Musik

Explosive Akzente auf hölzernem Rand - JazzKorea 2017

Ruhig und doch voller Spannung steht Kim HaRam vor der Buk, einer Fasstrommel, die in einem prachtvollen Tor etwa in ihrer Kopfhöhe aufgehängt ist. Dann hebt die junge Frau die Arme und beginnt einen Trommelwirbel: erst zart, kaum wahrnehmbar, dann ohrenbetäubend stark. Im wirbelnden Stakkato setzt sie noch explosive Akzente auf dem hölzernen Rand des Instruments. Was für ein Auftakt zum Konzert von „SB Light Wing“, mit dem Anfang November das 5. JazzKorea Festival 2017 in Berlin eröffnet wurde!

Erst nach und nach wird die Buk-Virtuosin mit verschiedenen Gongs begleitet, bis schließlich die ganze Band um die Sängerin Park Soobin einstimmt – mit E-Piano und Schlagzeug und nicht zuletzt der Daegeum, einer großen Bambus-Flöte. „Das waren sehr traditionelle Lieder“ erklärt Park Soobin nach ihrem Auftritt. „Aber morgen haben wir mehr Zeit, da nehmen wir noch verschiedene andere koreanische Instrumente und gleichzeitig etwas mehr Jazz mit ins Programm“. Und Shin Myoung wook - der eben noch in einem Solo die Grenzen der Daegeum ausgelotet hatte - fügt hinzu: „Wir sind ja hier auf einem Jazzfestival: also nehmen wir uns auch mehr Freiheit beim Spielen“.

Damit bringt er auf den Punkt, weshalb das JazzKorea Festival 2017 zu den spannendsten Terminen im Jazzkalender gehört: Wo sonst in Europa kann man aktuellen koreanischen Jazz derart vielseitig hören? Denn die Jazz-Szene in Südkorea boomt seit der Jahrtausendwende in international unbekannter Dimension: Allein in Seoul bieten 12 Konservatorien Jazzausbildungen für tausende Studenten an, und jedes Jahr besuchen 150.000 Zuhörer das erst 2004 gegründete Jarasum-Festival, das nur ein Wochenende dauert. Viele junge Musikerinnen und Musiker aus Korea studieren auch in Jazzmetropolen wie Boston, New York, Berlin, Amsterdam – und doch ist der Jazz ihres Heimatlandes bisher international kaum bekannt.

SB Light Wing (v.l. Shin Myoung wook, Kim HaRam, Park Soobin)

 

Das ändert sich gerade, auch durch die Unterstützung des JazzKorea-Festivals, das 2013 bei seiner ersten Ausgabe noch den Untertitel „Korean German Jazz Exchange“ trug. Heute blickt Tobias Liefert vom Koreanischen Kulturzentrum in Berlin zurück. „Ich freue mich sehr, dass wir JazzKorea jetzt schon zum 5. Mal veranstalten konnten.“ Inzwischen findet JazzKorea in Zusammenarbeit mit einigen Koreanischen Kulturzentren in Europa und darüber hinaus statt; mit Konzerten in Berlin, Hamburg, Rom, Madrid, Brüssel, Budapest und Astana. „Die italienischen Kollegen haben es geschafft, dass HG FunkTronic auch beim Jazzfestival im Teatro Umberto Giordano auftreten, in Foggia“ berichtet Liefert. Der Abstecher - Foggia liegt 350 km von Rom entfernt - lohnt sich: Bei dem Festival wird auch Chick Corea sein neues Projekt mit Steve Gadd vorstellen. Das passt musikalisch gut zu dem elektronischen „K-Jazz“ der Band um den Schlagzeuger Kim Hong Gie. Der kennt das JazzKorea Festival noch aus dem vergangenen Jahr, damals war er als Mitglied der AsianScholars eingeladen. „Da hatte ich mir ein eigenes Schlagzeug aus koreanischen Perkussions-Instrumenten zusammengestellt, wir spielten mit Folklore-Klängen. Aber HG FunkTronic ist meine eigene Band. Ich bin mit Rock und Pop aufgewachsen. Und diesen Sound will ich auch in meiner Musik dabei haben“. Kim Hong Gie gehört zu den jungen koreanischen Musikern, die in Europa erste Erfolge vorweisen können. Mit den Asian Scholars tourte er schon mehrfach auf dem Kontinent, mit den Holländern Rob Van Bavel und Marius Beets hat er das Album „and the European Connection“ aufgenommen. Zu Hause in Korea, erzählt er, fragen ihn die Kollegen nach seinen Erfahrungen. „Die Szene wächst, es gibt inzwischen eine Menge guter Leute. Und die Besten bewerben sich jedes Jahr für JazzKorea. Es ist einfach schwierig für koreanische Musiker, nach Europa zu kommen. Dieses Festival ist da eine große Hilfe“ sagt Kim Hong Gie dankbar. Sein Kollege Oh Jinwon, der Gitarrist und Leader des Trio Go, stimmt ihm zu. In Korea haben sie ihren experimentellen Jazz schon als Vinyl-Album veröffentlicht. „sehr gern würde ich es auch in Europa herausbringen, vielleicht ergibt sich ja ein Kontakt zu einem Label wie BeeJazz oder ACT“. Immerhin erschien erst kürzlich ein Album der koreanischen Band Black String bei dem bekannten deutschen Jazzlabel - zwei Jahre, nachdem Black String zum JazzKorea Festival eingeladen waren. „Das koreanische Publikum ist meistens an Standard-Jazz gewöhnt“ ergänzt Lee Sunjae, der im Trio Go das Sopransaxofon spielt. „Es gibt nur wenige, die eher am Rand spielen. Wir versuchen, eine eigene Szene zu bilden, aber es ist beinahe ironisch, dass wir unser Land verlassen müssen, um so ein unglaubliches Publikum zu finden“ sagt er mit Blick auf den mit 300 Gästen voll besetzten Zuschauerraum.

