Kultur

Der Koreanisch-Wettbewerb 2014 - Rückblick

TeilnehmerInnen und Jury des Wettbewerbs 2014 (Foto: Koreanisches Kulturzentrum)

Im Jahr 1443 entwickelte König Sejong mit einem Kreis von Gelehrten das koreanische Alphabet Hangeul, das als eines der wissenschaftlichsten Schriftsysteme der Welt gilt, und drei Jahre später stellte er es der Öffentlichkeit vor.

Die Jury (Foto: Koreanisches Kulturzentrum)

Am 20 Juni dieses Jahres, 471 Jahre nach Erfindung des Hangeul (한글), wurde im Koreanischen Kulturzentrum der Wettbewerb „Sprechfertigkeit im Koreanischen 2014“ ausgetragen, durchgeführt vom König-Sejong-Institut in Korea.[1]

Die sachkundige Jury bestand aus Jae-jin Choi, dem Leiter des Büros der Korea Foundation in Berlin, Dr. Holmer Brochlos, Sprachlektor am Institut für Koreastudien der FU Berlin, und Youngju Shin, Koreanischlehrerin des König-Sejong-Instituts, die an das Koreanische Kulturzentrum in Berlin entsandt wurde.

Stellvertretend für den Direktor des Koreanischen Kulturzentrums begrüßte der Verwaltungsleiter Dong-jun Lee die Gäste und TeilnehmerInnen und gab ihnen den gut gemeinten Rat, „locker zu bleiben, auch wenn mal ein Satz falsch ist“.

Das Thema des Wettbewerbs lautete:„Direkt oder indirekt erlebte koreanische Kultur“, worüber die TeilnehmerInnen in einem zuvor vorbereiteten drei- bis fünfminütigen Vortrag in möglichst freier Rede sprechen sollten. Was folgte, war eine unterhaltsame Präsentation koreanischer Eigenheiten und der Dinge, welche die KandidatInnen an Korea besonders schätzen. Aus allen Beiträgen sprach eine große Sympathie für das Land.

Den Auftakt machte Teilnehmerin Nr. 1[2] mit einem Beitrag über einen K-Pop-Flashmob auf dem Berliner Alexanderplatz. Auch Menschen ohne jedwede Kenntnisse der koreanischen Sprache und Kultur hätten sich spontan angeschlossen. „Die koreanische Musik hat uns vereint“, so die Referentin.

Im Anschluss sprach Teilnehmerin Nr. 2 über die Art, wie die Besonderheiten der Koreaner in ihrer Sprache zum Ausdruck kommen und wie die Sprache die Denkweise der Menschen beeinflusst. Sie begründete die weltweite Beliebtheit der koreanischen Populärkultur damit, dass die Koreaner besonders gut darin seien, ihre Emotionen auszudrücken. Dies werde auch durch das Koreanische unterstützt, das gefühlsbetonter als andere Sprachen sei. Gewundert hat sie sich darüber, dass selbst Koreaner, die nicht unmittelbar vom Sewol-Fährunglück[3] betroffen waren, bei der Nachricht über die Katastrophe in Tränen ausbrachen. Daraus schloss sie, dass die Menschen in Korea in hohem Maße die Gabe haben, Empathie für andere zu empfinden. Auch sei der Kollektivismus in Korea stärker ausgeprägt als in westlichen Gesellschaften, weshalb man von „Uri Appa“ (,unser Vater‘) und „Uri Omma“ (,unsere Mutter‘) spreche und nicht von „meinem Vater“ und „meiner Mutter“. Ihr Fazit: „Das Koreanische ist eine wichtige und besondere Sprache.“

Teilnehmerin Nr. 3 lieferte verschiedene Beispiele für das koreanische „Jeong“ (정), das sich in etwa mit „Warmherzigkeit“ und „Herzlichkeit“ übersetzen lässt und für das es im Deutschen keine 1-zu-1-Entsprechung gibt. So sei es ihr bei einem dreitägigen Aufenthalt in Busan kein einziges Mal gelungen, im Restaurant selbst die Rechnung zu begleichen, weil der Freund eines Bekannten, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben sah, aufgrund seines höheren Alters darauf bestand, für sie zu zahlen. Diese Regel, dass die ältere Person ganz selbstverständlich die Rechnung für die Jüngeren übernimmt, löste bei ihr Erstaunen aus, da sie Vergleichbares aus Deutschland nicht kennt.

