Gesellschaft

Das EcoMobility World Festival in Suwon 2013

Fotos: Suwon, ICLEI

Letztes Jahr erschien das Buch „Neighborhood in Motion: One Neighborhood, One Month, No Cars“ von Konrad Otto-Zimmermann und Yeonhee Park über die Erfahrungen mit dem EcoMobility World Festival 2013 in Suwon, bei dem die Menschen des Stadtteils Haenggung-dong einen Monat lang das autofreie Leben erprobten. Herr Konrad Otto-Zimmermann erklärte sich freundlicherweise zu einem Interview über das Thema bereit.


Herr Otto-Zimmermann, Sie sind Ideengeber und Initiator des EcoMobility World Festivals. Seit Jahren werben Sie für eine autofreie, ökomobile Stadt. Welchen Beitrag kann das Festival auf dem Weg zu einer solchen Stadt leisten?

Zahllose Menschen in Städten weltweit, Stadtpolitiker und –planer, aber auch breite Expertenkreise streben eine Stadt an, die weniger vom Autoverkehr gequält wird und in der die Straßenräume nicht mehr reine Verkehrskanäle, sondern Lebensräume für vielfältige soziale Nutzungen sind. Kann man irgendwo eine autofreie, ökomobile Stadt sehen, die als Zielvision gelten kann? Hier und da gibt es gute Teilbeispiele; es gibt örtliche Pilotperprojekte, aber auch Computersimulationen.

Das Besondere an unserem Projekt ist, dass echte Menschen in einem echten Stadtquartier in Echtzeit einen Monat lang autofrei und ökomobil leben. Nur so können Bilder von der Zukunftsvision entstehen, die authentisch und kraftvoll sind. Gleichzeitig lernen die Stadtbewohner mit einem neuen Lebensstil umzugehen, und darüber berichten wir, um anderen Mut zu machen.

4300 Bewohner des Stadtteils Haenggung-dong in der südkoreanischen Stadt Suwon haben 2013 im Rahmen des ersten EcoMobility World Festivals einen Monat lang ohne Auto gelebt. Warum wurde gerade dieser Ort für das Experiment ausgewählt?

Bürgermeister Tae-young Yeom hatte verschiedene Stadtbezirke dazu eingeladen, sich für das Festival zu bewerben. Haenggung-dong wurde ausgewählt, weil dieses Altstadt-Quartier ohnein zur behutsamen Stadterneuerung anstand und das Festival als guter Auftakt hierfür erschien.

Vor dem Festival protestierten viele Bewohner Haenggung-dongs entschieden gegen die autofreie Zeit in ihrem Quartier. Wie gelang es, die Menschen für das Projekt zu begeistern?

Es war möglich, die Mehrheit der Bewohner für eine bessere Zukunft zu begeistern. Es kostete enorme Mühe, Zweifler und Nörgler zum Mitmachen zu motivieren. Und es war fast unmöglich, einen kleinen Kern harter und fast militanter Gegner anzusprechen. Die Stadt Suwon führte eine Bürgerbeteiligung mit bis dahin unbekannter Intensität durch. Ein Drittel der Bewohner organisierte sich in einem Festival-Unterstützungsverein. Es gab eine Unterrichtung und Befragung aller Haushalte, Bürgerversammlungen, Stadtteilzeitungen; die Stadt stellte dem Bürgerverein einen Quartiersladen zur Verfügung und zog mit ihrem Festival-Organisationsteam selbst ins Quartier.

Wie bereits oben erwähnt, stand Suwons Bürgermeister Tae-young Yeom dem Projekt positiv gegenüber.

Bürgermeister Yeom ist ein modernes, aufgeschlossenes, bürgernahes Stadtoberhaupt. Ich erzählte ihm einmal bei einem Mittagessen von meiner Idee und dem Konzept des EcoMobility World Festivals. Er hörte aufmerksam zu, beriet sich mit den Verantwortungsträgern seiner Stadt, und als wir uns wieder einmal trafen, sagte er: „Wir machen das in unserer Stadt.“ Das war eine mutige Entscheidung, denn kein Bürgermeister in der Welt hat je mit den Bewohnern eines Stadtquartiers einen Monat lang ein „autofreies Leben“ inszeniert.

Welche Voraussetzungen mussten geschaffen werden, um das Experiment durchführen zu können?

Die Stadtverwaltung plante die Schließung des gesamten Quartiers für den Autoverkehr. Also mussten Straßenumbaupläne sowie Verkehrslenkungspläne für den Verkehrsfluss rund ums Festival-Gebiet erarbeitet werden. Andere Behörden, insbesondere die staatliche Polizeibehörde, mussten gewonnen werden. Die dauerhaften Umbauarbeiten und die einmaligen Festivalaktivitäten erforderten ein beträchtliches Budget; dies aufzustellen und im städtischen Haushalt zu verankern, war eine andere wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Durchführung des Festivals.

