Kunst

„Architektur ohne Kunst gibt es nicht“

Im Gespräch mit dem Architekten Prof. Duk-Kyu Ryang
 

Der "Kristall", LVM Versicherung Münster (HPP Architekten; Foto HG Esch)

Duk-Kyu Ryang ist 1936 im Norden Koreas geboren. Damals war Korea noch kein geteiltes Land. Die Erinnerungen an die Jugendzeit sind geprägt von Vertreibung, Verlust und Emigration. Sein Heimatgefühl ist ambivalent. Taoismus, Buddhismus und Konfuzianismus, die drei Säulen der koreanischen Philosophie haben ihn geprägt. Inwiefern seine Architektur von seiner koreanischen Herkunft geprägt ist, vermag er nicht genau zu sagen. „Es gibt keine architektonische DNA.“ Seit über 50 Jahren lebt er nun in Deutschland, pendelt zwischen seiner einstigen Wirkstätte Düsseldorf und seiner Wahlheimat Berlin. Er hat viel zu erzählen aus seinem langen Leben, ohne jedoch in Erinnerungen zu verharren. „Wo findet man, wonach man sucht? Was kann man neu machen?“ Sein Blick ist wach, sein Interesse am Jetzt ist groß, er mag Geselligkeit, Austausch.

Sein Leben hat er der Architektur gewidmet. Er hat Versicherungs- und Bankgebäude, Rennbahn-Tribünen, Stadthäuser, Wohnblöcke, Bahnhöfe, Schlösser ge- und umgebaut, mit 70 gewonnenen Wettbewerben und 70 realisierten Bauprojekten Spuren hinterlassen. Renommierte Großprojekte waren es zumeist, darunter das Allianzgebäude in Frankfurt/M. und das in München-Unterföhring. In Münster wiederum ragt der „Kristall“ mit einer Höhe von 63 Metern als Teil der modernen Silhouette der Innenstadt unübersehbar hervor. Das so bezeichnete LVM Versicherungsgebäude verfügt über 6000 QuadratmeterMultifunktionsisolierverglasung als Doppelfassade, einen 17-stöckiger Turm, eine exklusive Farbgestaltung für jede Etage, gelbe Trägersäulen, Lichtbänder in Handläufen - höchste Innovation. Es ist seine letzte Arbeit, bevor er sich zur Ruhe setzte um die Jahrtausendwende. Eine Herzensangelegenheit ist es nicht.

Provinzial-Versicherung Düsseldorf, (HPP Architekten; Foto Manfred Hanisch)

Das Gebäude der Victoria Lebensversicherung in Düsseldorf oder das Neven DuMont Haus in Köln gingen schon eher in diese Richtung, sagt Duk-Kyu Ryang, auch das Gebäude der Provinzial-Versicherung in Düsseldorf und erst recht der unter seiner Verantwortung umgebaute und modernisierte Leipziger Hauptbahnhof, aber vor allem sein Wohnhaus in Langenfeld. „Ich habe es vor 36 Jahren gebaut, aber es ist immer noch eine Sache des Herzens“, dieses Haus mit den klaren Linien, den raumhohen Fenstern, dem Marmorboden, den Lichtkuppeln, den Grundelementen aus Schwarz und Weiß wie sie der traditionellen koreanischen Farbgebung entsprechen.

Was bedeutet es für ihn, Architekt zu sein? „Mies van der Rohe war ein Handwerker, le Corbusier war ein reiner Künstler, beide waren Architekten. Architektur ohne Kunst gibt es nicht, aber der Architekt bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Kommerz und Kultur. Er ist gebunden an wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Verpflichtungen.“ Als Architekt allein könne er schließlich kein Haus bauen. Es bedarf zunächst eines Bauherrn, und es gelte, die Vorstellung der vielen anderen zu berücksichtigen. „Als Künstler bin ich unabhängig, aber als Architekt bin ich das nicht. Architektur ist auch Kunst, aber keine reine Kunst“, schränkt er ein. „Im Gegensatz zur Musik und zur Komposition, die jeweils reine Kunst sein können, basiert Architektur immer auf den drei tragenden Elementen Form, Funktion, Technik.“

Die Kolossalplastik einer Hand mit dem Titel "Körper und Seele" auf dem Platz vor dem "Kristall" (HPP Architekten; Foto HG Esch)

