Musik

Do Jazz!

Die Sängerin Youn Sun Nah © Sung Yull Nah

Der 2. April ist in Berlin ein sonniger Tag. Frühlingsluft, Kirschblütenknospen, Vogelgezwitscher. Der Himmel lädt ein zum Verweilen im Freien - Picknick, Parkfest, Bratwurstbuden. Im Herzen der Hauptstadt am Gendarmenmarkt sind die Cafés überfüllt und verklärte Gesichter der Sonne zugeneigt. Nebenan im Konzerthaus feiert das Jazzlabel ACT sein 25-jähriges Jubiläum - von 14.00 Uhr bis spät in den Abend. Young German Jazz, Tears for Esbjörn, The Act Family Band stehen auf dem Programm – und Youn Sun Nah & Ulf Wakenius.

Angesichts der Vielzahl beglückter Sonnenanbeter mögen Skeptiker spontane Planungsänderung prognostizieren bei all denjenigen Jazzfans, die einem Latte Macchiato im Freien womöglich den Vorzug geben vor Jubiläumskonzerten im dunklen Inneren des Großen Saals. Der Platz im Rang gewährt einen Überblick über den Besucherzustrom und lässt Skeptiker-Prognosen schnell ins Wanken geraten. Zu Beginn des Youn-Sun Nah-Konzertes um 16.30 Uhr haben 1600 Besucher den Saal bis auf den letzten Platz besetzt und erwartungsvoll dem Latte Macchiato im Freien entsagt.

Youn Sun Nah betritt fast zaghaft die Bühne, lächelt bescheiden dem Applaus entgegen, verneigt sich, begrüßt mit sehr feiner, leiser Stimme das Publikum. Von ihr geht Zurückhaltung aus und Höflichkeit und eine einnehmende Art der Schüchternheit, und wer es nicht schon besser weiß, wird in diesem Moment wohl kaum erahnen, welch enormes Stimmvolumen sich hinter dieser zarten Erscheinung verbirgt.

Der späte Weg zum Jazz

„Ich bin erst mit 25 Jahren zum Jazz gekommen“, erzählt Youn Sun Nah mir am nächsten Tag. „Vorher hatte ich keine Ahnung, was Jazz wirklich war“ - und das aus dem Mund einer Jazzmusikerin, die heute als „Ausnahmetalent“, als „Wunder“ gefeiert wird, wie eine große deutsche Zeitung jüngst befand – was wiederum durchaus kein Wunder ist! Damals, vor gut 20 Jahren, habe sie jedoch nur eines gewusst: Musik machen zu wollen. Zu alt für Klassik, zu dies für Rock, zu das für HipHop, habe ein Freund ihr geraten: „Do Jazz!“. Also ist sie nach Paris gegangen, um an einer der ältesten Jazzschulen Europas, dem CIM (Centre d’Informations Musicales), Jazz und Chanson zu studieren. Mit dieser Entscheidung war auch die Enttäuschung verbunden, das Standardrepertoire von Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan und Billie Holiday beherrschen zu müssen, genau das aber nicht zufriedenstellend zu können. „Ich habe hart daran gearbeitet zu werden wie sie. Ich habe in meiner Partitur genau analysiert, ab wann sie atmen und wie oft, aber ich war so enttäuscht, dass das Resultat trotz aller Mühe nur wie ‚Fake‘ klang. Als Koreanerin Ella Fitzgerald zu imitieren, ist wirklich schräg. Ich konnte mich selbst nicht darin erkennen. Bei mir liegt das nicht in den Genen, im Gegensatz zu den Amerikanern, die wissen, wie das geht.“ Zurück in Korea habe sie einige europäische Jazz-Alben gehört und erkannt, dass eine Sopran-Stimme und Jazz nicht Antagonismus bedeuten. „Von dem Moment an habe ich entschieden, mein eigenes Ding zu machen.“ Fitzgerald ist Fitzgerald und Youn Sun Nah ist Youn Sun Nah. Das Ei des Kolumbus? „Vielleicht! Viele Leute mögen meine Musik - das hat offensichtlich auch etwas mit mir zu tun. Ich habe natürlich noch viel zu lernen, aber mittlerweile kann ich meine Schwächen besser akzeptieren, heute bin ich ICH, das hat wahrscheinlich etwas mit dem Alter zu tun“ (lacht!).

