Spezialausgabe 2021

„Beim gemeinsamen Essen sind wir verbunden wie sonst selten.“

Im Gespräch mit der Kommunikationsberaterin und Projektentwicklerin Petra Wähning über Hansalim, Koreas größte Verbrauchergenossenschaft für organische Produkte

Hansalim basiert auf dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft. Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Landwirtschaftsform, bei der sich Verbraucher/-innen mit einzelnen Landwirten zu einer Wirtschaftsgemeinschaft oder Genossenschaft zusammenschließen und direkt von den Landwirten mit Lebensmitteln versorgt werden - ohne den Umweg über einen Zwischenhändler. Die Erzeuger erhalten eine Abnahmegarantie für ihre Produkte und die Abnehmer ein Mitspracherecht an der Preisgestaltung und dem Produktionsprozess. Auf diese Weise bilden die Beteiligten einen eigenen Wirtschaftskreislauf, der es den Landwirten ermöglicht, sich der Abhängigkeit von Subventionen, Markt- und Weltpreisen zu entziehen und eine nachhaltigere, „gesündere“ Form der Landwirtschaft zu betreiben, die sie selbst als sinnhaft empfinden. Der Genossenschaft geht es nicht um das Erzielen von Gewinnen, sondern vielmehr darum, die Erzeuger guter Lebensmittel für ihre Arbeit fair zu entlohnen.

Bei Hansalim werden die Preise direkt zwischen den Produzenten und den Konsumenten ausgehandelt, unabhängig vom Marktpreis. Durch das Wegfallen der Provisionen für Zwischenhändler erhalten die Landwirte über 70% des Verkaufspreises; rund 30% benötigt Hansalim für den Vertrieb.
Die Genossenschaft sorgt dafür, dass die frischen und nach traditionellen Methoden angebauten Produkte aus den ländlichen Gebieten die Käufer in den Städten erreichen und organisiert gegebenenfalls auch deren Verarbeitung.

Die Landwirte, die einen Vertrag mit Hansalim abschließen, verpflichten sich zum organischen Landbau. Die Produktpalette reicht von Reis und Getreide über Obst und Gemüse bis zu Meeresfrüchten, Fleisch, Milchprodukten und Snacks, ergänzt durch Bücher, Kosmetika und umweltfreundliche Drogerieprodukte. Auch Erzeugnisse wie Soja, die traditionell in Korea angebaut werden, aber nicht mit den Weltmarktpreisen konkurrieren können, nimmt Hansalim ab und bewahrt somit die heimische Produktion und Saatgutvielfalt.

Die Waren, welche die Genossenschaft vertreibt, werden ausschließlich in Korea erzeugt. Durch diese Regionalität und die damit verbundenen kurzen Transportwege kann der CO2-Fußabdruck eines jeden Verbrauchers reduziert werden. Konsequenterweise bietet Hansalim auch keinen Kaffee und keine Schokolade an, die importiert werden müssten.

Petra Wähning lebt als Kommunikationsberaterin und Projektentwicklerin in München. Die Diplomsoziologin (LMU München) berät Unternehmen und Landwirte und setzt sich für den Erhalt einer bäuerlichen Landwirtschaft ein, unter anderem im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft. Darüber hinaus begleitet sie kleine, innovative Projekte und Graswurzelbewegungen und initiierte auch zusammen mit dem Slow-Food-Verein die Initiative „Genussgemeinschaft Städter und Bauern". In dieser Funktion ist sie im Film „Zeit für Utopien“ von Kurt Langbein zu sehen (Foto: Daniel Delang). 

Doch Hansalims Engagement geht weit über die Produktion und den Vertrieb von organischen Lebensmitteln hinaus. Die Genossenschaft hat sich unter anderem dem Slow-Food-Gedanken verschrieben, ist in Südkorea führend bei der gentechnikfreien Landwirtschaft und kämpft für erneuerbare Energien und gegen Atomkraft. Sie ist Mitbegründer der nationalen Dachorganisation KFSA (Korean Federation of Sustainable Agriculture Organizations, inoff. Übers.: Koreanische Föderation nachhaltiger Landwirtschaftsorganisationen) und spielt eine führende Rolle im IFOAM Asia Netzwerk (IFOAM – Organics International: Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen). Darüber hinaus leitet Hansalim die unterschiedlichsten Initiativen, die einen bewussten Lebensmittelkonsum und die ökologische Landwirtschaft fördern sollen - darunter eine Initiative für kostenloses organisches Schulessen.

Inzwischen versorgt die Genossenschaft, die in den 1980er Jahren aus einem kleinen Getreideladen hervorgegangen ist, mehr als 2 Millionen Menschen mit ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen und betreibt mehr als 180 Geschäfte, in denen auch Nichtmitglieder für einen Aufpreis einkaufen können.

