knotenpunkt-Symbol die beiden wunderschönen Dorfwächter und spannt einen Bogen vom alten Indien zu einem Dorffest der Gegenwart in den Bergen Südkoreas. Dieses fast 2000 Jahre alte supranationale Konzept predigt auch heute noch die Einheit der Welt.

 

[1] Indras Netz: Netz des vedischen Gottes Indra, das über seinem Palast auf dem Berg Meru, der Weltachse in der hinduistischen und buddhistischen Kosmologie, gespannnt ist. Metapher der gegenseitigen Abhängigkeit und der bedingten Entstehung (pratityasamutapa); eine Kette, bei der das Nachfolgende immer vom Vorhergehenden abhängig ist.

Alexander Reisenbichler (ganz rechts) mit seiner Familie (Foto: privat)

Alexander Reisenbichler (ganz rechts) mit seiner Familie (Foto: privat)

Alexander Reisenbichler

Der aus Österreich stammende Ethnologe Alexander Reisenbichler (*1977) lebt und forscht seit 15 Jahren in Südkorea und Indien. Derzeit schreibt er seine Dissertation über indische Christen im Bundesstaat Goa und arbeitet an einem Reisebericht über Südkorea und das Leben in einer südkoreanischen Community. Mit seiner koreanischen Frau und seinen beiden Töchtern hat er sein Basecamp in einem kleinen Dorf in den Jiri-Bergen in Südkorea aufgeschlagen.

Alexander Reisenbichler ist unter anderem Autor von ,,Die vielen Gesichter der dokkaebi: Auf den Spuren eines koreanischen Phänomens", erschienen 2014 im OSTASIEN Verlag, Reihe Phönixfeder (http://www.reihe-phoenixfeder.de/rpf/024.html).

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