Die Schuldgefühle der Überlebenden

Literatur-Talk im Haus für Poesie: In dem Roman „Abschiedstal“ erzählt Lim Chul Woo vom Schicksal einer „Trostfrau“

 

Was Gewalt bedeutet, weiß Lim Chul Woo aus eigener Erfahrung. Als junger Student wurde er im Mai 1980 Zeuge, wie die Demokratiebewegung Südkoreas von Soldaten niederschlagen wurde. „Die Studenten und Bürger von Gwangju stellten sich der Militärdiktatur entgegen. Um die 300 Menschen starben“, erzählte er am 6. November im Berliner Haus für Poesie. „Weit mehr wurden inhaftiert und gefoltert. Ich war im 4. Studienjahr und viele meiner Freunde sind gestorben. Ich trage ein Gefühl von Schuld und Verantwortung in mir, weil ich überlebt habe und heute hier bin. Wir waren damals alle sehr jung, Anfang 20, aber eigentlich noch Teenager. Ungefähr drei Tage vor dem Gwangju-Massaker saß ich noch mit engen Freunden beim Mittagessen zusammen. Von diesen vier Personen bin nur ich heute noch am Leben. Ich habe das Gefühl, dass ich diesen Menschen gegenüber, die ich so gut kannte, in der Schuld stehe, dass ich ein Leben lebe, das ihnen in gewisser Hinsicht geraubt worden ist. Ich verspüre das starke Pflichtgefühl, etwas zu tun, und weil ich von Natur aus eher ängstlich bin, bleibt mir nichts anderes übrig, als Romane zu schreiben. Ich sehe darin mittlerweile mein Schicksal, dass ich auf diese Art und Weise zumindest versuchen kann, etwas von dieser Schuld zurückzuzahlen.“

Der Autor Lim Chul Woo liest aus seinem Buch „Abschiedstal“.

 

Auch in seinem 2010 veröffentlichten Roman Abschiedstal, der 2015 auf Deutsch erschien und den Lim an diesem Abend vorstellte, geht es um Gewalt und um die Schuldgefühle der Überlebenden. Zu Beginn des Buchs erhält der junge Bahnbeamte Jeong Dongsu, der in seiner Freizeit Gedichte schreibt, von einem bekannten Dichter den Rat: Gehen Sie jeden Tag auf die Suche nach den unendlich vielen schönen Dingen, die einen glücklich machen. Die tragen Sie alle in ein Notizheft ein, und damit haben Sie dann ein wundervolles Material für Ihre Gedichte.[1]

Doch schon bald lassen die schrecklichen Schicksale einiger Bewohner dieses malerischen Tals Dongsu erkennen: Leben ist nicht nur Schönheit oder nur Tristesse, und gleich wie beängstigend und grauenvoll es ist - man kann dem Leben weder ausweichen noch davor weglaufen.

Anfangs geht ihm das Telefonat mit einer jungen Prostituierten, die ihn unmittelbar vor ihrem Selbstmord angerufen hatte, nicht mehr aus dem Kopf. Wenig später erfährt er von seinem Kollegen Yang, dass eine offensichtlich verwirrte alte Frau, die regelmäßig im Bahnhof auftaucht, in ihrer Jugend zur Prostitution gezwungen wurde. Mit gerade einmal 16 Jahren wurde sie während des II. Weltkriegs in ein Militärbordell in der Mandschurei verschleppt, wo ihr jahrelang von unzähligen japanischen Soldaten Gewalt angetan wurde.

Es war unmittelbar nachdem er hier seine Stelle angetreten hatte, dass er die Alte zum ersten Mal sah. Er hatte gerade Dienst am Schalter, und ihre Erscheinung machte ihn verlegen. Wie sie, ohne ein Wort zu sagen, eine 100-Won-Münze unter dem Schalter hindurch schob. Er wusste nicht, was er tun sollte. Die billigste Fahrt kostete 1000 Won. „Großmutter, wohin möchten Sie denn fahren?“ Als er weiter ratlos dastand, kam ihm Yang zu Hilfe. Er gab ihr die Münze zurück und schob dienstfertig eine Fahrkarte hinterher. Es handelte sich um eine Karte ohne Aufdruck des Reiseziels usw. Die Frau nahm die Karte entgegen und ging ruhig zu ihrem Platz zurück. Dongsu begann zu begreifen, dass diese ungewöhnliche Szene zwischen der Alten und dem Beamten auf ein schon länger eingeübtes, stummes Einverständnis zwischen den beiden zurückging.

