Historisches Literatur

Der Kartograf - Rezension

Buchcover von „Der Kartograf”.
Copyright aller Abbildungen: EOS Editions, St. Ottilien

 

Der Kartograf ist ein historischer Roman des koreanischen Autors Park Bum Shin (*1946). Park ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Schriftsteller Koreas, wobei die Intensität seines Schreibstils, aber auch seine Porträts von Menschen, die an ihre existenziellen Grenzen stoßen, Beachtung finden.

Der von Dr. Albrecht Huwe ins Deutsche übersetzte Roman ist als deutsche Erstausgabe 2021 im EOS Verlag, Erzabtei St. Ottilien, erschienen.

Gleich in der Einführung schildert A. Huwe das bemerkenswerte Ausmaß der Landkarte des Hohen Ostens, also Koreas, und die kartografische Qualität dieses Werkes. Auch die mühsame handwerkliche Erstellung aus über 120 in Holztafeln eingravierten Teilkarten, die leporelloartig zu Streifen gleicher geografischer Breite zusammengeführt werden, wird gut nachvollziehbar erläutert. Darüber hinaus geht A. Huwe im Vorwort des Romans auf die Herausforderungen der Übersetzung von einem Kulturkreis in einen anderen ein und erläutert detailliert seine Vorgehensweise. Zweifellos fließen seine tiefgreifenden Kenntnisse der koreanischen Sprache, die er seit über 50 Jahren erforscht, aber auch sein über Jahrzehnte spannendes Interesse an Land und Leuten, das ihn immer wieder nach Korea führt, in die Übersetzung ein. 

Rückseite des Buchcovers

Rückseite des Buchcovers von „Der Kartograf”.

Auf 296 Seiten geht es um Tod und Liebe, einflussreiche Familien in undurchsichtigen Verwaltungsstrukturen, gute Freunde als Weggefährten und die Vision eines von seiner Idee überzeugten, fast besessenen Idealisten. 

Korea zur Zeit der späten Joseon-Dynastie (1392-1910). Kim Tschongho, Ehrenname Kosandscha, der Protagonist des Romans von Park Bum Shin, bereist seine Heimat in allen Himmelsrichtungen. Als Abkömmling eines aristokratischen Vaters und einer nicht privilegierten Mutter trägt er den rechtlosen Status eines „Zwischenmenschen“. Auf den Spuren seiner Vergangenheit, die durch den Verlust von Vater, Mutter und Bruder gelitten hat, setzt er sich unendlichen körperlichen Strapazen aus, um seiner Vision einer gerechteren Behandlung des Volkes zu folgen, das Land möglichst wirklichkeitsgetreu zu kartieren und damit Mehrwert für seine Mitmenschen zu schaffen. 

Über das Streben nach Vollkommenheit und Detailtreue lässt er immer wieder ihm nahestehende Personen zurück. Das sind seine Tochter Sunschil, Heryonn, die buddhistische Nonne und Mutter seiner Tochter, aber auch langjährige Freunde wie Pa-U, Hegang und Widang, die seinen Weg oft kreuzen. Viele Gefahren liegen auf seinem Weg, Soldaten, die sich ihm in den Weg stellen und ihn als Spion verleumden, wilde Tiere und vereiste Flüsse. Aber vor allem Hunger und Durst hindern ihn ständig am Weiterkommen.

Damit ist das Buch sehr gut auch für Leserinnen und Leser in Deutschland geeignet, die die koreanische Kultur, Geschichte und Sprache noch nicht kennen."

 

Der innige Wunsch, das Land zu kartieren, um damit dem Volk gerecht zu dienen, steht im Gegensatz zu dem Vertrauen in seine Tochter und alte Weggefährten, die sich lange vorher Treue und Fürsorge für Volk und Vaterland geschworen haben, jetzt aber in anderen, höheren Positionen im Verwaltungsapparat der Herrschenden agieren.

In Rückblenden beschreibt der Autor mit dem Weg des Kartografen auch den für Außenstehende undurchsichtigen Beamtenapparat und die Zeit der Christenverfolgung im Joseon des späten 19. Jahrhunderts. So wird dem Leser ganz nebenbei auch ein Stück koreanische Geschichte aus dem Blickwinkel des einfachen Volkes vermittelt. In seiner Übersetzung wählt A. Huwe eine vereinfachte, der deutschen Sprache gerecht werdende Schreibweise der koreanischen Eigennamen. In der Einführung erläutert er einige grundlegende historische Zusammen­hänge, die zum Verständnis der Handlung beitragen. Im Glossar sind dann für den interessierten Leser alle Eigennamen in der verwendeten Form und in gängigen Umschriften übersichtlich aufgeführt, sodass nichts verloren geht. 

Damit ist das Buch sehr gut auch für Leserinnen und Leser in Deutschland geeignet, die die koreanische Kultur, Geschichte und Sprache noch nicht kennen. Während im ersten Teil des Romans der mehrfache Wechsel von Präsens und Präteritum zu einem Verweben von Vergangenheit und Gegenwart führt und zunächst etwas irritiert, tritt mit fortschreitender Lektüre eine Gewöhnung an dieses oft verwendete Stilmittel koreanischer Literatur ein und ermöglicht die vollkommene Konzentration auf die Handlung, die zunehmend spannender wird. Ab diesem Zeitpunkt dringt der Leser tief in die Welt des Kim Tschongho ein und möchte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Bild von Wolfram van Stephold

Foto: W. van Stephold-Lee

Wolfram van Stephold

ist von Beruf Diplom-Kaufmann und lebt in der Nähe von Köln. Er ist Mitglied im Vorstand der Deutsch-Koreanischen Gesellschaft e.V. im Regionalverband NRW und seit Februar 2021 Mentor im Mentoring-Programm des Netzwerk Junge Generation Deutschland-Korea.

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