Literatur

„Der Gesang drang tief in mein Inneres (...)“

Foto: privat

„Den Anwesenden standen die Münder offen und alle starrten auf den sich bewegenden Reis.“

Auszug aus „Semzingang – Leben in zwei Welten“ (S. 53-56)

Offenbar hatte sich fast das ganze Dorf hier versammelt, außer denen, die nicht gerade auf den Feldern arbeiten mussten. Manche Frauen hatten Babys in einem Tragetuch auf dem Rücken, Kleinkinder mit nackten, sonnengebräunten Füßen waren auch zahlreich zum Schauplatz gekommen. Die Trommeltöne haben wohl eine magische Kraft und locken die Leute her, dachte ich. Wir mischten uns, ohne dass jemand von uns Notiz nahm, unter eine Gruppe von Leuten. Vielleicht bemerkte wirklich niemand, dass plötzlich Fremde unter ihnen waren, jedenfalls hatten fast alle ihre Blicke auf eine Frau gerichtet, die mit einer Trommel in der Hand vor ihnen herumsprang. Eine weiße Haube, wie eine Taube, bedeckte ihren Kopf. Die breiten Ärmel ihres papageienbunten Gewandes flatterten wie die Schwingen eines Vogels. Dazu murmelte sie etwas, das ich nicht verstehen konnte. Dann legte sie die Trommel beiseite, nahm einen Strohbesen mit einem langen Stiel in die Hand und nestelte mit der anderen Hand am Knoten einer Stofftasche herum. Als sich endlich der Knoten gelöst hatte, holte sie mit ihren langen Fingern eine Handvoll Reis heraus. Die Leute ließen ihre Augen nicht von ihr und ich fragte mich, was sie jetzt wohl vorhabe. Sie sprach zu jemandem, den ich nicht sehen konnte, danach legte sie eine Handvoll Reis auf den von der Sonne glänzenden Erdboden. Nun fächelte sie mit dem Strohbesen über den Reis hin und her. Es sah aus, als würde sie lästige Fliegen vertreiben. Dabei murmelte sie weiter vor sich hin. Mir war es ein Rätsel, mit wem sie sprach.

Ich fragte meinen Bruder: „Mit wem spricht sie eigentlich?“

Mein Bruder kam ganz nahe an mein Ohr, dass es mich kitzelte und flüsterte: „Zu Gisin.“ Das bedeutet: Zu den Geistern.

„Ich sehe aber keine Geister.“

Min-Sun schaute mich streng an. Sein Gesichtsausdruck sagte mir, ich solle still sein wie die anderen Leute auch. Ich hatte schon von Geistern gehört, aber unsichtbare Geister waren mir ein Rätsel.

Die bunte Frau mit dem Strohbesen in der Hand sprang ein paar Mal über den Haufen Reis wie beim Seilhüpfen, dann fegte sie mit dem Strohbesen den Reis durch die Luft und der Reisregen rieselte zu Boden. Einmal blieb sie stehen und sprach zu Gisin, aber es klang vielmehr, wie wenn sie beten würde. Ihre Miene änderte sich innerhalb kürzester Zeit, als ob sie sich bald ängstigte, bald Schmerzen verspürte und als ob sie jeden Augenblick zusammenbrechen würde. Die Zeit kam mir wie eine Ewigkeit vor, weil Angst unaufhörlich an mir nagte. Dann fiel sie ohnmächtig zusammen. Ich hörte ihren Körper auf den Boden fallen. Sie erschien mir wie tot und sie rührte sie nicht mehr. Eine Weile herrschte absolute Ruhe. Niemand bewegte sich, nur Spatzen zwitscherten am blauen Himmel und flogen über den Ahornbaum; sie lauerten auf etwas Fressbares. Ein mit einheimischen Speisen gedeckter Altar unter dem Ahornbaum hatte sie angelockt.

Auf einmal zerbrach die Ruhe wie ein schwüler, heißer Sommertag im Gewitter. Die Schreie der Frau gingen in schrille, halb lachende und halb weinende Schluchzer über. Und diese zogen die Anwesenden noch tiefer hinein in die Welt der Schamanen. Die Leute vergruben schaudernd ihre Köpfe in die Brust. Die Frau hatte absolute Macht über sie. Sie zog unsere Seelen in die Zauberwelt hinein und es schien, als warteten alle auf ihre Befehle, egal ob sie losweinen, sich auf den Boden werfen oder anderes, vielleicht schreckliches tun sollten.

