Fokus PyeongChang

Kultur, Natur und weiße Strände

Unbekannte Schönheiten in Gangneung

Hohe Berge isolieren die Provinz Gangwon-do vom Rest der Halbinsel. Doch die mächtigen Granitgipfel des Taebaek-Gebirges sind auch ihr größter Trumpf, bieten sie doch die schönsten Wandergebiete, den meisten Schnee und die besten Wintersportmöglichkeiten Koreas – die Wahl Pyeongchangs als Austragungsort für die Olympischen Winterspiele lag also auf der Hand. Viel weniger bekannt ist, dass das nach Osten hin steil ins Meer abfallende Gebirge zwar nur eine relativ schmale Küstenline frei lässt, aber die hat es in sich, wird sie doch von vielen unverbauten weißen Sandstränden unterbrochen. Damit kommt auch der Sommer auf seine Kosten: Die malerischen Strände und eine gehörige Portion Kultur haben Gangwon-do in den letzten Jahren zu einem perfekten Urlaubsparadies für Sonnenanbeter und Aktivurlauber gemacht.

Gangneung Gyeongpo Beach

 

Ein Fest für die Sinne

Ausgangpunkt für viele Urlaubsaktivitäten ist Gangneung, die mit rund 216.000 Einwohnern größte Stadt an der Ostküste der Provinz. Die Stadt selbst gibt sich nach außen hin einfach nur modern, wohl deshalb wird sie von vielen Besuchern links liegen gelassen. Sehr zu Unrecht, denn hinter der modernen Fassade sind einige der interessantesten schamanistischen, buddhistischen und konfuzianischen Traditionen Koreas lebendig geblieben. Sichtbarstes Zeichen dafür ist das jährlich stattfindende Danoje-Fest, das auf den 5. Tag des 5. Monats nach dem Mondkalender (meist Ende Mai oder Anfang Juni) fällt und mehrere Tage lang gefeiert wird.

Dano markiert den Sommeranfang und gehört zu den beliebtesten Feierlichkeiten in Korea. Ursprünglich diente das Fest dazu, der Dorfgemeinschaft einen Anlass zur Stärkung vor den anstrengenden Sommermonaten zu geben. Nach dem Pflanzen der Setzlinge sollte zudem in vielfältigen Zeremonien um eine gute Ernte gebeten werden. Auch wenn Korea sich längst von einer Agrar- in eine Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft verwandelt hat, werden diese Traditionen bis heute aufrechterhalten. Das Danoje-Fest in Gangneung hat dabei seine gesamte traditionelle Vielfalt erhalten. Die Kombination aus Maskentanz, schamanistischen Ritualen, koreanischem Ringen, traditionellem Riesenschaukeln, Reiskuchen- und Fächerherstellung, rituellen Haarwaschungen usw. hat dazu beigetragen, dass dieses Spektakel sogar von der UNESCO als Immaterielles Welterbe anernannt wurde.

Doch auch wer nicht das Glück hat, zum Zeitpunkt des Festes in der Stadt zu weilen, findet viele weitere Gründe für einen Besuch: Hochinteressante Zeugnisse aus der Vergangenheit wie der bekannte Familiensitz Ojukheon der Malerin und Dichterin Shin Saimdang, die alte Adelsresidenz Seongyojang oder der Pavillon Gyeongpodae, der einem Gemälde entsprungen zu sein scheint, warten auf ihre Entdeckung, während der Gyeongpo-Provinzpark zu langen Wanderungen einlädt und blütenweiße Sandstrände Entspannung pur versprechen.

Gangneung Seongyojang

 

Architektur in perfekter Harmonie: Seongyojang

Gleichgültig ob Klosteranlage oder kleine Pagode, weltlicher Palast oder militärische Verteidigungsanlage – die alte Architektur ist stets im Einklang mit der umgebenden Natur entstanden und fügt sich harmonisch in die Landschaft ein. Das gilt auch die die weitläufige Adelsresidenz Seongyojang, die sich malerisch an einen bewaldeten Berghang schmiegt. Naebeon Lee (1703-1781), ein Nachkomme des Bruders von König Sejong (reg. 1418-1450), hatte die prachtvolle Residenz für seine Familie errichten lassen. Der Legende nach entdeckte er den Ort bei der Jagd. Überwältigt von dem perfekten Pungsu (Feng Shui) der Umgebung, ordnete er den Bau einer neuen Residenz für seine Familie an. Der Wortbestandteil „Seon", in „Seongyojang“ bedeutet Boot und ist ein Hinweis darauf, dass das Anwesen zum Zeitpunkt seiner Entstehung noch direkt am Ufer des Gyeongpo-Sees lag und daher mit dem Boot erreichbar war. Damals hatte der See noch einen Umfang von 12 km. Heute befindet sich das Seeufer gut 1 km weiter östlich und sein Umfang ist auf 4 km geschrumpft. Naebeon Lees Gefühl, einen besonderen Ort gefunden zu haben, sollte ihn nicht trügen, und seine Entscheidung erwies sich als Glücksfall für die Familie: Rund 300 Jahre lang lebten hier 10 Generationen seiner Nachfahren. Vielleicht ist das gute Pungsu auch der Grund, weshalb dieser Komplex zu den besterhaltenen Adelssitzen des Landes gehört.

Der Zugang zum Anwesen, das einem kleinen Dorf ähnelt, wird von einer Gruppe sogenannter Jangseungs gesäumt, hölzerne Totempfähle mit geschnitzten wilden Fratzen, wie man sie noch vor wenigen Jahrzehnten am Eingang eines jeden koreanischen Dorfes sehen konnte. Vorübergehende Reisende legten einen Stein zu Füßen des Totem-Paares ab, in der Hoffnung, ein spezieller Wunsch möge sich erfüllen. Der Steinhaufen wuchs so Jahr für Jahr und entwickelte sich zu einem Schrein der einfachen Menschen. Generell wurde ein Totempaar als Wächter von Himmel und Erde gesehen, die den Menschen Glück bringen sollten: Der Mann bewachte die „oberirdische“ Welt, die Frau die „unterirdische Welt“.