Wieviel Künstler verbirgt sich in dem Architekten Duk-Kyu Ryang? Neben dem Eingang des „Kristall“ steht eine vier Meter hohe und 3,5 Meter breite Plastik, eine aus Polyethylen gegossene Hand mit dem Titel „Körper und Seele“. Ein Kunstwerk von Duk-Kyu Ryang. „Der Körper allein ist nur Hülle, er braucht eine Seele, einen geistigen Inhalt, um sich zu vervollkommnen“, erklärt er. Mit Bedacht hat er eine linke Hand entworfen. „Zerstörung geschieht immer mit der rechten Hand - Kriege, Kämpfe, Schläge, all das ... Die linke Hand demonstriert Gelassenheit, Ruhe, Innerlichkeit, Besonnenheit - sie symbolisiert Frieden und Gelassenheit.“ Es ist eine Kolossalplastik, die senkrecht in die Höhe ragt. Die Hand ist weit geöffnet, Daumen und kleiner Finger sind abgespreizt. „Durch die evolutionsbiologische Entwicklung zum modernen Menschen und die Herausbildung des aufrechten Ganges sind zwei Hände frei geworden, die eingesetzt werden konnten“, erklärt der Meister der Gestaltung. Die Hand ist aufgerichtet, tief verwurzelt, und scheint in den Himmel wachsen zu wollen, mitsamt ihrer Botschaft.

Aber Duk-Kyu Ryang ist nicht nur Architekt und Skulpteur. Er hat auch „unendlich viel“ gemalt und gezeichnet. „Karl Friedrich Schinkel beispielsweise war auch ein perfekter Maler. Architektur ist auch Malerei“ - oder sollte man sagen: war Malerei? „In unserem modernen Computerzeitalter können viele Studenten nicht mehr zeichnen. Ich habe zu meinen Studenten immer gesagt, dass sie nach draußen gehen müssen. Sie müssen lernen zu sehen, wie sich die Natur bewegt.“

Eigentlich hatte sich Duk-Kyu Ryang 2003 aus dem Berufsleben zurückgezogen, ein Haus in Spanien und eine Gitarre gekauft, um nach seinem arbeitsintensiven Leben und vielen Jahren als Partner bei HPP Hentrich-Petschnigg & Partner KG Düsseldorf endlich ein wenig kürzer zu treten, ein Buch zu schreiben. Es sollte anders kommen. Aus Korea erhielt er einen Ruf als Professor, ließ sich nach anfänglichem Zögern überreden und bekleidete von 2003 bis 2009 eine Professur an der Hanyang Universität Seoul. „Einmal Architekt, immer Architekt. Dies ist kein Beruf, den man wie irgendeinen Posten an den Nagel hängen kann. Vielleicht hat es damit zu tun, dass, wer sich einmal mit Schönheit auch in der Architektur beschäftigt hat, davon nicht mehr lassen kann,“ schreibt Ingeborg Flagge in ihrer Einführung zu dem Buch „Architektur im 21. Jahrhundert. Duk-Kyu Ryang. Arbeiten 1961-2005.“ Man möchte ihr Recht geben.

Dennoch fühlt er Grenzen mittlerweile. Die Anfragen ehemaliger Geschäftspartner nach neuen Projekten weist er zurück – „leider“, wie er sagt. „Das tut auch weh.“ In dieses Bedauern mischt sich ein Unterton der Melancholie auch in Bezug auf seine Heimatverbundenheit. „Trotzdem ich mittlerweile seit über einem halben Jahrhundert in Deutschland lebe, liegt ganz tief in mir scheinbar immer noch ein Heimatgefühl verborgen, das mich mit Korea verbindet.

Hauptbahnhof Leipzig (HPP Architekten; Foto Axel Schmitz)

Vielleicht ist das aber auch einfach nur Sentimentalität, die ich erst jetzt im hohen Alter entwickelt habe.“ Sein Haus in Korea hat er 2014 schließlich verkauft, der lange Flug ist zu strapaziös geworden, seine Familie lebt in Deutschland.

Und die Zukunft? „Ich möchte ein Atelier kaufen und malen, das ist meine höchste Priorität.

Schöpferisch tätig sein – gestern, heute, morgen.

 

                                                                                                                               Das Gespräch führte Dr. Stefanie Grote
                                                                                                                                                      Redaktion „Kultur Korea“

 

 

(Foto: Koreanisches Kulturzentrum)

Der Architekt Prof. Duk-Kyu Ryang

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