Kunst

Beständig ist nur der Wandel

                          Das Berliner Büro von David Chipperfield erfindet für Seoul ein „Hof-Hochhaus“

 

Neuer Hauptsitz des Kosmetik-Konzerns „Amore Pacific“ in Seoul, entworfen vom Berliner Architekturbüro David Chipperfield (Alle Fotos: Noshe)


Die Kosmetikindustrie gehört zu den führenden Wirtschaftszweigen Südkoreas. Der Gründer des Kosmetik-Konzerns „Amore Pacific“, Suh Kyung-bae, ist einer der reichsten Unternehmer im Land. Seine Firma wurde in Kaesong, heute in Nordkorea gelegen, gegründet. Als in Seoul der neue Hauptsitz gebaut werden sollte, beauftragte Suh das Berliner Architekturbüro David Chipperfield mit dem Entwurf. Die Berliner Architekten gelten nicht erst seit ihrem Umbau des Neuen Museums auf der Museumsinsel in Berlin-Mitte als führend. Unter mehr als fünfzig Architekten hat sich der koreanische Kosmetik-Magnat für ein Büro aus einer Stadt entschieden, die sich mit ihrer Hochhausfeindlichkeit zum Exoten unter den großen Städten der Welt macht.

Der Neubau des Kosmetik-Konzerns liegt im Stadtteil Yongsan („Drachen-Berg“), der als Standort der US-Armee aufgegeben und urbanisiert wird. Mit präzisen Schnitten haben die Berliner Architekten ihrem Amore-Pacific-Hochhaus eine Kubatur gegeben, die es vom Einerlei der Wolkenkratzer-Architektur unterscheidet: Die Architekten haben drei riesige Loggien in das Haus gestanzt, die nicht nur als Dachgärten dienen, sondern auch Licht und Luft in die Tiefe des Gebäudes bringen. Auf eine vollständige Klimatisierung konnte deshalb verzichtet werden.

Was in den oberen Etagen eines Wolkenkratzers vor sich geht, kann dem städtischen Flaneur egal sein und auch Innovationen im Grundriss bleiben ihm verborgen. Beim Amore-Turm sind deshalb die unteren Etagen permeabel und bieten über ein Atrium Zugang zu einem privaten Kunstmuseum, einer Bibliothek, Cafés, Blumen- und Teegeschäften und einem großen Auditorium mit 450 Sitzen. Der verglaste Boden des Innenhofs bringt Tageslicht in alle Ecken des Atriums, dessen strenge Rasterdecke aus unverkleidetem Beton recht grau wirkt. In die Büros im Hof-Hochhaus strömen werktäglich etwa 7.000 Menschen, meist direkt unterirdisch vom U-Bahnhof aus. Die Büroetagen sind über interne Treppen miteinander verbunden, um die Wege kurz zu halten und Fahrstuhlfahrten zu sparen. Das fördert den sozialen Austausch, die Kommunikation und die Gesundheit.
Die Fassaden der nach oben breiter werdenden Etagen sind ein Vorhang aus vertikalen, matt weißen Lamellen. Die „Haut“ des Gebäudes ist so weiß wie die Keramik-Lasuren der Joseon-Zeit.

 

Das Foyer im Erdgeschoss wird von grauen Betonoberflächen geprägt.

Die Lamellen umhüllen die Kubatur wie ein leichtes Sommerkleid und verleihen dem Haus Tiefe und Detail. Die Aluminiumlisenen unterschiedlicher Größe dienen als Sonnenschutz und sind je nach Himmelsrichtung in vier „Familien“ gruppiert. Ihr Profil und ihre helle Oberfläche verstärken die Licht-Reflexion.

Nachts wandelt sich die Firmenzentrale in eine zart schimmernde Laterne. Die Fassade hält das Hof-Hochhaus visuell zusammen. Die Dachgärten bieten Erholungsräume für die Mitarbeiter, geben dem Gebäude Maßstäblichkeit und bieten Blicke über die Mega-Stadt Seoul und ihre bergige Lage.

Um aus den Himmels-Loggien einen Stadtraum zu machen fehlt dem Hochhaus etwas Entscheidendes: Der öffentliche Zugang. Der 22-stöckige Kubus spielt auf die Hofhaus-Typologie traditioneller Hanok-Häuser an.