Die alte Frau heißt Jeon Sullae und fährt nirgendwohin, sondern wird stets von ihrer Nichte abgeholt, bei der sie wohnt. Als die Nichte jedoch eines Tages nicht erscheint, bringt Dongsu die seltsame Frau nach Hause. Kurz darauf kehrt auch die Nichte in Begleitung von Frau Pak heim, die Mitglied einer Forschergruppe ist, die sich der ‚Trostfrauen‘ annimmt, und zeigt beiden all die ungenutzten Fahrkarten.

Alles leere Fahrkarten, die weder Abfahrt noch Zielort enthalten. Die Alte hat sie alle gesammelt. Aber wohin will sie damit fahren, wenn sie tagtäglich zum Bahnhof kommt? Und warum ist sie noch nie in einen Zug gestiegen? Dongsus Augen sind feucht geworden. Er zündet sich eine Zigarette an und geht hinaus. Frau Pak folgt ihm in den Hof, in dem die gelben Blätter des Gingkobaums bereits den Boden bedecken. Er blickt an dem eindrucksvollen Stamm nach oben und stellt fest, dass schon fast alle Zweige kahl sind. „Diese Halmeoni[2] denken alle, dass ihre Körper beschmutzt sind. Das haben sie alle gemeinsam. Sie glauben, sie haben sich gegenüber ihren Eltern, ihren Geschwistern und ihren Kindern schuldig gemacht, aus dem einfachen Grund, dass sie Frauen sind. Während die Täter es ablehnen, sich an ihre Verbrechen auch nur zu erinnern, leiden die Opfer ihr Leben lang an ihren Schuldgefühlen. Ein furchtbarer Unsinn. […] Schätzungsweise sind zwischen 80.000 und 200.000 als ‚Trostfrauen‘ verschleppt worden. Wo sind sie geblieben? Wer wird sich an Frauen wie Jeon Sullae später noch erinnern?“ Paks Stimme zittert.

Lesung am 6. Nov. im Haus für Poesie, Berlin

 

Nachdem Lim Chul Woo auf Koreanisch aus Abschiedstal vorgelesen hatte, trug der Schauspieler Michael Hase drei Abschnitte daraus auf Deutsch vor, bevor der Literaturkritiker Ryu Bo-sun in das Werk des Autors einführte. „Wenn man es mit den Worten von Brecht sagen möchte, ist Lim Chul Woo ein Autor, der Trauer darüber empfindet, überlebt zu haben. Er hat im Zentrum des Volksaufstandes von Gwangju überlebt und empfindet Scham darüber. Lim hat eine Reihe von Romanen verfasst, die sich mit der strukturellen Gewalt in der koreanischen Gesellschaft beschäftigen und Wut darüber ausdrücken. Seine Romane gehen aber über die Gewalt hinaus und widmen sich den Geistern, die aus dieser Gewalt resultieren. Ähnlich wie ein Schamane beginnt Lim, sich mit diesen Geistern zu unterhalten, sie zu spüren, Mitgefühl mit ihnen zu empfinden, sie zu trösten und zu streicheln. Er ist sich der Gefahr bewusst: Wenn man nicht an diejenigen erinnert, die inmitten von Schmerzen verstorben sind, wenn man sie nicht erst dann ins Jenseits entsendet, nachdem man sie wirklich ernsthaft betrauert hat und wenn die Überlebenden nicht auch die Gelegenheit haben, kontinuierlich die Schuld ihrer Handlungen abzuwaschen, dann werden sich die Energien von Wut und Hass immer weiter anhäufen und in noch grausameren Handlungen entladen.“

Der Litertaturkritiker Ryo Bo-sun erläutert das Werk des Autors. (Alle Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

 