Auch die Sprecherinnen Nr. 4 und Nr. 5 hoben das koreanische „Jeong“ hervor und sprachen über ihre durchweg positiven Erfahrungen, die sie während ihrer Aufenthalte vor Ort mit der Bevölkerung machten. Rednerin Nr. 4 erzählte, wie sie enge Freundschaft mit einer Koreanerin schloss, deren Eltern sie wie ihr eigenes Kind behandelten, sodass sie diese schon bald mit „Mama“ und „Papa“ anredete. Teilnehmerin Nr. 5 berichtete von den unterschiedlichsten zwischenmenschlichen Erfahrungen während ihrer Koreareise, darunter die Begegnung mit der Besitzerin eines Restaurants, die ihr einen besonders guten Service angedeihen ließ und ihr Süßigkeiten schenkte, wann immer sie in ihr Restaurant kam, und mit dem Besitzer eines Gästehauses, der sich ihr gegenüber wie eine Reisebekanntschaft verhielt. Während es in Europa für eine Frau zuweilen gefährlich sein könne, mit fremden Männern zu sprechen, sei dieser Hotelbesitzer einfach nur freundlich gewesen, habe ihr Reisetipps gegeben und versucht, ihr die Langeweile zu vertreiben, nachdem ihre Freunde bereits abgereist waren. „Während meines Koreaaufenthalts habe ich viel ,Jeong‘ erfahren“, freute sie sich.

Teilnehmerin Nr. 8 berichtete „aus zweiter Hand“ über die koreanische Dating-Kultur, da sie selbst noch keine Dating-Erfahrung in Korea gemacht hat, wie sie verriet. Sie erklärte die drei Begriffe „Sogaeting“ – ein Blind Date mit einer Person, die von einem Freund vorgeschlagen wurde, „Meeting“ – ein Treffen zwischen mehreren Singles, die zusammen etwas unternehmen - und „Hunting-Suljip“ – eine Bar, in der es erlaubt und sogar erwünscht ist, potenzielle Partner anzusprechen. „Das ,Hunting-Suljip‘ ist nicht der geeignete Ort für Leute, die nach der wahren Liebe suchen, aber man kann viele interessante Kontakte knüpfen“, so die Referentin. Auch stellte sie das „Paar-Konto“ vor, das heute viele koreanische Pärchen gemeinsam anlegen, um ihre Verabredungen zu finanzieren und vielleicht auch einmal eine schöne Reise unternehmen zu können. Bislang musste in Korea der Mann den Großteil der Kosten für eine Verabredung bestreiten. - Um Missverständnisse zu vermeiden, wies die Rednerin darauf hin, dass die vorgestellten Dating-Methoden nicht für alle Koreaner repräsentativ seien.

Die Teilnehmerinnen Nr. 6 und 10 berichteten über ihre Reiseerlebnisse in Korea- die eindrucksvolle Begegnung mit koreanischen Mönchen in den Bergen und die Schönheiten der Insel Jejudo.

Die Liebe zu Korea wurde Teilnehmerin Nr. 9 quasi „in die Wiege gelegt“. Vor 30 Jahren arbeitete ihr Vater für die Niederlassung eines deutschen Unternehmens in Korea und lebte dort anderthalb Jahre mit ihrer Mutter. Aus dieser Zeit brachten die Eltern eine Begeisterung für das Land mit nach Hause, die sie an ihre Kinder weitergaben und durch mehrere gemeinsame Korea-Reisen verfestigten. Inzwischen studiert Teilnehmerin Nr. 9 Koreanistik und möchte einmal als Journalistin in Korea arbeiten.