Der Bauherr des Turmes glaubt an die „Macht der Schönheit“ als Geschäftsgrundlage – und seine Berliner Architekten tun es auch. Denn wer sein Geld mit dem Streben nach Schönheit verdient, sollte auch beim Bau seines Firmen-Hauptsitzes guten Geschmack beweisen. Dem verantwortlichen Partner im Berliner Büro Chipperfield, Christoph Felger, geht es jedoch um „Leistung und Zweck“ von architektonischen Details, nicht nur um ihren „Look“. Er wollte nachhaltige Fassaden und un-hierarchische Grundrisse entwerfen. „Form follows Purpose“ lautet sein Mantra – die Form folgt ihrer Aufgabe und Bestimmung. Den „Wettbewerb der Hochhäuser“ hat er verlassen und seinem Turm „ruhige Präsenz“ in der schnell wachsenden Skyline von Seoul verschaffen. Statt ein leuchtendes Firmen-Logo auf die Fassade zu montieren, zeigt sich die Firmenkultur bei Amore Pacific im Detail: Alle Lampen, Möbel und Schilder wurden vom Architekten entworfen und verhelfen dem Neubau zu einer durchgehenden „Corporate Architecture“. Die Architekten wollten “einen Ort schaffen und nicht nur ein Objekt“, obwohl der Plan für Yongsan Urbanität als „Stadt der Objekte“ definiert. Für den Architekten haben „Gebäude dieser Größenordnung die Verantwortung einen öffentlichen Ort zu schaffen“.
 

Die gläserne Decke zwischen Atrium und Dachgarten dient zugleich als Bassin.


Das Gebäude in Seoul ist konservativ ohne bieder oder vergangenheits-seelig zu wirken: Der Elbtower in Hamburg, den Chipperfield Architects in Berlin derzeit entwerfen, soll mit 233 Metern Höhe der HafenCity ihren östlichen Abschluss geben. Das Amore-Hochhaus in Seoul war für die Architekten ein wichtiger Vorläufer, auch wenn die beiden Entwürfe formell recht unterschiedlich sind: Der höchste Bau der Hansestadt wird sich mit einer schwungvollen Drehung in den Himmel winden. Hochhäuser stellen einen Quantensprung für Chipperfield Architects dar.

David Chipperfield, der heute in London, Berlin und Spanien wohnt, hat vor genau zwanzig Jahren sein Büro in Berlin gegründet und die deutsche Hauptstadt zu seiner zweiten Heimat gemacht, weil er hier eine Kaskade attraktiver Aufträge bekam. Mit der Renovierung der Neuen Nationalgalerie und dem Bau der James-Simon-Galerie bearbeiten seiner Mitarbeiter derzeit zwei große Kulturbauten.

Die Schwesterbüros in London, Mailand und Schanghai sind ebenso umtriebig: In Japan haben Chipperfield Architekten eine Friedhofskapelle fertiggestellt und in China sind mehrere Museen im Bau. Allen gemein ist das Bestreben, „Orte zu schaffen, die Menschen anziehen“.

Für den österreichischen Immobilien-Magnaten René Benko baut das Berliner Büro Kaufhäuser in Innsbruck, Wien und Bozen. Denn der Strom an prestigeträchtigen Aufträgen der Staatlichen Museen in Berlin reißt unweigerlich einmal ab. Um nicht der Versuchung zu erliegen, als „großer Name“ vor den Karren gespannt zu werden für Luxus-Immobilien wie beim Palais Varnhagen in Berlin-Mitte, müssen sich die Architekten darauf besinnen, dass sie Meister des architektonischen und nicht des theatralischen Raumes sind.
 

Die Sky-Gärten bieten Erholungsflächen für die Mitarbeiter.


Es ist die „Unvoreingenommenheit“ gepaart mit dem Ziel, „Komplexität auf wesentliche Details zu reduzieren“, die Chipperfields Arbeit auszeichnet. In Berlin haben die Architekten den monumentalen Maßstab gelernt und mit der Sensibilität für Materialien verknüpft, die sie mit der Gestaltung diverser Mode-Boutiquen entwickelt haben. Von der „preesistenze ambientali“ auszugehen, wie Chipperfield es sonst gerne tut, war in Seoul angesichts der Nichtigkeit der Bezüge unmöglich. Aber die „Erosion des Volumens durch Hohlräume und Licht“ hat es möglich gemacht, auch in Seoul einen Ansatz zu finden, der lyrisch und diszipliniert zugleich ist, der nüchterne Tektonik mit Aufmerksamkeit für das Detail verknüpft. Mit viel Liebe hat der Architekt sein Amore-Gebäude entworfen.
 

Bild von Ulf Meyer

Foto: HG Esch

Ulf Meyer

ist Architekturjournalist in Berlin und Autor des Buches „Architectual Guide Seoul“.

Ähnliche Beiträge

Kunst

Auf den zweiten Blick

Im Gespräch mit dem Fotografen Matthias Ley über seine Reihe „GOYANG LOVE“

Kunst

Wachgeküsst durch die Kunst

Neue Perspektiven durch kreative Projekte in Busans Jungang-Viertel

Kunst

PARTI-cipation VI 2017 Seoul

Galerie Hafemann (Wiesbaden) zu Gast in der Gallery SoSo (Seoul)