Musik

Das Große Theater des Erzählens

Pansori „Jeokbyeokga" – das ,,Lied vom Roten Felsen“ in Düsseldorf und Hamburg (29.09. und 03.10.15)
 

Szene aus dem Pansori „Jeokbyeokga" (© DKGH 2015)

Für Pansori in Deutschland ein Publikum zu finden, erscheint im ersten Moment ziemlich aussichtslos. Ein Sänger und ein Trommler, die zusammen einen Roman vortragen? Auf Koreanisch? Und den Text soll man „simultan“ mitlesen?

Die weißgewandeten Musiker auf dem Plakat machen aber einen fröhlich-feierlichen Eindruck, und Erzählen wird hier offenbar doch zu einem Geschehnis. Und so ist es auch tatsächlich. Pansori ist ein minimalistisches Gesamtkunstwerk, das Literatur, Musik und Darstellende Kunst in größter Kompaktheit und größter Effizienz in sich vereint. Alle künstlerischen Elemente kulminieren im Erzählen. Aber waren sie je getrennt? Ist der Ursprung dieser Kunst nicht das wunderbare alte Talent der Koreaner zum Erzählen und Zuhören? Und wurde im Pansori nicht das Sprechen zum Gesang, die Geschichte zum Roman und sogar die Reaktion der Zuhörer zu der Konvention, die man „Chuimsae“ nennt, die lobenden Anfeuerungsrufe?

Im Pansori wird die aktive Phantasie des Zuschauers zum wichtigen Teil des Erlebnisses. Denn anders als ein Kinofilm ist Pansori kein Fertigprodukt aus Ton, Text und Bild. Und anders als im Theater gibt es nicht die Schauspieler, in die sich der Zuschauer per Identifizierung hineindenken könnte. Die Kunst des Pansori-Sängers und seines Begleiters besteht nämlich darin, den Zuschauer einzuladen, dem Erzählen beizuwohnen und das Erzählte gegenwärtig werden zu lassen. Die Textprojektion, immer nah über dem Kopf des Sängers, ist da bei uns unverzichtbar und hocheffektiv. Da der Zuschauer aufgefordert ist, die Erzählsituation ganz persönlich zu nehmen und gern mit kleinen Ausrufen (Chuimsae) zu reagieren, wird eine Pansori-Aufführung zum Gemeinschaftserlebnis. Ein Pansori ist eben kein Klavier-Abend.

Doch das muss der Deutsche erst einmal wissen.

Am 29. September im Düsseldorfer Theatermuseum und am 3. Oktober im Hamburger Völkerkundemuseum (das sich schon zum vierten Mal seit 2004 für Pansori engagierte) wurde das Pansori „Jeokbyeokga - das Lied vom Roten Felsen“, mit dem Sänger Yun Jin-chul und Cho Yong-su als Begleiter aufgeführt. Ohne die Einladung der Deutsch-Koreanischen Gesellschaft Hamburg, die sogar die Flugkosten für die Künstler übernahm, der großzügigen Zuwendung eines privaten Düsseldorfer Sponsors und die selbstlose und tätige Unterstützung des dortigen Theatermuseums wäre die kleine Tournee nicht zustandegekommen. Trotz vollkommener Nichtbeachtung vonseiten der Presse waren beide Säle rappelvoll, und die Seelen aller quollen über vor Vergnügen und Belebung durch die intensive Ansprache - eine Wirkung, die man in den westlichen Künsten so nicht kennt.

(© DKGH 2015)

Die Stimme eines Pansori-Sängers entwickelt sich auch nach der Ausbildung weiter. Yun Jin-chul, jetzt mit 51 in seinen besten Jahren, besitzt bei einer grundsätzlichen Klarheit der Stimme das volle Spektrum des Ausdrucks. Manche ältere Sänger - zum Beispiel war es so bei Yuns Lehrer Jeong Gweon-jin - haben im höheren Alter eine „Willy-Brandt-Stimme“. Der Qualität des Gesangs tut das keinen Abbruch, solang der Ausdruck nicht darunter leidet. Ausdruck ist die Substanz des Pansori-Gesangs, und der Ausdruck greift tief in die Seele des Menschen. Es sind die allgemeinverständlichen Urlaute des Leidens und der Freude und aller Dinge im Leben, die im Pansori-Gesang gestaltet werden. Die Melodien, die gleichwohl sorgfältig vom Lehrer auf den Schüler übergehen, verlieren dadurch die Dominanz, die sie im klassischen westlichen Kunstlied oder in der Oper haben. Die zahlreichen Exaltationen des Stimmlichen bringen den Pansori-Gesang aber in die Nähe sowohl von Rock und Blues, als auch von westlicher Avantgarde, hat doch z.B. in der Musik von Helmut Lachenmann das instrumentale Geräusch eine hohe Stellung, oder bei Giacinto Scelsi der subtil gestaltete Klang.

