Literatur

Rezension über Ae-ran Kims „Lauf, Vater, lauf"

Erzählungen
Aus dem Koreanischen von Inwon Park
224 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-944751-02-3
16,00 €

Ae-ran Kim: „Lauf, Vater, lauf"

Ein Vater, der einen Tag vor der Geburt seiner Tochter wortlos davonläuft. Ein anderer, der sein Kind einfach im Vergnügungspark zurücklässt. Ein dritter, der sich nach langer Abwesenheit bei seiner Tochter einnistet, um Tag und Nacht fernzusehen, und sie damit um den Schlaf bringt. Ein vierter, der seinem Sohn einen Hüpfstock verspricht, wenn der ihm »seinen Pimmelmann zeigt«. Ein fünfter, der seinen kleinen Sohn zum Kugelfischessen mitnimmt und ihm dann sagt, er müsse nun die ganze Nacht aufbleiben, sonst würde er am Gift des Fisches sterben. Ein sechster, der seinem Sohn nicht nur jedes Talent abspricht, sondern sich für ihn schämt.

Ae-ran Kim beschreibt Väter, die grausam sind, mehr noch aber verloren. Verlorener als die Kinder, die sich ohne Groll ihrer Väter (und Mütter und anderer Mitmenschen) annehmen und bei ihrer Suche nach Normalität und natürlich Liebe so viel Phantasie und Zartheit an den Tag legen, dass man ihnen ohne weiteres »ein Schwert und die ganze Welt anvertrauen« würde. Humorvoll und in einer Sprache, die trotz ihrer Schnörkellosigkeit Magie erzeugt.

 

Leise und heftig

Die Erzählungen Ae-Ran Kims verfolgen die verästelten Risse in lückenhaften, lautlosen Beziehungen, ganz besonders in den brüchigen Gebilden von Familien, deren geschädigte und schädigende Stelle der Vater ist. Der Titel der Sammlung Lauf, Vater, lauf erscheint in diesem Sinne wie ein Vexierbild: der Vater, der sich auf der Flucht vor seiner Verantwortung befindet, und der Vater, den es zu exorzieren gilt. Die neun Erzählungen der Sammlung beziehen sich nicht allesamt strickt auf das Thema des Vaters, aber doch findet sich in solcher sozialen Verzweiflung und Verarmung der Kern, um den sich das Kaleidoskop der Erzählungen dreht. Die Sammlung Lauf, Vater, lauf ist das Debut der 1980 im südkoreanischen Incheon geborenen Autorin. Der Band wurde nach seinem Erscheinen in Korea 2005 prompt mit dem bedeutenden Hankook-Ilbo-Literaturpreis ausgezeichnet und machte Kim zur jüngsten Preisträgerin in der Geschichte des Preises. Seit 2014 sind Kims Erzählungen in der Übersetzung von Inwon Park, erschienen im cass-Verlag, nun auch auf Deutsch zugänglich und ermöglichen so den Blick auf eine junge Literatur, die sich Problemen der Landflucht, der Massengesellschaft und der urbanen Anonymität mit Nachdruck, realistischem Gespür, aber auch mit Fabulierlust annimmt.

Kims starker, jetziger Realismus, der bis in die Markennamen reicht und einige Male direkt auf das Jahr 2004 Bezug nimmt, entfaltet in der Absurdität des Alltags zuweilen surreale Wirkungen. Am stärksten erscheint Kim dann, wenn sich solche Szenen zu Allegorien eines Zivilisations- und Weltzustandes auswachsen. In der Erzählung Ein Liebesgruß etwa arbeitet die Figur, die als Kind vom Vater in einem Freizeitpark ausgesetzt und verlassen worden ist, in einem großen Aquarium, pflegt die stummsten Tiere, schwimmt mit ihnen im Becken hinter Glas und wird so selbst zu einem abgeschirmten, isolierten Ausstellungsstück. Plötzlich, eines Tages, scheint der Vater vor dem Aquarium zu stehen, so glaubt jedenfalls die Figur – aber hinter der Inszenierung, hinter der Technik des Tauchausrüstung, hinter dem dicken Glas ist keine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme. Hilflos treffen die Fäuste des Tauchers die Glasscheibe, auch die Sprache der Augen versagt, der vermeintliche Vater geht weg, erneut. Ob es sich aber wirklich um den verlorenen Vater gehandelt hat, wird nicht aufgelöst. Der Leser bleibt im Zweifel, wo die Figur an ihrer Überzeugung leidet.