Trio Go (re.: Lee Sunjae, li.: Song Jungyoung)

 

Schon zum dritten Mal wird das JazzKorea-Festival hier im Kesselhaus der Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg eröffnet, mit einem gemeinsamen Konzert-Abend, bevor die Bands dann zu eigenen Auftritten in ganz Europa aufbrechen. „Ich würde mir immer so ein aufmerksames Publikum wünschen“ freut sich Jeon Jekon, der Bassist aus dem Quartett von Park Jiha. Die junge Sängerin und Bandleaderin komponiert die Musik für die Besetzung, deren Klang mit Bass, Saxofon und Bassklarinette, Vibrafon und Piri, Saenghwang und Yanggeum im modernen Jazz genauso wie in der traditionellen Musik Koreas angesiedelt ist.

So kombiniert Park Jiha etwa empfindsame Liedermacher-Atmosphäre mit jahrhundertealten koreanischen Gedichten, die nach wie vor nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt haben. „Das letzte Lied heute hieß „Sarang“, der Text ist von Kim Su Yun, er schrieb über die Liebe“. Sie selbst schrieb noch keine Texte, sagt Park Jiha. Sie konzentriert sich lieber auf die Musik. Wenn man sie in geradezu meditativer Ruhe auf das Yanggeum hämmern sieht, wenn sie aus minimal-musik-artigen Motiven auf den Saiten der koreanischen Dulcimer poetische Melodien zaubert, dann beginnt man zu verstehen: die zarte und doch so starke Spiritualität dieser Klänge können Worte kaum fassen. Freier Jazz, so lernt man, muss nicht immer laut und aggressiv daherkommen.

Natürlich kann auch das JazzKorea Festival nur einen kleinen Ausschnitt der koreanischen Jazzszene präsentieren. Aus 70 Bewerbungen hat eine Jury nur vier Bands ausgewählt und eingeladen. Doch schon Miles Davis sagte: „Jazz ist nicht, was Du spielst – sondern: wie Du es spielst!“ Und hier wurden charakteristisch koreanische Spielweisen erlebbar, die bislang noch nicht in Deutschland zu hören gewesen waren. Und die vor allem: aufhorchen ließen.

Park Jiha (v.l. John Bell, Park Jiha, Jeon Jekon, KimOki) (Alle Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Foto von Tobias Richtsteig

Foto: privat

Tobias Richtsteig

Jahrgang 1968, studierte Musikwissenschaft bei Ekkehard Jost. Er lebt in Berlin als freier Musikjournalist und veröffentlicht regelmäßig Beiträge in Print (Tagesspiegel, taz, Jazzthetik, Jazzpodium) und Rundfunk (NDR, WDR, SWR und DLF).

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