Kaleidoskop

Sun-Cheon-Schwesternschule

Jahrestreffen koreanischer Krankenschwestern in Berlin
 

Die ehemaligen Schülerinnen der Schwesternschule in Sun-Cheon mit Partnern (Alle Fotos: Peter Steiler)

Wie jedes Jahr trafen wir uns für einige Tage, ehemalige Schülerinnen aus der Schwesternschule in Sun-Cheon. Sun-Cheon ist eine mittelgroße Stadt in Süd-Korea, nahe am Meer im Süden gelegen. Dort befand sich auch die Schwesternschule, in der die Teilnehmerinnen ihre dreijährige Ausbildung erhielten. Das diesjährige Treffen fand vom 08. bis 11. Juni 2017 wieder einmal in Berlin statt. Es jährte sich zum 25. Mal, sozusagen ein kleines Jubiläum. Aus allen Teilen Deutschlands reisten die Schwestern an, aus Baden-Württemberg und aus Bayern, aus Rheinland-Pfalz und aus Hessen, aus Niedersachsen und Hamburg. Einige wohnen auch in Berlin, und für sie war es deshalb besonders bequem, an der Tagung teilzunehmen. Die alljährlichen Begegnungen finden jedes Mal an einem anderen Ort statt, in den letzten Jahren sogar zweimal in Korea. Hier reisten auch Ehemänner und Kinder mit und konnten so die Heimat ihrer Frau und Mutter besser kennenlernen. Obendrein ergab sich die Gelegenheit für Verwandtschaftsbesuche oder für eine kleine Rundreise.

Die vier Tage in Berlin waren voll ausgefüllt und vielen Veranstaltungen gewidmet, denn Berlin bietet neben weltbekannten Sehenswürdigkeiten auch Highlights aus Kunst und Kultur. Nun trafen sich aber nicht nur Koreanerinnen, sondern auch einige ihrer Ehemänner. Viele von Ihnen kennen sich schon seit Jahren, und es entwickelten sich nette Freundschaften. Haben sie doch alle etwas gemeinsam: die Zuneigung zum weltoffenen, koreanischen Charme.

Am meisten freuten wir uns aber darauf, uns gegenseitig wieder einmal austauschen zu können, über unsere Vergangenheit und Gegenwart und über das Leben in zwei Welten: Korea und Deutschland. Dabei fanden die Gespräche traditionsgemäß in koreanischer Sprache statt, die von allen noch perfekt beherrscht wird, aber zwischendrin oft auch mit deutschen Ausdrücken versehen. Heiterkeit machte sich breit, wenn Ehemänner sich in die Gespräche einmischten, weil sie die koreanische Sprache nicht korrekt beherrschen. 

Ja, wie war das damals? Die erste Zeit in Deutschland fühlten wir uns alles andere als zu Hause, und ohne unser geliebtes Kimchi hatten wir es besonders schwer. Ähnlich dem Sauerkraut ist Kimchi pikant bis scharf gewürzter eingelegter Chinakohl und aus der koreanischen Küche nicht wegzudenken.

Wir verrichteten unsere Arbeit sehr gewissenhaft. Dies wurde von uns auch erwartet, denn wir hatten in der Schwesternschule die beste Ausbildung bekommen. Das erleichterte uns den Dienst im Krankenhaus und in der fremden Umgebung etwas.

Wir waren jung, sanft, begehrenswert und besaßen asiatischen Charme. Die Leute begegneten uns freundlich, und besonders Patienten liebten uns und manche sprachen sogar von Engelchen. Wir genossen die verehrenden Blicke, und das war wohl auch mit ein Grund, dass über die Hälfte der Schwestern in Deutschland blieb. Eigentlich sollten wir nach drei Jahren wieder in unsere Heimat zurückkehren.

Am 16. Dezember 1963 trat das von Bundespräsident Heinrich Lübke und Südkoreas Präsident Park Chung-hee ausgehandelte Programm zur vorübergehenden Beschäftigung  von Bergarbeitern im westdeutschen Steinkohlebergbau in Kraft. Dem folgte eine weitere Vereinbarung für Krankenschwestern. So kamen zwischen 1963 und 1977 zehntausend koreanische Krankenschwestern nach Deutschland. Die Schwestern von der Schule in Sun-Cheon machten nur einen kleinen Teil davon aus.  Nur überaus begabte Schülerinnen durften an den Aufnahmeprüfungen der Schule teilnehmen. Danach wurde noch einmal eine strenge Auswahl vorgenommen. Nach drei Jahren harter Ausbildung hielten wir endlich die Urkunde über unser erfolgreiches Staatsexamen in der Hand. Jetzt waren wir international anerkannte Krankenschwestern. Für uns frische, junge koreanische Schwestern begann bald darauf der Dienst in Deutschland. Viele unterstützten ihre Verwandtschaft in Korea und schickten regelmäßig Geld. Korea gehörte damals zu den ärmsten Ländern der Erde. Das Land profitierte durch die Schwestern aus Deutschland genauso wie das deutsche Gesundheitswesen von deren Arbeitskraft.

Jetzt sind wir also in Berlin. Wir lauschen koreanischen Liedern, begleitet von Klavier und Flöte, vorgetragen aus den eigenen Reihen. Sie berühren unsere Herzen, erzeugen Wärme, wecken Erinnerungen aus der Kindheit, und oft sind wir den Tränen nahe. Wir hören koreanische Gedichte in Reim und Prosa. Wir lassen uns packen von wirbelnden Trommelschlägen, die einige aus unserer Gruppe meisterhaft beherrschen. Viele von uns können stolz und glücklich sein darüber, was sie auf ihre Weise hier im Leben erreicht haben.


Wir sehen Bilder von früheren Treffen, und manche Schnappschüsse erzeugen großes Gelächter. Oh, wie waren wir damals so jung! Alle nehmen an einer Stadtrundfahrt teil, wandern am herrlich gelegenen Wannsee, dabei ins Gespräch vertieft, denn jeder hat viel zu erzählen.
Später besuchen wir eine Revue-Schau im Friedrichstadtpalast. Und natürlich kommen Essen und Trinken in gemeinsamer Runde nicht zu kurz.

Vielen Schwestern, die inzwischen ihren weißen Kittel nicht mehr tragen, geht es nicht anders als uns: Wir leben stolz und glücklich in unserer zweiten Heimat, erfreuen uns an Kindern und Enkelkindern, genießen das Leben hier in Deutschland. Uns schmeckt Schweinebraten mit Sauerkraut, dazu ein Bier genau so, wie zwischendurch koreanische Kost  - natürlich mit Kimchi.

Wir beherrschen Schimpfworte, Dialekt und mehr . . .
Wisst Ihr, wie wir in Oberbayern sprechen? Ihr werdet staunen, was ich alles gelernt habe:
„Wie geht’s eahna?“ heißt „Wie geht es Ihnen?“, und die Antwort darauf: „Sau guat“, was so viel bedeutet wie: „Danke, mir geht es bestens“.

Es war wieder einmal wunderschön, mit Euch zusammen zu sein.
Auf Wiedersehen bis nächstes Jahr; ich grüße Euch sehr herzlich.

Soon Schöffel

Autorin des Buches
Semzingang - Leben in zwei Welten

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