Auch außerhalb Koreas sehen viele, die sich eine Abkehr vom konventionellen Landbau wünschen, Hansalim als Vorbild. 2014 wurde die Kooperative mit dem One World Award (OWA)[1] ausgezeichnet, und vier Jahre später stellte der österreichische Dokumentarfilmer Kurt Langbein sie in seinem Film „Zeit für Utopien“ als Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft vor.

„Ich bin gefühlt schon immer an guten Lebensmitteln interessiert. Dass ich meine ganze Energie der zukunftstauglichen Landwirtschaft und nachhaltigen Ernährungssystemen widmen möchte, wurde mir 2010 so richtig bewusst“, sagt Petra Wähning, die nach einer Karriere in der Medienbranche zu ihrer eigentlichen Berufung, dem Ökolandbau, fand. Zwei Mal reiste die frühere Vertreterin des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft für Langbeins Film nach Korea: ein Mal im Herbst 2016 zum 30-jährigen Jubiläum von Hansalim und ein zweites Mal im Mai 2017 für die Dreharbeiten und den Besuch von landwirtschaftlichen Betrieben. Im folgenden Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen vor Ort.

Wie ist Ihnen der Schritt von Ihrem bisherigen Beruf, dem Werbezeitenverkauf bei einem großen TV-Sender, zur Solidarischen Landwirtschaft gelungen?

Durch ein Praktikum bei einem Demeter-Betrieb habe ich hautnah erlebt, wie es ist, Landwirtin zu sein. Der Einstieg ist mir gelungen durch meinen Willen und durch das Wissen, dass die Kenntnisse, die ich mir in der Medienbranche angeeignet hatte, auch für die Solidarische Landwirtschaft relevant sein können. Das trifft insbesondere auf die Fähigkeit zu, auf Verbraucherbedürfnisse eingehen zu können. Diese Schnittstelle zwischen Verbraucher/-in und Erzeuger/-in – darin habe ich meinen Schwerpunkt gefunden. Erst war das Engagement rein ehrenamtlich, nach ca. vier bis fünf Jahren wurde es zu meinem Beruf, mit dem ich auch meinen Lebensunterhalt verdiene.

Wie sind Sie mit Hansalim in Berührung gekommen?

Der Kontakt ergab sich über den Filmproduzenten Kurt Langbein, der durch Recherchen auf die Kooperative aufmerksam wurde. Später habe ich erfahren, dass Hansalim Kontakt zu Tagwerk[2] und Slow Food[3] hatte bzw. hat und es so schon lange eine Verbindung zwischen Deutschland und Hansalim in Südkorea gibt.

Wie kam es dazu, dass Sie Protagonistin des Dokumentarfilms „Zeit für Utopien“ von Kurt Langbein wurden?

Damals war ich im Rat des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft, und nach einem längeren Gespräch mit mir hat sich Kurt Langbein dafür entschieden, dass ich Teil des Films werden soll. Es war eine Überraschung, über die ich mich natürlich sehr gefreut habe.

Welche Bereiche von Hansalim haben Sie kennengelernt?

Die Märkte in der Stadt, ein Kochstudio, viele der Gründer/-innen und auch einzelne Landwirt/-innen; auf Jeju waren wir bei einem Treffen der Verbraucher/-innen und Erzeuger/-innen dabei. In Seoul bin ich engagierten Verbraucher/-innen begegnet, mit denen ich mich besonders identifizieren konnte.

Was hat Sie am meisten beeindruckt, und welche Vorgehensweisen haben Sie in Ihre eigene Praxis übernommen?

Am meisten beeindruckt hat mich, dass trotz aller kulturellen Unterschiede das Anliegen von Hansalim und etwa von Slow Food oder einem regional orientierten Ökolandbau so deckungsgleich sind. Diese Verbundenheit in der Verschiedenheit hat mich sehr fasziniert.

In einer Kollektivkultur ist es einfacher, zu gemeinsamen Lösungen zu kommen als bei uns Individualist/-innen in Europa.

Die Weisheit, dass Landwirte selbst entscheiden können, wie viel sie produzieren und was sie zum Leben brauchen, das hat bei mir den größten Eindruck hinterlassen – in Europa ist dies nur in der Solidarischen Landwirtschaft möglich und in Korea in einer so großen und bedeutenden Organisation wie Hansalim.

Gruppenfoto mit einem Tangerinen-Landwirt und seiner Familie auf Jeju. Das Foto zeigt neben dem Filmteam den Regisseur Kurt Langbein (4.v.l.), Frau Hyung Jeong Kim von Hansalim (3. v.r.) und Petra Wähning (2.v.r.) (Foto: Kurt Langbein). 

