Kunst Musik

Blumen der Freundschaft

Ein Festival auf der Freundschaftsinsel Potsdam entfaltet sich zu einem Treffpunkt für Korea-Fans
 

Blick auf die Freundschaftsinsel Potsdam, im Hintergrund die Nikolaikirche (Foto: privat)

Betreten Sie vom Potsdamer Hauptbahnhof kommend die Lange Brücke und laufen Sie fast bis zur Mitte. Dann stoßen Sie rechterhand auf einen Fußweg. Folgen Sie ihm, und schon befinden Sie sich unvermutet in einer Anlage wieder, die jeder Gartenschau zur Ehre gereichen würde. Hier in Sichtweite von Stadtschloss und Nikolaikirche wurde auf der Freundschaftsinsel Potsdam nach der Idee des berühmten Gartenphilosophen und Erfinders des Staudenbeetes Karl Foerster (1874-1970) auf einer Fläche von 6,5 ha ein Schau- und Sichtungsgarten angelegt, in dem sich heute über 100.000 Stauden sowie seltene Baum- und Straucharten befinden. Nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde der Garten in den 1950er Jahren rekultiviert und Ende der 1970er Jahre zum Flächendenkmal erklärt.

Am 6. August gegen 15.00 Uhr herrscht auf dem kleinen Eiland geschäftiges Treiben: Angestellte sind dabei, die Gehwege mit Lampions und Teelichtern in - mit Sand gefüllten - Papiertüten zu dekorieren, Gärtner legen letzte Hand an die Beete an, Leute schleppen Kartons herbei und bereiten die über das Gelände verteilten Stände vor; dazwischen Jogger, Paare und Fahrradfahrer, die das Grün genießen. In drei Stunden soll hier das Festival „Feuer & Wasser“ steigen, das in diesem Jahr dem Land Korea gewidmet ist.

Jörg Nähte bei der Eröffnung des Festivals 2016 (Foto: Koreanisches Kulturzentrum)

Initiiert wurde es von dem 2003 gegründeten Verein Freunde der Freundschaftsinsel e.V., der über 100 Mitglieder zählt. Ko-Veranstalter sind die Kulturabteilung der Botschaft der Republik Korea (Koreanisches Kulturzentrum) und die Deutsch-Koreanische Gesellschaft (DKG) e.V. An diesem Tag sind die Freunde der Freundschaftsinsel zahlreich vertreten, erkennbar an den Plaketten mit dem Emblem ihres Vereins. Bereits zum neunten Mal führen sie das Festival „Feuer & Wasser“ durch, das immer dem asiatischen Kulturkreis gewidmet ist. „Viele Pflanzen auf der Insel stammen aus Korea, China oder Japan, angefangen mit dem Flieder und der Forsythie. Insofern lag der Bezug zu Asien nahe“, erklärt Jörg Nähte, ehemaliger leitender Inselgärtner und Vorsitzender des Vereins Freunde der Freundschaftsinsel. Nachdem das Festival fünf Mal China, ein Mal Vietnam und zwei Mal Japan zum Thema hatte, fehlte als Kernland, aus dem viele Pflanzen auf der Insel stammen, nur noch Korea, so Nähte. Ziel des Festivals sei es, nicht nur die authentische Kultur aus dem jeweiligen asiatischen Fokusland vorzustellen, sondern auch diejenigen Elemente der asiatischen Kultur zu präsentieren, die in Europa schon längst Tradition sind und sich an die hiesige Kultur assimiliert haben.

Unter die Passanten mischen sich nach und nach in koreanische Tracht gewandete asiatische und europäische Besucher. Wer heute in koreanischer Nationalkleidung erscheint, zahlt nämlich keinen Eintritt. „Für diesen besonderen Anlass habe ich extra meinen 50 Jahre alten Hanbok aus dem Schrank geholt“, erklärt eine koreanische Besucherin in rot schillerndem Kostüm.

Dr. Kwon Sehoon spricht ein Grußwort (Foto: Koreanisches Kulturzentrum).