„Uncertain Weather“ bildet den Auftakt im Konzerthaus. Youn Sun Nah hat diese Turbulenzen selbst komponiert, die dunklen Wolken, den Wind und den Frühling, und sie hat die Gabe, die Sonne mit ihrer Stimme über dem Publikum auszubreiten - „Bright yellow sun“, gänzlich unpathetisch zumal. Sie wärmt, beruhigt, befriedet und lässt für Bruchteile zugleich die Stürme erahnen. Der schwedische Jazzgitarrist Ulf Wakenius ist ihr langjähriger musikalischer Begleiter, er bereitet den Boden, stimmt ein, bildet mit ihr im Duo die Einheit.

Foto: © Nah Inu/ACT

Youn Sun Nah ist mutig genug, das Kazoo einzusetzen, dieses kleine Membranophon mit dem quäkenden Klang, das die Gesangstimme verändert und böse Zungen verleitet, es als Tröte zu bezeichnen. Hier wird deutlich, was sie meint, wenn sie ihre Musik als „akustisch, improvisiert“ bezeichnet. „Die derzeit interessanteste Jazzsängerin der Welt“[1] kann mehr noch als Jazz; sie kann auch Chanson, Pop, Metallica, Folk, ist bekannt für ihre Wandelbarkeit, ihre Vielfältigkeit, die eine eindeutige genrespezifische Zuordnung zuweilen erschwert. „Es ist für mich immer ein Problem, meine Musik zu kategorisieren. Für die richtigen Jazz-Musiker ist das kein Jazz, aber Pop-Musiker sehen das wieder ganz anders. Meine Kollegen in Amerika haben mir abgeraten, meine Musik Jazz zu nennen, weil das etwas uramerikanisches ist und ich Koreanerin bin.“

Ist es also dieses Andere, dieses aufregend Unspezifische, Überraschende, das sie und ihre Musik von anderen Jazzmusikern unterscheidet? „Ich habe die ersten 25 Jahre meines Lebens in Korea verbracht und bin natürlich viel mehr von koreanischer als von anderer Musik beeinflusst. Auch in der Art zu fühlen, verbirgt sich eine koreanische Seele. Wenn ich also französische Chansons singe, singe mit meinem koreanischen Gefühl. Wenn andere etwas traurig finden, finde ich es noch viel trauriger. Wenn wir Koreaner um verstorbene Menschen trauern, ist es mehr noch als Trauer; es ist das Ende der Welt. Das ist etwas typisch Koreanisches, wir nennen es ‚Han‘.“ Der Begriff beschreibt ein Gefühl, eine Traurigkeit, die nur Koreaner verstehen können, wie es gemeinhin heißt - eine Art ethnisch definierte DNA gewissermaßen. „Ich glaube, darin besteht der größten Unterschied zu anderen Musikern.“

Wo bleibt sie dann mit ihrer Traurigkeit am Tag eines Auftritts oder mit ihrem Ärger oder einer Enttäuschung? „Vielleicht sind diese Gefühle für die Zuhörer sichtbar, aber ich verlange von mir, dem Publikum zu geben, was es verdient, nämlich die beste Show. Das bedeutet, dass ich glücklich sein oder zumindest so wirken sollte, wenn mein Song von Glück erzählt. Das ist vergleichbar mit Schauspielern, die die Rolle spielen, die vorgegeben ist. Manchmal vergesse ich meine persönliche Situation aber auch, sobald ich auf der Bühne stehe.“

Zauberhaft virtuos!

Sie singt „Avec le temps“ von Léo Ferré an diesem Nachmittag im Konzerthaus. Ihre Stimme ist von betörender Klarheit, filigran und kraftvoll zugleich, elegant wie aus Blattgold gefertigt, voller Anmut und zarter Wucht, zu Tränen zu rühren. Sie trägt den Zuhörer fort in die Sphären des reinen Klangs, ‚erzwingt‘ freiwillig Ergebenheit, nimmt gefangen, lässt verstummen, verführt zur Lust am auditiven Rausch.

