Kunst

Auf den zweiten Blick

                        Im Gespräch mit dem Fotografen Matthias Ley über seine Reihe „GOYANG LOVE“

 

Apartment block at dusk (Alle Fotos: Matthias Ley)


Goyang sollte anders werden. 1989 plante die damalige südkoreanische Regierung den Bau einer Stadt mit neuem Gesicht. Im Nordwesten von Seoul, aber anders als Seoul: futuristisch, persönlicher, grüner – angelehnt an die Idee der Gartenstadt des britischen Stadtplaners Ebenezer Howard (†1928). Anders als in der Metropole ist hier viel Geld in Landschaftsarchitektur und Begrünung geflossen, und anders als anderswo sollte hier eine liebevolle Zuwendung gestaltungsfreudiger Bewohner der heutigen 1-Millionen-Stadt sichtbar werden. 사랑 (‚Sarang‘) ist das koreanische Wort für ‚Liebe‘ und ziert in großen Lettern allerlei Bänke. Das symbolische Pendant findet sich in Form von Herzsymbole aller Art, die den öffentlichen Raum unübersehbar verzieren. Umso weniger erstaunt, dass der Fotograf Matthias Ley seine Fotoreihe der Jahre 2015-2018 „GOYANG LOVE“ betitelt hat. Vor seinem Umzug nach Seoul 2015 hat er für eineinhalb Jahre in dieser „künstlich erschaffenen Stadt“ gelebt. Bis heute pendelt er zwischen Seoul und Goyang – immer auf der Suche nach dem geeigneten Fotomotiv.

Was als vielversprechendes Stadtplanungsprojekt vor 30 Jahren begann, ist heute eine 1-Millionen-Stadt wie sie eben typisch ist für Korea, das den englischen Stil der New Towns (‚Trabantenstädte‘) zu imitieren versuchte, aber sichtbar an der Umsetzung scheiterte, wie Ley erklärt. „In Korea muss alles schnell gehen. Diese Eilfertigkeit spiegelt sich vielfach in mangelnder Qualität.“ Goyang ist das Ergebnis von Wohnungsknappheit, unsauberer Architektur und mit seinen maroden Häuserfassaden, homogenen, grauen und nichtssagenden Apartmentkomplexen kein Ort, den man lieben kann. - Oder doch? Genau dieser Frage will Ley mit seiner vielsagend betitelten Fotoserie auf den Grund gehen. Er möchte zum Nachdenken anregen, abbilden, was er sieht, nicht bewerten. Kein Bühnenbild, keine Inszenierung. Das Projekt berührt die Themen Identität, Privatheit, Sehnsucht - und Liebe eben. Ihn interessiert zu sehen, wo diese Themen in diesem urbanen Umfeld Platz finden.

Eine Toreinfahrt ist mit einer weißen Katze bemalt, die an eine Comicfigur erinnert. Per Pinsel wurde sie in eine idyllische Naturlandschaft eingebettet und auf einer Blume platziert. Dieses spitzbübisch lächelnde Tierchen, das seinen kleinen Körper hinter einem großen Herz verbirgt, ist nicht irgendeine Katze, sondern das Maskottchen der Stadt und scheint in sich alles zu vereinen, was pures Lebensglück bedeutet. Ley geht der Frage nach, wie die Bewohner dieser städteplanerischen Idee des Andersseins durch die Personalisierung ihres Lebensraums trotz aller vermeintlichen und tatsächlichen Abbildhaftigkeit von Altbekanntem nähergekommen sind.
 

Cat, mascot of Goyang


Dafür bedarf es wohl des zweiten Blicks. Der Profifotograf schaut nicht auf, sondern in die erleuchtete Apartmenteinheit einer Hochhausfassade und fokussiert somit auf die kleine Privatheit inmitten der großen Anonymität. 22 Stockwerke tiefer schaffen bunt blinkende Lichter, Schilderwälder und rotierende Werbetafeln auf Straßenebene Konfusion, zumal bei Auslandstouristen. In Ergänzung zu einer Portion schrilles Outfit - pinke Hose, orangefarbenes Oberteil – wird dieses Farbenkonvolut zur „visuellen Attacke“, wie Ley den „Tsunami der Farben und Zeichen“ nennt, der den Betrachter pausenlos überrollt.

