Kaleidoskop

14.400 Kilometer quer durch Asien und Europa

Der Eurasien-Freundschaftszug beendet seine Reise in Berlin
 

31. Juli: Festakt mit der Sopranistin Jo Sumi vor dem Brandenburger Tor (Fotos: privat)

Der Abend des 30. Juli war wolkenverhangen und relativ kühl. Eigentlich war es ein Tag wie jeder andere am Berliner Hauptbahnhof - Pendler und Fernreisende hasteten zu ihren Zügen – wäre da nicht auf der Anzeigetafel von Gleis 13 ein Hinweis zu lesen gewesen, der eine Abweichung vom normalen Fahrplan ankündigte: „Zug endet hier – Sonderzug von Warszawa Wschodnia – Bitte nicht einsteigen!“.

Über 14.000 km hatte der Eurasien-Freundschaftszug zurückgelegt, bevor er am Donnerstag, den 30. Juli, um 19.46 Uhr im Bahnhof der deutschen Hauptstadt eintraf. Darin saßen 200 Passagiere aus Korea. Sie hatten ihre Expedition im Süden der koreanischen Halbinsel begonnen und waren über China, die Mongolei, Russland und Polen bis nach Deutschland gereist. Ebenfalls mit an Bord: der Außenminister der Republik Korea, Yun Byung-se, und die Präsidentin der Korea Railroad Association (KORAIL), Choi Yeon-hye; sie waren allerdings nur einen Teil der Strecke mitgereist. Auf dem Bahnsteig wurden sie vom Botschafter der Republik Korea in Deutschland, Lee Kyung-soo, einem Vertreter des Landes Berlin und einem Repräsentanten der Deutschen Bahn empfangen. Ein koreanisches Mädchen in Landestracht überreichte Blumen. Es folgten Fotosessions und Willkommensreden.

Trotz aller Freude über den gelungenen Abschluss der Reise blieb ein Wermutstropfen: Aufgrund der Teilung der koreanischen Halbinsel musste der Streckenabschnitt, der durch nordkoreanisches Territorium führte, ausgespart werden. 1945 wurde die koreanische Halbinsel unter den Alliierten aufgeteilt, was 1948 die Entstehung von zwei getrennten Staaten nach sich zog. 2015 begeht Korea nicht nur den 70. Jahrestag der Unabhängigkeit von japanischer Kolonialherrschaft, sondern auch den 70. Jahrestag der Teilung des Landes. Aus diesem Anlass wurde der Eurasien-Freundschaftszug auf die Gleise geschickt, ein Projekt des Außenministeriums der Republik Korea und der südkoreanischen Eisenbahngesellschaft KORAIL. Mit der Zugreise sollte der Wunsch nach Frieden und Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel und nach einer stärkeren Verbindung zwischen Asien und Europa sichtbar gemacht werden.

Korea blickt auf Deutschland, das im vergangenen Jahr den 25. Jahrestag des Mauerfalls feierte und in diesem Jahr den 25. Jahrestag der Wiedervereinigung zelebriert. So war es nur natürlich, dass die Organisatoren der Reise als Endstation Berlin auswählten - die Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands im Herzen Europas.

Am 14. Juli hatten die Expeditionsmitglieder des Eurasien-Freundschaftszugs am Bahnhof Seoul an einer Auftaktveranstaltung teilgenommen. Ihre Reise begann jedoch nicht an besagtem Bahnhof mit dem Zug, sondern am Internationalen Flughafen Incheon mit dem Flieger: Eine Gruppe brach nach Peking auf und die andere nach Wladiwostok - dort erfolgte der Umstieg in die Bahn mit dem Reiseziel Irkutsk. In Irkutsk trafen sich die beiden Teams wieder, um gemeinsam auf dem Schienenweg über Warschau bis nach Berlin zu reisen. Ihre Fahrt führte sie durch verschiedene asiatische und europäische Länder. An den einzelnen Zwischenstopps gab es Festivals, Empfänge mit Regierungsvertretern, Exkursionen zu historischen Orten, Konzerte, Ausstellungen und vieles mehr – mit dem Ziel, die Freundschaft zwischen den Zugreisenden und den Menschen an der Strecke zu stärken und für die Wiederbelebung Eurasiens zu werben. In Eurasien – ein geografisch-geologischer Begriff für Asien und Europa als ein geeinter Kontinent - sind etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung angesiedelt. Der Kontinent umspannt zwölf verschiedene Zeitzonen und ist die Wiege antiker Zivilisationen, die durch den Austausch entlang der Seidenstraße gefördert wurden. Mit der Reise, welche das Netz der Transsibirischen Eisenbahn, der Chinesischen Eisenbahngesellschaft und der Transmongolischen Eisenbahn miteinander verband, wurde die Idee der Seidenstraße mit neuem Leben erfüllt.

