Musik

Samulnori, Kim Duk-Soo und die ufaFabrik in Berlin

Die Geschichte einer 25-jährigen Freundschaft 

Gratulation zum 60. Bühnenjubiläum (© Peter Baumeister)

In diesem Jahre feierte die ufaFabrik Berlin 25 Jahre freundschaftliche Beziehungen zu dem koreanischen Ausnahme-Künstler Kim Duk-Soo und seiner Performance-Gruppe SamulNori Hanullim. Dieses Ereignis fiel zusammen mit dem 60-jährigen Bühnenjubiläum von Kim Duk-Soo, das ihn nach einer annähernd zehnjährigen Pause bewog, wieder durch Europa zu touren.

Die ufaFabrik ist ein spezieller Kulturraum, der auf einem nachhaltig gestalteten, 18.500 m² großen Gelände Bühnen, Übungsräume, Nachbarschaftszentrum, Café, Bäckerei, Laden, Gästehaus, Kinderbauernhof und Wohnungen vereint und damit gemeinschaftlich organisiertes Leben und Arbeiten ermöglicht. Kim Duk-Soos Vater war Performance-Künstler einer der letzten Namsadang-Truppen (umherziehende Performance-Truppen) in Südkorea, sodass der Sohn entsprechend stark geprägt ist von der Lebensweise des traditionellerweise als „Künstlerfamilie“ organisierten Ensembles. Für den Künstler aus Korea ist die ufaFabrik ein ganz besonderer Ort, der schon sehr nah an das Bild des „Globalen Dorfes“ herankommt, den sich Kim Duk-Soo für die zukünftigen Musikergenerationen vorstellt. Doch neben dieser Vision für all die jungen Musiker und Performer, die sich in Korea mit dem schwierigen Feld der traditionellen Musik- und Performance-Kunst auseinandersetzen, verbindet Kim Duk-Soo mit dem Musiker und Musikprogrammverantwortlichen der ufaFabrik, Manfred Spaniol, auch eine ganz tief empfundene Freundschaft.

1992 holte Spaniol das in Korea als neues kulturelles Phänomen ausgerufene Perkussions-Ensemble SamulNori, damals (nach dem Tod eines der Gründungsmitglieder, Kim Young-Bae) noch in einer der ersten Besetzungen mit Kim Duk-Soo, Lee Kwang-Soo, Kang Min Seok und Choi Jong-Sil, zum ersten Mal in die ufaFabrik.

Diese vier Männer hatten seit Ende der 1970er Jahre traditionell überlieferte Rhythmen und Melodien aus unterschiedlichen volkstümlichen Werken bearbeitet und aus ihnen Kompositionen für eine moderne Bühne entwickelt. Im In- und Ausland generierten sie mit ihren Auftritten zum ersten Mal eine breite Aufmerksamkeit für Perkussionsmusik aus Korea an sich und fanden daher in der koreanischen Musikszene eine derartige Anerkennung, dass ein ganzes Genre neu als „traditionelle Musik“ implementiert wurde, welches fortan den Namen ihres Ensembles tragen sollte: Samulnori.

Das war der Beginn des seither jährlich stattfindenden Samulnori-Workshops und der Auftritte in der ufaFabrik Berlin, aus denen sich 1994 das erste in Europa ansässige Samulnori-Ensemble gründete: ChonDungSori. Alle Mitglieder gehörten zur sogenannten zweiten Generation der deutsch-koreanischen Community und waren im Gründungsjahr zwischen 12 und 18 Jahre alt. Beim ersten, von der Werkstatt der Kulturen veranstalteten „MUSICA VITALE – Wettbewerb der Kulturen“ in Berlin 1996 gewannen sie den ersten Preis und wurden damit für die in den 1990er bis Mitte der 2000er Jahren sehr rege multikulturelle Musikszene Deutschlands zu einem Begriff.