Lim erzählte, dass ein Literaturwettbewerb zum Thema ‚Gewalt und Frieden‘ vor 20 Jahren den Anstoß für den Roman gab. Er fragte sich, wie es sein konnte, dass das Thema ‚Trostfrauen‘ bis dahin kaum in Romanen behandelt worden war. „Es war von einer solchen Ungeheuerlichkeit, dass ich große Ehrfurcht vor dem Thema hatte und mich intensiv mit wissenschaftlichen Schriften von Historikern dazu beschäftigt habe.“

Der Moderator, Dr. Holmer Brochlos, merkte an, dass der Antrag eines internationalen Solidaritätskomitees, die Materialien über das Schicksal der ‚Trostfrauen‘ ins UNESCO-Dokumentenerbe aufzunehmen, vor ein paar Tagen auf Druck Japans abgelehnt worden sei. Insgesamt müsse mehr getan werden, um dieses Thema aufzuarbeiten. Ein Abkommen zur Beilegung des Konflikts um die ‚Trostfrauen‘, dass die Regierung Park Geun-hye im Dezember 2015 mit Japan geschlossen hat, sei auf viel Widerstand aus der Zivilgesellschaft gestoßen. Zwar habe es Hoffnungen auf Neuverhandlungen durch den neuen Präsidenten Moon Jae-in gegeben, aber dafür gebe es bisher keine Anzeichen.

Lims Ansicht nach darf man das Problem der sogenannten ‚Trostfrauen‘ nicht als ein rein koreanisches Problem oder als ein Problem in der Geschichte zweier Staaten betrachten. „Wir müssen uns die grundlegende Frage stellen: Wie muss sich der Mensch seinen Mitmenschen gegenüber verhalten? Was haben wir Menschen anderen Menschen angetan? Ich denke, dass dies ein Problem ist, das nicht dadurch gelöst werden kann, dass sich auf politischer Ebene die Vertreter zweier Staaten treffen und über Geld verhandeln. Streng genommen ist das Problem sogar unlösbar. Ein Geschehnis in dieser Dimension, wie soll das in irgendeiner Weise gelöst werden, zumal die meisten Geschädigten schon nicht mehr unter uns weilen? Was wir aber mindestens fordern können und fordern sollten, ist ein Schuldanerkenntnis von Seiten der japanischen Regierung und ein Bitten um Verzeihung. Koreanern schwebt hier wirklich etwas Ähnliches vor wie das, was Brandt damals vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos getan hat. Wirklich diese Geste, dass jemand auf die Knie geht und um Verzeihung bittet.“

Obwohl der Roman bereits vor einiger Zeit ins Japanische übersetzt wurde, fand sich erst vor Kurzem ein japanischer Verlag, der ihn veröffentlichen will. An den wichtigen Stellen des Buches tauchen immer wieder gelbe Schmetterlinge auf. In seinem Schlusswort wies Dr. Brochlos daher darauf hin, dass Schmetterlinge in der koreanischen Folklore die Reinkarnation verstorbener Seelen symbolisieren und die Farbe Gelb für Jungfräulichkeit und Reinheit steht. Früher trugen Frauen vor der Hochzeit gelbe Westen und nach der Hochzeit grüne. Mit seinem Roman hat Lim wahrscheinlich einen Beitrag dazu geleistet, dass der gelbe Schmetterling zu einem Symbol für die ‚Trostfrauen‘ geworden ist.

 

[1] Sämtliche Passagen in Kursivdruck sind dem Buch „Abschiedstal“ (2015, Iudicium) von Lim Chul Woo entnommen.
[2] Koreanisch: Großmütter

 

Lim, Chul Woo
Abschiedstal
Roman
IUDICIUM Verlag
Aus dem Koreanischen übersetzt von Jung Youngsun und Herbert Jaumann
2015 · ISBN 978-3-86205-415-2 · 240 S., kt. · EUR 19,80
 

Foto von Rainer Rippe

Foto: privat

Rainer Rippe

ist Politikwissenschaftler und hat sieben Jahre in Korea verbracht. Von 2008 bis 2011 hat er an der Hankuk University of Foreign Studies unterrichtet. Von 2012 bis 2016 war er für die Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit in Seoul tätig. Seit 2017 lebt er wieder in Berlin.