Film

Das koreanische Kulturerbe geht in die virtuelle Realität

                              Das dreidimensionale Leben des Dichters Yun Dong-ju in dem Film "Poet’s Room"

 

Regisseur Ku Bom-sok

Regisseur Ku Bom-sok (©La Biennale di Venezia 2022)

Im Jahr 2017 startete La Biennale di Venezia im Rahmen des Filmfestivals den ersten Wettbewerb für Werke in der Virtual Reality. Das Ziel war es, die Zukunft für virtuelles Geschichtenerzählen und die neuen Medien zu präsentieren. 

Auf einer kleinen Insel (der Insel Lazzaretto Vecchio), nicht weit entfernt vom Hauptort des Festivals, konnten die Besucher der diesjährigen Veranstaltung (vom 1. bis 10. September 2022) erneut das Metaversum betreten, Protagonisten auf ihren Reisen in XR-Extended Reality begleiten, Spiele spielen, sich verkleiden oder Designern bei der Entwicklung ihrer Werke helfen. Insgesamt gab es 43 Projekte aus 19 Ländern, darunter auch ein Werk aus Korea. Der Titel lautete „Poet’s Room“ und wurde mit der Unterstützung von der Korean Cultural Heritage Foundation unter der Leitung von Filmregisseur Ku Bom-sok und dem Entwickler Kim Ji-hyu erschaffen. Die Geschichte basiert auf dem Leben und Werk des berühmten koreanischen Dichters Yun Dong-ju (1917-1945).

Der Filmregisseur und Projektleiter Ku Bom-sok hat sein Kunststudium in San Francisco abgeschlossen, wo er gleichzeitig seine Erfahrungen als VR-Künstler für Hollywood-Produktionen wie „Herr der Ringe" sammelte. Zurück in Korea wechselte er in die Spielindustrie und gründete sein eigenes Studio (EVR Studio) für Videokunst & VR in Gangnam, Seoul. Wir sprachen mit dem Regisseur in einem exklusiven Interview in Venedig.

Warum haben Sie Yun Dong-ju als Protagonisten für Ihr Projekt ausgewählt?

Filmstill - ein Leuchtender Baum, davor stehen Menschen

Filmstill - "Poet’s room" (©La Biennale di Venezia 2022)

Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Yun Dong-ju zu den beliebtesten Dichtern Koreas gehört. Er lebte in den schwierigen Zeiten der kolonialen Abhängigkeit Koreas von Japan, doch er verfasste seine Werke auf Koreanisch, und das zu einer Zeit, als die Einheimischen Angst hatten, ihre ursprünglichen Namen zu tragen und sie in ausländische umwandelten. Es gibt aber einen kleinen „Schönheitsfehler“ in seiner Biografie, der oft zu Diskussionen über seine Herkunft führt: Er wurde in China geboren. Aber früher gehörte diese Region zu Korea. Also kam er aus China nach Korea, um die koreanische Sprache im Yonhui College (der heutigen Yonsei-Universität) – dem einzigen Ort, wo man die Landessprache erlernen konnte – zu studieren. Obwohl er nur 27 Jahre lebte, scheint mir sein Leben sehr reich und bedeutungsvoll gewesen zu sein und seine Kunst sehr schön, trotz seines traurigen Lebens. Er wurde in einem Gefängnis in Japan ermordet, möglicherweise vergiftet. Es gibt Quellen, die sagen, dass er gefoltert wurde, andere geben Hinweise darauf, dass an ihm Experimente durchgeführt wurden. Wir wissen es nicht genau. Künstler versteht man am besten durch ihre Werke, diese sind – meiner Meinung nach – die wichtigen Quellen, anhand derer wir Schaffende heute beurteilen sollten.

Was gefällt Ihnen am meisten an seiner Literatur?

Ich habe seine Werke in der Schule gelesen. Mir hat schon immer gefallen, dass er danach strebte, ein makelloses Leben zu führen. Doch er selbst sagte, dass er sich dafür schäme, sich den Japanern nicht anders als nur mit seiner Poesie widersetzen zu können. Heute gehört er zur Avantgarde des Widerstands und sein Leben erscheint uns als heldenhaft, weil er ja trotz aller Schwierigkeiten seinen Glauben und seine Werte bewahrt hat. Persönlich mag ich die allegorische, nicht geradlinige Art seiner Poesie. Er verwendet viele Metaphern, er schreibt über die Natur, seine Protagonisten sind die Sterne oder der Wind. Darin verbergen sich die Beschreibungen seiner Realität. Seine Werke sind zutiefst lyrisch und verträumt.

Wie haben Sie das Projekt strukturiert?

Wir wollten diesen VR-Film dem Dichter sowie seiner Zeit widmen. Der Film beginnt in dem kleinen engen Raum, in dem er seine Werke schuf. Die Zuschauer können mit Hilfe der Technik seine handgeschriebenen Manuskripte sehen und diese selbst aufschlagen. Parallel wollten wir seine Lebensgeschichte erzählen. So zeigen wir den Zug, der ihn nach Gyeongseong (dem heutigen Seoul) bringt. Er überquert den Ozean, um die Literatur zu studieren. In Korea angekommen findet er enge Freunde, schließt sich einem Literaturclub an. Wir zeigen ebenfalls seine erste romantische Begegnung mit einer jungen Frau. Jedes erzählte Fragment ist eine Erinnerung aus der Vergangenheit sowie aus Yuns Traum. Seine Träume verlassen allmählich den Winter und enden in einer frühlingshaften Welt. Die Zuschauer können zusammen mit Yun Dong-ju durch die unzähligen Sterne am Nachthimmel fliegen.

