Gesellschaft

Auf dem Sofa nach Korea

Im Gespräch mit Simone Schnase über das Projekt „Weltreise durch Wohnzimmer“
 

Frau Kim und ihre Tochter am Abend der Weltreise durch ihr Wohnzimmer in Bremen-Habenhausen.

„Wenn jemand eine Reise tut…“ so kann er auch ohne Flug- oder Rundreise, ohne Sightseeing, Tiefseetauchgang oder Banana-Boat-Riding was erzählen. … über fremde Gesänge, traditionelle Kleidung, exotische Gaumenfreuden - kurzum: über die Berührung mit einer fernen Kultur, „all inclusive“!

 „Weltreise durch Wohnzimmer“ heißt das Projekt, das Catrin Geldmacher, einst Dozentin für Deutsch als Fremdsprache, 2011 ins Leben gerufen hat, und das sich mittlerweile deutschlandweit großer Beliebtheit erfreut und die Ideengeberin vollzeitbeschäftigt einbindet. Nun scheint der Titel zunächst insofern auf ein Paradoxon hinzudeuten, als eine Reise per Definition eine „Fortbewegung über eine größere Entfernung" ist. Selbst wenn dahingestellt sein mag, ab wann welche Distanz als „größere Entfernung“ gilt, und selbst wenn wir den Ausflug ins Nachbardorf als „größere Entfernung“ anerkennen, dürfte unstrittig sein, dass zwar vieles als „Reise“ definierbar ist, aber nicht der Weg in das heimische Wohnzimmer.

Bei näherem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass widersprüchlich scheint, was kein Widerspruch ist. Die Idee ist die: Wer in Deutschland wohnhaft ist und einem anderen Kulturkreis angehört, kann sich als „Reiseleiter“ anbieten, um einer kleinen, auf seinem Sofa platzierten „Reisegruppe“, das eigene Land zu präsentieren. Begeistert berichtet die Journalistin Simone Schnase von ihrem Besuch bei der koreanischen Familie Kim in Bremen-Habenhausen, von den Volksliedern, Erzählungen und Videobeiträgen in diesem globalen Mikrokosmos, von den Einblicken in eine bis dato für sie fremde Kultur.

Lediglich das Essen beim „Koreaner um die Ecke“ sei bislang ihr Bezugspunkt zu dem ostasiatischen Land gewesen. „Ich hatte im Vorfeld meiner Teilnahme an dieser Wohnzimmer-Weltreise die Befürchtung, befangen zu sein“, erzählt sie - schließlich komme man in eine fremde Wohnung mit fremden Menschen. Diese Bedenken erwiesen sich jedoch schon im Moment der Begrüßung als hinfällig. „Frau Kim und ihre Tochter öffneten in traditioneller Kleidung („Hanbok“, Anm. d. Red.) die Tür und waren ganz herzlich und unkompliziert.“ 

Herr Kim erzählt der "Reisegruppe" von seinem Heimatland Südkorea.

Meine Frage nach den Gründen für ihr konkretes Interesse an einer Reise nach Südkorea beantwortet sie ein wenig verschmitzt mit ihrer Vorliebe für Kimchi. Dass dies durchaus ein guter Grund sein kann, macht Herr Kim höchstpersönlich deutlich, wenn er sagt, dass in Korea alles mit dem Essen beginne und auch alles damit ende. Gedankt sei also jenem „Koreaner um die Ecke“, der aufgrund seines überzeugenden Angebots gleich ein weiterführendes Interesse an dem gesamten Land bewirkt. Kimchi als Multiplikator – wer hätte das gedacht!