Foto: © Sung Yull Nah

Der Zauber ist universal. Fan ist Fan, ob in Korea, Frankreich, Deutschland oder den USA. Das traditionelle Volkslied Arirang vermag Australier zu begeistern und Chansons haben Verehrer auch in Alaska. Die Reaktion auf ihre Musik ist überall die gleiche und in Korea nicht anders als anderswo. Musik bedarf des Textverständnisses nicht. „Das ist beeindruckend“ sagt Youn Sun Nah und nennt diese Wirkkraft „power of music“. Momento Magico“ von Ulf Wakenius bildet den Abschluss des Konzerts und spiegelt das, was der Titel verrät: Magie. So meisterhaft wie dieser „Filigrantechniker par excellence“[2] die Saiten der Gitarre auf ganzer Länge bespielt, balanciert Youn Sun Nah stimmlich zwischen den Extremen, schöpft das Spektrum des Ambitus mühelos aus, hält den Ton als sei zu atmen schlicht erlässlich und perfektioniert den Scat in einer Dimension, die eine Abgrenzung zwischen Instrument und Stimme zuweilen nahezu unmöglich macht. Gitarre und Gesang verschmelzen zu einer Einheit wie Tanzpartner in der Bewegung zu einer Symbiose. Professionalität allein vermag diese Harmonie nicht zu erzeugen, sie erwächst aus einer ‚Chemie‘ wie dieser: „Ulf ist bescheiden, sehr umgänglich und kreativ.“ Bescheidenheit ist Youn Sun Nah wichtig, sie mag es nicht, wenn sich jemand in den Vordergrund drängt. „Ich spiele ungern mit Musikern, die ein ausgeprägtes Ego haben. Es geht nicht um eine Person, sondern um das Zusammenwirken. Ich finde es übrigens bezeichnend, dass die großen Musiker in aller Regel sehr bescheiden sind. Der Mensch, mit dem ich Musik mache, muss freundlich sein und höflich und selbstbeherrscht, das ist noch wichtiger als musikalische Professionalität und für mich unabdingbar. Ulf spielt so großartig, aber er stellt sich nie in den Vordergrund. Er hört mir immer zu, deshalb können wir diese Art von Dialog auf der Bühne kreieren.“ Seit mittlerweile 10 Jahren arbeiten sie zusammen, kennen sich so gut, dass sie allein am Spiel oder Gesang des anderen erkennen, ob er krank oder ärgerlich ist. Das Geheimnis dieser Nähe liegt in der Distanz. „Wenn wir auf Tournee sind, respektieren wir die Privatsphäre des anderen, bleiben auf Abstand. Das ist sehr wichtig, um etwas Geheimnisvolles zu bewahren und auf der Bühne Frische zu kreieren.“

„She Moves On“

Ihr neues Album „She Moves On“ ist brandneu und „eine Richtungsänderung. Meine Musik klingt ein bisschen anders.“ Sie widmet sich ganz dem Jazz und Folk Nordamerikas, hat das Album in New York aufgenommen, mit neuer Band und neuen Musikern aus der Weltmetropole am Hudson River - Keyboarder Jamie Saft, Gitarrist Marc Ribot, Drummer Dan Rieser, Bassist Brad Jones. „Die amerikanischen Musiker haben eine ganz andere Herangehensweise, sie sind extrem entspannt.“ Einer habe sie gebeten, seinen Song zu singen, bevor er das Stück überhaupt geschrieben hatte. „Take ist easy!“ Ok, „aber wie denn nur? Üblicherweise bereite ich eine Aufnahme lange vor und übe und übe und übe, aber er sagte nur ‚music is not like that!‘“ Am Ende hätten sie so ziemlich alles improvisiert. Er jubelte begeistert: „Good!“ Die Beziehung zur Musik ist eine völlig andere als die, die ich kenne – ‚very cool!‘“
Der Impuls für Neues hat sich mit ihrer Auszeit ergeben. „Ich bin zwanzig Jahre lang jeden Tag unterwegs gewesen, habe die meiste Zeit in Hotels verbracht und bei meinen kurzen Zwischenstopps in Korea manchmal nicht mal meinen Koffer geöffnet.“ Vor zwei Jahren ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt, um eine Pause einzulegen, Energien zu sammeln für die Rückkehr auf die Bühnen der Welt. In dieser Zeit hat sie sich der traditionellen, dieser „berührenden und schönen Musik“ gewidmet und auch die Gelegenheit genutzt, mit brasilianischen Musikern zu arbeiten. „Ich war fasziniert von dem Rhythmus und der Art und Weise, die nicht zu imitieren ist.“ All diese Inspirationen sind eingeflossen in das neue Album.
Die Zeit des Pausierens ist zu Ende, Youn Sun Nah ist wieder auf Tour, in der Welt unterwegs - „She Moves On“. Chapeau!
 

                                                                                                                               Das Gespräch führte Dr. Stefanie Grote
                                                                                                                                                       Redaktion „Kultur Korea“
 

Weitere Informationen unter:
http://www.younsunnah.com


[1] „Was sie anfasst, wird zu Jazz“, in: FAZ Online (02.05.2013)
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/saengerin-youn-sun-nah-was-sie-anfasst-wird-zu-jazz-12165127-p2.html

[2] „Iiro Rantala & Ulf Wakenius“; Deutschlandfunk Online (20.12.2016)
http://www.deutschlandfunk.de/jazz-live-iiro-rantala-ulf-wakenius.748.de.html?dram:article_id=372063

Ähnliche Beiträge

Musik

Pansori in Europa

Alles was es über Pansori in Europa zu wissen gibt...