Teilnehmerin Nr. 11 kam zunächst über eine enge Freundschaft zu Koreanern in Kontakt mit der Kultur. Sie versuchte daraufhin, auf eigene Faust die Sprache zu lernen, und entschied sich später für ein Koreanischstudium an der Universität. Durch ihre Mitarbeit in koreanischen Institutionen und bei Projekten mit Koreabezug merkte sie zunehmend, dass sie sich in Gegenwart von Koreanern sehr wohl fühlt. „Beim Zusammensein mit deutschen Freunden hatte ich das Gefühl, Kimchi und einfachen weißen Reis zu essen, aber beim Zusammensein mit koreanischen Freunden schien es mir, als würde ich ganz unterschiedliches, leckeres Bibimbap essen“, beschreibt sie ihre Eindrücke. Inzwischen ist sie mit einem Koreaner verheiratet.

Zu guter Letzt kam Kandidat Nr. 12 zu Wort. Obwohl er die Sprache erst seit fünf Monaten am Koreanischen Kulturzentrum lernt, entschied er sich für die Teilnahme am Wettbewerb. Der aus dem Irak stammende Sprecher, dessen ganze Familie einschließlich seiner kleinen Tochter im Publikum saß, zog einen Vergleich zwischen der irakischen und koreanischen Kultur: Während die Muslime im Irak keinen Alkohol trinken, genießen seine koreanischen Freunde gern ein Gläschen Soju [Reisschnaps]. Auch das Schweinefleisch, das in Korea gegessen wird, ist im Irak tabu. Schade findet er, dass es in seinem Heimatland keinen Noraebang, eine Art Karaoke-Raum, gibt. Trotz dieser Unterschiede liebt er die koreanische Kultur. „Die koreanische Sprache ist süß“, verkündete er.

Nach einer halbstündigen Beratungspause der Jury wurden die Gewinnerinnen des Wettbewerbs bekanntgegeben: Der erste Preis (대상) ging an Patrycja Makucewicz für ihre humorvolle Darstellung der koreanischen Dating-Kultur, der zweite Preis (우수상) an Bettina Dirauf, die dank ihrer Eltern von Kindesbeinen an eine besondere Beziehung zu Korea hat, der dritte Preis (장려상) wurde Maria Alimov für ihre Analyse der koreanischen Sprache verliehen und der vierte Preis (인기상) Elena Kubitzki für ihre von „Jeong“ geprägten Reiseerlebnisse in Korea. Die Empfängerinnen des ersten und zweiten Preises sicherten sich mit der Auszeichnung das Ticket für die Teilnahme am Finale des Wettbewerbs für die Region Europa am 28. Juni dieses Jahres in London.

König Sejong, der Herrscher des „Einsiedel-Königreichs“ Joseon, wäre wahrscheinlich sehr erstaunt gewesen, hätte er zu Lebzeiten geahnt, dass die koreanische Sprache, auf der sein Alphabet Hangeul basiert, einmal von so vielen internationalen Lernern in aller Welt Wertschätzung erfahren würde - Tendenz steigend.


[1] Das im Oktober 2010 gegründete Institut, das der koreanischen Regierung untersteht, hat es sich zum Ziel gesetzt, die koreanische Sprache und das Wissen über die koreanische Kultur weltweit zu vermitteln.

[2] Um die Objektivität der Jury nicht zu beeinträchtigen, wurden weder der Name, noch die Universität der einzelnen KandidatInnen genannt.

[3] Am 16. April kenterte die Fähre Sewol auf der Höhe der koreanischen Insel Jindo. 302 Menschen starben oder werden noch vermisst (Quelle: wikipedia).

Die Preisträgerinnen des Wettbewerbs (Foto: Koreanisches Kulturzentrum)
(V.l.n.r.) Bettina Dirauf, Patrycja Makucewicz, Maria Alimov und Elena Kubitzki

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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