Sport

Dabei sein ist alles

Von den Erwartungen eines Berliner Eiskunstlaufpaars an die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang

Ruben Blommaert (l.) und Annika Hocke (© M. Heckmair)

Beim internationalen Eiskunstlauf-Wettbewerb Nebelhorn Trophy in Oberstdorf kamen Annika Hocke und Ruben Blommaert Ende September 2017 auf Platz 5 im Paarlauf. Das ist bemerkenswert, denn die beiden laufen erst seit Januar 2017 zusammen. Während Blommaert bereits zweifacher deutscher Paarlaufmeister ist, trat Hocke bis 2016 fast nur im Einzellauf an. In ihrem ersten gemeinsamen Wettbewerb überboten sie mit 180,37 Punkten die für eine Olympia-Qualifikation geforderte Mindestzahl von 157 Punkten deutlich. Im Oktober 2017 gewannen sie bereits zwei Silbermedaillen bei Wettbewerben in Nizza und Minsk. Damit war den Berlinern die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang kaum noch zu nehmen. Dieses Interview wurde kurz vor dem  Qualifikatonswettbewerb in Warschau Mitte November 2017 geführt.

Frage: War es schwer, sich in so kurzer Zeit aufeinander einzustimmen?

RB: Annika hatte die Basics des Paarlaufs schon gelernt, es ging daher alles sehr schnell. Man trainiert alles, was man im Einzel auch trainiert, und hinzu kommen Hebungen, Würfe, Twists, Todesspiralen und Paarlaufpirouetten. Das ist es auch, was Annika Spaß macht: Es gibt viel mehr zu trainieren und ist abwechslungsreicher.

AH: Ich hätte im Einzel keine Chance gehabt, an Olympia teilzunehmen, weil die Konkurrenz einfach zu groß ist. Deshalb war es für mich eine Chance und für ihn auf jeden Fall ein Risiko.

Frage: Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) hat zwei Startplätze für den Paarlauf erhalten. Aljona Savchenko und Bruno Massot haben die Qualifikation schon sicher?

RB: Die haben, weil sie eine Medaille geholt haben beim Grand Prix, jetzt schon die Kriterien erfüllt. Aber das war klar, die sind Vize-Weltmeister …

AH: … und Medaillen-Kandidaten bei Olympia.

Kurzprogramm von Annika Hocke und Ruben Blommaert bei der Nebelhorn Trophy in Oberstdorf (27.-30. September 2017) (© M. Heckmair)

Frage: Das heißt, Sie kämpfen um den 2. Startplatz?

RB: Genau.

AH: Richtig.

Frage: Wie groß ist die Konkurrenz um diesen Startplatz?

RB: Es gibt vier Wettbewerbe, die wir laufen müssen für die Olympia-Qualifikation: drei internationale Wettbewerbe und die Deutsche Meisterschaft. Wir fahren nächste Woche [46. Kalenderwoche - Anmerkung des Autors] zu dem dritten internationalen Wettbewerb nach Warschau, d. h., wir haben schon zwei hinter uns, und wir liegen jetzt auf Platz 2 hinter Aljona und Bruno - mit ziemlich großem Vorsprung zu den Drittplatzierten. Es sieht zum jetzigen Zeitpunkt ziemlich gut aus, wenn wir so weitermachen. Wir müssen jetzt nur gesund und verletzungsfrei bleiben.

Frage: Wer ist das Paar auf Platz 3?

AH: Das andere Berliner Paar: Minerva Hase und Nolan Seegert.

RB: Es gibt noch ein Paar in Oberstdorf, aber die wurden gar nicht aufgenommen in die Olympia-Qualifikation. Die Deutsche Eislauf-Union (DEU) hat drei Paare ausgewählt, die um die zwei Plätze kämpfen.

AH: Es wurde eine Olympianorm vorgegeben, eine bestimmte Punktzahl, die wir schaffen müssen …

RB: … und wir haben zweimal die Norm erfüllt …

AH: … von 157 Punkten. Das andere Paar hat die Norm noch nicht geschafft; sie haben sie beim letzten Wettkampf knapp verfehlt …

RB: … und sie müssen jetzt in Warschau die Punkte laufen. Wenn nicht, ist es dann schon entschieden. Wenn sie die Norm jetzt laufen …

AH: … dann zählt auch noch die Deutsche Meisterschaft.