Die Schamanin richtete sich wieder auf, aber sie war nicht sie selbst. Sie verzerrte ihre Miene und sprach mit tiefer, trauriger Stimme, ihr Körper zuckte wie ein durchtrennter Regenwurm. Sie sprach stotternd, sicher etwas in der Gisin-Sprache, weil ich sie nicht verstehen konnte. Die bunte Frau war einmal sie selbst und ein anderes Mal eine böse Frau oder ein Mann. Eine Weile stand ich zitternd da. Die Hand meines Bruders war ganz nahe, aber ich traute mich nicht, sie zu ergreifen, weil ich merkte, dass er gedanklich irgendwo anders war. Nun passierte etwas sehr merkwürdiges. Der Reis bewegte sich ohne Berührung wie eine Ameisenkolonne, und er bewegte sich in Richtung Altar. Ich habe es wirklich gesehen! Den Anwesenden standen die Münder offen und alle starrten auf den sich bewegenden Reis. Ich machte schnell meinen Mund zu, weil ich Angst hatte, dass einige Reisekörner hineinkrabbeln könnten. Die Schamanin, die ihre weiße Haube vor sich her schwenkte, ging schwebend nun in die Richtung des Ahornbaumes. Sie war anscheinend besessen von mächtigen Kräften. Mit geschlossenen Augen und schlapp wie ein gefangener Fisch folgte sie willenlos dem weißen Reiswegweiser bis zu dem etwa zehn Meter weit entfernt gedeckten Tisch.

Der Reis glänzte in der Sonne wie Kieselsteine am Meer. Nun betete sie vor den auf dem Tisch pyramidenförmig aufgeschichteten Opfergaben. Jetzt erst entdeckte ich eine hinter den Gaben sitzende, goldglänzende Buddhafigur. Der dicke und lachende Buddha war nicht allzu groß und überragte kaum die Gaben auf dem Tisch. Auf dem Altar waren buntes Obst mit Reisgebäck und vielen anderen Köstlichkeiten sorgfältig übereinandergestapelt. Bienen summten herum, angelockt von dem süßen Duft. Jetzt hörte ich wieder, dass sie im Flüsterton zu Gisin etwas sagte. So tot und schlapp sie vorher gewesen war, konnte ich es gar nicht glauben, dass sie jetzt wieder so lebendig da stand. „Gisin! Guten Appetit, es ist alles in Ordnung, deswegen wünscht dir dein Sohn ewige Ruhe! Ewige Ruhe!“

Ein junger Mann in einer Pluderhose drängte sich nach vorne zu der Schamanin. Jetzt stand der schlaksige Bauer mit fest geschlossenen Lippen neben ihr, ging dann langsam bis zum Altar vor. Er kniete vor dem Tisch nieder, seine Fußsohlen in geflochtenen Strohschuhen waren zu uns gerichtet. Dann legte er seine Hände an die Stirn und beugte den Kopf bis auf den Erdboden. Diesen Vorgang wiederholte er dreimal. Mein Inneres sagte mir, dass er wohl der Sohn des Gisin sein müsste. Die Frau sprach jetzt in einem lieblichen, melodischen Singsang, dann ergriff sie wieder ihre Trommel, trommelte und sang dazu ein sanftes Lied, das ich kannte. Die Leute erwachten aus ihrer Erstarrung, bewegten sich im Sitzen hin und her und lockerten ihre Haltung und ihre Gesichtszüge, als würden sie aus einem tiefen Traum aufwachen. Der Gesang drang tief in mein Inneres, anmutig und erhebend, und ich wünschte mir, er würde nie mehr enden.

„Semzingang – Leben in zwei Welten“
Soon Schöffel
Edition Wendepunkt
Weiden 2013
ISBN 978-3-935841-99-3
14,90 Euro




 

Soon Schöffel (Foto: privat)

Die Autorin arbeitete im medizinischen Bereich. Zuletzt war sie Dozentin an der Schule zur Ausbildung von OTA (Operationstechnische Assistenten). In ihrer Freizeit spielt sie Cello und malt. Außerdem gibt sie Kochkurse über die Zubereitung von Sushi und diversen koreanischen Köstlichkeiten.

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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