Dass viele Koreanerinnen und Koreaner in den Sechziger- und Siebzigerjahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, ist vielen „Reiseteilnehmern“ neu, die sich an diesem Abend auf dem Sofa der Kims eingefunden haben, wie Frau Schnase sagt. Herr Kim ist Anfang vierzig und erzählt von seinen Eltern, die seinerzeit als Bergarbeiter bzw. als Krankenschwester nach Duisburg gekommen und später wieder in ihre Heimat zurückgegangen sind, weil die koreanische Regierung mit günstigen Grundstückpreisen an der Südküste lockte. Wie viele andere Diaspora-Koreaner leben sie im „Deutschen Dorf“ auf der Insel Namhae, und wie der Name schon sagt, ist dies ein Musterbeispiel deutschen Kulturexports. Hier isst man Sauerkraut, feiert das Oktoberfest und erfreut sich an Gartenzwergen oder den Bremer Stadtmusikanten im Vorgarten. Und, ach ja: die Eltern von Herrn Kim betreiben dort das „Café Bremen“ – wen wundert’s?

Köstlichkeiten der koreanischen Küche

„Sie lieben ihr Land, das war deutlich spürbar“, beschreibt Simone Schnase die Begeisterung, mit der Familie Kim ihre Heimat präsentierte. Es seien die Gastfreundschaft und Geselligkeit, die sie schätzen, wie sie selber sagen. Eine koreanische Familie beim Abendbrot reagiere freudiger auf das spontane Erscheinen von Gästen als eine deutsche Familie beim Abendbrot, zitiert sie Herrn Kim. Ach ja, so war das ja in Korea, wo alles mit dem Essen beginnt… Ein bisschen mehr Patriotismus könne Deutschland auch nicht schaden, ist der Gastgeber überzeugt, und sogar die nervenaufreibende Hektik des koreanischen Alltags habe ihren Reiz. Das gelte allerdings nur für eine gewisse Zeit, schränkt seine Frau ein und lobt die Ruhe ihrer Wahlheimat, in der sie sich nach 20 Jahren eher zu Hause fühle als in Korea. Die Wohnzimmer-Reise nach Korea verändere aber auch den Blick auf die eigene Kultur, resümiert die Journalistin. „Das Schöne für mich war, das Bekannte und Vertraute aus einer anderen Perspektive zu betrachten.“ Beispiel Gartenzwerge: Man könne sich beispielsweise fragen, was Koreaner auf Namhae diesem „Inbegriff des deutschen Spießertums“ abgewinnen können? „Aber an diesem Prototypischen hängt dann für andere eben gerade die positive Erinnerung.“ So werden die Gartenzwerge im Ergebnis dieses Besuches bei Familie Kim rehabilitiert und Simone Schnase darf sich endlich dem lang ersehnten Kimchi zuwenden und dem gebratenen Rindfleisch und den Bratlingen und den Meeresfrüchten und den Teigtaschen und dem gebratenen Gemüse. Aber nein, sie möchte nicht den Eindruck erwecken, vornehmlich des Essens wegen hier zu sein, lacht sie. Sie hätte sich auch auf eine Weltreise nach Kasachstan begeben, oder nach Kolumbien, versichert sie auf Nachfrage im Brustton der Überzeugung, aber die Weltreisen sind beliebt und schnell ausgebucht. Sie wird wieder auf Reise gehen, das steht für sie fest.

 Am Ende des etwa dreistündigen Abends und diversen Fragen zu Reisebedingungen, Klima und Sehenswürdigkeiten in Seoul scheinen einige Teilnehmer ihren nächsten Urlaub schon geplant zu haben - mit dem Flugzeug dann wohl das nächste Mal. 

Weltreise nach Südkorea im Wohnzimmer der Familie Kim (Alle Fotos: Weltreise durch Wohnzimmer Bremen).

   

                                                                                                                                  Das Interview führte Dr. Stefanie Grote
                                                                                                                                                        Redaktion „Kultur Korea“


Weitere Informationen zu „Weltreise durch Wohnzimmer“:
www.weltreisedurch.de



 

(Foto: privat)

Simone Schnase, Journalistin, arbeitet seit drei Jahren als Redakteurin bei der taz.nord in der Lokalredaktion Bremen.
 

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