Eine andere, ebenso starke Szene am Beginn der Erzählung Der Papierfisch zeigt ein kleines Kind, das in großer Armut und fast noch größerer Einsamkeit aufwächst. Die Eltern arbeiten in Fabriken, das Kind ist eingesperrt in einem mit Zeitungen tapezierten Zimmer. Da es sonst keine Möglichkeit zur Zerstreuung gibt, beginnt das Kind nach und nach, diese Zeitungen zu lesen, Fragmente und Fetzen, aus einer unbekannten, aber in jedem Falle lägst irrelevant gewordenen Vergangenheit, durchsetzt mit fremden Wörtern, fremden Schriftzeichen, fremden Sprachen. Das Kind liest das gesamte Zimmer: „Hatte er eine Wand gelesen, las er die nächste. War er auch mit dieser fertig, ging er zur dritten über. Mit dem Übergang von der einen zur nächsten Seite wurde er immer kühner, auch sein Lesetempo beschleunigt sich. Er las alle vier Wände, er las sie wieder und wieder.“ Im Zuge dieser Wiederholungen vollzieht das Kind einen entscheidenden Schritt: „Bei Wörtern, die er nicht kannte, stellte er sich einfach irgendeine Bedeutung vor.“ Diese vielschichtige Projektionsszene, von den Wänden auf das Kind und vom Kind auf die Wände, ist eine schlagende Formel für eine erstickende Gesellschaftsform, in der die Menschen dennoch atmen.

Die wiederkehrenden Refrains, die die Menschen und ihre Beziehung zu ihrer Umwelt belasten und bedrücken, sind auffallend oft von einer paradoxen, aber einleuchtenden Struktur. Die Figuren erscheinen in die Zange genommen: Leistungsdruck und Apathie, Konsumkultur und Armut, Normierung und anonyme Undurchschaubarkeit, Enge und Orientierungslosigkeit. Niemand klopft an die Tür, die letzte Geschichte des Bandes, erzählt von einer 5er-WG, deren Bewohnerinnen sich noch nie gesehen haben. Langsam aber wird unklar, wer die Erzählerin ist und wie, mitten im allergewöhnlichsten, gleichförmigsten Alltag, Wahn und Wirklichkeit zu unterscheiden sind: Die Normalität ist ein angstgepeinigter Ausnahmezustand, den niemand zu ändern, oder auch nur anzusprechen fähig ist.

Die doppelten Risse ziehen sich bis in die Figuren, ihre Eigenschaften, ihre Motivationen. In der Titelgeschichte Lauf, Vater, lauf ist die alleinerziehende Mutter zugleich duldend und souverän, lächelnd und verzeihend; der abwesende Vater aber ist ein Hauch, ein Nichts, weder aktiv noch passiv. Dass das erzählende Ich vieler Texte im Vergleich zu den beschädigten und beschädigenden (Vater-)Figuren recht farb- und konturlos bleibt, lässt sich in diesem Sinne konsequent als die Problematisierung ihrer Selbstdeutung lesen. Selbstbetrachtung und Selbstsorge eines Individuums erscheinen in der kapitalistischen Massengesellschaft und Gleichförmigkeit geradezu als ausgeschlossen – davon erzählt vor allem die bittere Erzählung Convenience Stores. Die Austauschbarkeit der Dinge und Institutionen hat die Austauschbarkeit der Menschen zur strikten Folge, die Ausblendung von Kommunikation im anonymen Alltag ist ein Teufelskreis: Der Alltag selbst ist schließlich Teil der Produktpalette, Warenzirkulation und Lebensrhythmus fallen zusammen. Dass der Nachdruck, mit dem Kim die Tristesse der Massen- und Einsamkeitskultur zeichnet, dabei zuweilen zur Plattitüde neigt, ist leicht nachzusehen. Denn die Figuren durchblicken sich selbst gut, ja vielleicht zu gut, um mit sich selbst zurande zu kommen. Die psychologischen Beobachtungen und Sentenzen, die sie über sich und andere fällen, sind dabei zumeist zwar nicht so tiefsinnig wie sie daherkommen – die Missverständnisse werden aber von keiner äußeren Perspektive aufgelöst, auch nicht in der Rückschau. Die beklemmende Atmosphäre, die der Horizont mancher Figuren auslöst, entfaltet mitunter starke Effekte und grenzt an dramatische Ironie.

Zwischen sozialer Rolle und Wirklichkeit, zwischen Vorstellung und Wirklichkeit bleibt gleichsam kein Raum mehr – die Frage nach dem Kern einer Person führt sich ad absurdum. Massengesellschaft und radikale Vereinzelung zeigen ihre gegenseitige Bedingtheit. Solche Zusammenhänge entwirft Kim mit deutlichen und einleuchtenden Bildern: Bilder, die uns treffen, weil sie uns angehen. So erscheint in der Titelgeschichte Lauf, Vater, lauf die Vorstellung des stets abwesenden Vaters unter der Chiffre des ziellosen Rennens. Das angestrengte Gesicht des Vaters in dieser Vorstellung sieht aus „wie ein schlecht gemaltes Bild, das ihm jemand aufs Gesicht geklebt hat.“ In den Erzählungen Kims herrscht eine brachiale, aber zugleich leise Melancholie.

 

Bild von Tobias Roth

Foto: ST Weicken

Tobias Roth

geboren 1985, lebt als Autor, Übersetzer und Philologe in München. 2017 erschienen von ihm unter anderem der Essay „Vorratsdatenruinen" (SuKuLTuR Verlag), ein Kommentar zu Ovids „Liebeskunst" (Galiani Verlag; gemeinsam mit Asmus Trautsch und Melanie Möller), sowie die Neuübersetzung von Voltaires „Der Fanatismus oder Mohammed" im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, zu dessen Gründungsgesellschaftern Roth zählt.

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