Gegen 18.00 Uhr wird das Festival lautstark von dem – vom Koreanischen Kulturzentrum gegründeten - Samulnori-Ensemble eingeläutet. Es moderiert Brigitte Faber-Schmidt, Geschäftsführerin von Kulturland Brandenburg e.V. Durch das Bühnenprogramm führt Eberhard Mohr. Er ist der Ehemann der koreanischen Sängerin Ducksoon Park-Mohr, die an diesem Abend mit eigenen Gesangsbeiträgen und mit ihrem Chor Doraji auftritt; das Gesangsensemble, das ausschließlich aus Nichtkoreanern besteht, singt koreanische Lieder. Es folgen Reden von Jörg Nähte und vom Leiter des Koreanischen Kulturzentrums, dem Gesandten-Botschaftsrat Dr. Kwon Sehoon. Dr. Kwon verweist in seiner Rede auf den Bezug zwischen Karl Foerster und der Suncheon Bay Garden Expo 2013 in Südkorea: Der dort vertretene Deutsche Garten sei nämlich eine Hommage an Karl Foerster gewesen.

Spiel des Samulnori-Ensembles (Foto: Koreanisches Kulturzentrum)

Vor der Bühne der Freundschaftsinsel haben sich viele Besucher eingefunden. Gespannt verfolgen sie den Fächer- und den Trommeltanz der Kaya-Tanzgruppe, den musikalischen Beitrag „Chimhyangmu“ von Yoon Dayoung auf der zwölfsaitigen Zither Gayageum und den Gesangsvortrag von Ducksoon Park-Mohr und ihrem Chor.

Aufmerksamkeit erzielen auch die koreanisch-deutsche Gemeinschaftsausstellung „Zwischen den Welten“ im Pavillon – wo der koreanische Musiker Yoo Hong ein Solo auf der Flöte Daegeum gibt - und die Stände des Koreanischen Kulturzentrums für Kalligrafie, Takbon (Holzplattendruck), Hanbok und traditionelle koreanische Spiele. Am Kalligrafiestand stehen Besucher geduldig an, um ihren Namen von Zen-Meister Byung-Oh Sunim in der koreanischen Alphabetschrift Hangeul schreiben zu lassen. Vor dem Stand für Takbon haben sich Menschentrauben gebildet, die sich eine Erklärung über die koreanische Sprache anhören. Festivalsteilnehmer zwängen sich für ein Foto in die koreanische Nationaltracht.

Zen-Meister Byung-Oh Sunim am Kalligrafiestand (Foto: Koreanisches Kulturzentrum)

Was war der Anlass für den heutigen Besuch der Freundschaftsinsel Potsdam? Auf Nachfrage erhält man die unterschiedlichsten Antworten. Eine junge blonde Frau mit Brille hat einen Partner, der ursprünglich aus Korea stammt. Bald wollen sie gemeinsam in den Süden des Landes reisen, um seine Heimatstadt zu besuchen. Ein anderes Paar Ende zwanzig hat über koreanische Fernsehserien ein Faible für Korea entwickelt und plant für das kommende Jahr eine Reise dorthin. „Wir nehmen heute alle Infos mit, die wir kriegen können“, sagt der Mann, während er Materialien am Infostand einsteckt. Eine Frau mittleren Alters erzählt: „Ich war schon zehn Mal in Korea, immer zu K-Pop-Konzerten.“ Ihre Freundin, die mehrmals mitgefahren ist, sagt, sie wäre am liebsten gleich dortgeblieben. Sie schwärmt von der Seouler U-Bahn: so sauber und gut organisiert, und die Menschen seien so respektvoll. Eine Ethnologin führt Kinder an fremde Lebenswelten heran, vielleicht auch bald an die Koreas. Sie berichtet, dass sie zur heutigen Veranstaltung eine Koreanerin eingeladen habe. Die sei tief bewegt davon gewesen, dass ihr Land bei diesem Fest im Mittelpunkt steht.

Lesung im Pavillon (Foto: Koreanisches Kulturzentrum)

Eine andere Besucherin hat Ende der 1990er Jahre bis Anfang der 2000er Jahre als „begleitende Ehefrau“ in Korea gelebt, da ihr Mann dort eine Stelle angenommen hatte. Um ohne eigene berufliche Tätigkeit ausgelastet zu sein, habe sie viele ehrenamtliche Tätigkeiten übernommen. Sie hält ein Pappschälchen mit Kimchi und Schweinefleisch in der Hand und freut sich, einmal wieder Koreanisch essen und an die koreanische Kultur anknüpfen zu können. Eine rothaarige junge Frau hofft, dass Korea für mindestens ein Jahr ihre neue Heimat werden wird. Sie hat ein Working Holiday-Visum beantragt und ist gespannt auf die Zeit, die vor ihr liegt. Eine Mutter und Tochter kommen in Begleitung eines jungen Koreaners. Er stammt aus Seoul und lebt zurzeit als Gastschüler in ihrer Familie. Eine ältere Japanerin möchte mehr über die koreanische Bedeutung der Farben Rot und Blau erfahren. Sie bedauert es, dass die Leute in Japan generell so wenig über ihren Nachbarn Korea wissen.