5. Klavierkonzert von Beethoven, gespielt von dem koreanischen Pianisten Paik Kun-Woo

Fast 20 Tage hatte die Reise quer durch den eurasischen Kontinent gedauert, die am 30. Juli in Berlin endete. Die Expeditionsteilnehmer/innen bildeten einen Querschnitt der koreanischen Gesellschaft: Ganz normale Bürger saßen neben Regierungsvertretern, Repräsentanten des Wirtschaftsbereichs neben Mitarbeitern der Medienbranche. Unter den Zugreisenden waren Künstler, Nachkommen von Aktivisten der koreanischen Unabhängigkeitsbewegung, Koreaner, die als Bergarbeiter oder Krankenschwestern in Deutschland gearbeitet hatten, Studierende und Menschen, die die Sprache der bereisten Länder beherrschten.

Den Abschluss des Projekts bildeten am 31. Juli ein Forum über die koreanische Wiedervereinigung für koreanische und deutsche Studierende, ein Friedensmarsch von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor und ein Festakt auf dem Pariser Platz vor eben jenem Tor. Für den Festakt am Brandenburger Tor, einem Symbol für die deutsche Teilung und Wiedervereinigung, war ein koreanisch-deutsches Orchester engagiert worden, das sich aus 70, in Deutschland wohnhaften, koreanischen und deutschen Musikern und Musikerinnen zusammensetzte. Ganz im Zeichen der Völkerverständigung zwischen den beiden Nationen wurden vor allem koreanische und deutsche Werke gespielt, abwechselnd dirigiert von dem koreanischen Dirigenten Jee Joongbae und dem deutschen Dirigenten Jürgen Bruns. Unter den Gästen waren der Außenminister der Republik Korea, der Botschafter der Republik Korea in Deutschland, der ehemalige Präsident des südkoreanischen Parlaments, Gang Chang-hui; der Gouverneur der Provinz Nord-Gyeongsang, Kim Gwan-yong; der erste demokratisch gewählte und zugleich letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière; der stellvertretende Leiter der Konzernpressestelle Deutsche Bahn, Achim Stauß, und die Passagiere des Eurasien-Freundschaftszugs. Als Interpreten traten die Sopranistin Jo Sumi, der Pianist Paik Kun-Woo und der Meister der koreanischen Perkussionskunst Samulnori, Kim Duk Soo, auf. Mit dem Lied „Schönes Geumgang-Gebirge“ verlieh Jo Sumi dem Wunsch nach einer Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel noch einmal Nachdruck. Denn das Geumgang-Gebirge liegt im Norden der koreanischen Halbinsel und ist für die Menschen aus dem Süden ein unerreichbarer Ort der Sehnsucht.

Die Bühne vorm Brandenburger Tor nach Ende der Veranstaltung

„Ich hoffe, dass der Tag kommen wird, an dem Süd- und Nordkorea wiedervereinigt sind und an dem man einen Zug besteigen kann, der im südkoreanischen Busan aufbricht, Nordkorea durchquert und in Berlin ankommt!“ Diese Ansage der beiden Moderatoren des Festaktes in koreanischer und deutscher Sprache fand bei den über 500 anwesenden Gästen große Zustimmung. Sollte die koreanische Wiedervereinigung Wirklichkeit werden, könnten tatsächlich Züge von den südkoreanischen Städten Busan und Mokpo ohne Unterbrechung bis in die deutsche Hauptstadt fahren. „Natürlich sind wir Koreaner bemüht, die Nord-Süd-Verbindung innerhalb Koreas zu öffnen, die Wiedervereinigung zu erreichen und den Eurasien-Freundschaftszug eines Tages ungehindert seinen Weg über den Kontinent antreten zu lassen“, sagte Botschafter Lee Kyung-soo kürzlich in einem Interview (Frankfurter Rundschau, 25.07.15). „Um dieses Ziel zu erreichen, möchten wir Vertrauen schaffen und hoffen auch auf Unterstützung von deutscher Seite.“ Das Konzert endete mit dem Entfalten einer riesigen koreanischen Flagge und dem gemeinsamen Singen des Liedes „Uri-ui Sowon-eun Tongil" (,Unser Wunsch ist die Wiedervereinigung'). Dann bestiegen die Passagiere des Eurasien-Freundschaftszugs den Bus, der sie zu ihrem Hotel brachte.

So ging eine symbolträchtige Reise zu Ende – mit dem Wunsch, dass die koreanische Wiedervereinigung in nicht mehr allzu ferner Zukunft liegen möge.

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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