Kurzprogramm von Annika Hocke und Ruben Blommaert bei der Nebelhorn Trophy in Oberstdorf (27.-30. September 2017) (© M. Heckmair)

Frage: Inwieweit haben Sie sich denn schon mit Korea beschäftigt? Waren Sie schon einmal in Asien?

AH: Bei mir ist es so, dass mein Vorbild im Einzellaufen immer Yuna Kim war, insoweit hat Korea für mich schon immer eine Rolle gespielt. Ich war auch bei den Olympischen Jugendspielen, und da durfte ich sie mal treffen. Ich durfte sogar neben ihr stehen, und das war für mich schon etwas ganz Besonderes. Vielleicht treffe ich sie ja wieder, wenn wir nach Korea fahren. Ich war noch nie in Asien, deshalb würde ich mich natürlich sehr freuen, wenn wir das schaffen.

RB: Ich war schon dreimal in Asien: zweimal in Beijing in China und einmal in Sapporo in Japan. Ich freue mich, wieder nach Asien fahren zu können, wenn alles gut geht, denn ich habe schon gesehen, dass Seoul eine hammermoderne Stadt ist. Wir haben uns schon einen Reiseführer geholt, in dem ich gelesen habe, dass dort gerade eine Smart City gebaut wird, das finde ich sehr spannend! Ich freue mich einfach. Ich finde, die Fans in Asien sind der Hammer! Es gibt eine eiskunstlaufbegeisterte Community, und ich bin mir sicher, dass die Halle voll sein wird. Dank Yuna Kim ist Eiskunstlauf wirklich eine angesagte Sportart in Korea, und es wird auf jeden Fall ein super Event.

AH: Letztes Jahr waren dort auch schon die Vier-Kontinente-Meisterschaften …

RB: … für die nicht-europäischen Länder …

AH: … und das war auch super.

RB: Die Eishalle ist einfach gigantisch, und da wollen wir unbedingt laufen. Unsere Familien werden auch mitreisen und nachdem wir gelaufen sind, weiterreisen nach Seoul.

Frage: Haben Sie die Möglichkeit, sich nach den Wettbewerben etwas vom Land anzusehen? Oder haben Sie dann andere Termine und müssen sofort wieder zurück?

AH und RB: Im Moment wissen wir noch gar nichts.

RB: Bis wir nominiert werden, bekommen wir noch keine Informationen, aber wir hoffen natürlich, dass wir - nachdem wir fertig sind - noch ein paar Tage Zeit haben, um die olympische Atmosphäre zu genießen. Bis zum Wettbewerb ist man ja da, um seine Leistung zu zeigen; da wird man sich ja nicht so viel angucken können, aber danach schon. Ein paar andere Events angucken …

AH: … und dann die Stadt.

RB: Ich würde gerne noch ein paar Tage in Seoul bleiben und den Langstreckenflug nach Hause um ein paar Tage verschieben. Ich habe von anderen Sportlern gehört, dass das möglich ist. Ich möchte auf jeden Fall, wenn ich schon mal dort bin, noch etwas vom Land mitnehmen und meine Familie in Seoul treffen.

Kurzprogramm von Annika Hocke und Ruben Blommaert bei der Nebelhorn Trophy in Oberstdorf (27.-30. September 2017) (© M. Heckmair)

Frage: Wie sind denn Ihre Medaillenchancen?

AH: Bei uns geht es wirklich erstmal nur darum, dabei zu sein und das zu genießen.

RB: Dass wir überhaupt diesen Startplatz holen, ist schon ein Erfolg, wenn man bedenkt, dass wir erst seit ein paar Monaten zusammen laufen. Das ist für uns schon der allergrößte Erfolg. Wenn wir dann dort sind - es dürfen 20 Paare starten - ist das Ziel natürlich, in die Kür zu kommen. Die besten 16 gehen nach dem Kurzprogramm in die Kür. Ins Finale zu kommen, wäre für uns schon ein sehr gutes Ergebnis. Wir hoffen für Aljona und Bruno, …

AH: …  dass sie die Goldmedaille holen.