Das Interesse an Informationen über Korea ist groß. Immer wieder kommt die überraschte Frage: „Was, am Potsdamer Platz gibt es einen koreanischen Pavillon?“ (Seit Herbst 2015 steht dort der vom Koreanischen Kulturzentrum errichtete „Pavillon der Einheit“). Eine Frau, die den Pavillon täglich von ihrem Arbeitsplatz aus sieht, nimmt gleich die ausgelegten Informationsbroschüren für die Kollegen mit und lässt sich auch in den E-Mailverteiler des Koreanischen Kulturzentrums eintragen. Auch die Hefte über die koreanische Küche finden reißenden Absatz. „Ist da auch Bibimbap drin?“, fragt ein älterer Herr. Erst gestern war er mit seiner Frau in einem Restaurant in Berlin-Steglitz Koreanisch essen. Kennengelernt hat er die koreanische Küche in einem kleinen Lokal im Neuköllner Schillerkiez, und seitdem ist er riesiger Fan.

Taekwondo-Vorführung der Taekwondo Akademie Pyo (Foto: Koreanisches Kulturzentrum)

Dann eilen die Besucher weiter zu den nächsten Programmpunkten. Im Schwanen-Torhaus wartet eine koreanische Teezeremonie, im Märchenzelt werden koreanische Geschichten erzählt, auf der Torhauswiese zeigt Meister Rak-Sun Pyo von der Taekwondo Akademie Pyo in Berlin mit seinen Schülern koreanische Kampfkunst. Im Ausstellungspavillon gibt es diverse spannende Lesungen und Vorträge:
Jan Janowski liest aus seinem „Fettnäpfchenführer Korea“, Prof. Klaus Klopfer nimmt Interessierte mit auf „Eine botanische Reise nach Korea“ und Dr. Go Jeong-hi stellt Auszüge ihrer deutschen Übersetzung der „Wildblumenbriefe aus dem Gefängnis“ von Hwang Dae-Kwon vor - die Briefe eines politischen Gefangenen an seine Schwester über die Wildblumen, die er während seiner Haftzeit züchtete.

Feuerkunst vor Wasserkulisse (Foto: privat)

Mit Einbruch der Dunkelheit entfalten die Lampions, die illuminierten asiatischen Gehölze und die rund 1000 Teelichter ihren eigenen Zauber und tauchen das Gelände in ein magisches Licht. Getreu dem Namen des Festivals - „Feuer & Wasser“ - findet zum Abschluss vor der Kulisse des Wassers eine Feuerschau statt: Die Feuerkunstgruppe RAKI Art präsentiert ein professionelles „Spiel mit dem Feuer“ und führt verschiedene beeindruckende Stunts durch. Mit einem letzten Feuerspeien geht das Festival 2016 zu Ende, und die rund 1000 Gäste treten zufrieden ihren Heimweg an.

Und was bleibt von diesem Abend? Bei manchen sind es vielfältige neue Eindrücke, bei anderen ist es die Bestätigung von bereits Vertrautem, und bei vielen ist es der Wunsch, in Zukunft noch mehr über Korea zu erfahren. Das nordostastische Land sei „neu und geheimnisvoll“, „immer eine Reise wert“ und zeichne sich durch „weise Bescheidenheit“ aus, lautet denn auch das positive Fazit einzelner Besucher.

Bis zum nächsten Mal beim Festival „Feuer & Wasser“ auf der Freundschaftsinsel Potsdam im Jahr 2017! – vielleicht ja wieder mit Korea als Fokusland.

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

Ähnliche Beiträge

Kunst

kate hers RHEE

Kunst ohne Übersetzung 

Kunst

Auf den zweiten Blick

Im Gespräch mit dem Fotografen Matthias Ley über seine Reihe „GOYANG LOVE“

Kunst

Beständig ist nur der Wandel

Das Berliner Büro von David Chipperfield erfindet für Seoul ein „Hof-Hochhaus“