Literatur

Der kühle Blick des Kranken

                                                                      Jeong Yu-Jeongs Thriller „Der gute Sohn“

 

Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf und wissen nicht, wie Sie ins Bett gekommen sind. Ihre letzte Erinnerung ist eine Szene draußen, Sie joggten in strömendem Regen, kurz nach Mitternacht: Wind und ein roter Regenschirm, der sich überschlägt, das Lied eines Besoffenen und vor Ihnen eine junge Frau. Danach nichts, und nun merken Sie, dass Ihre Kleidung schlammverkrustet ist. Hat das etwas damit zu tun, dass Sie Ihre Medikamente abgesetzt haben? Hatten Sie einen Anfall, kommt daher das Blut an Ihren Händen, auch auf der Treppe, die von der oberen Etage Ihrer Penthouse-Wohnung hinabführt, und zwar ins Wohnzimmer, in dem Ihre Mutter mit durchgeschnittener Kehle liegt?

Sie können froh sein, dass nicht Ihnen das passiert ist, sondern Yu-jin, einem 25jährigen Mann, der Zeit seines Lebens von der Mutter und mehr noch von deren Schwester, einer renommierten Psychiaterin, behütet, bis ins Kleinste überwacht wurde. Seine Gesundheit sei schwach, und sobald er nicht seine Medikamente nehme, drohe ein epileptischer Anfall. Freilich machen die Tabletten müde, die Kopfschmerzen scheinen eher Haupt- als Nebenwirkung, und so setzt Yu-jin sie manchmal heimlich ab, wie in den Tagen vor jener Nacht.

Nun hat er nicht nur ein Problem, sondern deren mehrere. Den Tod der Mutter findet er unter denen weniger schlimm als den naheliegenden Verdacht, er könne der Täter sein. Vor ihrem Tod hat, wie ein Blick ins Handy zeigt, die Mutter seine Hauptgegnerin angerufen, die gehasste Tante, die sich denn auch bald meldet und via Telefon die Lage auszuforschen beginnt. Nur Stunden bleiben bis zur Ankunft des Adoptivbruders Hae-jin, der ebenfalls in der Wohnung lebt; kaum Zeit genug, die übelsten Blutspuren zu beseitigen und die Leiche der Mutter notdürftig zu verstecken.

Jeong Yu-jeong
Der gute Sohn
Thriller
Aus dem Koreanischen von Kyong-Hae Flügel
Erstauflage: 28.1.2019
320 Seiten
ISBN-10: 3-293-00541-1
ISBN-13: 978-3-293-00541-9
€ 19.00
Unionsverlag

 

Damit hat sich Yu-jin entschieden, die Aufklärung nicht der Polizei zu überlassen, sondern den Mord zu verbergen; und damit begibt er sich aus der ungemütlichen Position des Hauptverdächtigen in die hoffnungslose des fast sicheren Täters. Er sieht sich damit einer Reihe von Schwierigkeiten gegenüber, die sich in zwei Gruppen zusammenfassen lassen. Erstens versuchen Tante und Adoptivbruder, das unerklärliche Verschwinden der Mutter zu erklären. Zweitens muss er verstehen, was in jener Nacht geschehen ist und warum. Dabei helfen ihm Aufzeichnungen seiner Mutter, die er in deren Zimmer findet und die die Familiengeschichte, einschließlich des Unfalltods seines älteren Bruders und seines Vaters, auf erschreckende Weise erklären.

„Der gute Sohn“ gehört zu den Büchern, deren Handlung in einer Rezension keineswegs nacherzählt werden darf. Wie Yu-jin beide Schwierigkeiten zu bewältigen versucht, wie er sich also gegenüber seinen bedrohlichen Verwandten herauszuwinden versucht und was er gleichzeitig über seine Geschichte und also über sich erfährt, bildet den Spannungsbogen des Romans, den die Autorin Jeong Yu-Jeong wirksam gezogen hat. Dabei gelingt ihr ein Buch, dessen Lektüre man ungern und nur unter äußerstem Zwang unterbricht.