Wie wirkte sich die Umsetzung der autofreien Stadt auf das praktische Leben der Bewohner aus? 

Die 4.300 Bewohner parkten ihre 1.500 Autos auf speziellen Ersatzparkflächen außerhalb des Quartiers. Sie konnten ihr Auto in fünf bis zehn Minuten zu Fuß erreichen. Insofern war das Festival eine künstliche Inszenierung, vergleichbar einem Theaterstück: verlässt man das Theater, so steht man wieder im gewöhnlichen Leben. – Die Stadtverwaltung hatte allen Bürgern, die auf ihr Auto verzichteten, ein Fahrrad als Ersatzfahrzeug versprochen. Zur Beförderung älterer Menschen, Behinderter und von Geschäftsleuten mit ihren Waren hatte die Stadtverwaltung einen Shuttledienst mit kleinen Elektrofahrzeugen eingerichtet. Die EcoMobility-Ausstellung mit Testparcours ermöglichte es Bewohnern und Besuchern, innovative, per Pedal oder elektrisch angetriebene Fahrzeuge zu erproben. Wir machten aber auch die Beobachtung, dass die Bewohner es sehr genossen, auf den autofreien, ruhigen und sicheren Strassen zu Fuß zu gehen.

Im Rahmen des Projekts hatten die Bewohner Haenggung-gungs die Möglichkeit, einzelne Straßen ihres Viertels neu zu gestalten. Welche Konzepte haben sie vorgelegt, und welche Aspekte waren ihnen bei der Umgestaltung besonders wichtig?

Die Stadtverwaltung machte den Bewohnern Vorschläge für eine verkehrsberuhigte Umgestaltung des Quartiers und seiner Straßenräume. Entsprechend den Präferenzen der Bürger wurden Elektroleitungen in die Erde verlegt, Fahrbahnen verengt und Gehwege verbreitert, Bäume gepflanzt, Miniparks auf Restflächen angelegt. Die Gassen und Straßen wurden neu gepflastert. Künstler wurden dabei unterstützt, die Gassen der alten Stadt durch Wandmalereien zu verschönern. Und während des Festivals belebten die Kunst- und Kulturschaffenden die Straßen und Plätze mit Konzerten, Vorführungen und Straßentheater.

Wie war das Resümeé durch die Bewohner nach Beendigung des Festivals?

Die Mehrzahl der Bewohner wünschte sich eine Beibehaltung des autofreien Quartiers. Es gab Tränen, als die SUVs unerbittlich in die engen Gassen zurückrollten. Diese Menschen waren dankbar, dass sie eine andere Zukunft erleben durften und das vorher Unvorstellbare zur Realität werden sahen – wenn auch nur temporär. Die kleine Minderheit der Verdrießlichen und Projektgegner war froh, dass der Spuk vorbei war. In Runde-Tisch-Sitzungen äußerten die Bewohner mehrheitlich den Wunsch, dass das Quartier verkehrsberuhigt bleiben möge. Ihrer Bitte entsprechend richtete die Stadt eine flächendeckende Geschwindgkeitsbeschränkung auf 30 km/h sowie Parkbeschränkungen entlang der Hauptgeschäftsstraße ein.

Sie sind eben schon auf einen Punkt eingegangen. Wie bewerten Sie das Festival in Haenggung-dong in Bezug auf die Nachhaltigkeit? Wie sieht das Leben heute dort aus, rund 3 Jahre nach Durchführung des Experiments?

Das Gebiet ist verkehrsberuhigt und damit ein Vorbild für andere Quartiere der Stadt. Die Geschwindigkeitsbegrenzung hat den Durchgangsverkehr spürbar reduziert. Das Parkverbot entlang der Hauptgeschäftsstraße hat enorm zu einer Beruhigung beigetragen, denn die Leute können nicht mehr mit dem Auto direkt vor der Ladentür parken; kurze Wege werden nicht mehr mit dem Auto zurückgelegt. Die umgestalteten Hauptstraßen mit breiteren Gehwegen unter Bäumen machen das Flanieren attraktiv. Was geblieben ist, mag im internationalen Vergleich ein kleiner Schritt sein. In der Realität koreanischer Stradt- und Verkehrsplanung waren das Festival und sind seine Hinterlassenschaft ein sensationeller Schritt vorwärts.

Computersimulation: Haenggung-dong nach dem EcoMobility World Festival

2015 fand das Festival in Sandton in Südafrika statt. Welche Erfahrungen wurden dort gemacht? 