Gangneung Totempfähle Seongyojang

 

Hinter den Pfählen passiert man gleich innerhalb des Haupteingangs den pittoresken Lotosteich Hwallaejeong mit seinem Pavillon, der einen Blick auf die Lotosblüten freigab. Das kleine Ensemble wurde 1816 angelegt und sollte den Besuchern das Gefühl vermitteln, ein klassisches Gemälde zu betrachten.

Das wichtigste Bauwerk ist das Yeolhwadang, was übersetzt in etwa Halle der heiteren Sprache bedeutet. In diesem Bauwerk im Zentrum des Gebäudekomplexes residierte das Familienoberhaupt, das, wie der Name des Hauses bereits andeutet, für ein glückliches und unbeschwertes Leben seiner Familie zu sorgen hatte.

Gangneung Seongyojang Yeolhwadang

 

Blick in die Vergangenheit

Beim Besuch der verwinkelten Anlage mit ihren Wohnbereichen, der Bücherei, dem Gästebereich, einer Küche und allem, was eine Adelsresidenz noch ausmachte, ist die lange Geschichte des koreanischen Konfuzianismus, dem die Yangban (Adeligen) ihre Vormachtstellung verdankten, nachzuspüren. Die Mongolen hatten Korea 1260 erobert und zu einem Vasallenstaat Chinas gemacht, den sie unter dem Dynastienamen Yuan bis 1368 beherrschten. Den Zusammenbruch der mongolischen Oberherrschaft ab Mitte des 14. Jahrhunderts und das damit entstandene Machtvakuum nutzten japanische Piraten, um ihr Unwesen an Koreas Küsten zu treiben. Ein General namens Yi Seong-gye wurde zu ihrer Bekämpfung abgestellt und nach erfolgreicher Beendigung seiner Aufgabe in den Norden zur Vertreibung der verbliebenen mongolischen Truppen versetzt. Er widersetzte sich dem seines Erachtens sinnlosen Befehl, marschierte stattdessen gen Hauptstadt, wo er den König absetzte und sich 1392 zum neuen König Taejo (reg. 1392-1398) ausrufen ließ. In Anlehnung an das alte Reich Gojoseon (Bronzezeitalter, Anm. d. Red.) nannte er seine Dynastie und das Reich Joseon (1392-1910). Boden- und Verwaltungsreformen wurden durchgeführt und den Buddhisten wurde nach rund 800 Jahren die Vormachtstellung entzogen. Schon Taejos Sohn erklärte den Neokonfuzianismus zur Staatsphilosophie. Praktisch wurde der Konfuzianismus damit zu einer Ordnungslehre, der zufolge eine Stabilisierung des Verhältnisses der Menschen untereinander oberste Priorität hatte. Das Individuum wurde einer stark hierarchischen Ordnung unterworfen. Schon bald fand sich die gesamte koreanische Bevölkerung in einem strikten Vier-Klassen-System wieder, das sich in Yangban/Adlige, die ausschließlich in der Verwaltung arbeiten durften, in Chungin/ Beamte der Mittelschicht, in Sangmin/ Bauern, Fischer und Arbeiter und am unteren Ende der Hierarchie in die Cheonmin/die Unfreien und Leibeigenen, unterteilte.

Gangneung Seongyojang Innenhof

 

Naturparadies vor den Toren der Stadt

Hinter der alten Residenz beginnt der weitläufige Gyeongpo-Provinzpark, der nicht nur wegen seiner Natur einen Besuch lohnt, sondern auch die eine oder andere Sehenswürdigkeit zu bieten hat. Als erstes erreicht man Richtung Osten den Gyeongpodae. Dieser 1326 errichtete und 1508 an seinen heutigen Standort verbrachte Pavillon gilt zusammen mit seiner Umgebung als schönste Landschaftsszenerie Gangwon-dos. Am 15. Tag des 1. Mondes soll dies der schönste Ort zum Betrachten des Mondes sein. Entsprechend beliebt war er seit je bei Malern und Literaten, die sich hier zu Gedichten und Rollbildern inspirieren ließen. Heute ist dies der perfekte Ausgangspunkt für eine Wanderung oder Radtour auf dem vier Kilometer langen Rad- und Spazierweg um den See.

Auf dem Weg nach Norden befindet sich unweit des Gyeongpodae das Chamsori Gramophone & Edison Museum. Der Sammler Son Seongmok hat Hunderte alter Grammophone und weitere Erfindungen wie Musikboxen, Schreibmaschinen oder Kinetoskope von Thomas Edison gesammelt und in diesem 1982 von ihm eröffneten Museum ausgestellt.

Vom Museum aus verläuft der Weg nun in Richtung Nordosten direkt auf den nächsten Höhepunkt zu, der über eine kleine Stichstraße am nordöstlichen Seeufer zu erreichen ist: den weiten, 1,8 km langen und herrlich weißen Sandstrand Gyeongpo Beach, der zu Strandwanderungen einlädt.

Gangneung Seongyojang Gyeongpo-Park 
(Alle Fotos: Oliver Fülling)

 

Oliver Fülling

Foto: privat

Oliver Fülling

Oliver Fülling arbeitet seit 30 Jahren als freier Autor und Lektor für verschiedene Verlage und hat mehr als 25 Reiseführer, Bildbände und Sachbücher über China, Südkorea und andere asiatische Länder publiziert.

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