Filmstill - Dichter Yun Dong-ju mit einer Frau

Filmstill - "Poet’s room" (©La Biennale di Venezia 2022)

Wie hat VR dazu beigetragen, die Geschichte besser zu präsentieren?

Ich glaube, dass Virtual Reality eines der wenigen Formate ist, das auf natürliche Art und Weise eine ‚realistische‘ Atmosphäre erzeugt. Sie macht es schwer, zu unterscheiden, wo die Realität endet und ein Traum beginnt. Wenn man Filme, TV-Serien oder Gemälde bewundert, ist man dadurch eingeschränkt, dass all diese Bildformate einen Rahmen (Kinoleinwand, Bilderrahmen) haben, das heißt, es gibt Grenzen. Nur VR bietet Ihnen eine 360-Grad-Perspektive, diese Art der Bildgestaltung ist fesselnd und für jeden verständlich, egal ob Kind oder Erwachsener. Auch bei Unterwasseraufnahmen vermittelt VR die Umgebung immer noch besser als reguläre Filme.

Warum ist Virtual Reality trotz der Vorteile immer noch nicht beliebt?

Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als 3D-Filme neu waren. Die Aufregung war jedoch schnell verflogen, manche Filmemacher kehrten sogar zum 35 mm-Format zurück. Als VR entstand, hatten wir eine ähnliche Situation. In Seoul wurden viele Veranstaltungsorte eingerichtet, aber sie erwiesen sich als kommerziell nicht rentabel. Studios wie meines gehören zu Kunststätten. Sie existieren für Fachleute oder interessierte Laien. Es scheitert bislang noch an der Entwicklung der Technologien. Um VR einem breiteren Publikum anbieten zu können, brauchen wir bessere Optik und Bildauflösung sowie kleine und leichte Ausstattung. Momentan ist die Ausrüstung sehr schwer und unbequem, vor allem wenn die Menschen selbst die Brille tragen und den Helm aufsetzen müssen. Make-up und Frisur leiden darunter auch. Ein anderes Problem ist, dass es noch wenig Content gibt. Man muss in diesem Bereich mehr Inhalte schaffen. Aber ich glaube, dass die VR-Technologien vorankommen, die Preise gehen runter, die Ausstattung wird bequemer. Ein Beispiel: Vor ein paar Jahren schaffte sich in Korea kaum jemand HMD (HMD steht für Head-Mounted-Display sowie die ganzen VR-Headsets wie Brille und Helme etc.) an. Mit Quest 2 (das ist das Virtual-Reality-Headset von Meta) sehe ich, dass viele Leute, nicht nur in meinem Kreis, nun auch HMD kaufen. Auf jeden Fall wird unser Projekt „Poet's Room" zum Ende dieses Jahres in Korea starten, nicht in großen Kinos, dafür gibt es spezielle Veranstaltungsorte, VR- oder Spielhallen

Filmstill - Der Dichter Yun Dong-ju in seinem Zimmer

Filmstill - "Poet’s room" (©La Biennale di Venezia 2022)

Welche Rolle hat dabei die Korean Cultural Heritage Foundation gespielt?

Die Korean Cultural Heritage Foundation unterstützt ein Projekt pro Jahr, das die Geschichte und das Erbe Koreas widerspiegelt. Zu diesem Zweck wird ein offener Wettbewerb durchgeführt. Wir haben teilgenommen, das Szenario und die Beschreibung unseres Projekts eingereicht und wurden gewählt. Vielleicht kannte man uns (mich und mein Studio) bereits. In der Vergangenheit haben wir mehrmals unsere VR-Projekte auf den Filmfestspielen in Cannes gezeigt, beispielsweise „Parasite", eine VR-Version des bekannten Films von Bong Joon-ho. Auch die Themenauswahl hat eine bedeutende Rolle gespielt. 

Warum beschäftigen sich Filmschaffende gerade mit dieser Periode der koreanischen Geschichte? Kürzlich startete bei Apple-TV die Serie „Pachinko“, die sich ebenfalls mit den Folgen der japanischen Kolonialisierung auseinandersetzt. 

Ich habe das Gefühl, dass wir nun bereit sind, unsere Geschichte zu reflektieren. Dafür gibt es einen geeigneten Moment. Früher träumten unsere Teenager davon, auszuwandern und im Ausland zu leben. Insbesondere galten die Vereinigten Staaten als das Land ihrer Träume. Viele unserer Emigranten versuchten dabei, ihre Herkunft zu verbergen. Heute sind die Koreaner stolz auf ihre Abstammung und Kultur dank der Fortschritte, die Korea machte, sowie natürlich dank der K-Wellen (K-Pop, K-Drama, K-Beauty). Jetzt erhält das koreanische Kino Auszeichnungen der American Film Academy und die koreanischen Popgruppen sind oft populärer als ausländische. Die Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit hat auch einen anderen Grund. Es geht um fremde Einflüsse und um die Frage, welche Spuren diese in der koreanischen Kultur hinterlassen haben. In einer Zeit, in der alle Kulturen eingeebnet und Sprachen gemischt werden, ist es wichtig, die Traditionen nicht zu vergessen.

 

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