Literatur

Groteske auf dem Land

Über die Lesung mit Song Sokze aus seinem Buch "Das Dorf am Fluss"
 

Der Autor Song Sokze bei der Lesung im Haus für Poesie in Berlin am 24.10.2016 mit
der Dolmetscherin Christina Youn-Arnoldi (Foto: Koreanisches Kulturzentrum)

Koreanische Literatur bekommt neue Aufmerksamkeit in Deutschland. Das ist nach Büchern wie der interessanten, leicht surrealen Novelle Das verborgene Leben der Pflanzen von Lee Sung-U, vor allem aber natürlich nach dem Erfolg des Romans Die Vegetarierin von Han Kang derzeit spürbar. Nun wurde ein weiteres nennenswertes Werk aus der Republik am Han-Fluss in Deutschland vorgestellt: Der Roman Das Dorf am Fluss von Song Sokze (früher übliche Transliteration auch: Sung Suk-je).

Der heute 56-Jährige gilt in Südkorea als großes Talent und hat die meisten der wichtigen Preise des Landes erhalten. Als er nun auf Einladung des Koreanischen Kulturzentrums und des Literature Translation Institut of Korea am 24. Oktober in der Literaturwerkstatt Berlin / im Haus für Poesie in Prenzlauer Berg auftrat, zeigte sich ein ungewöhnlicher Charakter der deutschen Öffentlichkeit. Statt sich auf sein Schreiben, mit dem er in den Achtzigern schon Erfolge feierte, ganz zu konzentrieren, nahm er eine Stelle in einem Konzern an und machte jahrelang Pressearbeit in der freien Wirtschaft. Außerdem berichtete er aber, immer wieder dauerhaft auf Reisen zu sein, ohne festen Wohnsitz, und aus dem Schatz der dabei gesammelten Erfahrungen seine Literatur zu formen.

Dabei zeigte Song Sokze in Berlin auch eine spürbare eine Neigung, seine als Autor sicherlich sowohl experimentelle wie schwierige Situation zu karikieren. Jedenfalls beantwortete er mehrere Fragen der Moderatorin Katharina Borchardt mit dem Hinweis, er tue das alles nur für das Geld und um gut daran zu verdienen. Bei einem Autor, der seit Mitte der Achtziger immer wieder als regelrechter Vagabund lebt, kann das nur Sarkasmus sein. Fröhlich vorgetragener, wohlgemerkt, der immer wieder Lacher im Publikum auslöste.

Der Schauspieler Michael Hase liest die deutschsprachige Übersetzung
(Foto: Koreanisches Kulturzentrum)

Der fast 300 Seiten starke Roman, dessen Auszüge vom Autor im Wechsel mit dem Schauspieler Michael Hase gelesen wurde, beschreibt eine Art Kampf um ein Dorf. Ein Scharmützel, möchte man es nennen, einen Überfall und eine Belagerung, bei der schnell nicht mehr sehr klar ist, auf welcher Seite man seine Sympathien lassen soll. Eine Handvoll Menschen lebt fern aller Urbanität in dem namenlosen Dorf am Oberlauf des Nak-Dong, man könnte sich eine Hippie-Kommune vorstellen. Allerdings verweigert das Buch jede zeitliche oder popkulturelle Einordnung. Und dann tritt auch schon bald eine Art Räuberbande auf den Plan, ein krimineller Haufen, der als erstes die Dorfschönheit zu vergewaltigen versucht.