KIM Duk-Soo SamulNori Hanullim und Mitglieder der Europäischen SamulNori Community gemeinsam mit Trommlern der Gruppe Terra Brasilis vor dem vom Künstlerehepaar Cristo verhüllten Reichstag 1995 (© Bärbel Dachtler)

Berlin war für Kim Duk-Soo seit jeher eine Stadt voller Kraft und Bedeutung, was sich zum Großteil auch in dieser besonderen Situation nach der Wiedervereinigung Deutschlands begründete. Berlin stand symbolisch für die Überwindung des Kalten Krieges und für Vergangenheitsbewältigung und war deswegen gerade für die Generation von Koreanern, der der Künstler angehört, emotional so bedeutsam. 1995 kam es dann auch zu einem der spektakulärsten und emotionalsten Events mit mehr als insgesamt 80 Beteiligten: Die Reichstagsverhüllung des Künstler-Paares Christo, bei der die damals erste Generation der Meister-Schüler von Kim Duk-Soo (heute selbst anerkannte Lehrmeister dieser Kunst) unter der neu gegründeten Formation SamulNori Hanullim gemeinsam mit der europäischen Samulnori-Community und über 20 Trommlern der zur ufaFabrik gehörenden Samba-Band Terra Brasilis ein schamanistisches Ritual für die Wiedervereinigung Koreas zelebrierten.

Ein Jahr darauf präsentierten der Meister Kim und SamulNori Hanullim in der ufaFabrik mit dem „Nanjang Festival“ die ganze Bandbreite koreanischer Kultur. In dem in Europa erstmaligen Format eines ausschließlich auf Korea fokussierten einwöchigen Festivals präsentierte die Gruppe und mitgereiste Gast-Künstler aus verschiedenen Kunst-Disziplinen (Musik, Tanz, Papierkunst, Kunst des Schwertkampfes und der Selbstverteidigung, Malerei, Mode) dem Berliner Publikum eine große Bandbreite der traditionellen koreanischen Kultur und ihrer modernen Entwicklungen. Das Festival wurde täglich aktuell online gestellt, was zur damaligen Zeit eine Pionierleistung bedeutete.

Der Austausch zwischen Kim Duk-Soo und der ufaFabrik vertiefte sich nicht nur über diese alljährlich in Berlin zusammentreffende und sich allmählich herausbildende Samulnori-Gemeinschaft, die nicht nur aus Deutsch-Koreanern der ersten und zweiten Generation bestand, sondern immer mehr Liebhaber, faszinierte Musiker, Musiktherapeuten, Performer und Weltmusik-Experten aus ganz Europa integrierte und somit als großes Forum des Austausches diente. Auch wurde Terra Brasilis nach Korea zu den von Kim Duk-Soo ausgerichteten Weltmusik-Festivals für Perkussion eingeladen, was den Austausch um eine Verständnisebene erweiterte. 1999 spielte die Gruppe unter der Leitung von Manfred Spaniol zum „World Percussion Festival“ in Seoul mit SamulNori Hanullim zur Eröffnung. 2005 folgte der zweite Besuch der Band anlässlich des „14. World SamulNori Festival" in einer wunderbaren Tempelanlage in der historischen Königsstadt Buyeo.

Die Samulnori-Gemeinde vertiefte ihre Kenntnisse und ihr musikalisches Verständnis u.a. durch Besuche von Sommerkursen in der von Kim Duk-Soo errichteten Samulnori-Schule in Buyeo oder durch die Teilnahme an den internationalen Samulnori-Wettbewerben vor Ort in Korea, bei denen die Gruppe ChonDungSori auch mehrere Preise gewann. 