RB: Für uns ist es die Erfahrung, da wir noch so neu sind. Erstmal dabei sein und dann in vier Jahren in Beijing hoffentlich mehr.

Frage: Wie schafft man es eigentlich zeitlich, sich auf so einen Wettbewerb vorzubereiten?

RB: Meine Situation ist ideal, weil ich bei der Sportfördergruppe Berlin bin und dafür bezahlt werde, zu trainieren. Ich kann mich voll aufs Training konzentrieren.

AH: Ich gehe noch zur Schule und bin jetzt in der 11. Klasse. Es ist schon manchmal ein bisschen schwierig. Ich gehe zur Sportschule und strecke das Abitur auf drei Jahre, somit ist es ein bisschen weniger Last und ein bisschen weniger Pensum, aber trotzdem manchmal sehr viel. Erst zur Schule, dann zum Training, dann wieder zur Schule, dann kommen ja auch irgendwann Klausurenphasen. Wir haben versucht, mit der Schule einen Kompromiss zu finden, dass meine Stunden so gelegt werden, dass es mit dem Training passt - das könnte man noch ein bisschen optimieren, weil wir immer relativ spät Training haben. Wenn ich dann öfter zur 1. Stunde Unterricht habe und um 5.45 Uhr raus muss - das ist schon manchmal ein bisschen anstrengend, aber das lässt sich alles meistern.

Frage: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

AH: Ich habe meistens zwei Stunden Schule - von 8 bis 9.35 Uhr - oder mehr, es kommt darauf an. Dann haben wir meistens um 12 Uhr Eistraining und machen davor Hebungen. Danach gehe ich dann eigentlich immer zur Schule von 14 bis 16 Uhr, manchmal auch nur bis 15 Uhr, und komme dann wieder hierher ins Sportforum Hohenschönhausen. So ungefähr von 17 bis 18 oder 19.30 Uhr trainieren wir. Bis ich dann wieder zu Hause bin, ist es 20.15 Uhr. Wir haben in der Schule Blockstunden, dadurch habe ich die meisten Fächer nur einmal pro Woche und kann die Hausaufgaben übers Wochenende machen. Das geht dann schon.

Annika Hocke und Ruben Blommaert haben sich bei den Deutschen Meisterschaften im Dezember 2017 für die olympischen Winterspiele qualifiziert. Im Fernsehen zu sehen sind die Wettbewerbe im Paarlauf, die in der Gangneung Ice Arena stattfinden, am 14. Februar 2018 um 2.00 Uhr deutscher Zeit (Kurzprogramm) und am 15. Februar 2018 um 2.30 Uhr deutscher Zeit (Kür).

 

Das Gespräch führte Rainer Rippe

Bild von Rainer Rippe

Foto: privat

Rainer Rippe

ist Politikwissenschaftler und hat sieben Jahre in Korea verbracht. Von 2008
bis 2011 hat er an der Hankuk University of Foreign Studies unterrichtet. Von 2012 bis 2016
war er für die Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit in Seoul tätig. Derzeit arbeitet er als
parlamentarischer Referent für Manfred Todtenhausen, MdB im Deutschen Bundestag.

Ähnliche Beiträge

Fokus PyeongChang Sport

Mehr als nur Winterspiele

Im nächsten Februar wird sich Südkorea erstmals als Gastgeber für die Olympischen Winterspiele präsentieren. Für die Bewohner in Pyeongchang geht es um weitaus mehr als um Sport

Fokus PyeongChang Kultur Sport

Gangneung, eine Stadt des Eislaufens und der Kaffeekultur

In Vorbereitung auf die Olympischen und Paralympischen Winterspiele in PyeongChang 2018

Fokus PyeongChang Sport

PyeongChang auf Kurs

Aber Olympia-Fieber muss noch entfacht werden