In Johannesburg wurde wiederum ein Stadtteil für einen Monat „ökomobil". Der mutige und ehrgeizige Bürgermeister wählte aber nichts Geringeres als den zentralen Geschäftsbezirk (Central Business District, CBD) Sandton als Projektgebiet aus, in dem die Hauptverwaltungen der meisten südafrikanischen Firmen und die Südafrika-Vertetungen internationaler Konzerne liegen. Dieser CBD empfängt täglich 120.000 Einpendler, davon kommen 75.000 mit dem Auto. Es gibt kaum Bewohner und keine Läden und Restaurants in den Straßen. Es war klar, dass ein solches Gebiet nicht einen Monat lang völlig autofrei werden könnte und autofreie Straßen nicht von Bewohnern belebt werden könnten. Also fand unter dem Motto „Change the way you move" eine Öffentlichkeitskampagne statt, um Pendler zum Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr, zum Radfahren und zum Gehen zu bewegen. Bestimmte Straßen wurden gesperrt, es wurden Busvorrangspuren und Radwege angelegt, Gehwege verbreitert, Park-and-Ride-Plätze eingerichtet und die Kapazitäten der öffentlichen Verkehrsmittel erhöht. Das Projekt war recht erfolgreich, indem es eine nie dagewesene Aufmerksamkeit und öffentliche Diskussion erzeugte und Tausenden von Pendlern die Möglichkeit bot, Alternativen auszuprobieren. 

Übrigens war Bürgermeister Yeom mit einer Delegation von Bewohnern des Quartiers Haenggung-dong zur Eröffnung des Johannesburger Festivals gereist!

Der Verzicht aufs Auto kann sicher einen Zuwachs an Lebensqualität bedeuten, aber wie realistisch ist die dauerhafte Umsetzung einer autofreien Stadt im Alltag?

So realistisch, wie wir unsere Realität gestalten. Leider orientieren sich Menschen gern rückwärts nach dem ihnen Bekannten, weil ihnen die Vorstellungskraft fehlt und sie die Risiken einer innovativen Zukunft scheuen. Auch wenn viele über das Auto klagen, so können sie sich ein Leben ohne Auto schwer vorstellen. Die Bewohner Haenggung-dongs haben nun die Alternative einen Monat lang durchleben können. Aber für eine autofreie Zukunft zu kämpfen, ist schwer: Wie man in Haenggung-dong sehen kann, haben sich die dicken SUVs den Weg zurück in die engen Straßen gebahnt. Die Menschen ohne Auto (faktisch die Mehrheit), die Älteren, Kinder, Behinderten und alle, die aus Gründen einer nachhaltigen Lebensweise auf ein Auto verzichten, werden als Schwächere im Straßenraum buchstäblich an den Rand gedrängt. Ihnen zu ihrem Recht, zu ihrer Entfaltung, zu ihrem Straßenraum zu verhelfen, ist die Aufgabe mutiger Kommunalpolitik und starker Stadtführung.
 

                                                                                                                                 Das Interview führte Gesine Stoyke
                                                                                                                                                 Redaktion "Kultur Korea"


 

Konrad Otto-Zimmermann
(Foto: Barbara Breitsprecher)

Konrad Otto-Zimmermann ist Kreativdirektor bei „The Urban Idea“, Freiburg im Breisgau. Bis Ende 2012 war er Generalsekretär des Weltstädteverbandes ICLEI (www.iclei.org) mit Sitz in Toronto und seit 2010 in Bonn. Heute ist er als Chairman, ICLEI Urban Agendas ehrenamtlich mit der strategischen Programmentwicklung befaßt. Davor hatte er eine leitende Funktionen bei der Stadt Freiburg, dem Umweltprojekt Schwarzwald und beim Umweltbundesamt inne.

Er ist Initiator und Kreativdirektor der EcoMobility World Festivals 2013 in Suwon, Südkorea, und 2015 in Johannesburg, Südafrika. Das EcoMobility World Festival 2017 in Kaohsiung, Chinese Taipei (Taiwan), ist derzeit in Vorbereitung. Von 1981-1988 war er Projektleiter des Modellvorhabens „Fahrradfreundliche Stadt“ des Umweltbundesamtes. darüber hinaus ist er Initiator der Global Alliance for EcoMobility und Schöpfer der Begriffe und Konzepte „Umweltverbund“ und „EcoMobility“.

Er machte seinen Abschluss als Diplomingenieur im  Bereich Architektur (Stadt- und Umweltplanung) und absolvierte einen Magister im Bereich der Verwaltungswissenschaften.


 

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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