Das eine wie das andere – die Dichter- und Denker-Idylle mit Kurtisanen und Tanz einerseits, die aus der bösen Stadt herausgetriebene Gangstertruppe andererseits – verliert bald seine Kontur. Die Dorfbewohner zeigen verschlagene Seiten, die Räuber eine seltsame Klarheit und Aufrichtigkeit, und wenn die nur darin liegt, dass sie so ehrlich wie dumm sind. Der Gangster Se-Dong nähert sich in einer vergifteten erotischen Szene offenbar zum ersten Mal in seinem Leben einer Frau. Diese, Sae-Mi, spielt das Spiel mit, und die Zeilen des entsprechenden Kapitels geben keinen Aufschluss darüber, ob unter Zwang oder womöglich mit echter Lust. Die sehr vertrackte Debatte über sexuelle Selbstbestimmung und die Grenze zur Straftat, die hier mitschwingt, bleibt Assoziation, denn dem Räuber wird hart und fest mit einem Knüppel ein mindestens vorläufiges Ende gesetzt.

Solche Stellen sind schon verwirrend. Viel diskutiert wurde aber am Lesungsabend auch eine Spezialität der literarischen Anlage: Es gibt keine Anhaltspunkte, wann die Geschichte spielt. Sie wirkt oft wie ein Märchen des 19. Jahrhunderts. Dann aber liegt plötzlich irgendwo eine Plastikplane, oder es wird sogar ein Handy erwähnt. Also doch eine Posse aus der Gegenwart? Song Sokze erklärte, er habe das absichtlich im Unklaren gelassen. „Es ist sehr schwer, etwas zu beschreiben, das im Jetzt geschieht“, sagte der Autor dazu. „Schriftsteller suchen das nicht so leicht Greifbare.“

Die Veröffentlichung des Buches steht noch aus 
(Foto: HORLEMANN)

Mit dieser Besonderheit muss es zu tun haben, dass die Übersetzung sich manchmal befremdlich traditionalistisch gibt, da wird „gnädige Frau“ gesagt, ein „Glied“ aus einer Jeanshose geholt oder jemand bemerkt reichlich altbacken: „Ihr Hintern war fest“. Das hat (genau wie der halb-bayerische Hinterwäldler-Dialekt, den die Figur Yeo-San bekommen hat) sicher einen Sinn innerhalb der historischen Lage der Handlung. Der Tonfall, den die Übersetzerin Ki-Hyang Lee hier wählte, macht es dem Leser aber nicht gerade leicht. [1]

Dennoch bleibt nach der Lektüre des wendungsreichen Buches, das sich zu einem Füllhorn von verschachtelten Storys entwickeln wird, eine Geschichte mit sehr progressivem Ansatz. Es geht letztlich darum, wie Familienstrukturen zerfallen und sich wieder neu bilden. In dem Dorf, so wird nach und nach klar, haben sich Randexistenzen der Gesellschaft versammelt, die nicht in die Sozialstruktur passten, aus der sie kommen. Man kann das „Dorf am Fluss“ daher als Studie über die Familie der Zukunft lesen – als eine literarische Einfühlung in die Frage, was moderne Wahlverwandtschaften sein könnten. Dazu findet das Buch, das den Leser mehrmals einigermaßen schockiert auf dem Weg durch die Story, sogar einige versöhnliche Antworten.

Umso bedauerlicher, dass der im Brandenburgischen Angermünde beheimatete Horlemann-Verlag die Veröffentlichung des Buches zunächst zurückziehen musste. Derzeit ist nicht klar, wann es erscheint. Der vollständig gesetzte deutsche Text liegt aber vor – und dürfte den einen oder anderen Weg in die Öffentlichkeit finden. Es gäbe dann eine weitere Facette koreanischer Literatur, eine etwas groteske, von teils bitterem Humor. Ein Gesicht also, das Südkoreas Autoren in Europa noch viel zu wenig zeigen.

 

[1] Das verborgene Leben der Pflanzen von Lee Sung-U hat sie übrigens auch übersetzt - und zwar äußerst frisch und lebendig.

Profilbild von Thomas Lindemann

Foto: Manuel Krug

Thomas Lindemann

Thomas Lindemann ist Journalist und Buchautor. Er schreibt u.a. für die Frankfurter Allgemeine über feuilletonistische Themen und veröffentlichte mehrere Bücher, darunter den Bestseller Kinderkacke – das ehrliche Elternbuch.

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