Mit seiner Großformat-Kamera nimmt er das Tempo aus dem Bild, schafft mit klaren Linien Ruhe und Struktur und sucht das Detail im Allerlei. Er fotografiert von vorn – immer. Das ist sein Stilmittel. „Viele bilden mit dieser Kamera ganze Straßenzüge ab. Ich tue das Gegenteil, suche nicht das große Ganze, sondern das Kleine.“ Seine Fotos sind das Ergebnis sorgsamer Überlegungen und einer zeitintensiven Suche nach dem geeigneten Objekt. Diese Bedachtsamkeit spiegelt sich im Bild wider. Fotografieren sei ein Prozess und beginne mit der Idee, auf die anschließend die Motivsuche folge.

„Städte verändern sich quasi über Nacht, das macht die Sache so spannend. Ich laufe durch die Straßen und plötzlich sagt das Motiv zu mir: ‚Fotografier mich‘.“ In einer Seitenstraße hat ihm augenscheinlich ein Lehnstuhl vor meterhoch aufgetürmten Klimaanlagen zugerufen und sich als Fotoobjekt angeboten. Ley verändert nichts für das Bild, ihm liegt an einem realistischen Profil. Für ihn ist ein Stuhl mehr als ein Stuhl, weil er auf einen Lebensstil hindeutet – in diesem Fall ein stiller Verweis auf die Vielzahl ältere Herren, die in oder vor Geschäften oder Gebäuden sitzen und das Geschehen beobachten. Der Stuhl ist ein Ort der Bequemlichkeit und abstrahierter Privatheit und darf damit gar als Symbol für Beheimatung gelten.
 

Chair in front of airconditioners


Fotografie spricht, erzählt, verrät. Eine Überwachungskamera vor sorgsam arrangierten Baumanpflanzungen, sterilen Betonpalisaden und einer Hochhausfassade gibt Auskunft über den Lebensalltag in einer großen Stadt, die versucht, auf Sicherheit zu setzen, die offensichtlich bedroht ist, da die Stadt eben dieser Überwachungstechnik bedarf. Das Foto erzählt aber auch von dem Bemühen, die Stadt liebens- und lebenswerter zu machen, als sie es ohne besagte Baumanpflanzungen wäre. Ein ähnliches Bemühen ist den drei winzigen Bäumchen abzulesen, die vor grauen Betonquadern tapfer in den Himmel wachsen. Auch der farbenfroh bemalte Stromkasten leistet seinen Beitrag zur Verschönerung, weil er derart aufgehübscht zum Sinnbild für ein Landschaftsidyll aus Regenbögen, Schmetterlingen und einem tiefblauen Meer wird. Hier artikuliert sich ganz offensichtlich eine Sehnsucht, der Tristesse mittels bunter, ländlicher und zuweilen niedlicher Scheinwelt etwas entgegenzusetzen, Zuflucht zu schaffen, Illusion zu ermöglichen, „Spuren zu hinterlassen“. „Sichtbarkeit des Menschlichen“, nennt Ley das. Das Menschliche, von Menschen geschaffen und von einem wie Ley dokumentiert - seine Vision, seine Sichtweise auf die Stadt.

Immer wieder widmet er sich dem Leben in den Städten, Großstädten, Metropolen Asiens. Er hat 20 Jahre in Japan gelebt, ist mit einer Koreanerin verheiratet und lebt in Seoul und München. Seine Lebensgeschichte ist auch eine Geschichte des Pendelns zwischen den Welten. „Tokio ist im Vergleich zu Seoul eine langweilige Stadt“ – nicht zuletzt, weil mit der letzten U-Bahn in Tokio um 1.00 Uhr auch das Leben erlischt, während in Seoul einer Suppe auch um 4.00 Uhr nachts nichts im Wege steht. Und weil hier das Leben tobt, wird sich Matthias Ley auch in Zukunft mit Seoul befassen. Ab und zu fliegt er nach München, weil er das heimatliche Gegenprogramm ersehnt, die bayerische Gemütlichkeit.

Und Goyang? Ist Goyang am Ende die Geschichte eines ehrgeizig gedachten, aber letztlich gescheiterten Vorhabens? Die Antwort liegt im Auge des Betrachters - im wahrsten Sinne des Wortes. Eines lässt sich angesichts der unzähligen Herz-Imitate aber zweifelsfrei sagen: In Seoul gestaltet sich die Suche nach Liebe unvergleichlich schwieriger.

 

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