Die Konstruktion trägt. In einem Nachwort erklärt die Autorin, wie sie vom Stoff fasziniert war, wie sie ihn in zwei vergeblichen Anläufen zu fassen versucht hat und endlich ein dritter Ansatz sich als tauglich erwies. Und tatsächlich: Schaut man, nachdem man den Ausgang erfahren hat, den Roman ein zweites Mal durch, so erkennt man, wie kalkuliert Jeong bestimmte Signale gesetzt hat. Geschickt setzt sie an verschiedenen Stellen Auflösungen, die aber keineswegs endgültige Antworten sind, sondern zu neuen und sogar spannenderen Fragen führen. Man begreift, wie Jeong mit kleinen Motiven arbeitet, wie dem anfangs erwähnten roten Schirm und dem gegrölten Lied, die ihre Bedeutung erst nach und nach erweisen. Zwei oder drei Punkte findet man leider auch, an denen Jeong ein wenig gemogelt hat, damit der ansonsten solide gebaute Verlauf nicht durch eine vorzeitige Lösung abbricht.

Man hat es dennoch mit einer Autorin zu tun, die ihr Handwerk, das Schreiben, beherrscht. Das ist ein großes Lob; es ist ja im Bereich der Literatur wenig peinlicher als jemand, der sich für ein Original-Genie hält und seine Einfälle ohne Rücksicht auf eine wirksame Form der Tastatur anvertraut. Ein paar Hinweise darauf, wie Jeong die Spannung erzeugt, gab es schon. Dazu kommen der Ort und die Hauptfigur.

Yu-jin erwacht in einem zweistöckigen Apartment auf einer Insel vor Incheon, auf der eine Neubausiedlung entstanden ist. Beide Räume sind begrenzt und wichtig. Wer hat sich in der Vorgeschichte wo bewegt und kann was wissen? Wie behält Yu-jin gegen seine Tante und Adoptivbruder die Kontrolle über die entscheidenden Teile der Wohnung, in denen sich Spuren des Mordes finden ließen? Dazu tritt der Faktor Zeit. Alle handelnden Figuren, ob sie sich nun ihrer Lage bewusst sind oder nicht, haben nur eine begrenzte Frist, ihre Ziele zu erreichen. Die Autorin Jeong hat dafür mit der Enge des Raumes äußere Bedingungen gesetzt, die die Möglichkeiten des Handelns begrenzen und damit die Figuren in stete Not versetzen. Das ist bestens gemacht.

Es geht zu wie im Krieg, in dem die optimale Nutzung von Bedingungen von Zeit und Raum zum Sieg führen kann. Dem entspricht Yu-jin, der bald in den Aufzeichnungen seiner Mutter eine psychiatrische Analyse seiner selbst findet: außerordentlich besonnen, wenig erregbar, gewaltbereit. Die genaue Ausformung des Krankheitsbildes, das sich nach und nach herausstellt, ist wissenschaftlich nicht zu halten. Jeong operiert mit ein paar Kennwörtern, die oberflächlich betrachtet Recherche nahelegen; ein dazu vom Rezensenten befragter Psychiater antwortete (bleiben wir freundlich) mit einer gewissen Skepsis. Gegebenheiten im menschlichen Gehirn führen nicht zwangsläufig zu bestimmten Folgen, sondern werden durch soziale Beziehungen beeinflusst.

Doch was wissenschaftlich stimmt, ist literarisch nicht unbedingt zweckmäßig. Man kann Jeong vorwerfen, dass bei ihr der Kranke fälschlich auf seine Krankheit festgelegt wird und mögliche Auswege wegfallen. Dem Roman kommt der sachliche Fehler zugute. Mehr noch: Anstatt dass der Kranke als das monströse Andere weggerückt wird, teilt der Leser seinen Blick. Er erlebt so kühl wie Yu-jin Chancen und Gefahren, hofft mit ihm, dass die Leiche der Mutter gut versteckt bleibt und dass die Polizisten, die bald an der Tür klingeln, schnell wieder verschwinden. „Der gute Sohn“ ist gleichzeitig Krankengeschichte und Einübung in einen kühl-strategischen Blick. In dieser Irritation liegt die Stärke des Romans.

 

Bild von Dr. Kai Köhler

Foto: privat

Dr. Kai Köhler

Literaturwissenschaftler und Publizist, lebt in Berlin.

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