KIM Duk-Soo SamulNori (Hanullim Performing Arts Troupe) und Manfred Spaniol in der ufaFabrik, Aug. 2017 (© Sara Ullrich)

Die Auflösung des Original-Ensembles SamulNori bedeutete keine Einschränkung der stetigen Weiterverbreitung dieses Musikgenres durch Projekte, Bildungsprogramme und Gruppen. Die Gründungsmitglieder konnten sich daher ihren Lehrtätigkeiten an Universitäten und anderen staatlichen wie privaten Institutionen zum Erhalt und zur Verbreitung traditioneller Künste, sowie dem Aufbau von Performance-Nachwuchsgruppen widmen. Sie gründeten nicht nur internationale Festivals, sondern produzierten an Musik- und Theaterhäusern in Korea neue Aufführungsformate.

Inzwischen hatten die in der koreanischen Diaspora gegründeten Samulnori-Gruppierungen angefangen, selbst aufzuführen. So auch in Europa, wo sich in Deutschland, der Schweiz, in Österreich und in England verschiedene Ensembles dem Genre verschrieben hatten bzw. das Genre in ihre Arbeit mit einfließen ließen. Auch der Austausch mit europäischen Musikern führte zu einer regen Entwicklung von Formaten neuer Musik- und Performance-Produktionen. In dem Zusammenhang wäre beispielsweise die Zusammenarbeit von SamulNori Hanullim mit dem Theatre du Soleil in Paris oder mit der österreichischen Jazz-Formation Red Sun zu nennen, die mit Kim Duk-Soo mehrere Alben aufnahmen.

Samulnori wurde in Berlin und in ganz Deutschland und Europa nun u.a. von den in Berlin ansässigen und von Young-Sook Rippel-Choi gemanagten Gruppen ChongDungSori, ShinMyoung und Dooduri als „Performance-Kunst aus Korea“ häufiger präsentiert.

Die ufaFabrik wurde im Sommer 2006 durch den Besuch der an der Korea National University of Arts im Fachbereich „Korean Traditional Performing Arts“ unter Kim Duk-Soo zusammengestellten Studentengruppe an die Entwicklungen vor Ort in Korea herangeführt. Die mit dem Meister in den Stadien als „Cheerleader“ der koreanischen Fußballnationalmannschaft tourende Truppe eröffnete mit dem Programm „Binari“ die Open Air Saison in der ufaFabrik mit zwei spektakulären Aufführungen. Diese beinhalteten nicht nur Musik und Tanz, sondern auch traditionelle koreanische Akrobatikkünste, sodass im drauffolgenden Jahr 2007 das zweite „Nanjang-Festival“ in der ufaFabrik stattfinden konnte.

Nach einer zehnjährigen Periode des intensiven Suchens und Ausprobierens von Strukturen und Formen, die in der sich zunehmend globalisierenden Welt Nachhaltigkeit und Bewahrung bei ständigem Wechsel und Verlust von Achtsamkeit verspricht, fanden die ufaFabrik und SamulNori Hanullim dieses Jahr wieder eine gemeinsame Antwort auf die Notwendigkeit, einen Generationswechsel herbeizuführen. Sie gingen an ihren Ausgangspunkt zurück und vereinten in vier Workshops pro Woche annähernd 50 Samulnori- und Tanz-Begeisterte aus drei Generationen. Das fulminante Konzert im großen Saal der ufaFabrik war restlos ausverkauft. Bei der Ehrung des Meisters Kim Duk-Soo zu seinem 60-jähringe Bühnenjubiläum am Ende des Abends tobte der gesamte Saal. So sehen wir mit Freude den nächsten 25 Jahren Freundschaft zwischen der ufaFabrik Berlin und der weltweiten Samulnori-Gemeinschaft entgegen.

Shin Hyo Jin

©S.LEE2015

Shin Hyo Jin

Mitbegründerin der Performance-Gruppe ChonDungSori, DoodulSori sowie des Ensembles ~su. In freien Projekten kreiert sie in Zusammenarbeit mit MusikerInnen und TänzerInnen neue Aufführungsformen und Musik. Sie organisiert interkulturelle Projekte über ihr Produktionsbüro Tangram Projects und ist Projektmanagerin bei A-Pro Just Classics!.