 

Wie wurden Sie von den Mitgliedern von Hansalim aufgenommen? Konnten Sie sich mit ihnen über Ihre Arbeit austauschen?

Gerade bei den Verbraucher/-innen und den Mitarbeiter/-innen war die Begegnung sehr herzlich; natürlich gab es teilweise, vor allem auf dem Land, sprachliche Barrieren, und der Filmdreh stand im Vordergrund. Es war aber eine tiefe Verbundenheit spürbar.

Welches sind die größten Herausforderungen, mit denen die Organisation zu kämpfen hat, und wie werden diese gelöst?

Es sind dieselben wie bei uns: Es braucht Kunden, die sich zu einem regelmäßigen Einkauf verpflichten, damit es funktioniert. Dazu müssen wir in Kontakt mit den Erzeugern treten. Verbraucher sind gewöhnlich beruflich wie privat sehr eingespannt; die Beziehung zwischen Erzeugern und Verbrauchern aufzubauen, die es braucht, ist hier wie dort eine Herausforderung.

Die Lösung liegt in einzelnen Akteuren, die an dieser Schnittstelle aktiv eine Verbindung herstellen. Das geschieht heute nicht mehr zufällig, es muss initiiert werden. Es braucht auch eine Übersetzung der unterschiedlichen Perspektiven und Bedürfnisse, einen Austausch.

Worin bestehen die größten Unterschiede zwischen Hansalim und Ihren Projekten?

In der Größe der Organisation – dagegen sind es hier in Deutschland sehr viele einzelne Initiativen und ein loser Dachverband. Mit einer gemeinsamen Verarbeitung tut sich daher Hansalim viel leichter.

Die Coronakrise hat dazu geführt, dass viele Menschen ihr Konsumverhalten überdenken. Gibt es seit Beginn der Pandemie eine verstärkte Nachfrage nach Ihren Produkten? 

Ja, der Trend geht eindeutig hin zu regionalen Bioprodukten und noch bestehendem Lebensmittelhandwerk, vor allem seit der Coronakrise interessiert die Menschen wieder, woher die Produkte kommen und wie sie produziert wurden.

Was sind Ihre Visionen für eine nachhaltige Lebensweise und Ihre Wünsche für die Zukunft?

Corona macht es vor: das Bewusstsein dafür, dass wir eine Menschheit sind, die sich einen Planeten teilt. Und dass wir kulturelle Unterschiede haben, die wir – nicht nur, aber auch kulinarisch – als Bereicherung erleben dürfen. Wir sind verbunden und divers. Für eine zukunftsfähige Ernährung heißt dies auch, offen zu sein für Inspirationen – z.B. für das köstliche Kimchi - und dabei die eigenen Wurzeln nicht zu vergessen. Am Tisch kommen wir alle zusammen. Beim gemeinsamen Essen sind wir verbunden wie sonst selten. Ich habe in Südkorea herausragende Gastfreundschaft erlebt und genau diese Gleichzeitigkeit von Gemeinsamkeiten und kulturellen Besonderheiten. Das ist für mich sehr bereichernd, und die Wertschätzung dieser Dinge würde ich mir für unser aller Zukunft wünschen. Außerdem wünsche ich mir eine wachsende Bereitschaft, sich mit guten Grundnahrungsmitteln aus dem Umfeld zu versorgen und den Menschen, die diese Lebensmittel erzeugen, mit Wertschätzung gegenüberzutreten und sie fair zu behandeln.

Zeit für Utopien
Dokumentarfilm, Falter Verlag, Oktober 2018
Regie: Kurt Langbein
Laufzeit ca. 148 Min.
ISBN: 385439988X

[1] Der Preis wurde 1974 von Joseph Wilhelm, Bio-Pionier und Geschäftsführer von Rapunzel Naturkost, initiiert und geht an Menschen und Projekte, die diese Welt „ein Stück weit besser machen“. Partner des Preises ist der IFOAM. (Quelle: rapunzel.de) 
[2] In den 1980er Jahren im oberbayerischen Erdingen gegründete Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft
[3] Eine weltweite Bewegung, die sich für ein sozial und ökologisch verantwortungsvolles Lebensmittelsystem einsetzt, das die biokulturelle Vielfalt und das Tierwohl schützt. (Quelle: Slow Food Deutschland e.V.)

 

Ausgewählte Quellen:
https://www.one-world-award.de/hansalim-korea.html
https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2019/marketing/hansalim-zu-tisch-genossen
https://stories.coop/stories/hansalim/
https://www.solidarische-landwirtschaft.org/startseite


Teaserbild Homepage: Kurt Langbein

 

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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