So auch bei Yun Jin-chul! Ausdrucksvolle Heiserkeiten stehen ihm neben einer klaren Sprechstimme in großer Zahl zur Verfügung.

Die Aufführung begann wie üblich mit einem Dan'ga, einem Lied zum Aufwärmen der Stimme und des Publikums, das Yun nutzte, die Chuimsae vom Publikum einzufordern. Das Pansori „Jeokbyeokga“ hub dann gemächlich an, mit einer langen Erzählpassage (Aniri), die die Erwartung steigerte und sich im ersten Gesang (Sori) entlud, und die Überraschung war den Zuschauern wohl die größte, dass ein krähendes Überschlagen der Stimme, das in schmerzvolles Heulen mündet und sich in einem Louis-Armstrong-würdigen Knurren ausrollt, so sehr wohl tut.

Yun und Cho sind schon seit vielen Jahren ein eingespieltes Team. Cho Yong-su war als Gosu (Begleiter) nicht nur ein aufmerksamer Wächter über die komplizierten Jangdan genannten Rhythmusmuster, sondern auch ein wunderbarer erster Zuhörer. Ihm wandte sich Yun immer wieder lebhaft zu, und dieser ließ oft ganze Kaskaden seiner Chuimsae hören, als wäre er drei Männer in einem.

Das Schlachtengemälde ,,Jeokbyeokga" ist unter den fünf noch existierenden Pansoris das anspruchsvollste und war in Korea unter den Aristokraten, die ja erst Mitte des 18. Jahrhunderts begannen, Pansori als Kunst anzuerkennen, das beliebteste. Aber, nur Männer, keine Liebesgeschichte, unglaublich viele Namen historischer Helden und ausführliche Schilderungen von Politik und Strategien!? Während die anderen vier, die jedes für sich keinem anderen gleichen, auf Volkserzählungen beruhen, welche in vielen asiatischen Kulturen existieren, geht „Jeokbyeokga“ direkt auf den riesigen „Roman von den Drei Reichen“ des chinesischen Autors Luo Guanzhong aus dem 14. Jahrhundert zurück. Dieser handelte von den kriegerischen Ereignissen im untergehenden Kaiserreich der Han-Dynastie. Das Pansori „Jeokbyeokga“ konzentriert sich auf den Höhepunkt des Krieges und die schicksalhafte Schlacht am Roten Felsen im Jangtse-Fluß. Ich fragte Herrn Yun, inwieweit sich das Pansori noch auf diesen Roman beziehe, und er erklärte mir, es gebe gar keinen Unterschied zu den anderen Stücken. Der Roman sei schon bald nach Erscheinen auch in Korea äußerst beliebt gewesen, die Legenden auch schon vorher bekannt, und so habe er selbst als Besitz des Volkswissens gegolten. Die frühen Pansori-Sänger hätten, so Yun, ihn sich auf ihre Art und Weise angeeignet und ergänzt.

Die Spuren dieser langen und abwechslungsreichen Entstehungsgeschichte sind im Text von Jeokbyeokga noch immer gut auffindbar, denn neben der „Story“ über den Plan dreier Kriegshelden, gegen den Kanzler des Han-Reiches, Cao Cao, aufzustehen und dessen Übermacht durch gewitzte Strategien zu brechen, finden sich die Einfügungen von edlen Gedichten, welche die Aristokraten des 19. Jahrhunderts bestellt hatten, sowie die Doneum genannten Hinzufügungen der Sänger selber, die offenbar an Steigerungen von Rührung und Groteske ihren Spaß hatten. Zur Handlung als solcher tragen Szenen wie z.B. der Wettstreit der Soldaten um die größte Trauer über den bevorstehenden Verlust des Lebens, oder die lange Schilderung der wahnwitzigen Verstümmelungen von Cao Caos wenigen überlebenden Soldaten nicht bei, sind aber Bestandteil des Pansori-Erlebnisses, welches auch aus dem Zusammensein und dem Amüsieren besteht. Und wie sich die Wonne dieser „himmlischen Längen“ anfühlte, haben die Zuschauer in Hamburg und Düsseldorf auch trotz einiger Kürzungen erleben können.

Bild von Matthias R. Entreß

Foto: privat

Matthias R. Entreß

geb. 1957 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin als freier Autor, Musikjournalist und -kurator. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an der FU Berlin, kuratierte 2004 in Berlin und 2007 in Italien Festivals mit koreanischer Musik sowie Konzerttourneen mit Pansori (2009/ 2013/ 2015) und Volksmusik (2011). 2005 initiierte er die ersten deutschen Übersetzungen von Pansori, an denen er auch mitarbeitete. Musikjournalistische Schwerpunkte sind Neue Musik und Außereuropäische Musik für DLR, BR, DLF.   Ende 2016 erhielt er die Auszeichnung der Republik Korea.

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